… und ich muss feststellen, dass es nun ein Jahr her ist, dass mein Oppa (ja, mit Doppel-P!) verstorben ist. Meine Trauer und der Schmerz über den Verlust haben sich in Dankbarkeit gewandelt. Dankbar, dass dieser Mensch mein Oppa war und mir so viel mit auf den Weg gegeben hat. Dankbar, dass er 31 Jahre Teil meines Lebens war. Dankbar, dass er ein herzensguter Mensch gewesen ist und mich immer – wirklich immer – unterstützt hat. Neben der Dankbarkeit bleibt aber auch ein Stück Sehnsucht. Sehnsucht nach mehr Zeit, die ich gern mit ihm und Omma verbracht hätte. Sehnsucht nach mehr offenen Gesprächen. Was mir bleibt, sind all die Erinnerungen, Erzählungen und Momente, die mir keiner nehmen kann. Heute wird es Zeit, dass ich ihm ein paar Zeilen schreibe …

Lieber Oppa,

es ist nun ein Jahr her, dass du dich entschieden hast, den Kampf gegen die Krankheit aufzugeben. Schwere Demenz und wiederkehrender Hautkrebs am Kopf haben dich geschwächt und letztendlich gewonnen. Auch die Jahre davor musstest du immer wieder und immer wieder gegen dieses „Monster“ Krebs in der Blase und auf der Haut kämpfen. Du hast so viele Krankheiten erlebt und überlebt, dass es am Ende auch noch die Demenz wird, musste wohl so sein. Ich fand es bewundernswert, dass du mich trotzdem immer noch erkannt hast und genau wusstest wer ich bin. Ich bin mir nicht sicher, ob du es je aufgenommen hast, dass ich eine Zeit lang in der Altenpflege gearbeitet habe. Ich wollte besser verstehen, wie ich mit der Demenz umgehen kann, was in deinem Kopf passiert und dies auch an Omma weitergeben. Am Ende habe ich entdeckt, dass der Beruf sehr viel Spaß macht – wenn man mit Leidenschaft dabei ist. Auch in deinen letzten Monaten hatten wir eine tolle Zeit beim Kaffee trinken und den Besuchen, auch wenn ich immer wieder sehen musste, wie stark du abbaust. Auch das war gut so, wie es ist. Es hat mich langsam darauf vorbereitet, dass du gehen wirst. 

Du bist mir mit Omma stets ein Vorbild gewesen. Und dank dir ist Fotografie & Film noch heute mein größtes Hobby. Schließlich warst du es, der mir als kleiner Steppke schon die Kamera in die Hand gedrückt hat und mich gelobt hat: „Guckt mal, der M. wackelt weniger beim Fotografieren als wir. Was der für tolle Bilder gemacht hat.“ Du hast entscheidend zu der Entwicklung beigetragen. Weißt du noch, wie du dich jedesmal gefreut hast, wenn ich eine Speicherkarte mit neuen Bildern mitgebracht habe und wir die gemeinsam am Fernseher geschaut haben? Sicher weißt du das! Als Kind hast du mir das Fotografieren gezeigt, dann hat sich das Blatt gewendet. Mit fortschreitender Demenz hast du auch mehr und mehr verlernt, wie man mit der Technik umgeht. Und für mich war es mehr als selbstverständlich, dass ich dir mit der gleichen Geduld und Liebe deine Fragen beantworte, dir kleine Anleitungen schreibe und zeige, wie die Dinge funktionieren – auch wenn klar war, dass du es bestimmt nicht behalten wirst. Du hast mich beeindruckt! Ja, wirklich. Auch wenn ich nicht verstanden habe, warum du immer die beste Technik haben musst, aber es hat mich beeindruckt, mit welchem Eifer du bei der Sache warst. Wenigstens konnte ich dir immer ausreden, dass du dir noch einen Laptop zulegst! *hihi* Ich weiß, damit hättest du dich auch noch beschäftigt. Aber so konnten wir doch alles noch zusammen machen. Ich habe dir die CD-Einleger gestaltet und deine VHS-Kassetten auf DVD gebracht, jeden Vorspann für die Urlaubsfilme gedruckt und auch Einladungs- u. Menükarten gestaltet.
Und ich kann heute behaupten, dass auch das einer der größten Auslöser für meine Kreativität und den nächsten Interessen geworden ist. Grafik, Design und so weiter. Heute ist es ein Berufswunsch, über den ich mir früher nie im Klaren war. Aber ich nutze es meiner Meinung nach ganz gut.

Ach Mensch, wenn ich so zurückdenke, dann fällt mir als erstes immer der Spaziergang zum Maschsee ein. Ich hab es geliebt, wenn wir nach dem Mittagessen losgegangen sind und ich Enten und Schwäne füttern durfte. Natürlich mussten wir vorher immer noch zu Aldi und haben eine Packung Toastbrot geholt. Ab und an sind wir auch zum Spielplatz hinter der Tennishalle gegangen. Du warst dir nicht zu fein dort mit mir rumzutoben – egal wie alt du warst. Und die Spaziergänge? Auch heute noch sind sie ein beliebter Teil meines Lebens. Und zu gern habe ich euch von Zug oder Bahn abgeholt. Es war ja schließlich Zeit, die ich mit euch allein verbringen konnte. Trotzdem haben wir von dieser Zeit viel zu wenig gehabt, wir haben sie aber sehr gut genutzt. Auch du warst es, dir mir durch die Stadterkundungen beigebracht hat, dass man seine Heimat erkunden sollte und es genug schöne Dinge zu entdecken gibt. Oft sind die schönen Dingen direkt vor der Haustür. Wir waren öfter auf dem Rathaus in Hannover, der schiefe Fahrstuhl und die Aussicht – Ausflüge, die ich immer genossen habe und es auch heute noch mache, wenn ich hinkomme. Und ja, auch du warst der treibende Punkt, was das Interesse für die Region angeht und meine heutigen Ortskenntnisse. Ich weiß noch ganz genau, wie ich immer mit dir Nachrichten gucken musste. „Man sollte immer wissen, was in der Welt und der Region passiert“, hast du gesagt. Und du hast mich immer gefragt, welche Hauptstadt gerade zum gezeigten Land gehört, oder ob ich weiß, wo das Land liegt. Nun rate mal, wer heute täglich Nachrichten in verschiedenen Portalen liest und sich für Politik (noch einigermaßen) interessiert! Selbst was Benehmen und adrette Kleidung angeht, hab ich auf dich geschaut. Wann trägt man was und wie. Ja, ich bin heute lockerer, was die Kleidung betrifft, aber trotzdem nicht so locker, dass ich die vermittelten Werte vergessen würde. Auch was eure Ehe angeht, kann sich so manch einer ne Scheibe von abschneiden. Ich weiß, dass ihr auch nicht immer gute Tage hattet, aber ihr habt immer Charme, Witz und Spaß versprüht. Ihr seid immer füreinander dagewesen und du hast für Omma fast alles getan.

Mich ärgert es ein wenig, dass ich nie mit euch allein in den Urlaub fahren konnte. Ja, wir waren zusammen mal am Chiemsee, aber das ist nicht vergleichbar. Im Schlafzimmer bei euch hängt sogar noch das Foto von mir in Lederhose auf dem Gipfel. Und ja, ich weiß noch, dass ich da oben die Arme ausgebreitet und gesagt habe: „Das ist meine Welt.“ Wie alt war ich da? 5 oder 6? Wie gern wäre ich mal mit euch weggefahren, das wäre sicher eine schöne Zeit geworden. Ihr habt euch eure Wünsche erfüllt, habe die Welt erkundet und seid niemals abgehoben. Nie hast du vergessen, was du geleistet hast und wo du herkommst. Diese Bodenständigkeit sucht oft seinesgleichen. Aber auch die hab ich mir abgeschaut.

Sicher gab es auch Strecken, die anstrengend waren. Mit Mama. Mit dem Alkohol bei den beiden. Und ich konnte nicht so oft zu euch, wie ich es gern wollte. Das hat dich mitgenommen, das weiß ich, aber du hast nie was gesagt. Ihr habt mich immer erzählen lassen und habt mich auch damit nicht allein gelassen. Ohne euch, wüsste ich nicht mal so viel über meine Mutter und das Leben vor ihrer Ehe mit Papa. Ich kann mir auf jeden Fall vorstellen, warum sie davon nie was gesagt hat. Aber sie hat auch nie etwas aus ihrer Kindheit erzählt, das kam alles von euch. In der Hinsicht habe ich mir oft mehr Menschlichkeit von dir gewünscht und nicht das Stillschweigen. Aber das hast du mit Schmerzen ja auch so gemacht. Wir wussten, dass es dir richtig schlecht geht, wenn du laut aussprichst, dass du Schmerzen hast. Ansonsten ging es dir ja immer irgendwie gut. Irgendwie.

Es tut gut an dich und die Zeit zu denken, all die Erinnerungen, die jetzt hier den Rahmen sprengen würden, wenn ich die auch noch aufschreibe. Auf diesem Weg konnte ich dir wenigstens einen kleinen Einblick geben, wie sehr du für mich da warst. Und ich bin mir sicher, dass du das ganz genau weißt. Danke. Danke, dass du gewesen bist, wie du warst! Danke für all die Erinnerungen!

So gut es geht, kümmere ich mich um Omma, sie vermisst dich sehr! Ich werde dir sicher nochmal schreiben!
Dein M.