… habe ich eigentlich meine Zeit mit zwei Ausbildungen und einer Weiterbildung verschwendet, unzähligen Stunden als Autodidakt die Freizeit verplempert, im Try & Error-Verfahren Wissen angeeignet, Fachbücher gelesen und Webinare geschaut? Was ist all das heutzutage eigentlich wert? Ich bin sogar so frech und zähle mich zu einem der Menschen, die in der Schule zwar keiner der Vorreiter waren (zumindest in der allgemeinbildenden Schule), aber dennoch vernünftig geradeaus schreiben und entsprechend artikulieren kann. Ich bin nun auch nicht die unkreativste und geschmackloseste Leuchte im Lampenladen, oder? Aber genau so kommt es mir vor. Was fordern Arbeitgeber eigentlich von ihren zukünftigen Arbeitnehmern? Die Firmen beschweren sich über schlechten Nachwuchs, geben aber den Menschen „mittleren Alters“ auch nicht die entsprechenden Chancen. Muss denn alles von Noten abhängig gemacht werden? Muss denn wirklich alles auf die Jugend gemünzt werden? Sicher hat die Verjüngung entscheidende Vorteile, aber ich bin nach wie vor die Meinung, dass die Mischung es macht und es jeder Mensch verdient hat, sich vorzustellen und sich „zu verkaufen“.

Warum ich das Thema anschneide? Weil es mich ankotzt. Weil es mich wirklich richtig ankotzt! ES MACHT MICH SCHEISSE SAUER! Ich habe ehrlich gesagt keinen Bock, wieder als Datenerfasser stupide in einem Büro zu hocken, bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt zu sein und zu wissen, dass es mich a) eh nicht glücklich macht, b) keine Chance auf Übernahme besteht und c) es doch sowieso nicht langfristig ist. Guck ich mir die Stellenanzeigen der Region an, sind aber 80% der Anzeigen von Zeitarbeitsfirmen. Stellenangebote, die es nicht mal gibt, gut, es mag einen Teil geben, aber es ist doch vorrangig nur, damit die Firmen Daten bekommen und irgendwelche Leute irgendwo anbieten können. Und was habe ich davon? Nichts. Doch, gelegentliche Emails, ob ich denn noch verfügbar bin und ich soll mich doch melden, ob es so ist. Ich habe Zeitarbeitsfirmen durch, die einen länger, die anderen kürzer. Es reicht. Das Arbeitsamt ist doch genauso nervig. Was soll ich mit irgendwelchen Bewerbungstrainings? Steckt euch euren beschissenen europäischen Lebenslauf in den Allerwertesten! Und erst recht die Art und Weise, wie ihr Bewerbungsanschreiben macht! JA, ich nehme mir das verdammte Recht raus zu behaupten, dass meine Anschreiben kreativer und interessanter sind, als das was ihr da vorgeben wollt! „Sie müssen sich auf die Stellen bewerben.“ Warum zur Hölle gibt es eigentlich Termine bei einem Arbeitsvermittler, der dann eh Stellen raussucht, die mich nicht interessieren?! Bietet mir doch mal eine Umschulung an, die ich liebend gerne machen würde. Nein, sowas gibt es ja nicht! Warum nicht mal Maßnahmen, die auf die Interessen und Wissensstände der „Kunden“ ausgelegt sind?

Fakt ist: Ich möchte einfach nur normal arbeiten können. Sicher werden sich meine Wünsche nicht auf die schnelle Weise erfüllen. Wenn ich dann auch noch sage, dass ich mich mit einem Einkommen von rund 1200.- Netto zufrieden gebe, ist das nicht zu viel verlangt. Nicht bei einer 38,5 Std. Woche. Als „Digital Native“ liebe ich es ja, meine Bewerbungen per Mail zu verschicken, das kostet wenigstens keine Bewerbungsmappe und ist trotzdem gern gesehen. Noch vorteilhafter: Irgendwann rechneste nicht mehr mit, was an Bewerbungen rausgegangen ist. Hach, was liebe ich das alles. Schön ist doch auch, dass ich für den Counter in einem bekannten Schnellrestaurant völlig überqualifiziert bin. Ich werde nie vergessen, als ich mich vor ein paar Jahren für einen Nebenjob in diesem besagten goldenen M beworben habe, mich vorstellen durfte und die Restaurantleiterin mich nach der Begrüßung fragte, ob das wirklich mein Ernst sei. Ja sicher ist es das. SICHER! Ich bewerbe mich doch nicht zum Spaß! Da kriegste ne Stelle nicht, weil du zu viel kannst. Dreh ich den Spieß halt um. In meiner Nähe wird aktuell ein neues goldenes M gebaut, sie suchen Burgerbrater, Kaffeekocher, Kuchenverteiler UND Restaurantleiter plus Stellvertreter. Da ich die ersten drei Berufe ja im Schlaf schon zu Hause beherrsche und dafür zu qualifiziert bin, freue ich mich nun auf die Stelle als Chef. Chef kann ich doch. Aufgaben delegieren, telefonieren und Menschen die Meinung sagen, Pläne erstellen, Bestellungen machen und ich kann auch Leute aussuchen, die für mich arbeiten. Lassen wir die Ironie. Es ist die Probe aufs Exempel. Ich bin gespannt.

„Gut, dann halt anders“, dachte ich mir vor ein paar Tagen. Schreibe ich doch einfach ein Stellengesuch – frech, frisch, unnormal, mit ein paar Infobrocken, neugierig machend, aber anonym. Glaubt ihr, dass ich eine Reaktion erwartet habe? Also ich nicht. Es kam aber eine. JAHA! *freude* Eine Mail auf mein Stellengesuch. Ein zweite Mail – nachdem ich gefragt habe, worum es überhaupt geht – war:

„Lieber Herr,
die Arbeit wird nicht weniger und wir haben noch freie Vakanzen in unserem Büro in XYZ. Schicken Sie mir doch Ihren Lebenslauf.
Tobias S.“

Ich habe die Absenderadresse nicht sehen können, habe den Namen auch nicht gegoogelt, aber dennoch war klar, wer sich da bei mir gemeldet hat. Also konnte ich es mir nicht nehmen lassen und habe geantwortet:

„Lieber Herr S.,
aus meiner Email geht mein vollständiger Name hervor und es ist komplett neben jeder Regel, wenn Sie es nicht einmal schaffen mich mit meinem Namen anzusprechen! Desweiteren geht aus meiner Annonce sehr klar hervor, dass ich für keine (und wenn ich schreibe „keine“, dann meine ich VERDAMMT NOCHMAL GAR KEINE!!) Türklinkenputzer-Multilevelmarketing-Schneeballsysteme zur Verfügung stehe! Letztes Jahr nicht, vor 3 Jahren nicht und vor 6 Jahren auch schon nicht. Es tut mir in der Seele weh, ihr Angebot ablehnen zu müssen, aber die Aussichten auf ein 5stelliges Einkommen und einen Mercedes-Dienstwagen der Luxusklasse reizen mich erst, wenn ich die Liebe zum Fahrradfahren aufgegeben habe. Interessante Vorstellung, dass ich im Anzug mit Krawatte zu einem Außentermin fahre und so Geschäfte abschließe, vorrangig doch aber auch neue Mitarbeiter werbe, oder? Muss ich ja, weil sich mein Einkommen sonst nicht erhöht. Das einzig schlagende Argument, was Sie mir bieten könnten, ist die freie Zeiteinteilung. Nehme ich mir keine Zeit zum Arbeiten, verdiene ich auch nichts. Ja also ehrlich, das habe ich doch jetzt schon!
Ich verbleibe mit den freundlichsten Grüßen und wünsche Ihnen maximale Erfolge!“

Das Aufregen bringt mir ja auch nicht viel. Was soll ich anderes machen, außer mich weiter zu bewerben, auf das Quentchen Vitamin B hoffen und warten? Nichts! Die Hoffnung habe ich auf jeden Fall noch nicht aufgegeben.