Nehmen wir an, ich muss eine Insel malen. Eine Insel mit all den schönen Dingen um mich herum, meinen Hobbys und was mir gut tut. Nehmen wir an, ich darf mir nicht aussuchen mit was ich male, sondern muss zwingend Acrylfarben nehmen. Im Februar sah ich mich genau dieser Aufgabe gegenüber. Kunsttherapie. In der Tagesklinik. Und ich habe es müde belächelt. „Was hat denn bitte Kunst mit Psychotherapie zu tun, hä? Da kann ich ja echt drauf. Mit Pinsel malen, Ton rumfuhrwerken, Basteln. Das ist absolut nichts für mich. Niemals.“ Mit der Insel hat sich das Blatt gewendet. Warum? 
Die Aufgabe war eigentlich gar nicht so schwer. Ne Insel. Herrgott, ist doch nicht schwer ne Insel zu malen. Eigentlich! Erst steht mir mein Perfektionismus im Weg, der mir eintrichtern will, dass mein Bild blöd aussieht, dann die Unzufriedenheit und schließlich noch diese Pinsel mit ihren Borsten, die keinen sauberen Strich zulassen. Erster  Lerneffekt nachdem ich vor mich hergebrummelt habe, wie sehr mich das nervt: „Kann es sein, dass sie gern die Kontrolle haben und deswegen lieber mit Bleistift und Fineliner zeichnen?“ Ja, mag sein. Mensch, na sicher! Ich hasse Tusche, Acrylfarben, unsaubere Linien und mit Farbe malen. Und jetzt soll ich die Kontrolle aufgeben und auch noch kapieren, dass es beim Bild kein „richtig oder falsch“ und kein „gut oder schlecht“ gibt? Puh. Und schon wird aus der einfachen Insel ne größere Herausforderung. Aber ich hab sie gemeistert. So irgendwie. Wohlfühlen damit? Eher weniger. Und dann noch die Nachbesprechung mit der ganzen Gruppe. Alle? Ja. Und schon sollen 7 mir noch fremde Menschen erzählen, was sie auf dem Bild sehen.

Meine Insel ...
Letztlich hängengeblieben ist: „Herr B., aus psychotherapeutischer Sicht sagt man, dass auf der linken Seite das zu sehen ist, was sie in der Vergangenheit sehen. Und auf der rechten Seite dann folglich das, was sie als ihre Zukunft betrachten. Teilen wir das Bild nun senkrecht in rechts und links, dann wird sehr deutlich, dass links alles ist und rechts nur drei Bäume.“ Ähm, ja. Fazit: Alles Gute sehe ich hinter mir, die Zukunft mit drei Bäumen. Sonst nichts. Gut ja, am Ende haben wir es mit Frage-Antwort-Spielchen noch soweit gebracht, dass die drei Bäume für meine gedankliche Familienplanung stehen können. Immerhin. Pessimistisch ist auch, dass ich die Insel aus Augenhöhe gemalt habe und mich so kleiner mache. Ich hätte ja auch die Vogelperspektive wählen können. Zu dem Zeitpunkt hat es mich echt erschreckt, was im Unterbewusstsein passiert, wenn ich einfach losmalen soll und das nicht planen kann.

Warum krame ich diese alte Kamelle nochmal aus? Es ist halt eines der Dinge, die mir aus der Zeit noch im Kopf sind und ich mich heute noch drauf besinne; oft mit Fragen: Wie sieht meine Insel heute aus? Hat sich auf der Insel etwas verändert? Ja. Ganz klar: JA! Heute würde ich die Insel freundlicher Gestalten und noch mehr schöne Sachen malen können. Völlig ungezwungen und auch mit Weitblick auf der rechten Seite. Ob und wie das noch unterbewusst passiert, weiß ich nicht. Wahrscheinlich male ich schon gesteuerter, aber das Besinnen auf die damalige Denkweise reicht vollkommen. Meine Insel wird bunter, ein Spielplatz würde sich wiederfinden, bissl blumig und sonnig (ein paar Wolken schaden nicht, ich mag Wolken, also mit Sonne dahinter, wenn sie durchscheint), vielleicht würde ich jetzt auch am Baum stehen zum Fotografieren. Im Grunde würde ich mir die Insel jetzt so gestalten, dass es ein Ruhepol ist, ein Platz zum Spaß haben, zum Lachen, zum Entspannen, zum Wohlfühlen …

… malen muss ich gar nicht mehr. Die Insel gibt es. Sie ist in meinem Kopf. Na klar ist die da! Wenn ich eine Augen schließe, mich zurücklehne und mir diesen Ort vorstelle, dann bin ich da. Es ist mein Ort und meine Zuflucht für die schlechteren Momente. Imagination ist eins der besten Mittel für mich, damit ich meine Anspannung in stressigen Momenten in den Griff bekomme. Neben der Insel – auf der ich im wahren Leben noch nicht wahr – gibt es auch einen zweiten Ort. Ein Ort, den ich als Kind mehrmals gesehen habe und wo ich mit ausgebreiteten Armen gestanden und gesagt habe: „DAS ist meine Welt.“ Ne Heidi habe ich zwar nicht abbekommen (das ist auch besser so), aber ich fühle mich in den Bergen wohl. Den Blick über die Landschaft streifen lassen, das Rauschen der Bäume, vorbeiziehende Wolken, zwitschernde Vögel, blühendes Enzian (dankt mir nicht, die Ohrwürmer habe ich euch gern verpasst), das wohlige „kaputt sein“ nach langem Wandern, das Geräusch der Steine auf dem Weg, wenn man geht. Toll. Am Ende behaupte ich, dass ich nur aus diesem Grund meine Insel als Berg gemalt habe und oben auf dem Gipfel stehe.