… da muss ich mir ne Auszeit nehmen. Nein. Ich habe mich gezwungen, diese Auszeit nehmen zu müssen. Gezwungen, weil ich falsch gehandelt habe und nun die Verantwortung dafür tragen muss. Müssen? Ja! Es ging kein Weg drum herum. Und heute kann ich sagen: „Ja, es war genau richtig so. Es musste so kommen. Egal wie schwer der Anfang war.“ Warum?

Tja, es ist eine Zeit geworden, in der ich mich mit mir auseinander musste, bewaffnet mit Zettel und Papier. Das Ziel? Alles aufzuschreiben, was mich bewegt, um den Grund zu finden, dass ich mich immer und immer wieder ins Aus geschossen habe. Warum ich „ich mich“ schreibe? Weil ich es jetzt weiß. Ich habe einfach nicht die Verantwortung für mein Leben übernommen. Ich habe sie einfach abgelehnt und mich nicht kümmern wollen, „es hat ja immer funktioniert“. Mein Leben lang habe ich mich also in die Scheinwelten geflüchtet, damit ich die Verantwortung nicht tragen muss. „Es hat ja immer funktioniert.“ Bis heute.

Nein, es ist sicher nicht richtig, die Schuld einer schweren Kindheit zu geben und das werde ich nach wie vor nicht, aber sie ist ein Auslöser. Sie ist dann ein Auslöser, wenn Kinder dieses Verhalten von Lügen und durchmogeln vorgelebt bekommen. Aber es ist meine Entscheidung, ob ich irgendwann mein Verhalten umstelle und erkenne, dass ich nur glücklich und frei bin, wenn ich selbst die Verantwortung trage. Schwerer wird es, wenn ich als Heranwachsender die Verantwortung für andere tragen muss und zugeschustert bekomme, obwohl ich noch gar nicht soweit bin. Ich war es auch nie, weil ich mich immer wieder in die Abhängigkeit mit meinen Eltern geklinkt habe. Unbewusst und auf der Suche nach der Liebe, die ich nicht hatte. Und genau dadurch war ich auch immer der enttäuschte und gekränkte Jugendliche, der nicht vorwärts gekommen ist.

Wenn der Grund nun aber die Verantwortung ist, die ich einfach nicht übernehmen wollte und konnte, warum bin ich dann noch in Depressionen unterwegs? Tja, weil mir auch durchaus bewusst war, dass ich Handeln muss, das auch beteuert habe, aber nicht konnte. Und schwupps, drin in der Spirale. Schon hab ich mich wertloser gefühlt. Alle Charaktereigenschaften waren nur noch negativ und haben mich verdammt viel Kraft gekostet. Schuldgefühle, Hoffnungslosigkeit, mich selbst belogen, unausgefüllt in der Beziehung, weil ich nach Gefühlen und Bestätigung gesucht habe, die ich mir nur selbst geben kann. Und es war immer einfacher, anderen die Schuld an meinem Unvermögen zu geben. Es ist doch auch viel einfacher, sich zum Opfer anderer Menschen und der Umstände zu machen. „Es hat ja immer funktioniert.“

Die Depression hat mich bestimmt, jetzt bin ich dran. So ging es mit dem Blog los. Doch keiner hat gesagt, welche Umwege ich gehen muss. Dem Ziel, nicht mehr in der Opferrolle zu sein, meine Gefühle mir gegenüber anzunehmen und nicht mehr im Kreislauf von Hilflosigkeit, Verzweiflung, Enttäuschung, Wut und Trauer zu hängen, bin ich ein großes Stück näher gekommen. Nicht ohne Hilfe, das sei hier besonders erwähnt! Die Zeit hat gezeigt, dass ich keine Angst mehr vor der Verantwortung haben muss. Ich darf sie übernehmen und zu allem stehen, was ich entscheide und mache. Ich muss keinem gefallen, damit ich akzeptiert werde. Ich werde geliebt und wahrgenommen, weil ich bin wie ich bin. Ich werde heute nicht mehr bestraft, wenn ich ehrlich zu Fehlern stehe.

Und ich habe allein die Verantwortung für meine Gefühle, Glück, Liebe und Leben. Bin ich es für mich, kann ich es teilen.

Ein O-Ton der Herzfrau: „Ich finde es erstaunlich, wie du dich verändert hast. Nicht nur äußerlich. Nicht nur, dass du abgenommen hast, sondern auch deine Körperhaltung ist eine ganz andere. Ich muss nicht mehr zu dir runtergucken, sondern ich sehe einen aufrecht stehenden Mann neben mir. Auch dein Ausdruck ist ein anderer. … Du wirkst ausgeglichener und deutlich entspannter.“ All das kann nur der Anfang sein. Der Anfang für die Verantwortung, dem Selbstwertgefühl, dem Selbstbewusstsein, der Offenheit und Ehrlichkeit.

In der Zeit der Trennung von zu Hause ist mir sehr viel bewusst geworden. Nicht nur über mich. Ab an gewissen Punkt vermisst man nicht mehr allgemein. Ich habe die kleinen Dinge des Alltags gesehen, die sonst untergegangen sind und heute fehlen – bis zum Wiedersehen. Aber diese Zeit war richtig, ist richtig und wertvoll für alle. Sie ist ein Gewinn – auch wenn es schmerzt.

Es ist wichtig nicht zu verkennen, was die Partner für uns tun, auch wenn wir das oft als verständnislos werten wollen. Sie kämpfen mit. Sie sind mit uns enttäuscht. Und sie sind mindestens genauso hilflos. Aber sie geben uns nicht auf.

Eigenverantwortung heißt also für mich: mit der Erfahrung aus dem Gestern heute zu leben, mir auch schlechte Momente zugestehen, aber im Heute für mich zu sorgen und verantwortungsvoll zu sein, damit es mir morgen gut geht!

Wie ich für mich Sorge? Offenheit. Ehrlichkeit. Den Mut über alle Gedanken zu reden oder zu schreiben. Einer Partnerin, die vorübergehend meine Post öffnet, Termine vereinbart und mir so Stück für Stück die Verantwortung gibt. Ambulante Therapie im Anschluss – immer mit ihr. Ziele, die erreichbar sind stecken und auf mich achten, was ich möchte … nur ich kann mein Leben leben.

Ich habe angefangen, mein Leben zu lieben und komme darin an …