„Und wie fanden die Neuen heute die Runde?“ So endete gestern die erste Selbsthilfegruppenrunde – ein zauberhaftes Wort – für mich. Es war gut. Ja, es war gut. Auch wenn ich mich jetzt nach der Auszeit stabil fühle, finde ich es keineswegs falsch, mich regelmäßig mit anderen auszutauschen. Selbsthilfegruppe. Hilfe zur Selbsthilfe. Das ist eine Hürde, ein verdammt große Hürde. Es ist anders, als in eine Klinik eingewiesen zu werden. Es ist anders, als zum Therapeuten zu gehen und ja, es ist auch anders, als die Stuhlkreis-Gruppentherapie während eines Klinikaufenthaltes. Der Weg zu einer Selbsthilfegruppe ist freiwillig, niemand zwingt mich daran teilzunehmen, niemand zwingt mich zum Reden, niemand stellt therapeutische Fragen, niemand wird hinterher was zu einer Diagnose in meine Krankenakte schreiben. Es ist mein – und nur mein Entschluss – mir selbst zu helfen, indem ich mich mit anderen über mein Befinden austausche. Ich will mich noch ein Stückchen besser kennenlernen.

Trotzdem bleiben Gedanken nicht aus. Wie wird es ablaufen? Wie sind die Menschen? Was erwartet mich? Schaffe ich es zu reden? Wie sehen die anderen mich? Was sage ich, damit es nicht zu schlimm ist? Sage ich überhaupt was? Und was ist, wenn es mir nicht gefällt? Bin ich nervös? Warum bin ich nervös? Wie alt sind die anderen? Was haben die schon durch? Wie wird es mir hinterher gehen? Belasten mich Themen? Ob es wohl was zu trinken gibt? Wie lange geht die Gruppe denn überhaupt? Kann ich wirklich alle 2 Wochen hingehen? Komme ich zu Wort? Wie oft sage ich was, wenn ich dazu was sagen könnte? Und wenn ich nichts sagen kann, gucke ich dann nur? Wie sitze ich? Verschränkte Arme sind doch ne ablehnende Haltung, oder?

Ihr kennt die Fragen, oder? Ihr habt sicher noch mehr davon im Repertoire. Ich auch. Nur sind es Fragen, die keiner Antwort bedürfen. Der schwierigste Schritt war ja schon zu sagen, dass ich hinkomme und diesen Termin auch einhalte, hinfahre und dort stehe. Ich war nicht nervös. Es war ok. Ich habe geredet. Über mich. Es war ok. Ich wurde gefragt, ich habe geantwortet. Es war ok. Und das bisschen Anspannung fiel ab, als in der Vorstellungsrunde immer mal ein kleines, verhaltenes Nicken zu sehen war. Wir kennen uns nicht, aber wir verstehen uns. Wir wissen wovon wir reden. Wir haben alle andere Geschichten, Erlebnisse und Tagesabläufe, aber eins kommt immer wieder durch: Ich weiß, wovon du redest. Ich weiß, was du gerade durchmachst.

Allein das ist schon – ohne viel zu sagen – eine Menge wert. Unter Gleichgesinnten zu sitzen – einfach nur zu sitzen – und zu merken, dass ich nicht allein bin. Niemand, der mir Vorwürfe macht oder mich fragt, warum ich gerade so „schlecht“ denke. Es tut einfach gut, sich nicht erklären zu müssen. Keine Angst zu haben, dafür verurteilt zu werden, was im Kopf passiert. Und vor allem keine therapeutischen Ansätze mit: „Was macht das mit Ihnen? Wie fühlen Sie sich jetzt damit?“

Wenn ich mich auf die Gruppe einlasse, habe ich die Chance auch für mich etwas mitzunehmen. Es ist eine Gesprächsrunde, in der wir uns austauschen können und ich selbst entscheide, was gut für mich ist. Wir können alle voneinander profitieren – wenn wir wollen. Und es kann ein erster Schritt sein, dem schwarzen Hund die rote Karte zu zeigen. Selbsthilfegruppen ersetzen keine Therapie, aber sie können unterstützen, begleiten, vorbeugen, nachsorgen, einfach da sein.

… und ich bin nicht gezwungen zu bleiben – doch ich komme wieder.

Habt ihr Erfahrungen mit Selbsthilfegruppen? Wie habt ihr euch gefühlt? Oder traut ihr euch nicht hin? Seid ihr vielleicht sogar aktiv dabei? Schreibt es mir!