Herr B. fragt … diesmal Menschen, die sich mit ihrer Krankheit genauso an die Öffentlichkeit getraut haben, etwas gegen das Stigma tun wollen, aufklären, helfen, bewegen und auch Angst vor der Krankheit nehmen möchten. Tanja Salkowski beschreibt mit dem Buchtitel “ *sonnengrau – Ich habe Depressionen. Na und?“ eben genau die farbliche Bandbreite der Depression und erzählt mal heiter, mal traurig von „ihrer Geschichte“. 2008 hat es sie mit vielen Nebeneffekten wie Alkoholmissbrauch und auch Suizidversuchen erwischt. Sie schminkt sich, zieht sich gut an, geht weg, lacht und träumt davon, mit einem alten VW Bus Europa zu durchreisen … aber muss sich auch oft noch der Kehrseite hingeben: „Nur weil ich Depressionen habe, ist es mir ja nicht verboten zu leben. Wenn es mich packt, dann gebe ich mir aber auch den Raum depressiv zu sein.“
sonnengrau

Hallo Tanja,
vor gut 1 ½ Jahren habe ich deinen Blog entdeckt, wo du über dich, deine Depression und die Umstände schreibst. Kannst du dich noch an deinen ersten Beitrag (ohne nachzuschauen) erinnern? Was hat dich dazu bewogen offen einen Blog zu schreiben und wie hast du dich nach der Veröffentlichung gefühlt?

Ehrlich gesagt weiß ich nicht mehr, wie die Überschrift des 1. Eintrages lautet. Mein Gedächtnis gleicht einem Abtropfsieb, seitdem ich Depressionen habe. Aber ich kann mich daran erinnern, wie ich mich dabei gefühlt habe, als ich den 1. Eintrag verfasste: vor Freude beschwipst, positiv aufgeregt, neugierig auf die Reaktionen. Befreit von dem ständigen Versteckspiel habe ich mich bereits schon Monate davor, indem ich mich bei Freunden und Familie geoutet habe. Und auch auf meinem Facebookprofil habe ich gepostet, dass ich Depressionen habe. Also war die Veröffentlichung des Blogs keine große Sache mehr – eher ein Experiment, wie die weiteren Reaktionen darauf sein werden. Und ob es überhaupt irgendjemanden interessiert, was ich so dahinkritzel. Den Blog habe ich ins Leben gerufen, weil ich die Schnauze voll hatte von dieser Engstirnigkeit und den Vorurteilen gegenüber der Krankheit Depression. Ich hatte Wut im Bauch, weil mir auch viele Freunde abhanden gekommen sind, „nur“ weil ich eine psychische Erkrankung habe. Ich wollte zum Sprachrohr werden für alle psychisch erkrankten Menschen, die (noch) nicht in der Lage dazu sind, darüber zu reden. Ich wollte einen Einblick geben in die Welt eines depressiven Menschen. Wie sieht sein Alltag aus? Wie sehen seine Gedanken aus? Welche Emotionen tauchen auf? Einfach, um den Angehörigen und Nichtdepressiven Berührungsängste zu nehmen und zugleich den Betroffenen zu zeigen: „Hey, Ihr seid nicht alleine! Mir geht es genauso scheiße. Aber wir schaffen das schon irgendwie!“

Hattest du jemals den Gedanken, deinen Blog wieder aufzugeben? Wenn ja, warum?

Nein. Nie. Natürlich gibt es Phasen, in denen ich gar keine Lust habe, etwas in meinen Blog zu schreiben. Einfach, weil ich gerade nicht in der Lage dazu bin oder weil ich gerade nichts zu erzählen habe. Da kann es mal sein, dass es Wochen dauert, bis einer neuer Post kommt. Ich muss dafür die Muse haben, das ist ein ganz bestimmtes Gefühl. Dann kribbelt es in meinen Fingern, dann schmerzt etwas in meinem Herzen, und es muss sofort heruntergetippt werden. Diese Intuition ist da oder eben nicht. Und wenn sie gerade nicht da ist, dann ist es eben so. Aber den Blog ganz aufgeben werde ich nicht.

Sich mit der Depression zu outen ist nicht immer einfach. Wie hast du es im privaten Umfeld gemacht und wie waren die Reaktionen darauf?

Ich habe all meinen Freunden und meiner Familie eine sehr lange Email geschrieben. Ohne zu verschönern. Ich habe reingeschrieben, dass ich die Diagnose Depression habe, dass ich einen Selbstmordversuch hinter mir habe, dass ich tief im Inneren sehr einsam bin und dass ich keinen Sinn in meinem Leben finde. Das Outing geschah 2012. Ich hatte damals einen sehr großen Freundes- und Bekanntenkreis. Und ich habe ca. 4 Stunden gebraucht, um diese Email abzuschicken. Aber als ich auf „Senden“ geklickt habe, war ich sehr erleichtert. Am nächsten Tag kamen schon Reaktionen, von 3 Freunden, die geschrieben haben „Egal was passiert – wir bleiben bei dir“. Die sind mir bis heute geblieben. Der Rest des Freundeskreises hat sich gar nicht mehr auf diese Email gemeldet. Einige haben aber auch ehrlich geantwortet und geschrieben, dass sie damit überfordert sind und erstmal Abstand brauchen. Inklusive meiner Eltern, die mit der Situation vollkommen überfordert waren. Nach einigen Wochen haben sie angerufen und mir jede Hilfe zugesprochen. Die Reaktionen waren natürlich erstmal ein Schlag ins Gesicht und sehr verletzend, aber ich war dennoch froh, dass ich diesen Schritt gemacht habe. Schluss mit dem Versteckspiel, Schluss mit der Schauspielerei. Ab dem Zeitpunkt konnte ich endlich einfach nur Tanja sein. Und jeder, der mich gefragt hat: „Wie gehts dir?“, hat von mir ein ehrliches „Mir gehts scheiße!“ bekommen. Komisch, dass viele Menschen mit dieser Antwort gar nicht umgehen können.

Welche Therapien hast du bis heute gemacht, wie viel haben sie dir gebracht und was wendest du heute noch gezielt an?

Ich war 2012 insgesamt 7 Wochen in einer psychosomatischen Klinik, die sehr viel ins Rollen gebracht hat. Erst in der Klinik habe ich gelernt, die Krankheit zu akzeptieren. Das war ein wichtiger Schalter im Kopf, den ich umlegen musste, um die ganze Sache richtig anpacken zu können. In der Klinik habe ich gelernt, dass ich nicht für alle anderen verantwortlich bin, denn bis dato habe ich das immer geglaubt und alles auf mich geladen. Ich habe dort gelernt, mich von Menschen abzugrenzen, die mir Energie rauben. Seit September 2014 mache ich eine ambulante Verhaltenstherapie, gehe 1x die Woche zu einer Therapeutin.
tanjaIch hatte bisher immer Glück mit Therapeuten. Meine Bezugstherapeutin in der Klinik war
perfekt für mich, meine jetzige Therapeutin ist der Knaller. Sie kitzelt Dinge aus mir heraus, die sehr wichtig sind und gibt mir „AHA-Momente“ – über die ich nachdenke und die mich in eine andere Richtung lenken. Meine Therapeutin sagt mir immer: „Glauben Sie nicht immer das, was Sie denken.“ Und sie hat vollkommen Recht. Depressive Menschen neigen dazu, alles zu dramatisieren, schnell alles aufzubauschen, bei den kleinsten Kleinigkeiten in Panik zu verfallen. Und dann versuche ich mich selbst wieder auf den Teppich zurück zu holen und mich selbst zu fragen: „Hey, ist das jetzt gerade richtig und realistisch, was du denkst?“ Dieses Bewusstsein und diese Achtsamkeit gegenüber sich selbst ist sehr wichtig. Und die Akzeptanz, dass es dir auch mal wieder scheiße gehen kann. Aber dann durchlebe diese Scheiße und verzweifle nicht daran. Das gehört dazu. Es geht danach meistens wieder bergauf.

Dich haben wie mich Suizidgedanken begleitet und du hast auch Versuche unternommen. Wie siehst du das heute? Schreckt dich das ab? Und könntest du ausschließen, nochmal in so eine Situation zu kommen?

Es gibt keine 100% Garantie für alles. Deswegen würde ich es niemals ausschließen, dass es nicht noch einmal vorkommt. Wenn ich depressive Schübe habe, kommen automatisch die Suizidgedanken. Zumindest diese Gedanken, dass ich mich von all dem Schmerz befreien und mich einfach von dieser Welt wegzaubern könnte. Es wäre ganz einfach. Aber im nächsten Moment erschrecke ich mich darüber und denke darüber nach, was ich meinen Freunden und meiner Familie damit antun würde und ich denke darüber nach, was ich alles in meinem Leben verpassen würde. Ich habe doch noch so viele Wünsche, die ich mir erfüllen möchte. Ich wäre doch schön blöd, wenn ich mich umbringen würde. Denn den Spaß möchte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Und ich weiß, dass nach einem depressiven Schub auch wieder alles schön wird und gute Tage auf mich warten. Das hält mich über Wasser.

Mittlerweile hat sich viel bei dir getan. Vor gut einem Jahr hast du gebloggt: „Endlich ist es da! Das sonnengrau-Buch!“ Hast du die Entscheidung je bereut, deine persönliche Geschichte in ein Buch zu verpacken?

Nein! Nie! Vor der Veröffentlichung habe ich natürlich darüber nachgedacht, ob ich mir vielleicht nicht doch ein Pseudonym zulegen sollte, denn wenn jemand mein Buch liest, bekommt er Einblick in meine ganze Seele. Ich stelle mich quasi nackt auf den Balkon und schreie „Schau her, das bin ich!“. Aber der Gedanke, ein Pseudonym zu verwenden, war schnell verflogen. Schließlich wollte ich mich ja nicht mehr verstecken – das hatte ich mir geschworen. Es sollte einem bewusst sein, dass man sich dadurch auch verletzbar macht….oder auch nicht. Mittlerweile sehe ich es selbst als meine Stärke an. Es ist meine Waffe, ganz offen und ehrlich darüber zu schreiben und zu sprechen. Es kann mir niemand mehr ans Bein pinkeln.

Wie bist du darauf gekommen, ein Buch zu schreiben? Hat es dir persönlich geholfen, all das nochmal in Worte zu fassen?

Ein Verlag hat den Blog gelesen und sich gemeldet. Der Vertrag war innerhalb von wenigen Tagen unterschrieben. Schreiben ist mein Ventil. Ich wäre doch schön blöd gewesen, wenn ich das Angebot abgelehnt hätte. Und dieser Augenblick, wenn man das 1. Buchexemplar in den Händen hält….was soll ich sagen. Einfach unglaublich. Man denkt, man träumt. Man begreift es gar nicht, dass man wirklich ein Buch geschrieben hat und es jeder kaufen kann. Toll! Aber bis zur Veröffentlichung verging ein halbes Jahr Schreibphase. Das war teilweise schon bewegend und ergreifend, weil ich wieder in diese Emotionen eingetaucht bin. Manchmal musste ich sofort den Laptop zuklappen, weil mir während dem Schreiben Tränen übers Gesicht liefen und ich mich nicht mehr unter Kontrolle hatte. Dann habe ich ein paar Wochen Pausen eingelegt und irgendwann wieder daran weitergeschrieben, wenn ich stabil genug war. Letztendlich war es wirklich eine Art Selbsttherapie, alles noch mal aus meinem innersten Ich herauszuholen. Eine direkte Konfrontation mit dem wovor man Angst hat, ist eigentlich immer die beste Strategie.

Du bist viel unterwegs zu Lesungen. Wie sehr strengt dich das an? Und wie findest du deine Ruhe?

Manchmal sehr. Aber daran bin ich ja selbst Schuld. Manchmal lege ich mir die Lesungen direkt hintereinander, so dass ich 2 Wochen am Stück unterwegs bin. Und achte nicht auf meine Grenzen, obwohl ich es eigentlich besser weiß. Aber nun gut…ich bin immer noch dabei zu lernen, wie ich mein Leben am Besten führe. Die Lesungen machen immer großen Spaß und ich bin sehr dankbar dafür, dass überhaupt Menschen zu mir kommen und meiner Stimme lauschen. Verrückt, dass die alle wegen mir kommen. Nach den Lesungen bin ich meistens sehr kaputt und muss schnell ins Bett und brauche dann absolute Ruhe. Einfach ein kuscheliges Bett, TV an und fertig. Wenn ich von einer Tour zurückkomme, gönne ich mir ein paar Tage Auszeit, d.h. kein Schreibtisch, kein Facebook, keine Telefonate, nur noch Couch, was Schönes kochen, mit meinem Hund rausgehen, Sport, Kaffee trinken gehen. Das brauche ich. Und das muss ich tun. Sonst falle ich ganz schnell wieder ins depressive Loch.

Glückwunsch zum Stipendium von startsocial! Ein zweites Projekt, was rasant gewachsen ist, ist „radio sonnengrau – Wir reden drüber!“ Wie bist du dazu gekommen, eine eigene Radiosendung zu machen?

Ja, danke. Ja, verrückt, wie schnell dieses Projekt doch gewachsen ist. Ich war selbst als Talkgast in einer Sendung beim Offenen Kanal Lübeck eingeladen, um mein Buch vorzustellen. Und nach der Sendung rauchte ich mit dem Moderator eine Zigarette und der fragte mich plötzlich „Sag mal, willst du nicht eine eigene Radiosendung über das Thema Depression machen?“ Ich habe sofort mit einem „Bist du irre?“ gekontert, weil ich mir das überhaupt nicht vorstellen konnte, eine Radiosendung zu moderieren. Ich habe in dem Moment auch nur noch den Haufen Arbeit gesehen und das war mir dann auch viel zu viel Aufwand etc. Dann habe ich noch eine Zigarette geraucht – zusammen mit meinem ehemaligen Co-Moderator Marcus Jäck, der ja zwischenzeitlich aus gesundheitlichen Gründen das Projekt verlassen musste – und wir haben uns angeschaut und gesagt „Ok, machen wir!“ Der einfache Grund: Es gibt noch keine Live-Radiosendung in Deutschland, die über Depressionen spricht. Und zwar auf unterhaltsamer Art und Weise. Das hat uns motiviert, dies zu tun….noch einen Schritt weiter zu gehen, in Sachen Aufklärungsarbeit, und zwar über ein anderes Medium, nämlich das Medium Hörfunk. Der Offene Kanal Lübeck hat gleich JA gesagt und uns sofort einen Sendeplatz gegeben. Die Idee fanden alle toll. Im April 2014 gingen wir dann mit der 1. Sendung on air und es ist großartig!

Habt ihr vor öfter zu senden, oder bleibt es bei 1 Mal im Monat? Und wie kommt ihr an Themen?

Im Moment bleibt es bei 1x im Monat. Man muss sich das so vorstellen: Es ist ja nicht nur mit der Moderation der Sendung 1x im Monat getan. Die Vorbereitung für eine Sendung ist sehr umfangreich. Man muss sich Themen ausdenken, man muss Interviewgäste finden, man muss viele Telefonate und Emails schreiben, zu Interviewtermine fahren, man muss Beiträge aufzeichnen und schneiden. Hinzu kommt noch die allgemeine Verwaltung des Projektes Radio sonnengrau, sowas wie Sponsorenakquise, ehrenamtliche Mitarbeiter bei Laune halten, Werbematerial gestalten usw. Wenn wir irgendwann teammäßig breiter aufgestellt sind, könnte ich mir vorstellen, dass wir dann auch öfters auf Sendung gehen. Die Themen denken wir uns selbst aus, in Zusammenarbeit mit unseren Zuhörern. Wir überlegen, was wichtig und interessant sein könnte, machen auch Umfragen bei Depressionpatienten, welche Wünsche sie haben. Uns ist der Austausch mit unseren Zuhörern sehr wichtig.

Blog, Buch, Radio und eine große Facebookgruppe. Hut ab, wie viel Zeit für Privatleben hast du dabei eigentlich noch?

Das ist eigentlich mein Privatleben. Das gehört ja zu mir. Wenn eines wegfallen würde, wäre das wie der Verlust eines guten Freundes. Zeit zum Sport, Kaffee trinken, Freunde treffen und Gassigehen nehme ich mir einfach – das ist kein Problem.

Abschließend: Wenn du einem depressiv erkrankten 2 wertvolle Sätze mit auf den Weg dürftest, was würdest du ihm/ihr sagen wollen?

Die Depression ist nicht der Feind in Deinem Kopf, sondern sie ist die Chance, Dein Leben zu verändern. Habe Geduld mit Dir selbst.

*****
Danke Tanja, dass du dir die Zeit genommen und meine Fragen beantwortet hast und dich auch immer wieder der Öffentlichkeit stellst. Am Ende zählt auch immer wieder: Lass uns darüber reden, damit es kein Tabuthema mehr bleibt.