… können das Salz in meiner Suppe sein – und genau diese Erwartungen versalzen die Suppe gerne mal. Erwartungen – also Forderungen – begegnen mir immer wieder. Sei es meine eigene Einstellung oder von Menschen, die von mir etwas erwarten. Natürlich sprechen sie das nicht aus – das wäre viel zu einfach – sie erwarten wortlos. Wie kann ich denn so eine Forderung erfüllen, wenn ich nicht weiß, was du dir erhoffst? Gar nicht. Ich werde sie zwangsläufig enttäuschen. Andersrum genauso. Sage ich dir nicht, was ich mir vorstelle, erhoffe mir etwas, werde ich immer und immer wieder enttäuscht. Erwartungen sind eben meine Gedanken und nicht das, was der andere macht.

Ich erwarte, dass mir meine Freunde zum Geburtstag gratulieren. Ich erwarte, dass öffentliche Verkehrsmittel pünktlich sind – egal bei welchem Wetter. Ich erwarte, dass die Post immer richtig zugestellt wird. Ich erwarte, dass mich keiner anlügt. Ich erwarte auch, dass ich so behandelt werde, wie ich es mit anderen mache. Ich erwarte, dass meine Meinung akzeptiert wird. Ich erwarte, dass ich für meine Leistung immer eine Gegenleistung bekomme. Ich ERWARTE es. Und wenn es nicht eintrifft? Bin ich enttäuscht, manchmal sogar sauer und frustriert. Und gerade wenn es um die Freunde geht, springen wir doch gern in die Situation: „Ich habe gedacht, du machst das dann auch für mich. Toller Freund bist du! Dir werde ich auch nicht mehr helfen. Wir waren die längste Zeit Freunde.“ Oder auch gern genommen: „Ich habe keine Freunde. Die melden sich einfach nie bei mir und wenn, dann fragen sie mich nicht mal irgendwas. Ich erwarte, dass sie sich öfter melden oder mich auch mal fragen, wie es mir geht.“ Alternativ geht auch die Aufrechnung, was man gegenseitig füreinander getan hat.


Erwartungen werden uns also immer enttäuschen. Klare Worte können helfen. Oder die Abmilderung in einen Wunsch. „Ich wünsche mir,  dass …“ Das ist nicht fordernd, das ist eine Bitte. Eine Bitte an die Person, die eben nicht so tickt und denkt wie wir selbst. Wenn sie uns enttäuschen, geben wir ihnen auch gern die Schuld. SIE haben ja schließlich nicht unsere Erwartungen erfüllt. Ist das denn wirklich so? Nein! Ganz klar: Nein! Es sind UNSERE Erwartungen und die damit verdammt hohe Messlatte, die uns (und das Leben der anderen) schwer machen.

Oftmals geht es schon in der Jugend los. Die Eltern erwarten die Bestleistung in der Schule, dass man eine tolle Ausbildung macht, sich nach bestimmten Regeln verhält. Sie trichtern uns ein, welche Menschen gut und schlecht sind, beten uns vor mit wem wir uns abgeben dürfen und wer nicht unser Freund sein darf. Neid und Missgunst schleichen sich mit ein und bewerten damit andere Menschen. Keiner ist besser oder schlechter als der andere. Geld oder nicht Geld. Das ist doch völlig irrelevant. Erwartungen tauchen in allen Bereichen unseres Lebens auf. Sie sind da, aber wir können sie identifizieren und relativieren. Je mehr ich in eine Erwartung gehe, desto weniger kann ich auch genießen, was ich heute lebe und habe.

Ich kann mich hier hinsetzen und sagen: „Ja, mir geht es gut. Ich erwarte aber, dass ich das noch besser hinbekomme. Und ich erwarte, dass ich nicht mehr in so viele Denkspiralen falle. Ich erwarte auch, dass meine Partnerin auf mich zugeht, wenn ich das will. Und mich auch küsst. Ich erwarte auch, dass ich sofort Antworten von Menschen bekomme, wenn ich ihnen schreibe. Natürlich erwarte ich auch, dass meine Artikel hier kommentiert werden und ich genug Leser habe. Ja, ich erwarte das!“ Ich könnte es tun. Möchte ich aber nicht mehr machen. Ich formuliere meine Erwartungen mittlerweile als gezielte Wünsche, die mir nicht erfüllt werden müssen. Und diese Wünsche darf ich aussprechen, ohne dass ich damit jemanden verletze oder bewerte. Ich wünsche es mir einfach.

„Ohne Erwartungen geht es nicht.“ Richtig. Und auch nicht richtig. Ganz ohne kann ich auch nicht leben, aber ich kann sie reduzieren und mir meine Gedankenstrudel selbst nehmen. Nur weil ich weniger erwarte, ist es mir auch noch lange nicht egal – ich muss mich nur nicht mehr so oft ärgern, ich bleibe bei mir, ich richte den Fokus auf mich und das, was mir gut tut. Ich sehe im Leben nichts als Selbstverständlich an und kann somit auch für die kleinsten Sachen dankbar sein – eben auch, weil ich sie nicht mehr erwarte. Nicht die Nachricht von Freunden (ich schreibe selbst). Nicht den Kuss (ich küsse selbst). Nicht die Pünktlichkeit (ich bin es einfach selbst und gestalte mir die Wartezeit). Nicht die Gegenleistung (ich gebe gern und schätze vorher ein, ob eine Hand die andere wäscht). Nicht das Verständnis (ich wechsel die Perspektive und versuche es aus der Sicht des anderen zu sehen). Nicht die Leser (ich schreibe ja in allererster Linie für mich).

Es ist Zeit loszulassen von den Erwartungen und das Leben zu genießen. Wenn ihr das nächste Mal jemanden anfratzt, dann atmet kurz durch, ob er wirklich was nicht so gemacht hat, wie ihr euch das vorstellt, oder ob es nur eure nicht ausgesprochene Erwartung ist. Das kann euch ein Stückchen glücklicher und entspannter machen.

Wie lebt ihr mit Erwartungen? Erkennt ihr sie? Könnt ihr mit ihnen leben oder zerfressen sie euch?