… schrie das Selbstwertgefühl, als es von einer unbedarften Aussage getroffen wurde und an die Vergangenheit oder das eigens auferlegte Denken erinnert wurde.

Kann ich eigentlich selbst bestimmen, wer oder was mich verletzt? Oder bin ich in manchen Situationen gekränkt, weil mir mein Selbstwertgefühl einen Tritt in die Kniekehle verpasst? Bin ich denn schwach, weil mich etwas verletzt? Oder habe ich nur etwas mehr Feingefühl entwickelt und sehe manche Dinge anders? Kann es nicht auch sein, dass Erinnerungen und Erlebnisse einfach noch nicht abgeschlossen sind und mich so Verhaltensweisen und Aussagen in die Lage versetzen, die etwas in mir auslösen? Und vor allem: Wie gehe ich damit in Zukunft um?

Kränkt mich der/die andere eigentlich? Oder füge ich mir die Kränkung selbst zu? Kann der andere denn wissen – sofern er (ich nehme jetzt einfach „er“, weil es mir zu blöd ist, immer beide Formen zu nehmen, ok?) es nicht vorsätzlich macht – dass er mich mit seinem Verhalten oder einer Aussage verletzt? Nein! Wie auch, wenn ich ihm nicht sage, dass es mich verletzt? Er kann mir ja nur vor meinen Kopf gucken. Also füge ich mir die Kränkung doch letztlich selbst zu – weil wir selbst es als verletzend empfinden. Und schon sind wir bei Gefühlen. Unseren Gefühlen. Das, was ich fühle. Das, was ich fühle, wenn du mir etwas sagst, dass mich an etwas erinnert, mit dem ich noch nicht abgeschlossen habe. Etwas, das Wut in mir aufkommen lässt. Wut über Situationen oder Ereignisse, die mich belasten. Nein, nicht belastet haben! Denn solange es mich verletzt, habe ich damit noch nicht abgeschlossen – und solange wird es auch keine Vergangenheit sein.

Halt! Vergangenheit? Damals? Da war doch was. Richtig! Das innere Kind. Da ist es also wieder. Dieses Kind, was in diesen Momenten nach Aufmerksamkeit schreit und mir bewusst macht, dass es nach wie vor etwas Aufmerksamkeit braucht. Es zeigt mir immer wieder meine Ängste, Zweifel, Neid, unerfüllte Bedürfnisse und Sehnsüchte. Jeder hat dieses kleine Kind in sich. Das Kind, dass die negativen Erlebnisse und Erfahrungen in sich abgespeichert hat. Auch Kritik oder nicht böse gemeinte Aussagen treffen nicht den Erwachsenen. Nicht mich. Sie treffen das Kind, dass dann mit Wut und Zorn reagiert. „Und wenn es nicht aus der Kindheit ist, sondern Erfahrungen, die ich erst später gemacht habe?“ Ja, berechtigte Frage. Ist es wirklich so? Gab es nicht schon Auslöser, die weiter zurückliegen, die dazu noch viel besser passen? Und diese eine Aussage trifft nur wieder genau in den wunden Punkt?

Aber nicht nur das. Habe ich eh schon das angeschlagene Selbstwertgefühl, weil ich der Meinung bin, dass ich in manchen Sachen einfach nicht gut reagiert habe und mir so immer wieder Vorwürfe mache (ich hätte da einiges, was ich mir vorwerfen könnte!), dann ist die Tür sehr weit auf für eine verletzende Aussage. Natürlich sind wir alle verletzlich. Die Frage ist nur in welchem Ausmaß! Weiß mein Gegenüber nun nicht, dass ich in dem Punkt eventuell dieses angeschlagene Selbstwertgefühl habe, wie soll er dann Rücksicht darauf nehmen können? Muss er Rücksicht nehmen? KANN er. Oder sie. Es ist doch aber an mir, etwas zu ändern. Es ist an mir, an diesem wunden Punkt zu arbeiten. Es ist an mir, zu verzeihen. Mir selbst, dass ich in der Zeit nicht in der Lage war, anders zu handeln. Ich kann es ja nicht mehr ändern, es ist passiert, die Jahre sind so gelaufen. Es ist dann an der Zeit, das für mich so anzunehmen. Und es ist auch an der Zeit, anderen Menschen zu verzeihen. Es ist Zeit loszulassen. Zeit, diese Gefühle freizugeben. Es ist Zeit, wieder das Gespräch mit dem Kind (dem inneren!) und sich selbst zu suchen. Auf das zu hören, was ich brauche – und mir auch genau das zu geben. Ich muss mich einfach selbst beachten und nicht versuchen, die Bestätigung von anderen Menschen zu bekommen.

Bevor ich – oder du – mich nun meiner Wut grenzenlos hingebe, meinen Gegenüber für Aussagen und Verhalten verurteile, vielleicht sogar den Kontakt abbreche oder ihn zumindest dafür verantwortlich mache, wie es mir geht: Frag dich, warum es dich verletzt. Frag dich, was dich genau verletzt. Frag dich einfach! Und erst dann schau, ob der andere es vorsätzlich macht, um dich zu kränken. Wenn du dir immer noch unsicher bist, dann frag nach. Nur so kannst du herausfinden, warum er so reagiert oder redet – und vor allem: wie es gemeint war! Und dann ist die Chance auch da, offen und ehrlich zu sagen, warum es dich so verletzt hat.

Wir packen in solchen Situationen viel zu oft das Kriegsbeil aus und gehen in eine Vorwurfshaltung. Aus der Verletzung ist es natürlich einfacher zum Angriff überzugehen und die Chance zu nutzen, dem anderen einfach alles vor den Latz zu knallen, was ihm nicht passt: „Du machst …“, „Du hast … „, „Du bist …“, „Immer …“, „Nie …“ … Ich bin verletzt, also gebe ich das auch zurück. Auge um Auge. Wie ehrlich können wir also zu uns selbst sein? Verletzt mich das Verhalten des anderen? Oder stört es mich selbst, weil ich für mich etwas habe, was mich an mir selbst stört? Sätze sollten wieder mit „Ich empfinde das so, weil …“ beginnen. Nur so haben alle die Chance für ein vernünftiges Gespräch und eine Veränderung.