… oder: Mein Sohn zeigt mir Dinge, die ich als Erwachsener vergessen habe. Natürlich ist das alles ein abgelutschtes Thema. „Nimm ein Kind an die Hand und …“ Blah! Ich kann es nicht mehr hören. Und ich will diese Floskeln und Metaphern auch nicht mehr weitergeben. Eigentlich. Denn sie stimmen. Alle. Durch die Bank weg. Es ist nun über 7 Monate her, dass der kleine Mann das elektrische Licht (ja, tschuldigung, das Heinz-Erhardt-Ding musste sein – kommt nicht nochmal vor!) der Welt erblickte und seitdem alles mehr oder weniger auf den Kopf stellt. Warum eigentlich auf den Kopf stellt? Warum …

… so negative Begriffe für etwas, das so toll sein kann? Es ist ja nichts auf den Kopf gestellt, nur verdreht. Ja, dieser kleine Mensch hat mir den Kopf verdreht! Und nicht nur das. All die Ängste und Gedanken? Sind fort. Vorerst. Natürlich stelle ich mir viele Fragen, aber das Gefühl, dass wir alles richtig machen, überwiegt. Es überwiegt soweit, dass hier nichts auf dem Kopf gestellt ist, sondern einfach anders. Es nicht verdreht, wir haben nur andere Tagesabläufe. Na und? Das war ja von vornherein klar, als wir uns auf das Abenteuer eingelassen haben. All die Erzählungen, negativen Berichte … warum? Ist es am Ende nicht wirklich das kleine zufriedene Kind, das uns anlächelt und deswegen alles Negative irgendwo verschwindet? Ich bin nicht für meinen Sohn da, um hinterher den Aufwand zu sehen. Nein! Ich bin hier, um die Zeit mit ihm zu genießen, ihm beim Entdecken zu helfen und seinen Weg zu finden. „Aber …. “ höre ich ich es jetzt schon von Eltern, deren Kinder älter sind. Halt! Wer sucht, wir immer ein Aber finden. Lasst dieses Aber doch einfach weg. „Ich hab ein tolles Kind, aber …“ Es gibt KEIN Aber! „Ich habe ein tolles Kind.“ Punkt!

Lassen wir das. Eigentlich gehts ja auch um Zeit. Zeit, die ich nicht mehr habe. Zeit, die ich anders einteile. Zeit, die so gut ausgefüllt ist, dass ich hier ja eh kaum zum Schreiben komme. Zeit, die ich zwar an Gedanken verschwende, aber anders. Ja, es gibt beschissene Momente. Es gibt auch richtig beschissene Gedanken, doch sie dauern nicht mehr an. Ich hab ja keine Zeit dafür. Da ist jemand, der meine Liebe und Aufmerksamkeit braucht. Denn da ist auch jemand, der mir Aufmerksamkeit schenkt und entdecken möchte. Da ist jemand, der mir nicht die Zeit raubt, sondern schenkt. Natürlich ist die gelegentlich auch etwas nervraubend, aber lohnt es sich? Ja! Ganz klar, ja!

„Eltern mit Depressionen oder depressiven Episoden können keine guten Eltern sein und sollten von ihren Kindern getrennt werden, damit sie das nicht erlernen oder nachahmen.“ So bzw. so ähnlich ist es mir vor nicht all zu langer Zeit im Netz vor die Nase geflogen. Mir fällt sicher einiges zu diesem Satz ein, aber nichts Gutes. Und ich muss mich auch beherrschen, bei so einer Aussage noch sachlich zu agieren. Wenn du betroffen bist, trifft dich auch so eine unbedarfte Aussage – auch wenn du es nicht willst. Das Selbstwertgefühl ist mühsam aufgebaut, das Selbstbewusstsein ist mühsam wieder erlernt und dann kommt irgendjemand daher und haut dir so einen Satz um die Ohren. Herzlichen Glückwunsch. Abhaken. Abhaken? Oft nicht so einfach – ich lasse es hier aber einfach mal weiter unkommentiert.

Aber zurück zur Zeit. Kurz, in einem Satz: Ich habe keine Zeit mehr, mich meinen Gedanken hinzugeben. Nein, ich muss nicht funktionieren, aber ich möchte es. Ich möchte meinen Tagesablauf und meine Aufgaben beibehalten. Nein, ich möchte mich nicht in Arbeit verstecken, ich möchte arbeiten, um die Zeit in Qualitätszeit mit meiner Familie zu wandeln. Ich habe Aufgaben bekommen und kann die Verantwortung tragen – für mich, für meinen Sohn, für uns alle. Ich gucke bewusst am Tagesende auf die Dinge, die wirklich gut waren. Na und, dann habe ich es heute nicht geschafft, einen Freund anzurufen oder zu treffen. Schreibe ich halt ne Mail oder WhatsApp (Hallo du schöne, moderne Welt!). Na und, dann bin ich eben nicht meinem Hobby nachgegangen. Und auch Gott sei Dank, denn sonst hätte ich vielleicht nicht so viel anderes erlebt. Ja, wir treffen trotzdem Freunde und fahren mal weg. Ja, wir leben trotzdem. Nur eines ist immer noch nicht: Zeit, mich meinen Gedanken in dem Maß hinzugeben, dass es mich aus dem Leben nimmt.

Und damit verbleibe ich auch – vorerst – und verweise nochmal auf „Liebe Depression. Liebe Gedanken.“ Damit ist für den Moment alles gesagt – und so verschwinde ich auch wieder in meine Urlaubs-Qualitätszeit und beobachte meinen Sohn, wie er versucht, aus dem Vierfüßlerstand endlich in Bewegung zu kommen. Wie er sein Spielzeug entdeckt, Lebensfreude versprüht und lacht. Und mir wieder einmal zeigt, dass es die kleinen Dinge sind, die Spaß machen können – und wir uns auch die kleinen Dinge im Leben fokussieren sollten.