„Am Ende.“ Der Titel des letzten Blogeintrags von Johannes Korten. Johannes hat sich in der Nacht zum Montag das Leben genommen. Er hat den Freitod gewählt und sich bewusst dazu entschlossen, sein Leben aufzugeben. Johannes ist Vater. Und Mann. Er hat eine Familie. Er hat viele positive Dinge im Netz vorangebracht. Er hat den Gedanken gelebt, das Internet zu einem besseren Platz zu machen. Selbst in seinen letzten Zeilen weißt er darauf nochmal hin. Johannes ist – so zeigt sein „Abschiedsbrief“ – vom Seelenkrebs und der Depression zerfressen gewesen. Er war Denker. Nicht nur für sich. Und er hat klargemacht, dass es für ihn nichts mehr zu denken gibt. Das Denken hat ihn angestrengt. Und am Ende haben all die Gedanken gesiegt. Er lässt zu uns jetzt zurück – denkend. An ihn. An den Grund. An das Warum. Der Abschiedsbrief zeigt ihn mit der vollen Macht der Selbstkritik, der Unsicherheit und vor allem den Schauspieler, der sich nie offenbaren durfte.

Ich habe zwei Tjohannes-kortenage lang genauso wie @darksun666 verfolgt, wie die Menschen mit dem Suizid umgehen. Wie ekelhaft die Anfeindungen sein können und auch sind. Sie sind es! Mich erschreckt, mit welcher Antipathie die Menschen im Netz unterwegs sind. Ja, sicher, ein Suizid lässt sich vom Egoismus freisprechen. Ist es denn wirklich so selbstsüchtig, wenn jemand einfach nicht mehr weiter weiß? Wenn alles gedacht, zerdacht und somit kaputt ist? Ist es dann egoistisch, wenn man nicht mehr der ist, der man zu sein scheint? Wenn man keine Nähe mehr zu sich aufbauen kann und so auch den Halt zur Familie und den Mitmenschen verliert? Der Suizid ist die vermeintliche Erlösung in dem erdrückenden Chaos. Es ist ein kurzer Weg. Er ist weitaus kürzer als irgendwelche Therapien, Gespräche oder Tabletten. Es ist ein definitives Ende. Es erschreckt mich, wie jemand nach seiner Entscheidung noch so angefeindet werden kann.

Ich selbst habe über Jahre mit diesen Gedanken gelebt. Und ich habe auch Freunde, Klassenkameraden und enge Bekannte verloren. Du stehst morgens auf, fühlst dich von allem erdrückt und der Gedanke an den Tod ist genauso präsent. Es ist das Erste woran du morgens denkst, es ist das Letzte woran du abends denkst. Du denkst beim Essen daran. Bei Fußball. Beim Besuch von Freunden – wenn das überhaupt noch möglich ist. Du denkst in jeder freien Minute an all die wirre Scheiße im Kopf und daran, wie du es am besten beenden kannst. IN JEDER BESCHISSENEN MINUTE DES TAGES! Ich wünsche niemandem, das nachempfinden zu müssen. Glaubt ihr denn wirklich, dass das Leben damit so einfach ist? Und vor allem egoistisch? Ist es egoistisch, wenn ich – oder du, du, du oder du – nach Jahren einfach nicht mehr können? Glaubt ihr denn, wir Betroffene suchen uns das aus? Glaubt ihr wirklich, dass es das Allheilmittel für die Depression oder suizidale Absichten gibt? Glaubt ihr denn wirklich, dass wir einfach eine Pillen nehmen, Gespräche führen und alles ist wieder in wundervoller Ordnung? Wir lachen, tanzen, schreien, sind glücklich? Glaubt ihr wirklich, dass es einfach „nur eine Phase“ ist? Glaubt ihr wirklich, dass wir in Selbstsucht verfallen, weil wir unsere Gedanken auch immer irgendwie von anderen abhängig machen? Glaubt ihr wirklich, dass ein Suizid „die einfachste Lösung“ ist? Wenn das so einfach wäre, wie ihr es mit euren Anfeindungen handhabt, dann … ach, lassen wir das. Natürlich gibt es immer die andere Seite. Die trauernde Familie, die ihren Mann, Vater, Bruder usw. verloren haben. Sie werden zurückgelassen. Ohne Erklärung. Mein Beileid an all die Familien, die jemanden so haben gehen lassen müssen und keine Chance darauf hatten, das Blatt zu wenden.

Was bleibt uns? Was können wir daraus mitnehmen? Ändert sich etwas? Ich glaube nein. Denn wir – die tagtäglich, wöchentlich, unregelmäßig – darüber reden, werden das weiter tun. Wir werden wieder vor der Hürde stehen, es lauter in die Welt zu tragen, wenn der Ruf von Johannes leiser wird. Wir werden früher oder später wieder blöde Kommentare in Empfang nehmen und müssen damit umgehen. Weil wir uns der Welt stellen, weil wir zeigen wie es ist, wie es sich anfühlt, weil wir sensibilisieren und weil wir einfach authentisch sind. Hinter einem Pseudonym, mit einem Klarnamen oder irgendwie anders.

Was mir bleibt:
Hört auf, Menschen mit Depressionen zu bagatellisieren! Hört auf, die Depression zu verharmlosen. Sie endet viel zu oft tödlich! ZU OFT! Und viel zu oft müssen sich diese Menschen aus genau den Gründen verstecken, weil sie nicht ernst genommen fühlen. ZU OFT! Und viel zu oft schämen sich diese Menschen. Und sie haben Angst vor der Reaktion. Zu oft. VIEL ZU OFT.

Was euch bleibt:

Zuhören … nehmt euch einen Moment Zeit und hört zu, wenn jemand darum bittet. Nicht mehr, nicht weniger. Ein wenig sensibler mit solchen Themen und Krankheiten umzugehen. Und bitte nicht immer einfach alles ungefiltert ins Netz brüllen.

Wenn ich einen letzten Wunsch hätte, dann wäre es der hier: Schaut in jeder Situation gemeinsam nach vorn. Seit achtsam mit euch selbst und dann aufeinander. Macht die Welt im Großen wie im Kleinen wieder zu einem guten Ort. Lebt den Gedanken, dass das gemeinsam im Miteinander möglich ist, weiter. Das wäre mir ein letzter Trost. Vielleicht bekommt mein Dasein dann doch noch einen Sinn. [Johannes Korten]

… und genau darauf kommt es an. Miteinander. Menschlich. Achtsam. Passt auf euch und eure Liebsten auf! Und lasst uns das Internet zu einem besseren Platz machen. Für die Menschen, die es nicht schaffen, woanders Hilfe zu suchen und täglich mit sich kämpfen müssen.