Es gibt Umstände, die lassen dich – also mein – Handeln überdenken. Umstände, die dich nochmal aus der Bahn werfen. Umstände, die dir sogar ein Gefühl geben, dass du etwas tun oder zu Ende bringen musst, damit du deinen Frieden hast. Aber was genau? Der Reihe danach.

Das Buch. Sollte eigentlich Ende Januar auf dem Markt sein. Als Selbstverleger. Ohne Abhängigkeiten. Es ist auch fertig. Fast. Es war nur ein Klick, damit es losgeht. Fast. Es war alles bereit. Fast. Immerhin mache ich ja Vorlesungen und Vorträge. Immerhin. Das Buch? Ist fast fertig. Ich freue mich über jede – selbst organisierte und angefragte – Lesung. Sehr. Hildesheim, Hannover Leipzig, Hamburg. Bremen. Und jetzt Alfeld, Köln und. Und? Sarstedt. Da ist der Haken. Sarstedt! Heimatstadt. Der Ort, wo ich niemals – also wirklich NIEMALS – irgendwas machen wollte. Wollte, ja. Irgendwie kam das Gefühl in den letzten Wochen auf, dass ich es doch tun muss. Es muss einfach sein. Nicht Ende des Jahres, sondern so schnell wie möglich.

Sarstedt also. Dort, wo ich 20 Jahre aufgewachsen bin. Ortseingang, neben der (mittlerweile abgerissenen) Moorberg Ziegelei. Erste Abfahrt auf der B6 aus Richtung Hildesheim. Die Kurve, in der ich wach geworden bin, wenn wir aus dem Urlaub gekommen sind. Dort, wo ich meine Kindheit verbracht habe, die Schulen besucht habe, die Freunde (und Nicht-Freunde) hatte, verdammt viel erlebt und angestellt habe. Dort, wo all die Dinge entstanden sind, die mich heute hier irgendwie begleiten. Meine Eltern leben noch heute dort. Noch immer in der Wohnung. Viele andere auch. Und mich beschäftigt, wie es laufen wird. Wer wird kommen? Ist mir irgendjemand nicht wohl gesonnen? Und wenn ja, wird etwas passieren? Wie viele werden kommen? Ich weiß es nicht. Ich würde es gerne wissen. Ich würde gerne irgendwas abschätzen können, aber es geht nicht. Doch. Eines geht: Ich kann abschätzen, dass es ein emotional harter Weg wird, denn ich JETZT gehen muss. Für mich. Für mein Gefühl. Und um das letzte Kapitel dieses Buches zu schreiben. Seht es mir nach, dass es jetzt noch ein paar Tage dauernd wird – denn es wird keinen zweiten Teil geben.

Die (Ver-)Änderung. Zur Zeit passieren so viele Dinge, dass ich kaum mit dem Fühlen nachkomme. „Wo hast du bloß die Energie her, all das zu machen? Ich denke, du hast Depressionen!“ Nun ja, darf ich die nicht haben und doch etwas verändern? Darf ich nicht an meinem Leben arbeiten und es mir so gestalten, wie es mir möglich ist? Und darf ich nicht an mir arbeiten, um Fortschritte zu machen? Gibt es jemanden der das Recht hat, meine Depression zu beurteilen, zu bewerten oder zu kritisieren? Die Depression, die in vielen Facetten gleich erscheint, aber bei jedem anders ist, die jeder anders empfindet? Darf ich nicht endlich nach Jahren den Weg gehen, den ich mir erkämpft habe? Das hat sich geändert. Ich bin stolz. Ich bin zufrieden. Ich bin vielen Teilen meines Lebens sogar glücklich. Und ich verstehe mich. Ich verstehe viele meiner Gedanken. Und ich verstehe auch – jetzt Jahre später – viele Aussagen der Therapeuten, die mich zu der Zeit mehr wütend gemacht haben, als das es mir dort geholfen hat. Ich habe in kurzen 6 Monaten gelernt, für mich einzustehen. Ich habe gelernt, dass ich Geduld brauche, wenn ich etwas auf den Weg bringen möchte. Die Geduld hätte ich auch vorher mit mir haben dürfen, und nicht wütend darauf sein, dass eine Veränderung nicht so schnell geht. Geben wir den Fakten doch mal Namen.

Vor 4 Jahren hatte ich nichts. Nur einen großen Berg an Gedanken, die bewältigt werden wollten – oder mich immer wieder bewältigt haben. Und ich hatte jeden Tag die Gedanken, mich selbst zu töten. (Tschuldigung, so direkt ist das immer unschön, aber es ist „nichts als die Wahrheit“.) Heute? Gehe ich jeden Tag meinem Vollzeitjob nach – der wie bei vielen anderen oft anstrengend und nervig ist, aber ich tue es. Selbst da hatte ich den Mut zur Veränderung, der belohnt wurde. Ich schreibe hier regelmäßig. Ich habe es geschafft, mutig vor anderen zu stehen und über das Thema zu sprechen, anstatt mich meinem Gefühl hinzugeben. Das Ergebnis? Ich habe jeden Monat mindestens eine Lesung, Gesprächsrunde, Vortrag oder Plenum. Ich habe mit zwei Freunden eine Initiative (Sport gegen Depressionen) in die Welt gesetzt, die in kurzer Zeit nicht nur gehen kann, sondern läuft – manchmal sogar rennt. Die Resonanz ist manchmal so großartig, dass ich das alles nicht einordnen kann. Noch nicht. Ich habe die Aufklärung und die Wege für mich entdeckt – und sie fühlen sich richtig an. Das Wichtigste? Ich habe meine eigene kleine Familie, auf die ich sehr stolz bin. Der große Gewinn der letzten Wochen? Die großen Selbstzweifel rücken immer mehr in den Hintergrund.

Der Bock. Oder „die Böcke“. Es ist anders geworden. Für mich. Gerade erst habe ich noch über den Weg mit der Vergebung geschrieben und war festen Willens, das für mich zu machen, um nochmal Zeit mit den Eltern zu finden. Und dann? Wirst du quasi dazu gezwungen. Plötzlich bekommst du Zeitdruck. Und dir wird eine Ungewissheit aufgedrängt, wie viel Zeit da überhaupt noch ist. Chemo abgebrochen, keine Chance mehr. „Wir reden hier nicht über Jahre, stellen Sie sich auf Monate ein. Die Atemnot wird schlimmer, Sie werden Schmerzen bekommen. Der linke Lungenflügel ist stark, der rechte nicht so schlimm betroffen.“ Ich werde nach meinem Oppa (noch immer mit doppeltem P) nun auch meinem Vater dabei begleiten, zu sterben. Der Gedanke strengt mich an. Und ich werde versuchen, es wie bei Oppa zu halten. Seine letzte Reise bricht an. Wir wissen nicht, wie lange er unterwegs sein wird, aber wir haben die Chance, diese Reise zusammen zu machen. Wir können die Zeit noch anders gestalten, als es die letzten – eigentlich die ganze verdammte Zeit – war. Wir haben die Chance, jede Erwartung, jeden Groll, jede Enttäuschung beiseite zu schieben und darauf zu schauen, was wir eigentlich sind. Vater und Sohn. Und Vater und Vater. Und auch Großvater, Vater und Sohn. Wir sind zwei erwachsene Menschen, die es jetzt auf der letzten Reise besser machen können. Anders machen können. Vorurteilsfrei. Offen. Und es ist nach wie vor nicht schlimm, dass ich in manchen Teilen mein Vater bin – es ist gut, es ist wichtig. Das bewahrt mir die Erinnerung an gute Momente. (Ein Beispiel: Vorgestern habe ich in der Küche das Beitrittsformular für den Turnverein für meinen Sohn ausgefüllt. Ich habe meinen Vater gesehen. Der, der mein Formular ausgefüllt hat, als ich unbedingt Fußball spielen wollte. Es ist die Geschichte. Und die kann auch schön sein.)

Wenn der Tag des Abschieds kommt, werde ich nochmal fallen. Vielleicht nicht so extrem, weil ich mittlerweile reflektiert und strukturiert bin, aber es wird mich mitnehmen. Es ist planbar. Und ich kann für mich vorsorgen. Ich kann jetzt schon die Weichen stellen, damit mich jemand etwas auffängt, wenn ich gerade keinen Halt habe. Ich werde mich jetzt schon damit auseinandersetzen, damit am Ende nicht der große Schlag kommt. Auch das verändert mich. Der Tod. Die Gewissheit sterben zu müssen, haben wir alle. Wir schieben es nur solange weg, bis es soweit ist. Es ist jetzt soweit. Und es ist nicht mein Tod. Einen Tod durch mich selbst werde ich nicht mehr in Erwägung ziehen. Das macht mich anders. Ich liebe das Leben, mein Leben – mit allen guten und schlechten Tagen. Ich habe laufen und stehen gelernt. Ich bin erwachsen. Jetzt.

Falls in dieser Zeit ein paar Dinge auf der Strecke bleiben, dann tut mir das Leid. Es gibt Prioritäten, die dann einfach in den Vordergrund rücken. Für jetzt.