Nur ein einziges Mal in über 20 Monaten wurde mir gesagt, dass es unverantwortlich wäre, als depressiver Mensch ein Kind zu bekommen. Ich würde mich nicht ausreichend kümmern können, die Krankheit wäre vererbbar, über kurz oder lang müsste ich sowieso wieder in eine Therapie und meine Frau die ganze Last tragen. Kurz gesagt: hast oder hattest du eine psychische Erkrankung, darfst du kein Kind bekommen! Ich weiß, dass es viele Mütter und Väter gibt, die trotz der Erkrankung ein wundervolles Leben führen (können), und dadurch auch eine ganz andere Einstellung zum Leben gefunden haben. Auf der anderen Seite schwingt natürlich eine kleine Gefahr immer mit – es wäre aber vermessen zu sagen, dass psychische Krankheiten der Auslöser wären. Ich habe keine Zweifel mehr.

In fast jeder Lesung werde ich gefragt, ob mein Sohn mir eine Stütze ist. Ich werde auch gefragt, wie der Alltag an schweren Tagen trotzdem funktioniert. Und viel öfter werde ich gefragt, ob mein Sohn bzw. meine Familie mich vor einem Suizid bewahren würde.

Also habe ich mir ein paar kleine Regeln auferlegt. 5 Dinge, die ich als depressiver Vater immer wieder tun muss, damit ich das Schubladendenken erfülle und mich der Krankheit hingebe. Das ist ja auch viel einfacher.

1. Zieh dich zurück und rede nicht!
Die wichtigste Regel von allen! Sei niemals präsent und zieh dich so oft es geht zurück. Immer wieder. In den Trotz- und Mamaphasen bist du eh nicht erwünscht, wirst abgewiesen und bist – nach deinem Verständnis – nicht liebenswert! Also? Zieh dich zurück, mach dich unsichtbar und gib dich deinem negativen Gefühl und den Gedankenkreisläufen hin. Du bist eh nicht wertvoll, es fällt nicht auf!

2. Nicht reden, nicht spielen!
Wenn du dich nicht zurückziehen willst, dann rede wenigstens einfach nicht mehr. Und bitte spiel nicht mit deinem Kind. Es könnte am Ende noch meinen, dass du dich einbringen möchtest und es dich doch noch mag. Vor allem niemals irgendwelchen Quatsch und lustige Dinge anstellen, das Kind könnte es mögen und du selbst musst womöglich lachen. Lachen?! Oh. Mein. Gott.

3. Das Familienleben ist tabu
Geh einfach nicht mehr als Familie raus. Lass die beiden doch gehen, du selbst bleibst drinnen. Es macht schließlich mehr Spaß, sich über das Nichtrausgehen und die jetzt verschenkte Zeit zu ärgern. Du kannst das, da bin ich mir sicher. Regel ist eben Regel.

4. Interessiere dich nicht.
Gott sei Dank bist du ja mindestens 8 Stunden arbeiten. Du stehst vor den beiden auf, kommst nachmittags wieder und musst an guten Tagen dieses Familiending nur 3 bis 4 Stunden ertragen – wenn du dich nicht versteckst oder die beiden alleine rausgehen lässt. Wichtig ist: Interessiere dich nach dem Arbeitstag nicht für die Familie. Und frag auch bloß nicht nach. Schon gar nicht zuhören, wenn dir jemand was erzählt. So bist du schneller wieder in deinem Gefühl, dass du nicht wertvoll und geliebt bist.

5. Entlaste nie die Frau!
Richtig. Lass sie alles machen. Vor allem muss sie das Kind ins Bett bringen und morgens aufstehen, damit es gar nicht erst in Versuchung kommt, dich zu einem dieser Zeitpunkte interessant zu finden und dich sehen zu wollen. Außerdem gibt es für sie so mehr Möglichkeiten, dir Vorwürfe zu machen oder enttäuscht zu sein. Das gibt dir mehr Raum für Gedankenspiele. Gut, oder?

Gefahr erkennen – aus Liebe handeln

Um die Fragen aus der Einleitung zu beantworten: uns war zu jeder Zeit bewusst, welche Gefahr eine psychische Krankheit mit sich bringt. Uns war auch bewusst, dass ich eventuell ausfallen könnte, weil es mit großen Schritten rückwärts gehen sollte. Das sind aber auch nur Gedankenspiele. In der Zeit, seitdem mein Sohn da ist, gab es nicht einen einzigen Tag mit Ausfall ihm oder der Familie gegenüber. Liebe ist die Grundlage für die Entscheidung. Liebe auch, weil wir dann zusammen alles tragen können.

An manchen Tagen musste ich mich durchbeißen, weil sie so verdammt schwer waren. Gerade jetzt, wenn der kleine Mensch mehr nach Mama verlangt, als nach mir. Ich weiß, ich bin nicht der Auslöser, es liegt nicht an mir, es ist einfach eine Phase. Manchmal kratzt das doch an einem guten Gefühl, es stellt aber niemals infrage. Ich kann damit umgehen. Nein, an schlechten Tagen kann ich mich kaum einbringen. Ich gehe vielleicht sogar ne Zigarette mehr rauchen, um mich herauszunehmen, aber ich laufe nicht weg oder verstecke mich. Denn: ich genieße jede Zeit mit meinem Sohn. Ich möchte mich nicht verstecken. Ich möchte alles bewusst wahrnehmen. Ich möchte ihn erleben und sehen, wenn er wieder neue Dinge gelernt hat. Wusstet ihr, wie niedlich es ist, wenn Kinder das Nicken und Kopfschütteln entdecken? Hach!

Bewusst darauf einlassen und Momente wahrnehmen

In vielen Teilen des Alltags ist der Kopf mit Denken beschäftigt und lässt gar keinen Raum für neue Informationen – oder sie sind nur für einen kurzen Moment gespeichert. Vergessen ist ein Teil der Krankheit. Ich möchte nicht vergessen, ich möchte erleben. Alles. Ja, manchmal vergesse ich auch was. (Ich weiß, dass meine Frau an dieser Stelle eine Augenbraue ermahnend hochziehen wird.) Trotzdem: ich lasse mich auf ihn ein und bekomme so sehr viel gute Zeit geschenkt. Ich vergesse die negativen Gedanken, die mich vorher beschäftigt haben. Ich passe auf, dass ich auch mit dem Kopf bei ihm bin. Gerade auch, weil er fordert und dabei so viel zurückgibt. Bedingungslos. (Nein, nicht nur Krankheiten.) Ich müsste die Frage nach der Stütze also mit ja beantworten, aber nicht wegen ihm, sondern durch ihn. Er ist eine feste Säule in der gewonnenen Stabilität. Es ist aber auch immer wieder an mir, wie ich damit umgehe und mich darauf einlasse.

Zwing dich mal zum Guten – und rede!

Es gibt Momente, da ist es nicht besonders gut. „Ich fahr eben die Sachen allein einkaufen, das geht schneller“, schwingt es unausgesprochen in meinem Kopf. Es schwingt auch mit, dass ich einen Moment fliehen kann und im Auto Ruhe finde. Unausgesprochen! „Nimmst du den Sohn mit?“ Plötzlich genervt, die Hoffnung zerrupft, dass da, was ich nicht wollte. Natürlich bin ich mit dem Sohn los, es war ein Gewinn für alle. Also? Manchmal braucht das Glück etwas Zwang.

Nichts hält mich auf

Machen wir uns nichts vor, Suizidgedanken kommen nicht, weil die Belastung niedrig ist. Sie sind da, weil das eigene vermeintliche Leid zu groß und die Belastung mit der Krankheit, den Gedanken und Nebenerscheinungen nicht mehr tragbar ist. Für einen selbst. Ich lebe mit diesen Gedanken – ja noch immer, immer mal wieder – aber freundschaftlich und als kleine Mahnung, achtsam zu sein. Ich weiß aber auch, dass mich in dem Moment eines festen Entschlusses nichts aufhalten wird. Der Kopf ist in den Momenten nur noch darauf forciert, das eigene, nicht mehr aushaltbare Leid zu beenden. Es gibt keinen Raum mehr für andere Gedanken. So schwer und schrecklich es auch ist. Es ist einfach ehrlich. Und genau deshalb ist es für mich wichtig rauszugehen, aufzuklären und Menschen zu verbinden. Wir können einen Suizid verhindern. Wenn wir reden.“

Ein Fazit

Es ist nicht immer leicht, mit der Krankheit in einer Familie oder Beziehung zu leben. Dennoch lohnt es sich. Immer wieder. Ich liebe es, Papa zu sein. Ich liebe meinen Sohn. Und ich bin dankbar für meine Frau, die in schweren Momenten mehr mitträgt, als sie müsste. (Und mich auch mehr Termine und Projektarbeit machen lässt, als sie müsste.) Wichtig ist, immer wieder den richtigen Fokus zu finden und die 5 Regeln nicht einzuhalten. Niemals. Finde ein Gleichgewicht und sei offen für das, was die Kinder zurückgeben. Es gibt jeden Tag die Chance für eine gute Veränderung.

P.S. Es ist jetzt 7.02 Uhr, mein Sohn wird wach und ich werde es jetzt genießen, mit ihm aufzustehen.