Nochmal: Hilfst du dir schon selbst? Oder wartest du noch darauf, dass dir jemand hilft und dir sagt, dass du irgendwann geheilt bist? Selbsthilfe. So schwer und doch so wichtig. Natürlich kannst du jetzt wieder sagen: „Hier, ey der Bock, der ist eh schon so weit mit seinem therapeutischen Zeug, der hat leicht reden“, kannst du, dann sind wir aber nicht auf einer Wellenlänge. Selbsthilfe. Habe ich lange nicht verstanden. Wie soll ich mir selbst helfen, wenn ich gar nicht in der Lage bin, irgendwas zu tun? Und wie soll ich mir selbst helfen, wenn ich eh schon mehr dafür hasse, dass ich keine Veränderungen schaffe? Ich weiß es nicht! Natürlich kann ich mir alle Infos und Hilfen anlesen, aber …

Wie weit komme ich mit dem Wissen? Kann ich das überhaupt anwenden? Muss mir das jemand zeigen? Ja. Natürlich muss mir das jemand zeigen. Wozu gibt es denn die ganzen Therapeuten, bei denen ich eh kaum Termine bekomme? Die müssen da sitzen und den Menschen erklären, was sie zu tun haben. Und auch ich gehe zum Therapeuten, um mir sagen zu lassen, was und wie ich etwas zu tun habe. Ich erwarte und fordere das sogar von meinem Therapeuten! Wenn ich das alleine könnte, müsste ich da doch gar nicht hingehen, richtig?

Sẹlbst·hil·fe – die Handlung, ein Problem selbst aktiv zu lösen; nicht zu warten

Selbsthilfe. Was ist denn nun alles Selbsthilfe? Ja, ich kenne Selbsthilfegruppen – aber den Rest? Muss ein Therapeut machen. Oder ich sitze es aus, bis es nicht mehr weitergeht. Ist das wirklich eine Alternative? Leider viel zu oft ja. Weil ich gerade am Anfang nicht wusste, wie ich mir selbst helfen kann. Vor allem hatte ich auch gar keinen Antrieb, irgendwas für mich zu tun. Wie willst du auch was verändern, wenn du es kaum schaffst, für deine Hygiene oder andere Dinge zu sorgen? Immerhin hat mein Kopf für mich gesorgt – damit es nicht besser wird. Er hat nicht zugelassen, dass ich die Sichtweise mal etwas ändere. Selbsthilfe also. Ich warte nicht darauf, dass jemand etwas für mich löst, sondern mache es selbst.

Ja, auch Therapiegespräche sind – wahrscheinlich nicht nur meiner Meinung nach – immer nur eine Anleitung zur Selbsthilfe. Ich rede zwar über mich und kann meine Probleme erzählen, doch sind es nicht die Fragen des Therapeuten, die mich in die richtige Richtung lenken dürfen? „Was macht das mit Ihnen?“ „Welches Gefühl löst das in Ihnen aus?“ „Was wären Sie denn ohne diesen Gedanken?“ Tolle Fragen! So abscheulich sie in den schweren Phasen waren, so sehr mag ich sie heute. Alle! Sind die Fragen und Aussagen sind nicht einfach nur ein Anstoss, damit ich selbst erkennen kann, was ich verändern könnte? Natürlich geht das nicht in ein paar Therapiegesprächen. Das ist ein Prozess, der auch seine Zeit in Anspruch nimmt. Und dann ist auch nicht mal sicher, ob das im ersten Anlauf klappt. Vielleicht bin ich ja noch gar nicht bereit, auf all die Dinge zu gucken? Vielleicht kann ich auch noch gar nicht von dem negativen Gedanken loslassen, weil er mich in irgendeiner Form noch beschäftigt. Vielleicht erwarte (Da! Da ist es wieder! Erwartungen!) ich auch einfach zu viel, verspreche mir die falschen Dinge oder habe Angst vor der Veränderung – weil ich es gewohnt bin so zu sein.

Therapie- und Gruppengespräche sind Hilfe zur Selbsthilfe – ich muss alleine gehen!

Heute – ein paar Jahre, Therapieversuche, einschneidende Erlebnisse und jeden Tag mit dem Thema beschätigen später – bin ich um einiges schlauer und reifer. Ich bin nicht raus, aber ich habe verstanden, was meine Therapeuten mir mit auf den Weg geben wollten. Aus meinem: „Naja, hat ja wieder nichts gebracht“, wurde ein: „Ich habs verstanden. Es hat zwar Zeit gebraucht, aber ich habs verstanden.“ Letztlich haben sie mir die richtigen Anstöße gegeben, um heute alleine zu laufen. Manchmal humple ich ein wenig wie ein angeschossener Eber, aber hey, ich laufe! Hilfe zur Selbsthilfe. Auch heute sind die Gespräche noch eine Hilfe für mich, um mich selbst aus den Krisen zu holen. Die Gespräche, Entspannungsübungen, progressive Muskelentspannung, Kunsttherapie, Bewegungstherapie, Gruppentherapie und all die anderen kleinen Faktoren, die mittlerweile dazugekommen sind, haben meinen „Notfallkoffer“ randvoll gefüllt. Und doch halte ich immer noch ausschaue, reflektiere, überprüfe, probiere aus, tausche mich aus und biete heute die Hilfe zur Selbsthilfe selbst. Herrje, was habe ich Gruppentherapie gehasst. Genauso wie eine Selbsthilfegruppe. Heute weiß ich, welchen Nutzen diese Gruppen haben.

In Gruppen überwindet man seine Krisen gemeinsam!

Nein, ich möchte hier keine Lanze brechen für die Selbsthilfegruppen, das kann ich nicht. Jeder muss auch da selbst entscheiden, ob und inwieweit das etwas für ihn ist. Ich mag keine Zwänge. Und ich mag es auch nicht gezwungen zu sein, in einer Gruppe zu erzählen, wie meine letzten 2 Wochen waren. Und nein, ich habe auch nicht immer ein Thema, über das ich reden möchte. Manchmal bin ich einfach auch schon aus einer Gruppe „herausgewachsen“. Dennoch: Die Gruppen sind überall. Und sie sind wichtig. Gerade dann, wenn man keinen Therapieplatz findet. Oder aus der Therapie kommt und „noch nicht fertig“ ist. Es ist toll, auch in seiner Umgebung Menschen mit einem ähnlichen Thema zu treffen und einfach mal rauszukommen (sagt der, der eh schon nen randvollen Alltag hat). Der größte Gewinn? Ich kann aus den Erzählungen und Erfahrungen anderer eine Menge mitnehmen. Ich kann – ich muss nicht. Bitte aber auch mit Vorsicht: Wer zu einer Gruppe geht, sollte wirklich auch den Willen haben, seine Situation ändern zu wollen. Auch mit Rückschlägen. Die Gruppe fängt das auf. Vor allem sind Gruppen auch nur eine Ergänzung – eine wichtige! – zu professionellen Angeboten.

„Die Alternative ist, mich in mein Schicksal zu ergeben. „

Das ist keine Alternative. Niemals. Doch der Gedanke ist nachvollziehbar, weil Therapiewege und Veränderungen einfach Zeit brauchen. Mehr Zeit, als viele andere Dinge. Und sie erfordern Kraft, Mut, Schweiß und Tränen. Die Frage ist: Bin ich bereit, diesen Weg zu gehen? Bin ich bereit, das alles zu ertragen und dadurch zu lernen? Möchte ich wirklich aktiv etwas an mir gestalten, oder verdränge ich lieber? Auch das Verdrängen ist in Ordnung, dann dauert es eben noch etwas. Wir entscheiden ja selbst, wohin der Weg gehen soll. Was aber niemals passiert: Du gehst zu einem Therapeuten, in die Klinik, einem Heiler oder sonstwohin und der sagt dir nach ein paar Wochen: „Herzlichen Glückwunsch, ich habe Sie geheilt, Sie sind wieder gesund.“ Oder glaubst du wirklich daran, dass genau das passieren wird? Falls ja, und falls dir das passiert ist, schreib mir bitte. Ich werde meine Meinung darüber umgehend korrigieren. Ansonsten bleibt: Es liegt an dir, was sich verändert. Nicht an den Menschen, die dir Helfen, um dich rum sind oder oder oder.

Jeder Weg, jede Information, jede Entscheidung kann eine Hilfe zur Selbsthilfe sein – selbst die Entscheidung den Weg mit Therapeuten oder Klinikaufenthalten zu gehen. Hab Mut für den ersten Schritt. Manchmal hast du schon eine helfende Hand im direkten Umfeld, die den Weg mit dir zusammen gehen. Sei achtsam. In der Zwischenzeit? Helfe ich mir noch ein bisschen selbst. indem ich meine Gedanken Farbe verleihe und mir die schwarz/weiß vor Augen führe, um den Fokus wieder etwas zurechtzurücken.

P.S. Eine Frage noch: Macht die Selbsthilfe nicht viele Therapeuten überflüssig? Nein! Selbsthilfe ist eine wichtige Ergänzung. Immer. Du kannst aber entscheiden, wann du damit anfängst.