Eine Woche bin ich jetzt wieder zu Hause. Eine Woche wieder arbeiten. Eine Woche Alltag. Die Zeit davor? Sieben verdammt gute Tage in Dänemark. Ich war das erste Mal in Nordeuropa. Ich war in einem Ferienhaus und habe eine wundervolle Küstenlandschaft erlebt. Mit Wasser, Wellen und Wind. Die drei existenziellen W im Leben. Kaffee würde auch noch dazukommen, aber der fängt ja nicht mit W an. Und alle guten Dinge sind eben drei. Gut war vor allem auch, dass ich eine Woche richtig entspannen konnte – aber das ist und war nicht immer so.

Wenn es nach mir geht, würde ich so oft wie möglich einfach ans Meer wollen. Wir würden das wollen. Die Weite, der Sand, die wechselnden Gegebenheiten, der Wind, die Stille und so viel zu entdecken, wenn man sich auf das ungezähmte, wilde Meer einlässt.

„Egal wie weit du fährst, deine Gedanken kommen mit!“

Warum aber wollen wir immer weg von allem? Warum suchen wir andere Umgebungen? Und warum haben wir ständig das Gefühl, dadurch würde alles besser werden – wenn es doch wieder gleich ist, wenn wir zu Hause ankommen? Es ist doch gleich, wenn wir wieder zu Hause sind, oder? Ist es bei dir so? Ich wollte dieses Mal nicht weg. Ich habe es mir gewünscht. Und ich habe mich sehr darauf gefreut, dass erste Mal in meinem Leben nach Nordeuropa zu fahren. In einer kleinen Familienkutsche mit Dachbox, einem Ferienhaus mit Blick auf den Limfjord, nur ein paar Kilometer von der Küste in Thyborøn und Bøvbjerg Fyr entfernt. Dänemark. Eine ganze Woche Dänemark. Es war – ich wills echt kurz fassen – grandios. Es war aber auch eine Woche Test, inwieweit mich die Gedanken begleiten. Natürlich sind sie mitgekommen – da muss ich mir absolut nichts vormachen. Natürlich wollten sie ein paar Mal zuschlagen, erfolglos.

Endlich war ein Urlaub oder Kurzurlaub mal keine Flucht. Denn Flucht ist es oft, wenn man „einfach nur weg“ will. Flucht vor dem Alltag, den Gedanken, den Gefühlen, den Unzulänglichkeiten, dem „zu viel“ im Alltag, oder sogar zu wenig. Flucht vor all den Dingen, auf die ich auch nicht gucken konnte. All die Dinge, die mich belastet und aus dem Leben genommen haben. Sorgen, Ängste, Wut, Traurigkeit, Unzufriedenheit, Leere. Wer auf der Flucht ist, kann auch gar nicht entspannen. Er muss ja ständig aufpassen, dass ihn nicht einer dieser Verfolger einholt. Am Ende ist eine Flucht kein Urlaub. Ja, sicher, etwas Entspannung kann es in der Zeit geben, aber die Verfolger sind. Spätestens zu Hause warten sie Hände reibend. Und dann? Geht es eben so weiter wie vorher. Und ich kann mich ärgern, dass ich nichts verändert habe. Wie denn auch, wenn ich nur mal am Wochenende kurz wegkomme, oder eine Woche weg bin? Und so ein „Urlaub“ kann auch nichts verändern. Er schafft maximal die kurze Entspannung – wenn die Gedanken nicht mitkommen.

Das Ganze kann sich auch noch wunderbar dramatisieren, wenn man die Erwartungen an den Urlaub sehr hoch legt. Gutes Wetter, viel Ruhe, viel Spaß, ne Menge Entspannung, tolles Essen, viel Zeit für schöne Dinge. Und dann? Passiert einfach mal nichts von all dem. Oder die Fahrt ist schon schrecklich. Oder das Wetter ist einfach nicht so toll. Zack! Los gehts mit dem Gedankenkreislauf und Selbstvorwürfen. Immer und immer wieder. Natürlich kann ich die Woche dann mit rumiegen und kaum Bewegung verbringen. Am Ende der Woche kann ich mich dann wenigstens ärgern, dass ich auch das wieder nicht geschafft habe. Enttäuschungen durch Erwartungen. Und dann Enttäuschung über die Enttäuschung. Immerhin klappt sowas dann noch sehr gut.

Lass dich auf die Dinge ein, die du siehst und wahrnimmst.

Achtsamkeit. Bewusste Wahrnehmung. Nicht reden, sondern aufnehmen. Wirken lassen. Abspeichern. Das ist ein – mein – Weg in die Entspannung. Na und? Haben wir nicht. Wir haben uns arrangiert. Es ging. Der Weg dorthin? War steinig. Es war endlich ein Urlaub, in dem ich nicht permanent an schlechte Post gedacht habe. Es war ein Urlaub, in dem das finanzielle – bis auf die dauernde Umrechnung – keine große Rolle gespielt hat. Es war ein Urlaub, in dem auch Nieselregen nicht an der Stimmung gekratzt hat. Es war ein Urlaub, den ich genießen konnte. Ich bin diesmal nicht mehr Kind. Wir haben nicht an das angeknüpft, was wir kennen. Was ich gelernt habe? Der Weg bis hierher war gut. Sehr gut. So gut, dass so ein Urlaub möglich ist, dass ich gerne die Verantwortung trage, dass es vernünftig geplant war, dass nicht alles in Dänemark schmeckt, dass die Ruhe in dem Land mehr als schön ist, dass sich viel geändert hat. Ich bin etwas traurig, dass es „nur“ eine Woche war. Nicht, weil ich gerne länger geflüchtet wäre. Nein. Ich wäre einfach gerne länger dort gewesen, um noch mehr zu entdecken. Ich habe gelernt, die kleinen Dinge bewusst wahrzunehmen. Wir sind eben nicht mehr allein und müssen Rücksicht auf die Schlafgewohnheiten von unserem Sohn nehmen. Und doch haben wir die Tage nicht bewusst vollgepackt, sondern haben uns bewusst für Dinge entschieden, die dann einfach reinpassen. Ich muss nicht rumfahren und auf Teufel komm raus Sightseeing betreiben, um abgelenkt und beschäftigt zu sein. Ich brauche keinen Stress, keinen Zeitdruck. Ich kann auch mal runterfahren und das Knistern des Feuers im Kamin genießen. (Was anderes: Wie bekomme ich jetzt in die Mietwohnung so einen schnuckeligen Kamin eingebaut?!)

Ich bin nicht frei, aber stolz.

Ich bin nicht frei von Gedanken. Sie begleiten mich, egal wohin ich fahre. Vielleicht hatte ich Glück, dass die Woche reibungslos abgelaufen ist. Vielleicht war es auch Können mit erlernten Mitteln. Ich bin stolz. Stolz, dass ich so ein Leben jetzt leben kann und erkenne, worauf es ankommt. Es kommt nur darauf an, wie ich für mich sorge. (Ja, die Gedanken haben mich am ersten Abend auch zu Hause eingeholt. Es hat mich etwas zurückgeworfen, aber es war machbar. Es war kein Rückschritt. Es war Erkennen. Erkennen, dass da was ist. Erkennen, dass ich jetzt damit umgehen sollte, damit ich wieder in die Arbeitswoche starte.)

Und jetzt? Würde ich gerne nochmal 2 Wochen nach Dänemark.
Ich bin da schon ein kleines bisschen verliebt – auch wenn ich meine Gedanken mitnehme.