In meinen depressiven Episoden ist im Regelfall alles schwarz. Nicht bunt, nicht grau, auch nicht graumelliert, schon gar nicht hellgrau, sondern schwarz. Dunkel mit Aussicht auf gar nichts. Und wenn alles so dunkel und schwarz ist, kann auch gar keine Laune entstehen – außer eben der schlechten, die mich dann manchmal auch wütend macht, weil ich es nicht akzeptieren möchte. Dabei weiß ich es doch besser. Es gibt die Tage, ich kann eine Menge dagegen tun, mache es aber nicht und harre der Dinge die da … tja … eigentlich nie kommen. Können sie auch nicht, denn ich male grundsätzlich auch alles um mich herum schwarz an. Und weil das so viel einfacher ist, als sich auf die „guten“ Dinge zu konzentrieren, habe ich für mich 5 Tipps, damit es noch schlechter wird, denn der Kopf weiß seit je her: „Du schaffst es nicht. Das war schon immer so. Und wenn das jetzt schon beschissen gelaufen ist, ist der Tag eben hin.“

1. Es ist schlecht, es war schlecht, es wird immer schlecht bleiben
Natürlich kann ich wie jeder andere Mensch morgens aufstehen und gute Laune haben. Ich kann mir meinen Kaffee machen, mein Frühstück einpacken und fröhlich pfeiffend zur Arbeit fahren. Muss ich aber nicht! Es gibt immer mal nicht so gute Phasen – das kennen alle. Also fange ich morgens schon an: „Heute wird kein guter Tag auf der Arbeit. Ich habe das Gefühl, dass heute eine Menge schief läuft. Und die sind alle wieder doof zu mir. ALLE! War ja schon oft genug so. Heute bestimmt auch.“ Zack, Laune gedrückt. Der Gedanke wird ein Gefühl und lässt den Körper nicht in den Normalzustand fahren. Immerhin: Der Anfang ist gemacht – dennoch gehts los. Weil ich an schlechten Tagen nicht 8 sondern 12 Minuten fahre, habe ich 4 Minuten mehr Zeit, um mir meinen Tag jetzt schon zerreden zu lassen: „Da kommt heute bestimmt noch mehr. Irgendwelche Absagen, ungeplante Rechnungen, Sachen die dir nicht gefallen.“ Ich glaube das auch. Das ist wichtig! ICH MUSS DAS GLAUBEN! Sonst kann es ja gut werden. Da es die letzten 15 bis 20 Jahre irgendwie immer schlecht war, bleibt es auch so. Punkt. Der Tipp: Hast du das Gefühl es wird gut, denke es schlecht. Wenigstens darauf kann ich mich verlassen.

2. Der Tag ist schon mittags gelaufen – such das Negative!
Läuft so ein Tag nur wider aller Erwartungen (da sind sie wieder!) doch ganz gut, such ich einfach das Negative an den Erlebnissen. Das ist nach wie vor einfacher, denn „Gutes“ kann und darf mir nicht einfach widerfahren. Ein abgesagter Abend mit Vortrag eine Woche vor dem Termin ist etwas, was mich aus der Bahn wirft. „Ich kotze. Das geht nicht. Das war ja klar, dass das passiert. Ich halte durch und dann sowas. NIE läuft es richtig gut. NIE geht es ohne Probleme. IMMER muss ich mich um was kümmern.“ Genau so funktioniert das Denken richtig, damit ich in den Negativkreislauf komme. Ja, das ist ein aktuelles Ereignis. Ja, ich habe innerhalb von zwei Stunden eine Alternative gefunden, die – wie ich finde – besser passt. „Eine Alternative ist nie so gut wie deine erste Wahl!“ Stimmt. Ich wollte ja gerade positiver werden. Also? Gebe ich mich dem hin. Ich hab zwar was geschafft, aber es ist keine optimale und tolle Lösung. Ich WOLLTE es ja anders haben. Und das andere war gut. Viel besser. Das war auch schon immer so, sagt mein Kopf. Es war noch NIE von vornherein gut. Es darf gar nicht gut sein. Und wenn doch? Dann suchen wir – mein Kopf und ich – mittags schon nach gründen, warum es das nicht ist. Der Tipp: Lass es nicht zu, gut zu werden. Such endlich wieder das Negative. Das kannst du. Richtig. Weil es einfacher ist, mich genau dem hinzugeben. Veränderung ist Arbeit.

3. Stell dich direkt an den Berg!
Mein letzter Therapeut hat mir mal versinnbildlicht, wie nah ich am Berg stehe, wenn ich nur noch die Flut von Problemen und unüberbrückbaren Hürden sehe. Mit einer Imaginationsübung hat er mich vom Berg weggelotst. Das war vielleicht toll. Es sah plötzlich so einfach und alles machbar aus. Sah! Wenn ich auf den Berg will, muss ich also auch wieder näher ran. Da ich schnell hoch will, stelle ich mich direkt ran. Und da ist er dann wieder, der Haufen an Problemen. Sehr gut. Endlich wieder das erdrückende Gefühl, das alles nicht bewältigen zu können. Endlich wieder das Gefühl, nichts zu leisten und überflüssig zu sein. Und endlich wieder die Chance in die „Sinnlosigkeit“ zu rutschen. Es macht ja nun mal auch keinen Sinn, wenn ich nur noch Probleme vor mir herschiebe. Die kurzen, guten Momente – mehr ist es ja zum Glück nicht, kann ich dabei prima vergessen. Da ich faul bin, gehe ich den Berg nicht hoch. Ich bleib da stehen. Das ist doch alles so viel einfacher und weniger anstrengend, sagt mein Kopf. Vielleicht kommt ja sogar irgendwann eine Lawine, die mich überrollt. Hatten wir ja schon mal. Ich bin es also gewohnt. Der Kopf? Hätte dann noch einen Grund mehr, mir irgendwas zu zitieren. Vor allem aber einen Grund, mich hämisch auszulachen. Also der Tipp: Bleib nah am Berg. Beweg dich nicht weg. Sieh deine Sorgen IMMER als einen großen erdrückenden Haufen. Auch das funktioniert immer und gibt mir eine erschreckende Sicherheit.

4. Achte nicht auf deine Bedürfnisse
Jeder Mensch möchte einem anderen – oder vielen anderen Gefallen. Ich auch. Wisst ihr eigentlich, was das für harte Arbeit ist, es wirklich allen Recht machen zu müssen? Jedem seine Wünsche zu erfüllen und keine eigene Meinung zu entwickeln? Das ist der Weg des geringsten Widerstandes. Wen interessiert schon, was mir gut tut? „Ich mache doch immer alles für andere, wann machen die mal was für mich?“, schallt es wieder im Kopf. Natürlich sind meine Bedürfnisse irrelevant, es soll mir ja auch nicht gut gehen. Für mich einzustehen und meine Wünsche zu äußern könnte ja Gegendwind und Ablehnung bringen, da muss ich die auch nicht offen aussprechen. Für wen auch? Für mich? Nö. Es ist doch so viel einfacher, das Verhalten abzurufen, was ich immer hat, weil ich um Liebe, Aufmerksamkeit und Wertschätzung gebettelt habe. Ich muss mich dem einfach hingeben – wie schlecht ich mich fühle, dass ich nichts für mich mache und auch nichts zurückkommt, ist die logische Konsequenz. Es klingt so verlockend einfach. Der Tipp dafür: Es ist egal, was du willst. Versuch es immer – wirklich immer – allen Recht zu machen. Schlichte jeden Streit und mach dich kleiner, als du bist. Nimm Schuld auf dich, die du nicht hattest und rechtfertige dich. Rechtfertigen macht richtig Spaß. Es bringt nur nichts, außer einem überflüssigen Gefühl.

5. Erwarte immer, dass der Tag nicht besser werden kann!
Da sind sie. Die Erwartungen. An mich. An andere Menschen. An Umstände. An Gegebenheiten. Das ist der letzte – und beste Tipp. Immer wieder. Einfach immer erwarten, dass es alles genauso schlecht weiterläuft. Ein Beispiel? Gut. Hier: Der Tag gestern war geprägt von vermeintlichen Rückschlägen. Ich war mittags wirklich soweit, den Tag abzuhaken. Und abends dann noch eine Lesung. Wieder die Umstände vom letzten Mal, die für mich nicht optimal waren. Es kann also nicht gut werden. Ich fühle mich jetzt schon schlecht. Es wurde anders. Der Abend lief anders ab, ich wurde wertgeschätzt – von dem Menschen, mit dem ich eigentlich nicht „warm geworden“ bin. Ich hatte plötzlich Freiheit. Ich habe aber erwartet, dass es schlecht wird. Dementsprechend frustriert bin ich auch schon losgefahren. Ich habe nicht mehr gesehen, für was oder wen ich das mache. Ich habe nur meine Erwartung gesehen. „Es ist 14 Uhr, der Tag hat theoretisch noch 10 Stunden, um gut zu werden.“ Danke für den Hinweis. Erwartungen waren schon immer das Salz in meiner Suppe. Herrgott nochmal! Ich will aber erwarten, dass es schlecht ist! Das ist nämlich viel einfacher, als dieser Gedankenüberprüfungskram. Der Tipp also: Erwarte IMMER, dass es schlecht wird. Das kennst du ja. Warum soll es auch gut werden? „Das Gesetz der Anziehung.“ Denke ich schlecht, wird es schlecht. Erwarte ich es, werde ich enttäuscht. Gestern habe ich immerhin meine Erwartung enttäuscht, weil es nicht so wurde wie es mein Gefühl mir vorgemacht hat.

Ein kleines Fazit
Jeden Tag habe ich die Möglichkeit, jeden meiner Tipps zu befolgen. Ich habe aber auch die Möglichkeit, es nicht zu tun. Ich muss nicht so denken. Ich kann genauso gut entscheiden, wie mein Tag wird. Es ist nicht alles wahr, was ich denke – schon gar nicht, was ich fühlen (muss). Und erst recht nicht das, was aus Gedanken entstanden ist, die nicht wahr sind. Ja, das ist Therapiegequatsche, aber es stimmt. Oft genug. Du hast die Chance, die Sicht auf die Dinge zu ändern. Nein, nicht der Spruch mit dem Glas. Meins ist weder halb voll, noch halb leer. Ich trinke mein Glas immer aus. Das ist nämlich gut, weil ich mich um meine Bedürfnisse kümmern kann. Warum soll ich auch ein Glas stehenlassen? Ich hab ja Durst. Durst, in mein Leben zu finden und die Teile zu behalten, die ich schon verändern konnte. Ich bin durstig darauf, noch viel mehr von „diesem Leben“ zu haben. Es klappt nicht immer. Es braucht Zeit. Vieles braucht Zeit. Und vor allem meine Geduld mit mir selbst.

Ich versuche jeden Tag genau das Gegenteil von den Tipps zu machen. Das schafft sehr viel Freiheit und Leben. Ich bin trotzdem froh, diese Tipps noch zu haben. Ich kann ja jederzeit zurückgehen in die Negativspirale. Zu wissen wie es funktioniert, ist ein Anker – wenn auch ein komischer. Ich bleibe trotzdem durstig auf Veränderung und trinke mein Glas aus. Prost!