Ich sitze auf der Arbeit. Es ist erschreckend ruhig heute. Unser Familienauto hab ich heute vor der Arbeit zur Werkstatt gebracht, ist ja „umme Ecke“. Irgendwas mit Quietschen und Geruch und irgendwie. Sollen sie halt mal drüber gucken, wird schon nichts sein. Ist ja auch gar nicht so dramatisch. Außerdem ist die letzten Male auch immer alles gut gegangen und sehr glimpflich abgelaufen. Der Meriva ist eine treue Seele, der kämpft sich da durch. Und es ist nun wirklich nicht schlimm, wir haben ja den Wagen der Schwiegereltern als Ersatz hier. Dramatischer wird es, wenn das Handy blinkt. „Die Servo hat auf dem Hin- und Rückweg nicht funktioniert.“ Gefühle von Panik machen sich breit. Nicht, weil ich heute abend noch zur Lesung muss, sondern ob alle gut wieder zu Hause ankommen. Panik macht sich breit, weil die Schwiegereltern noch im Urlaub sind. Und auch, dass der Spaß Geld kostet. „Wird ja nur die Servoflüssigkeit sein“, beruhige ich mich. Immer wieder. Immer und immer wieder. Blöd nur, dass die Werkstatt das nicht ganz so sieht. Am Familienauto sind die Bremsen fest. Am Schwiegerauto ist der Behälter durchgegammelt. Beide müssen bleiben. So wie mein Fahrrad, das auch bis Donnerstag noch in der Werkstatt steht. Zwei Autos und ein Fahrrad mal eben weg.

*Edit: Dieser Beitrag ist KEIN Aufruf zur Unterstützung, er soll einfach nur den Berg an Gedanken zeigen, die kleine Ereignisse mit sich bringen. Er soll zeigen, wie schnell es wieder in die großen Spiralen der Gedankenwelt geht. Nicht mehr.

Wie organisieren wir das? Wer kommt wann wie wo hin? Eigentlich darf kein Fortbewegungsmittel ausfallen, wir leben aufm Dorf. Und die Kosten? Und was ist mit heute Abend? Wie komme ich jetzt nach Hildesheim, um nen Mietwagen zu holen? Auch das kostet! Und wie soll ich das von hier alles organisieren? Und was ist mit Jonas? Ich komme hier nicht weg, die Frau muss gerade alles machen, der Bengel muss Mittagsschlaf machen. Ich weiß es nicht.

Ich fühle mich überfordert. Ich will was tun, sitze aber fest. Hier am Schreibtisch – und in meinen Gedanken. Ich hab das Gefühl, dass alles zusammenbricht. Angst, dass sich all meine Ersparnisse für die Familie an einem Tag in Wohlgefallen auflösen. Plötzlich ist das weg, was mich so stolz gemacht hat. Das, was uns so frei von Abhängigkeiten macht.  Nein, ich definiere mich nicht über Geld, aber ich möchte es auch nicht leichtfertig hergeben. Nicht so. Plötzlich ist wieder alles da, was mich die Jahre über beherrscht hat.

„Du schaffst es einfach nicht! Du kannst nicht mit Geld umgehen. Du bist es nicht wert, dass du ein gutes Leben führst. Glaub nicht, dass die guten Monate anhalten. Jetzt kommt das Schicksal wieder. Du bist wieder dran. Und du wirst es wieder sein. Du kannst es einfach nicht! Deine Eltern werden immer Recht behalten: Aus dir kann einfach nichts werden! Und was das mit dem Job für ein Abstieg ist. Du hättest alles haben können, wenn du dich nicht so dumm angestellt hättest. So kannst du deine Familie nicht ernähren. Du wirst scheitern. Immer wieder. Du wirst dich niemals ändern. Hör auf dich zu belügen! Nichts hast du im Griff. Nichts. Du bist lächerlich, wenn du das glaubst. Die letzte Zeit war also völlig umsonst. Lass es am Besten gleich sein. Und wie unverantwortlich ist es denn bitte, dass Frau und Kind in der Mittagshitze drei Kilometer alleine laufen müssen?

Ich bin wütend. Wütend, weil es mich so erdrückt. Die Angst. Angst, die mich wieder kleinhalten will. Ja, ich habe Angst, dass es wirklich passiert. Ich möchte nicht alles weggeben, ich möchte weiter stolz sein. Ich möchte nicht wieder von vorne anfangen zu sparen. Ich möchte das einfach nicht! Ich möchte weiter diese Freiheit, an der wir so hart gearbeitet haben. Ich möchte doch einfach nur leben! EINFACH LEBEN! Die Tränen drücken. Sie bleiben, wo sie sind. Immerhin bin ich am Arbeitsplatz. Dennoch bin ich unruhig. Ich fühle mich wie der Tiger im Käfig, der raus muss zum Laufen. Und doch fühle ich mich handlungsunfähig.

Es ist ein verdammt schmaler Grat zwischen dem Organisieren und Kämpfen, und dem Hingeben. Es ist wieder so verlockend nah. Hingeben. Hingeben in die graue Zone, nichts machen, mich ergeben, mich leiden sehen, nicht weiterreden, das Drücken hinnehmen, mich völlig aus dem Alltag nehmen, nicht weiterkommen, jegliche Lust an allem verlieren, zurückziehen. Die Grenzen verschwimmen oft. Und ich weiß, dass es hier nicht ums Geld geht. Es geht um die Flut an Problemen, die plötzlich vor uns liegen. Zwei Autos fallen aus, Fahrrad fällt aus. Wie organisieren wir das jetzt? Das ist das einzige Problem.

Ich habe Angst, dass heute noch mehr kommt. Ja, ich rechne damit. Anstatt einfach zu genießen, dass der Tag schön ist, wir die Probleme – auch mit erheblichem Aufwand – gelöst haben, es dennoch irgendwie funktioniert und ich heute auch in Osterode sein werde, so sehr versteife ich mich auf die negativen Gedankenspiele. Ich kann das sehr gut. Nur abschalten kann ich gerade nicht. Ich sitze hier gefangen am Schreibtisch und habe Zeit, darüber nachzudenken, was alles noch kommen kann. Und ich habe Zeit, all die beschissenen Erlebnisse wieder auszupacken. Auch das kann ich gut. Im Moment fühlt es sich gar nicht mal so schlecht an, mich der erdrückenden Last hinzugeben. Es ist einfacher. Ich bin vielleicht auch einfach kaputt vom Denken. Ich brauche davon eine Pause.

So schön wie Verantwortung sich anfühlt, so schwer ist sie manchmal. Auch genauso schwer, sie abzugeben oder nicht eingreifen zu können. Ich habe die Kontrolle über mein Leben gewonnen. Ich möchte es nicht mehr hergeben. Ich möchte aber auch einfach nicht diese Extreme fühlen. Ich möchte einfach kurz sauer sein, dass sowas passiert und dann weitermachen. Ich möchte nicht mehr in meinen eigenen Vorwürfen hängenbleiben. Machen wir uns nichts vor, ich werde das ein paar Tage mitschleppen. Natürlich mache ich das. Da ändert es auch nichts, wenn ich: „Wenigstens kein Unfall. Du machst keine neuen Schulden. Es hat doch geklappt“, denke. Mein Berg ist gerade groß. Und an Tagen wie heute habe ich das Gefühl, Frau und Kind im Stich zu lassen. Es ist doch auch meine Verantwortung, in solchen Situationen zu helfen und zu unterstützen. Und jetzt? Müssen sie das mittags alleine machen, ich bin nur kurz zu Hause und heute abend auch noch wieder unterwegs. An dieser Stelle kann ich die Geschichte auch noch weiterspinnen. Nein! Nicht ich. Mein Kopf.

„Du bist gar nicht so ein toller Vater, wie die Bilder das immer zeigen. Scheiß auf deine tollen Texte und Gefühle, wenn es darauf ankommt, bist du nicht da. Das ist nun mal tagsüber, da sitzt du in deinem tollen Büro und bist eben nicht da. Und abends? Auch oft genug weg. Ein toller Vater bist du. Wirklich toll.“

Es ist gleich Feierabend. Heute eher. Ich muss ja den Mietwagen holen. Ich werde heute abend lesen und reden. Und zwischendurch für die beiden zu Hause da sein. Ich habe keinen Einfluss auf die Ereignisse. Ich kann daran wachsen. Der Tag wird irgendwann durch sein, ich werde die Anspannung verlieren und es bestimmt schaffen, die Flut der ertränken Gedankenspiele zu beenden. Wenn nicht heute, dann morgen.