„Ich werde niemals empfehlen, Tabletten oder Antidepressiva zu nehmen, aber einen Rat habe ich: Verlieben. Verlieben ist das beste Mittel gegen die grauen Tage. Das hat mir vor fünf Jahren super geholfen. Ganze zwei Wochen lang.“ Wer mich schon reden gehört hat, wird diese Aussage kennen. Verlieben ist etwas ganz besonders Schönes. Die Hormone drehen durch, ich fühle mich wahnsinnig gut, alles ist blendend toll und … tja, irgendwann ist auch das vorbei. Das Gefühl bleibt nicht. Es ist ein kurzes Aufflackern von dem, was sein könnte – wenn ich denn überhaupt in der Situation bin zu fühlen. Will ich fühlen? Kann ich fühlen? Ist es wieder nur die Suche nach etwas, was mir eine Frau nicht geben darf und kann? Was suche ich überhaupt? Und warum bin ich jetzt nicht mehr gut drauf? Wieso ist eigentlich doch jeder irgendwie für sich?

Ich bin 36 Jahre alt. Ich hatte tolle Beziehungen. Keine stand unter einem guten Stern, denn keine war das, was eine Beziehung sein sollte. Denn keine Beziehung hatte die Liebe, die sie hätte haben müssen. Beziehungen funktionieren nicht gut, wenn einer etwas sucht, der andere es aber absolut nicht geben kann. Sie funktionieren auch nicht gut, wenn einer nach der schönen Verliebtheitsphase wieder in seine dunkle, abgeschnittene und triste Welt zurückgeht und sich mit Lügen abgrenzt, an nichts mehr teilnehmen und teilhaben kann. Sie kann doch gar nicht funktionieren, wenn einer nur ständig damit beschäftigt ist – nein, nicht damit, sondern mit sich selbst beschäftigt ist und versucht zu leben. Oder zu überleben. Oder irgendwie wieder ins Leben zu finden.

Beide sind Teil der Lösung!

Immer und immer wieder lese ich Beiträge, was Angehörige machen sollten. Das ist gut. Das ist wichtig. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Es gibt bei sowas immer zwei Seiten. Und wenn beide etwas davon haben wollen, muss Kommunikation her – denn beide müssen auf sich achten. Ich bin oft daran zerbrochen, nicht das zu bekommen, was ich suche und möchte. Oder auch oft gebraucht habe. Partner zerbrechen daran, hilflos mit angucken zu müssen, dass sie nicht weiterkommen, der Partner sich immer mehr zurückzieht und selbst die lieb gemeintesten Angebote ausgeschlagen werden. Selbst abgenommene Aufgaben werden dann negativ gewertet. Aber warum? Kann es nicht sogar sein, dass ich mich eh mutlos fühle und nur mal jemanden brauche, der mich an die Hand nimmt und sagt: „Komm, wir machen das heute mal zusammen.“ Zusammen! Ich habe niemanden gebraucht, der meine Aufgaben erledigt. Genau das hat mich noch mehr zurück geworfen. Ich habe mich seit Ewigkeiten wertlos gefühlt, das Abnehmen der Aufgaben hat mir nur gezeigt, dass ich das auch alles einfach nicht kann. Das gefundene Fressen für den Kopf. Noch wertloser. Noch erniedrigter. Ja, es ist aber auch völlig richtig, dass der Alltag laufen muss, die Aufgaben müssen gemacht werden – ich konnte es einfach nicht. Allein. Ich konnte mich nicht allein dazu aufraffen. Es war zu viel. Der Partner? Ist müde von der Doppelbelastung, hat noch weniger Zeit für sich und sorgt oft auch gar nicht mehr richtig für sich, weil er plötzlich zwei Leben verantworten und regulieren muss. Was hilft? Kommunikation. Miteinander. Eines der größten Probleme – nicht nur bei psychischen Erkrankungen – sind unausgesprochene Erwartungen und Frust. Frust, der genau dadurch entsteht. Beide sind extremen Belastungen ausgesetzt. Und ja, beide bräuchten in der Situation Hilfe. Ja, ich weiß, Hilfe anzunehmen ist schwer, gerade wenn man immer alles im Griff haben muss. Dennoch ist es unerlässlich.

Die Alternative? Keine. Oder?

Einer gibt auf, weil keiner mehr redet. Die Alternative ist keine Alternative. Sie ist die Konsequenz aus dem, was über eine lange Zeit passiert. Beide isolieren sich und verlernen miteinander umzugehen. Sie verlernen vor allem zu reden. Und wenn sie noch reden, dann meist in Vorwürfen, wie anstrengend der andere doch ist und was er vermeintlich alles falsch macht. Aber ist das dann auch die Wahrheit? Ist es das, was wir sagen wollen? Oder ist genau das einfach der Ruf nach Hilfe, der Ruf nach: „Hör mir bitte zu und nimm mich ernst?“ Von beiden Seiten! Respektvolles Zuhören und ausreden lassen. Und nein, ich muss nicht alles verstehen müssen, was ein Mensch denkt. Ich kann auch ehrlich sagen: „Du, ich komm da nicht hinterher. Das ist mir zu viel. Ich kann das nicht nachvollziehen, aber ich respektiere, dass es dir gerade so geht. Ich bin hier, wenn du mich brauchst.“ Das ist ehrlich. Das tut nicht weh. Das ist auch Selbstfürsorge. Abgrenzen aus den vernichtenden Gedanken des einen, hinein in die eigenen Gedanken und Wünsche. Hört doch endlich auf, euch in den eigenen 4 Wänden für sowas anzukeifen, nieder zu machen, oder zu drangsalieren. Ihr habt euch für die Liebe und diesen Menschen entschieden, tretet in solchen Momenten aber alles mit Füßen. Es kann nur zusammen funktionieren! Ja, natürlich muss in solchen Phasen einer etwas mehr Last tragen, die ist aber nicht so viel größer, wenn ihr zusammenhalten könnt.

Die Wahrheit über eine Beziehung ist aber auch, dass es über längere Zeit zu Entbehrungen kommen kann. Liebesbekundungen, wundervolle Ausflüge, Sex, tolle Partys oder Spieleabende – weg. Einfach erstmal weg. Und doch gibt es immer wieder kleine Zeichen von Liebe. Achtet darauf. Und vergesst nicht dabei, warum ihr euch mal für diesen Menschen entschieden habt.

Es geht um Respekt – nicht Verständnis!

Viele schreien danach, endlich verstanden zu werden – oder Verständnis für ihre Situation zu bekommen. Geht es wirklich darum? Geht darum, dass jemand verstehen soll, wie es mir geht, was ich falsch denke, warum der Fokus nicht richtig ist, warum ich Suizidgedanken habe, warum ich alles in meinem Kopf kleinrede, warum ich nicht handlungsfähig bin, warum ich Hilfe möchte, warum ich mich nicht ausdrücken kann oder andere Dinge? Ich glaube nicht. Wie soll denn jemand das alles verstehen, wenn er das nicht selbst erlebt hat? Wie soll sich jemand, der das nicht durchmachen musste, in mein Denken hineinversetzen? Und wie soll ich das jemanden so greifbar erklären, dass er es im Erzählen erlebt? Verständnis haben zu wollen, baut unnötigen Druck auf, der nicht erfüllt wird. Wieder eine Erwartung. Wieder kann der Kopf sagen: „Siehste, war doch klar! Niemand hat Verständnis für dich!“ Und ja, das ist verdammt einfach so zu denken.

Also? Versuchen wir es doch mal mit Respekt. Respekt ist etwas, was ich eh immer haben sollte. Fühlt es sich nicht merklich besser an, wenn jemand ehrlich und respektvoll sagt, dass er mich nicht versteht? Andersrum sollte ich auch aber genauso respektvoll damit umgehen, dass mein Partner für sich selbst sorgen muss und etwas für sich tut. Vor allem auch, dass er nicht 24/7 greifbar ist und sich für meine Belange einsetzt. Das ist nicht egoistisch, das ist einfach nur wichtig. Selbstfürsorge. Für beide.

Keine Angst vor Hilfe von anderen Menschen

Wer Hilfe braucht, soll sich Hilfe holen. Selbsthilfe zum Beispiel. Es gibt nicht nur Gruppen für Betroffene, es gibt auch Selbsthilfegruppen für Angehörige. Ja, der Begriff ist auch mit etwas Klischee behaftet, aber warum? Nennen wir es anders. Austauschrunde. Angehörigen-Kaffee-Treff-Quassel-und-Auskotz-Runde. Oder wie auch immer. Aber sorgt für euch! Ihr könnt nicht die ganze Last alleine tragen. Wenn doch, verneige ich mich respektvoll. Auch wenn ihr zusammen nicht zurechtkommt, bittet Freunde um Hilfe, wendet euch an andere Stellen, geht zusammen zum Therapeuten, nutzt die Telefonseelsorge, die Mailberatung, tauscht euch mit anderen aus, seid zusammen stark – aber verharrt bitte nicht stocksteif in Erwartungen, Ängsten, Frust und Druck. Darauf kommt es an.

Depressive Episoden verlaufen unterschiedlich. Auch unterschiedlich lang. Ja, ich nehme euch jetzt den Mut, dass es mit ein paar Pillen und ein paar Therapiestunden getan ist. Ist es oft nicht. Manche leiden Jahre daran. Dennoch sind alle diese Menschen wertvoll und lebensfähig. Und ihr habt die Chance, in eurer Beziehung dafür zu sorgen, dass ihr gemeinsam damit umgehen könnt. Die Krankheit bestimmt oft viele Teile des Lebens – gerade wenn es eben mal nicht gut ist. Dann greift Respekt. „Ich respektiere, dass es dir im Moment nicht gut geht und du nicht mit zu dem Geburtstag kommen kannst. Für heute ist das so. Morgen können wir ja vielleicht zusammen mal 10 Minuten vor die Tür und etwas spazieren.“ Respekt. Nicht mehr, nicht weniger.

Die Chance für alle

Es ist durchaus nicht alles schlecht. Es kann eine Chance sein und die Beziehung stärken. Der Weg ist anstrengend, kraftraubend und hart – auch hier für beide Seiten (Lasst das mit den Vorurteilen!). Es ist eine Chance, euch anders kennen- und liebenzulernen. Das klingt total verrückt, ja. Und das klingt auch wieder so psychologisch. Herrgott, es ist doch aber so! Wenn ihr lernt, die Sicht des anderen zu respektieren und zu akzeptieren, dann seid ihr sehr viele Schritte gegangen. Und wenn ihr nun noch versucht, den Menschen an sich überhaupt nicht zu ändern, sondern so zu akzeptieren, wie er ist, dann seid ihr sehr weit gekommen. Eine unvermeidliche Trennung, weil einer von beiden seine Last nicht mehr tragen kann, muss nicht immer das ganz große Ende bedeuten. Auch das kann die Selbstfürsorge sein, die jemand für sich betreibt und sich so aus der Situation nehmen muss – um wieder ein Stückchen zu leben.

Während der depressiven Episoden sind wir in einer Beziehung alle irgendwie verwaist. Respektiert euch, nehmt euch Zeit, findet einen Kanal zum Reden, gebt euch nicht so einfach auf und achtet auf die Aussagen zwischen den Zeilen. Ich wünsche mir das. Für euch.

Der Wunsch der Angehörigen

Ich muss zugeben, dass ich erst jemanden Außenstehenden bitten wollte, doch mal einen Wunsch an Betroffene zu verfassen. Ich hatte diesen Wunsch schon. Seit Ende 2013, als ich meine Frau gefragt habe, wie sie mich wahrnimmt. Die Worte wirken. Noch immer.

Ich möchte an alle Betroffene appellieren – Depressionen oder generell psychische Erkrankungen sind keine Schande! Sie können uns alle treffen und in der heutigen Zeit ist es auch aufgrund der Lebensumstände keine Seltenheit. Versucht ehrlich zu eurem engsten Umfeld – insbesondere zu euren Partnern – zu sein, die sind eure wichtigsten Vertrauten! Es ist für euch und auch für uns „Angehörige“ wichtig. Wir können euch nur zur Seite stehen und für euch da sein, wenn wir wissen, was mit euch los ist. Auch in der Zeit ist Ehrlichkeit das A und O. Wir alle sind auch nur Menschen, können nicht hellsehen, können nur hören, sehen und fühlen. Wenn wir von euch keinen Ansatz zur Hilfe bekommen, sind uns einfach die Hände gebunden. Sagt uns, wenn es euch schlecht geht, erzählt die banalsten Gedanken, versteckt euch nicht. Viele „Depressionisten“ sind auch gute Schauspieler, was euch sicher in dem Moment, aber nicht auf lange Zeit hilft. Versucht das Gesagte nicht auf die Goldwaage zu legen – wir sind vielleicht ehrlich, aber eine verschobene Denkweise lässt auch vieles bei euch falsch ankommen. Depressionen sind eine schwierige Erkrankung, nicht nur für Betroffen, sondern auch für alle anderen im Umfeld – aber ihr könnt sie so gut wie möglich einbeziehen. Und vor allem ist es keine Schande sich Hilfe zu holen. Aus eigener Erfahrung weiß ich jetzt: Therapien sind keine roten Sofas und Therapeuten keine Menschen, die sorgen-, fehler- und problemfrei sind!

Auch die therapeutischen Wege können Irrgänge und Sackgassen sein, aber lasst euch davon nicht entmutigen. Menschen können dir nur helfen, wenn sie auch wissen, was mit dir ist!

Alles in allem bleibt: Gebt einen Weg nicht einfach auf. Nicht heute. Morgen kann es auch sein. Oder du entscheidest dich wieder dagegen. Was heute schlecht ist, muss morgen nicht so sein. Und wenn doch? Gibt es übermorgen eine neue Chance. Und niemand muss diesen Weg vollkommen alleine gehen.