Sollten wir nicht eigentlich eine Einheit sein? Mein Körper und ich? Immerhin steckt mein Kopf auf diesem Körper. Und ich werde beides nicht austauschen können. Zu keiner Zeit. Wie das wohl ist, sich in seinem Körper „wohl zu fühlen“? Die Frage stelle ich mir jetzt schon … ewig. Immerhin habe ich es geschafft, diesen Körper allen extremen auszusetzen, die mir zur Verfügung standen. Ich kann ja schon fast dankbar sein, dass er noch immer mit mir funktioniert. Besser gemacht hat es das trotzdem nicht. Zu keiner Zeit. Ja, ich habe eine Essstörung. Na und? Sie ist Teil der beschissenen Maschinerie meiner Gedankenwelt. Sie ist Teil meines Lebens. Noch.

Ich würde gerne mal aufstehen, mich angucken und sagen können: „Hey, gut siehst du heute aus.“ Nun ja, ich mache das sogar. Ich habe einfach Glück, dass der Spiegel im Badezimmer nur den Kopf bis zur Brust zeigt. Den Kopf mag ich. Gut, die immer weniger werdenden Haare am Hinterkopf nicht, aber die sehe ich zum Glück nicht. Der Rest? Passt.

Leben in Extremen

Ich habe keine guten Gene abbekommen. Ich hätte von vornherein auf meine Ernährung achten sollen, dann wäre mir vieles erspart geblieben. Kannst du dir vorstellen wie es ist, mal zwei oder drei Tage nichts zu essen? Oder den ganzen Tag nichts zu essen, aber abends. Und dann so viel, dass du das Gefühl hast, dich nicht mehr bewegen zu können? Die leichteste Übung für mich. Ich habe tagsüber nicht mal ein Hungergefühl. Ich bin es nach all den Jahren einfach gewöhnt. Und wenn es doch mal aufkommt, geht das auch wieder weg. Konzentrationsprobleme? Kein Thema.

Als Kind habe ich kompensiert. Ich habe mich mit Schokolade vollgestopft, mein Frühstück war oft vorbereitet (es sollte ja niemand die Küche dreckig machen) – es war eine Ersatzbefriedigung. Ich hab zugenommen. Schön war es nicht. Und es hat sich nicht gut angefühlt. Später musste das irgendwie wieder runter. Ich habe mich von 140 kg auf 90 kg runtergehungert. Ja, runtergehungert. Ich habe über Tage nichts gegessen. Und wenn doch, dann nur eine kleine Scheibe Brot mit Butter. Es hat doch funktioniert! Es war mir doch völlig egal, wie gesund das ist. Irgendwann habe ich mich damit sogar bestraft. „Du darfst nicht essen, wenn du es nicht schaffst, dein Verhalten zu ändern.“ Auch DAS hat funktioniert. Gut sogar. Blöd nur, dass mein Körper anderer Meinung war. Ab da hat er beschlossen, sich Reserven anzulegen. Ich hab aufgegeben. Ich hab mich einfach wieder falsch ernährt. Die Bestrafung hat nicht funktioniert, dann eben wieder andersrum. Ungesunde Ernährung. Fast food. Egal was, rein damit. Nicht in Massen, aber zu falschen Zeiten. Vor allem immer wieder das falsche Essen. Faszinierend, wie schnell so ein Körper wieder bei über 120 kg ist.

Quälen konnte ich mich dennoch. Wie? Den ganzen Tag nichts essen und noch Sport machen. Ich war nicht kaputtzukriegen. Der Körper war es nicht. Keine Kreislaufprobleme, nichts. Es hat nicht funktioniert, mein Bild von mir zu zerstören. Ich habe es nicht geschafft, mich müde zu bekommen. Klar, ich war auch mal schlapp, aber es hat doch immer funktioniert – wenn ich mal rausgehen konnte. Auch heute geht das noch. 9 Stunden Arbeiten, nur Kaffee und Zigarretten, Nachmittagsprogramm, kurzes Abendbrot und dann los und walken. „Mal eben ne kleine Runde. 7,5 Kilometer.“ Und weil das nicht reicht, um mich völlig mürbe zu machen, sind mittlerweile kurze Sprints dazwischen. Ich würde auch 10 oder 15 Kilometer machen, aber dann reicht die Zeit einfach nicht. Irgendwann muss ich ja auch ins Bett. Ich habs mit nem Fitnessstudio probiert, damit das wenigstens vernünftig laufen kann. Hat es sogar. An den Probetagen. Als ich selbst entscheiden durfte, was und wieviel ich mache, habe ich auch gerne mal ein paar Kilogramm mehr auf die Geräte getan.

Der Selbstwert und die Prägung

Ich weiß nicht, warum wir anderen Menschen ein Schönheitsideal aufdrücken müssen. „Markus, hast du schon abgenommen“, fragte Omma immer wenn ich sie besucht habe. Immer! Direkt mit jeder Begrüßung. Und in dem Moment hätte ich mir wieder Schokolade reinstopfen können. Es gab auch immer welche. Als Geschenk, zwischendurch, einfach so, als Dessert. Oder Eis. Eis ging ja immer. „Markus, hast du schon abgenommen?“ Was diese Frage wohl mit mir gemacht hat, wenn ich dicklich bin und es nicht schaffe abzunehmen, fast kein Selbstbewusstsein habe und kein Gegenmittel finde? Es hat mich noch kleiner gemacht, als ich mich eh schon gefühlt habe. „Oh, hast du wieder abgenommen, du siehst gut aus“, hallte es an anderen Tagen durch den Flur. Keine Ahnung. War mir egal. Darum ging es mir nicht mehr. Abnehmen, zunehmen, wegnehmen – hinnehmen, das war es. Hinnehmen, dass ich fett bin und nicht gut. Oder irgendwie sowas. Die Beziehung zu meinem Körper war geprägt von Vorgaben, wie ich auszusehen habe. Vor allem verletzen mich – auch lustig gemeinte Sprüche – zu meinem Aussehen doch sehr.

Heute? Sehe ich irgendwie aus. Wenn alles in Hemd und Hose steckt, ist es auch nicht so schlimm. Das darunter? Habe ich kaputtgespielt. Überall Dehnungsstreifen. Arme, Bauch, Beine. Überall. Abnehmen, zunehmen – wieder hinnehmen, dass das die Hautlappen an der Taille nicht mehr ohne OP wegzubekommen sind. Ich kann mir das nicht immer angucken. Ich muss aber. Ich muss ja mit mir in die Dusche. Und ich musste das auch nach dem Fußball. Entweder war ich der letzte, wenn alle anderen schon fertig waren, oder ich bin einfach erst zu Hause unter die Dusche. Dann lieber durchgeschwitzt in die Straßenbahn. Heute? Möchte ich immer noch nicht mit anderen duschen. Ich möchte noch immer nicht komplett nackt sein. Ich muss mich überwinden, ins Freibad zu gehen. Ich schaffe es nicht, oben ohne in der Sonne zu sitzen. Entweder im Shirt, offenes Hemd oder Unterhemd. Ich kann einfach nicht offen zeigen, was ich selbst sehen muss. Sicher schneide ich so meine eigene Freiheit ab, es geht aber nicht anders. Ich muss dafür einen guten Tag haben. Einen wirklich guten Tag.

Klamottenqual

Wie eingeschränkt ich mit „ein paar Kilo zu viel“ bin, zeigen immer wieder die Einkäufe. Ich kann nicht überall hingehen. Es gibt nur ausgewählte Läden. Und meistens gibt es nicht mal XXL, sondern nur bis XL. Oder die Sachen sehen einfach bei mir – ich bin 36, nicht 56 – beknackt aus. Falls es in anderen Geschäften mal was gibt, ist es zu teuer. Tja, Pech gehabt, Bock! Dann musst du abnehmen. Super. Ich konnte mich mal auf die Hemden verlassen. Da ging es nach Kragengröße und der Schnitt war einheitlich. Gott sei Dank gibt es heute Slimfit, Bodyfit und normal. Im Regelfall gefallen mir Hemden, die sich dann als Slimfit herausstellen. Also ne Nummer größer nehmen, weil es ja tailliert ist. Größere Kragenweite sieht aber auch beschissen aus. Also Shirts. Shirts fallen auch oft genug so blöd, dass ich meine Unförmigen Massen an der Taille sehe. Die Ständige Suche nach etwas passendem und immer die Frage, ob es das auch in meiner Größe gibt. Gibt es meistens – nicht. Es macht keinen Spaß, ehrlich nicht. Also bin ich auch hier wieder dazu gezwungen, mich in die Abnehmspirale zu begeben. Hemd in der Hose, Hemd aus der Hose, Weste drüber, Jacke nicht ausziehen, Schal ummachen. Ich habe genug Strategien, um mein Ich zu kaschieren und zu verstecken. Es könnte mir alles egal sein, ist es aber nicht. Ich fühle mich nicht wohl, dick und unförmig, „über“ und vor allem sehe ich das auf Fotos. ICH sehe das!

Erzählt doch, was ihr wollt!

Ich mag Komplimente. Ich mag die sogar sehr. Sie interessieren mich nur nicht. Für den Momemt. Vor allem dann nicht, wenn ich mich eh nicht gut fühle – dann verpufft es. Ich höre es, aber nehme es nicht wirklich wahr. Es ist mir schlichtweg egal. Auch wunderbare Aussagen, wie ich mich doch mal wahrnehmen soll, oder dass alles doch gar nicht so schlimm ist. „Stell dich nicht so an.“ Doch! Doch, verdammt nochmal, ich stelle mich an, weil ich damit nicht umgehen kann. Ich kann nicht damit umgehen, dass ich aussehe wie ich aussehe. Ich will nicht mal „schön“ sein, ich möchte es nur anders haben. Eigentlich sind doch noch ein paar Tipps hilfreich, wie ich abnehmen oder was verändern soll, oder? Hatten wir ja auch lange nicht. Lasst gut sein, ich quäl mich weiter. Und ich übertreibe weiter, weil ich messbare Erfolge brauche. Ich muss mir selbst bestätigen, dass ich noch was kann.

Ich brauche kein Schönheitsideal, ich habe keine Wunschvorstellung mehr, ich sehe realisitisch jeden Tag, was ich erreichen kann. Es geht mir nicht mehr um Zahlen auf der Waage. Es geht mir nur noch um eine gesunde Ernährung. Vernünftig sollte sie vielleicht auch sein. Immerhin habe ich es verbessert und esse öfter am Tag. Sogar morgens schon Obst. Ich könnte ja Glück haben, dass es auch am Gewicht was bringt. Das darf es. Ich werde mich aber noch eine Weile schämen. Für das, was ich meinem Körper angetan habe. Zwei Jahrzehnte.

Wünsch dir noch was

Ich wünsche mir, dass ich mich regelmäßig dem Sport widmen kann. Ich mag es, mich zu bewegen – es passiert nur nicht regelmäßig und zu selten. Ich sage immer noch, dass ich kein Läufer bin. Vor allem macht es keinen Spaß, 114 kg ins Laufen zu bekommen. Ich hab es probiert. Es war gar nicht schlecht. Ich würde gerne joggen lernen, ich schäme mich aber noch. Kommt mir jetzt nicht mit positiven Glaubenssätzen wie: „Du machst wenigstens was für dich, die anderen nicht. Ist doch egal, wie du dabei aussiehst.“ Das ist es mir ja eben nicht. Noch nicht. Ich wünsche mir, dass ich meine Ernährung noch etwas mehr umstellen kann und davon profitiere. Vernünftig, ausgewogen, keine zu großen Mengen. Ich wünsche mir, dass ich nicht mehr das Gefühl mit mir haben muss, dass ich den Körper verstecken muss, weil ich mich nicht zeigen kann. Ich wünschte, ich hätte diese Baustellen schon auflösen können. Ich wünsch mir nicht, toll und wunderbar auszusehen. Ich wünsche mir einfach nur, mich wohlfühlen zu können. Mit mir.

Warum? Weil ich bei Zweifeln und ausbleibender Bestätigung vieles sofort auf mich zurückführe und infrage stelle. Auch das. Erlernte Gedankenspiralen kann ich eben nicht so einfach verlernen. Nicht so einfach, wie ich es mir wünsche. Die Wahrheit: Auch wenn ich mich oft selbstironisch betrachte, schwingt da sehr viel Zweifel, Angst und Unmut mit. Nur ich kann das auflösen. Nur ich kann das Wohlfühlen steuern. Und nur ich kann das zulassen. Ich weiß, ich kann das schaffen. Das letzte Jahr hat mir viel Mut und Selbstvertrauen gegeben – ich habe es mir erarbeitet. Ich werde auch andere Wege gehen können. Diesen zum Beispiel. Nach und nach, nicht alles auf einmal. Der schwerste Weg ist – wieder mal – einfach nur die Akzeptanz dessen, dass es ist wie es ist.