Tage, die wieder mal so anstrengend wirken. Tage, die einiges an Kraft kosten. Tage, an denen ich nicht sehe, wer ich bin. Tage, an denen ich Konfrontationen ausgesetzt bin, die einiges in mir aufwühlen und ich eigentlich wehement gegen angehen möchte. Tage, an denen ich nicht mehr sehen kann, dass ich im „Hier und Jetzt“ bin. Tage, an denen ich alles hinterfrage, was ich gerne machen möchte, gemacht habe und vor allem erreicht habe. Stolz? Zufrieden und Glücklich? Darf ich nicht sein! Das sagt mir mein Kopf. Das sagt jeder einzelne Gedanke. Das, was ich jeden Tag – seit Jahren! – denken muss, weil ich daraus noch keinen Ausweg finde, ist die Wahrheit. Das ist meine Wahrheit. Wäre es anders, würde ich doch auch die guten Seiten sehen. Oder? Würde ich das wirklich? Warum sehe ich sie eigentlich oftmals nicht?

Warum ist die Banane krumm? Warum zog eigentlich nie jemand in den Urwald? Und warum frage ich mich immer so oft nach dem Warum? Warum kann ich nicht das noch verändern, was mich belastet? Weil ich es noch nicht kann. Warum. Die sinnvollste Frage auf dem Weg zu mir, aber auch die schlimmste Frage, wenn ich gerade wieder eine negative Denkweise habe. Dann frage ich nicht reflektiert, dann frage ich destruktiv und werde immer eine negative Antwort finden. Immer und immer wieder. „Warum hast du heute morgen nur deine Banane mitgenommen?“ Weil ich den Rest vergessen habe. Ich vergesse viel im Moment, wenn ich es mir nicht aufschreibe. Vergessen ist blöd. Ich habe schon oft was vergessen. Schön, dass mein Gehirn immer noch genau weiß, was ich wann und wie vergessen habe. Ein banales Beispiel, oder? Aber genauso banal sind oft die Auslöser. Ob ich mir die Frage nun selbst stelle, oder wer anders das macht.

Die Suche nach dem Grund

Eigentlich suche ich immer nach einem Grund – für positive oder negative Ereignisse. „Hallo Markus, du bist einer der Preisträger für den Blogfamilia Award 2017.“ „Hä? Warum das denn? Ich passe doch mit meinem Thema da gar nicht rein.“ Ganz automatisch suche ich händeringend nach einer Antwort, warum etwas NICHT so ist. Sollte ich mich nicht einfach freuen? „Hallo Herr Bock, wir würden Sie gerne bei uns mit einem Vortrag haben.“ „Öh. Mich? Warum das denn?“ Wieder direkt die Suche nach einem Fehler im System. Warum sollte gerade ich gefragt sein? Warum sollte mich wer wollen? Warum … Stopp! Ich suche also immer nach einem Grund, warum es nicht gut ist. Nein, warum es nicht gut sein kann! Ich kann nicht gut sein, ich bin nicht gut, ich werde es nicht sein – auch wenn ich daran arbeite und das anstrebe, ich werde es einfach nicht sein. Hurra, da bin ich also wieder inmitten der manifestierten Denkweise, weil ich das „Trauma“ (ja, ich nenne das jetzt einfach so!) meiner Erlebnisse oder der emotionalen Talfahrten nicht ganz los bin. „Warum sollte etwas gut sein? ICH habe es gemacht.“ Und es ist so sicher wie das Amen in der Kirche, dass ich immer – wirklich immer – etwas finde, um es wenigstens zu relativieren. Selbst wenn es ganz allein meine Leistung war, die einen Erfolg gebracht hat, finde ich eine Gegebenheit. Immer.

Warum eigentlich nicht?

„Das kannst du nicht machen, das ist ne Nummer zu groß für dich“, hallt es durch meinen Kopf, als ich wieder eine Idee habe. Ich könnte es machen. Ich mache es nicht. Ich hab genug Gründe, es wirklich nicht zu tun. In Bielefeld habe ich von Mike gelernt, meine Fragen anders zu stellen. Er hat gerade darüber sinniert, wieso es das „noch jemand Wein?“ gibt. „Warum macht ihr das in einem Wohnzimmer?“ „Warum eigentlich nicht?“ Das hängt. Die Frage hängt. Vielleicht sollte ich mich viel öfter fragen, warum ich etwas nicht tue. Also übe ich. Mit mir. Jedesmal, wenn meine Gedanken mir etwas kleinmachen wollen, was ich gerne tun würde, packe ich die Frage aus. Mit der richtigen Betonung. Mit dem nötigen Engagement.

„Nein, ich kann die nicht anschreiben. Die wollen mich eh nicht.“ Warum eigentlich nicht?
„Ich kann nicht nach sowas fragen, das gehört sich nicht.“ Warum eigentlich nicht?
„Ich schaffe es nicht, frei von Ängsten zu sein.“ Warum eigentlich nicht?
„Meistens fühle ich mich nicht gut nach Lesungen.“ Warum eigentlich nicht?
„Ich darf nicht stolz auf mich sein.“ Warum eigentlich nicht?
„Lob kann ich nicht wirklich annehmen, ich sehe das so nicht.“ Warum eigentlich nicht?
„Ich kann nicht joggen, ich bin zu dick und das will keiner sehen.“ Warum eigentlich nicht?
„Ich werde es nicht schaffen, über längere Zeit frei von Gedanken zu sein.“ WARUM EIGENTLICH NICHT?

Ich könnte es endlos weiterführen. 8 Aussagen, die das ganze Ausmaß meiner Wertlosigkeit zeigen. Die das noch ansatzweise zeigen, wie ich mich jeden Tag gefühlt habe – und heute noch oft genug durch muss. Die Antworten? Oftmals: „Weiß ich nicht.“ Es ist damit auch schon klar, dass ich es anders denken könnte. Ob ich es nun doch mal versuche, anders zu sehen? Schaffe ich es, mich selbst in anderes Licht zu rücken? Ich lasse es darauf ankommen. Ich bin es mir wert. (Ihr glaubt gar nicht, wie schwer dieser Satz nicht nur zu schreiben, sondern auch so zu denken und zu fühlen ist.)

Die große Gefahr

Die größte Gefahr ist, dass ich mich mit der Warum-Frage rechtfertige. Ich rechtfertige immer wieder, warum ich etwas nicht kann. Ich bin also in der Situation, mich verteidigen zu müssen. Vor allem immer wieder mir selbst gegenüber. Das kann zur Sucht werden, wenn ich mich eh schlecht fühle. „Warum hast du das so gemacht und nicht anders?“ Was zum Teufel soll ich mir selbst darauf antworten? Sollte ich wirklich eine sinnvolle Begründung haben, warum ich etwas nicht so Gutes gemacht habe? „Warum hast du das vergessen?“ Weil es das ist, was ich am besten kann. Vergessen. Verschludern. Verbocken. Zack, wieder drin. Direkt ein schlechtes Gefühl. Direkt läuft der Apparat der Vorhaltungen. In mir drin. Es sieht keiner. Nur ich. Und ich werde es wieder glauben. Weil das doch verdammt nochmal wahr sein muss, was ich denke. ICH DENKE ES! Ich! Es macht keinen Spaß, sich für Verhalten zu rechtfertigen. Gar keinen. Auch nicht mir selbst gegenüber. „Du musst dir mal selbst vergeben und akzeptieren, dass du so bist.“ Klar. Gerne. Sehr gerne. Das geht aber auch nur, wenn ich an den Auslösern von außen wachse und das nicht direkt gegen mich ummünze. Mir vergeben? Das ist doch lächerlich. Auch nicht so ganz richtig. Ich kann mir mittlerweile vergeben, dass ich nicht alles schaffen kann und schon gar nicht zur Zufriedenheit aller gesalten kann. Will ich auch gar nicht mehr. Dennoch bleibt die Gefahr: Mich selbst vor mir rechtfertigen – nicht vergeben.

Chancenlos? Nein!

Wo Gefahren lauern, gibt es auch Möglichkeiten. Wenn ich mich vernünftig nach dem Warum frage, kann ich reflektiert zurückschauen und sehen, was passiert ist, warum es passiert ist und anders damit umgehen. Ohne Vorwürfe, ohne Druck, ohne Selbstvernichtung. Die Frage nach dem Warum bietet die Möglichkeit zur Veränderung, wenn ich fokussiert bleibe und mich nicht treiben lasse. Ich darf und kann ein Blick auf den wahren Grund für etwas sehen – wenn ich es zulasse. Ich muss dabei aber auch ehrlich zu mir bleiben. Das kann nur funktionieren, wenn ich es möchte. „Ich kann das nicht möchten.“ Warum eigentlich nicht? Die ehrliche Antwort heute: „Ich habe gelernt, dass ich kein guter Mensch sein kann. Ich habe nicht gelernt, was es heißt, wertgeschätzt zu werden. Ich habe aber gelernt, dass ich durch negatives Verhalten Aufmerksamkeit bekomme, die mir bestätigt, wie schlecht ich bin. Warum sollte ich es also verändern?“ Warum eigentlich nicht? Die Chance ist da. Jeden Tag. In jeder Situation. Ich muss nicht groß, berühmt oder irgendwas werden. Ich kann ich sein. Ich kann und darf meine Gefühle kennenlernen und äußern.

Ich wollte diesen Beitrag nicht schreiben. Er macht in meinen Augen nicht so viel Sinn wie die anderen.
Warum eigentlich nicht?

… stimmt. Warum eigentlich nicht?