Lange habe ich meine Auslöser gesucht. Lange war ich in einer Rolle verstrickt, aus der ich allein nicht rausgekommen bin. Lange spreche ich schon über die Auslöser und einen Teil meiner Erlebnisse. Ich bin und war mir vielen Dingen bewusst, die logischen Schlussfolgerungen für mein Verhalten und auch, dass ich nur allein etwas ändern kann. Und doch war auch immer das Gefühl da, noch nicht am Ende angekommen zu sein. Irgendwas war nicht rund. Irgendwas passte immer nicht so ganz. Ich habe nach wie vor Verhaltensweisen, die alles andere als gut für mich selbst sind. Ich war auch fest der Überzeugung, dass ich einfach noch lange genug daran üben muss, bis ich meinen Kopf auf ein neues Leben umprogrammiert habe. Dennoch: das Erkennen und Wissen von Auslösern, ist noch lange nicht das Verstehen. In den letzten Woche hat es in mir gearbeitet. Was genau und warum?

Das wusste ich nicht mal selbst. Ich kam mir wie ein Süchtiger vor. Süchtig nach Selbstoptimierung, weil ich nicht sehen kann, wie gut ich für mich bin. Allein die Aussage ist schon ein Auszug aus dem großen Ganzen. Sucht.

Ich bin ein erwachsenes Kind aus einer alkoholkranken Familie.

Das wusste ich. Darüber rede ich – und es tut mir nicht mehr weh. Diesen Satz aber jetzt zu sagen, zu schreiben und vor Augen zu haben, ist etwas ganz anderes. Es wird mir bewusst, dass diese Erlebnisse und die Zeiten mit der Sucht mich so geprägt haben, dass die depressiven Episoden, die Dysthymie und all die anderen mir selbstschädigenden Verhaltensweisen darauf beruhen und ich gar keine andere Wahl hatte. Ich habe verstanden, dass das eben alles Teil von mir ist. Nein, nach wie vor bin ich nicht mehr wütend. Es ist ok, dass es so ist. Nach wie vor möchte ich die Verantwortung für mich selbst übernehmen und werde keinem Vorwürfe machen, was ich erlebt habe – oder dass es Teile der Familie anders sehen. Es geht um mich. Ich ein ein erwachsenes Kind aus einer alkoholkranken Familie.

Was in der Kindheit kaputt gemacht wurde, damit lebt ein Kind als Erwachsener weiter, es ist eine Spirale, man kann sie nur durchbrechen, wenn man sich selbst genug wert ist.

Ich bin oft für mich immer noch wertlos. Ich kann alles mit mir perfekt entwerten und vernichten – auch wenn ich es nicht ausspreche. Manchmal reiße ich mich einfach zusammen, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Manchmal funktioniere ich auch nur für andere, um etwas Anerkennung und Bestätigung zu bekommen, selbst wenn alles in mir dagegen ist. Trotzdem reicht es nicht. Ich bin nicht gut genug. Ich bin mir nicht gut genug. Ich habe nicht nur das Lügen gelernt, weil ich vieles vertuschen musste, nein, ich habe diese Überlebensstrategien aufrecht erhalten, weil es das war, was ich kannte, was mich beschützt hat, was ich eben konnte. Ich habe lange versucht etwas zu sein, was ich nicht bin. Ich bin der, der Streitsituationen meist geschlichtet hat, damit Frieden herrscht. Ich habe die Nähe gesucht, weil ich gemocht werden wollte. Weil ich es brauchte. Ich hab mich oft einsam gefühlt, obwohl ich unter Menschen war – und es oft auch gerne bin. Ich bin der, der manchmal Ängste hat – völlig unerklärliche Ängste. Ich bin der, der seit 20 Jahren mit depressiven Verstimmungen und Suizidgedanken lebt. Ich bin auch der, der nie einordnen konnte, was und wie etwas „normal“ ist. Ich habe lange – sehr lange – eine tiefsitzende Wut gehabt. Ich übernehme Verantwortung, wo ich keine nehmen müsste, weil ich ein Stück Kontrolle behalten muss. Ich habe Essstörungen entwickelt, ich habe Suchtverhalten – von denen ich noch nicht loskomme. Oder nicht loskommen möchte. Ich mache viele Dinge zu exzessiv. Es sind noch so viele Dinge mehr, die ich hier irgendwo wieder und wieder erwähnt habe.

Halt die Fassade aufrecht!

Ich hatte eine gute Kindheit. In vielen Teilen. In vielen Teilen aber auch nicht. Ich habe den Alkohol nicht als Konkurrent gesehen, aber er war da. Täglich. Immer irgendwo. Immer irgendwie. Reden konnte und durfte ich nicht. Niemand durfte wissen, was hinter verschlossenen Türen passiert. Und doch war es manchmal ein offenes Geheimnis. Fassaden schaffen, nicht einreißen, alles verstecken, niemanden ranlassen und schon gar nichts zeigen. Das hat mich mein Leben lang begleitet. Die Abschottung. Es waren gar keine Mauern, die ich mir da gebaut habe. Es waren Lügengerüste, die oft durchsichtiger waren, als mir lieb ist.

Über Probleme und Gefühle der betroffenen Kinder und Jugendlichen wird nie gesprochen. Innerhalb der Familie herrschen unklare Grenzen, so kann eine unausgesprochene Regel lauten: „Gefühle müssen kontrolliert werden.“ Verleugnen und Schweigen sind der Nährboden für das Abrutschen in die Isolation.

Nicht nur das. Natürlich habe ich Werte mit auf den Weg bekommen, aber sie waren nicht immer klar. Sie waren teilweise so verschoben, dass es nicht um mich und meine Gefühle ging. Ich wurde als Kind mit meinen Problemen, Sorgen, Wünschen und Interessen nicht wahrgenommen. Ich habe auf vielen Strecken eben keine Normalität kennengelernt. Ein Familiengefüge, in dem man sich liebt, schätzt, redet, füreinander da ist, sich kümmert, lobt, aufbaut und einfach da ist. Das Gefühl von Vertrauen ist mir irgendwo abhanden gekommen. Ich habe nicht gelernt, auf meine Fähigkeiten zu vertrauen. Ich habe aber gelernt, anderen dieses Gefühl zu geben. In Zeiten der Unsicherheit habe ich versucht souverän zu wirken. „Ich habe alles im Griff.“ Nichts hatte ich im Griff. Ich musste mir irgendwann meine Vorstellung selbst herstellen.

„Überleg dir mal, warum wir getrunken haben!“

Ein Satz von vielen. Einer der Sätze, die mich immer wieder als Schuldigen hingestellt haben. Ja, ich habe in meiner Kindheit und Teenagerzeit sehr viel Unfug getrieben, aber doch nur, weil ich Aufmerksamkeit brauchte. Ich hab sehr schnell verstanden, dass ich dann Aufmerksamkeit bekomme, wenn ich irgendwas anstelle. Es hat doch auch funktioniert! In den Jahren war ich immer das schlimme Kind. Der, der überhaupt nichts hinbekommt, aus dem nichts wird und der nur Mist macht. Der, der auch schon mit 15 geraucht hat. Es war einfach, mich zum Schuldigen zu degradieren und meine Hilferufe zu ignorieren. Ich bin eben der, der nur ärgert macht, der die Grenzen der Legalität nicht nur auslotet, sondern überschreitet. Ich sollte mir also – auch vor ein paar Jahren – überlegen, warum sie getrunken haben. Auf der einen Seite wird konsequent geleugnet, dass sie dem Alkohol verfallen waren, auf der anderen soll ich mir aber Gedanken übers Trinkverhalten machen.

Meine bloße Existenz ist das Problem.

Das habe ich geglaubt. Immer wieder. Deswegen habe ich auch versucht, mein Bild von mir existenziell zu zerstören. Wenn ich nicht liebenswürdig, vertrauenswürdig und regelkonform bin, was soll ich dann noch? Was soll mich halten, wenn selbst meine Eltern mich nicht lieben können, nicht stolz sein können, sich nicht für mich einsetzen können? Ja, ich habe geglaubt, dass meine Existenz das Problem ist. Sie haben sich ein anderes Kind gewünscht. Diese Sätze sitzen heute noch. Nicht mehr so, dass es schmerzt, aber sie sind im Kopf. In meiner Erinnerungen. Die Erinnerungen, die so viele gute Sachen verdrängt haben. Auch heute gibt es die Situationen. Ich bin das Problem. Ich suche bei Problemen noch viel zu oft den Fehler bei mir. Auch wenn ich nicht alles perfekt haben muss, kann ich Situationen schwer annehmen. Ich sehe mich sofort als Problem. Immer und immer wieder. Wenn ich also das Problem bin – und dann auch noch an mehreren Stellen – ist es auch klar, dass ich schnell auf die Suizidgedanken zurückgreife zurückgreifen kann. Mir ist bewusst, dass ich kein Problem bin. Ich muss es nur verstehen.

Ein wichtiger Schritt, um die Probleme in den Griff zu bekommen, sei, Distanz zur Herkunftsfamilie zu schaffen. Denn Verantwortung zu übernehmen, kostet viel Kraft. «Und das hindert einen, die eigenen Lebenspläne zu verwirklichen.»

Wenn ich nicht das Problem bin, sollte ich versuchen, mich von den Problemen zu distanzieren. Ich hab das nicht geschafft. Nie wirklich richtig. Immer mal in Ansätzen. Aber ich musste zu einem Spiegel werden, damit sich etwas verändert. Sie wollten die Veränderung. Oder nur sie? Ich weiß es nicht. Seitdem diese kontaktlose Zeit läuft, habe ich sehr viel Ruhe für mich gefunden. So viel, dass ich mich jetzt auch diesem Thema hier widmen kann.

Neue Türen, neue Wege – nicht allein!

Tja, ich hatte gedacht, ich habe alles erledigt. Therapiegespräche. Scheint nicht so. Ich möchte diese Teile auflösen. Vielleicht nicht allein. Ich werde nochmal einen Versuch mit einem Therapeuten starten. Jetzt sind die Voraussetzungen anders. Wir können über den Ursprung reden, ich habe keine Berührungsängste mehr und bin schon lange bereit, auf mich zu gucken. Ich habe es nicht eilig, ich kann auch Wartezeit in Kauf nehmen. Dennoch: Ich möchte handeln. Ich möchte meine Lebenspläne verfeinern und leben können. Ich fühle mich nicht um meine Kindheit betrogen, aber ich habe viele Jahre mit den falschen Idealen verschwendet. Ich möchte weitergehen. Ich bin eben noch nicht fertig – und es hat alles wieder Zeit gebraucht, diese Sachen für mich zu verstehen, nicht nur zu erkennen.