Irgendwo in mir ist seit Jahrzehnten ein kleiner Antreiber, der mir ins Ohr geflüstert hat: „Wenn du es den anderen Menschen Recht machst, dann mögen sie dich. Alle!“ Irgendwo steckt dieser Antreiber, der es auch heute noch schafft, mir diese Sätze einzutrichtern. Meistens sagt er es nicht mehr, er lässt mich einfach handeln. Wie von einer Maschine gesteuert ordne ich mich unter, stelle meine Meinung hinten an, akzeptiere die Vorgaben und „lasse es über mich ergehen“ – in der Hoffnung, doch irgendwas zurückzubekommen und gemocht zu werden. „Es ist nicht wichtig, wie du es haben willst. Spar dir deine Argumentationen, du wirst es doch eh so machen, wie du es nicht willst, damit Ruhe ist, damit die anderen glücklich sind und das an dich weitergeben.“ Nein, es geht nicht darum, beliebt zu sein. Nur gemocht. Oder geliebt – nicht beliebt. Geliebt sein. Geliebt im Sinne von Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Lob, Anerkennung, Stolz. All das, was ich mir wohl immer noch nicht in dem Maß geben kann, wie ich es eigentlich sollte – weil ich es nie gelernt habe.

„Ich liebe mich nicht. Ich hasse mich nicht. Ich bin mir relativ egal. Meistens.“ Das steht schon in der Beschreibung über mich. Warum schaffe ich es noch nicht, für meine Wünsche, Ziele und Ideale einzustehen? Warum versuche ich immer noch, mir die Liebe „zu erkaufen“, in dem ich anderen ihre Wünsche erfülle? Warum sehne ich mich so danach, in Geborgenheit zu ertrinken, anstatt für mich einen eigenen Weg zu finden? Bin ich nicht stark genug, für mich einzustehen? Will ich überhaupt für mich einstehen? Muss ich denn immer glauben, dass dieses „Nein, das möchte ich so nicht!“ schlecht für mich ist? So schlecht, dass mein Gegenüber mich dann ablehnen wird? Oder bin ich noch viel zu tief in der Rolle, die ich eigentlich schon los sein wollte? Ist Freiheit wirklich Freiheit, oder bleibe ich gefangen in dem Trott der Vergangenheit, den Mustern meiner Kindheit, den implizierten Gedanken? Wer bin ich schon, der glaubt, einfach rauszugehen, ein paar tolle Abende zu gestalten, sein anstrengendes Leben zu schildern und zu glauben, dass das gut ist? Wie kann ich denn plötzlich der Meinung sein, dass irgendwem gefällt, was ich tue? Warum mache ich das überhaupt alles?

Mein Kreislauf funktioniert. Immer wieder. Auch heute. Heute ist kein guter Tag. Heute ist einer dieser Tage, an dem ich genau diese Gedanken nicht stoppen kann – und auch nicht will, weil ich Antworten brauche. Antworten, die mir zeigen, wer ich bin, wo ich hin kann, wie es werden darf. Die Steigerung der negativen Gedankenspirale ist genau das, was mich bestimmt. „Zerdenke alles was du erlebst, Markus! Alles! Es ist nicht so gut, wie du denkst. Es ist nicht …“ STOPP! Ich drifte in die falsche Richtung. Und doch ist es genau das, was mich bestimmt. Viel zu oft.

Ich habe Angst vor Ablehnung.

Es ist völlig ok, dass mich nicht jeder Mensch mag. Auch ich mag nicht jeden. Es ist auch ok, dass nicht jeder mit meiner Sichtweise, mit meinem Handeln oder Denken zurechtkommt. Ist ja andersrum nicht besser. Trotzdem habe ich Angst vor deiner Ablehnung. Angst, dass ich dir nicht genüge. Angst, dass ich nicht so bin, wie du es dir wünscht. Angst, dass ich dir eine Last bin. Angst, dass du mich irgendwann nicht mehr mögen wirst, weil ich dir zu viel geworden bin. Ich habe Angst, das es nicht reichen wird, was ich mache – und ich mache doch so viel, für dich! Nimm das wahr! Ich opfere mich teilweise für dich auf, damit du mich magst. Du musst mich mögen, weil ich das doch alles mache.

Es ist falsch, so zu denken. Vielleicht nicht falsch, aber auch nicht richtig, weil es mich krank macht. Das so zu schreiben, strengt mich an. Es ist die beschissene Wahrheit. Es ist eine verdammte Lebenslüge, die ich durch das Verhalten – und unterlassenem Verhalten – anderer Menschen impliziert bekommen habe. Als Kind? War ich immer auf der Suche. Ich habe jeden Tag irgendwie versucht, alles richtig zu machen, damit ich geliebt werde. Ich mache das heute noch. Ich versuche es. Ich schaffe es nicht. Und selbst wenn es klappt, ist es nicht richtig, weil ich mich so verbiege, dass ich nicht mehr ich bin. Dabei weiß ich manchmal gar nicht, wer ich wirklich bin. Manchmal verschwimmt eben genau das und ich werde wieder versuchen, es dir Recht zu machen, damit du mich magst. Ich habe Angst, für mich einzustehen. Wer bin ich schon?

Bitte keinen Streit!

Streit. So überflüssig wie ein Kropf. Manchmal geht er von mir aus. Manchmal von dir. Manchmal eine kleine Meinungsverschiedenheit. Manchmal ist es mein Gefühl, welches verletzt ist. Manchmal hänge ich irgendwo fest und du kommst zur falschen Zeit, mit der falschen Frage zum falschen Menschen. Und du bekommst alles ab. Es ist aber auch total Hupe, wer was ausgelöst oder angefangen hat. Ich möchte keinen Streit! Ich möchte, dass abends alles wieder in Ordnung ist. Ich kann das nicht haben. Wenn du nicht einsehen kannst, dass ich nicht Schuld bin, dann werde ich mich trotzdem dafür entschuldigen. Ich werde zu dir kommen und mich für etwas entschuldigen, damit Ruhe ist. Ruhe, weil du mich doch lieben sollst! Ich werde mich dafür entschuldigen, wer ich bin. Und wie ich mich verhalten habe. Vielleicht auch für alles andere, damit du nicht mehr böse auf mich bist. Versprochen!

Es hat sich etwas geändert. Ich bin etwas anders geworden. Ich kann es aushalten, ich kann differenzieren und doch keimt dieser Gedanke noch auf. „Geh hin, lass 5 heute grade sein, dann …“ Nein! Das geht einfach nicht mehr. Und ich muss lernen, das endlich auszuhalten. Es geht nicht um Schuld oder Auslöser einer Streitsituation. Es geht einfach darum, nicht verletzend zu sein, es vernünftig zu sagen und damit umzugehen. Und wenn sowas mal länger dauert, dann ist das so, weil beide die Zeit brauchen, um den Grund der Situation zu erkennen. Gefühle brauchen nun mal ihren Raum.

Ich bin Schuld.

Das knüpft unweigerlich an den Streit an. Natürlich bin ich Schuld. Ich bin immer Schuld. Weil ich mich immer unterordne und es dir nicht Recht mache. Und Schuld bin ich auch, weil ich es dir jetzt nicht Recht machen möchte und meinen eigenen Willen habe. Ich habe auch Schuld am Streit, egal was es ist, weil ich nicht genüge. Weil ich mich nicht ausreichend bemühe, es zu vermeiden. Ja, ich mache nicht alles richtig. Daran bin ich Schuld. Ich bin auch Schuld, weil ich irgendwas nicht mache. Und schuldig auch, weil es nie reichen wird. Ich bin niemals genug. Für dich. Für irgendwen. Oder für mich. Ich reiche nicht aus. Und doch bin ich mir manchmal zu viel. Keine Angst, ich werde mich selbst bestrafen. Ich werde mir alle meine Wünsche verbieten. Vielleicht esse ich auch einfach mal nichts, damit ich merke, wie sehr ich anderen schade – wenn es im Kopf schon nicht ankommt. Ich sage alles ab, weil ich nicht verdient habe, mit anderen Spaß zu haben. Und dann? Kann ich es auch nicht mehr. Ich bin selbst daran Schuld, dass ich nicht aufstehen kann, mich nicht um mich kümmern kann und mein Leben nicht lebe.

Das Minimalziel

Keine Kritik. Keine Kritik zu bekommen, ist das kleinste Ziel, was ich immer erreichen kann. „Das Essen hat heute aber nicht so geschmeckt. Das hat mir nicht so gefallen.“ Zack. Ich habe schlecht gekocht. Wie meistens. Dir hat es also nicht geschmeckt, weil ich schlecht gekocht habe. Es ist mir völlig egal, ob dir irgendwelche Beilagen nicht schmecken, das Rezept nicht passend war – dir hat es nicht geschmeckt! Super! Hab ich es wieder nicht hinbekommen. Keine Kritik. Keine Kritik ist eben auch Lob. Ich habe dich nicht enttäuscht. Also ist das kleinste Ziel auch, dich nicht zu enttäuschen. Das bekomme ich wohl hin. Alles so zu machen, damit du nicht von mir enttäuscht bist. Und am Ende bist du es doch, weil du nicht möchtest, dass ich dir alles Recht mache. Also? Bist du doch wieder enttäuscht. „Ich kann es ja nur immer falsch machen“, hämmerte es durch den Kopf. Seit Jahren. Schon damals. Was soll also das Ziel? Warum strenge ich mich immer wieder an, wenn du nichts zurückkommt?

Verrückter Scheiß!

Ich hab es in Worte gefasst. Einer der wichtigsten Schritte: Es mir bewusst zu machen. Ich sehe jetzt ganz bewusst, welche Teile in all der Zeit nicht rund gelaufen sind. Ich habe auch schon vorher versucht zu sehen, wann, warum und wie ich reagiere. Es mir wirklich bewusst zu machen. Nur so kann ich anfangen, etwas für mich zu verändern. Ich kann die kraftraubende Suche nach Anerkennung ablegen; ich bin eben nicht mehr der kleine Junge, der jetzt eine Umarmung braucht. Ich kann unterscheiden, ob es der erwachsene Markus ist, der jetzt Nähe geben kann und sie haben möchte, oder der kleine Markus, der Schutz und Liebe sucht. Im besten Fall sorge ich dabei für mich, gebe mir all die Anerkennung selbst und bin für einen Moment stolz auf mich. Das eigentlich Verrückte: Je mehr ich es anderen Recht machen wollte, desto anstrengender wurde es – nicht leichter.

Die Suche nach all diesen Dingen, das Empfinden dieser Gefühle, das ist ein verdammt harter Vollzeitjob, der meist den ganzen Tag und Teile der Nacht einnimmt. Nachts. Dann, wenn es ruhig wird und ich Zeit habe nachzudenken. Es bleibt gar kein Platz mehr für „normales“ Leben. Auch daran bin ich – was auch sonst – selbst Schuld.

Gefallenwollen ist die Vermeidungstaktik

Meine Selbstaufopferung dient nur einem einzigen Zweck: Nicht verlassen zu werden. Von dir, von Freunden, von Menschen eben. Alles, was mir irgendwie lieb und wichtig ist. Auch das ist einer der Gründe, warum ich mich bis vor einiger Zeit täglich in Lügen verstricken musste – weil ich nichts anderes wollte, als gemocht, geliebt, wahrgenommen und nicht verlassen zu werden. Wie groß dieser Aufwand ist, sieht kaum einer. Und ich? Nehme nicht wahr, dass mein Verhalten nicht gut ist.

Das Verhalten kann niemand von heute auf morgen verändern. Auch ich nicht. Ich übe schon eine ganze Weile daran, wollte es irgendwie mal in Worte fassen und gehe damit weiter. Deswegen habe ich hier keine Tipps, keine Strategien, keine Hoffnungsmacher – nur das Bewusstsein. Ich bin mir meiner Verhaltensweisen bewusst. Mit denen gehe ich noch ein Stück und übe, übe ich zu sein, mir meine Grenzen zu setzen und zu verstehen, dass ich niemandem gefallen muss. Ich gefalle, wenn ich ehrlich und aufrichtig bin. Und ich gefalle dann den Menschen, die in mein Leben passen. Denn alle Veränderungen sind für mich – nicht für dich oder uns. Ich übe, frei und selbstbestimmt zu sein. Ich übe, die noch anstrengenden, neuen Gefühle als gute Gefühle anzunehmen. Ich werde das nicht aufgeben. Und ich werde nicht immer das machen, was du willst – auch wenn es dir dann schwer fällt, das zu akzeptieren.

Und irgendwie kommt etwas Angst auf, wenn ich daran denke, morgen wieder zu einem Therapeuten zu gehen, über diese Verhaltensweisen zu sprechen und diese auflösen zu wollen. Sie waren mein Halt. Mein Leben lang. Sie sind das, worin ich mich verstecken konnte. Sie sind doch ich, ich bin sie. Und jetzt? Bin ich selbst so blöd und stelle mich wieder einer Situation?