Eine kluge Frage. Eine nervige Frage. Eine Frage, die mir mein Sohn sicher auch irgendwann in einem anstrengendem Tempo um die Ohren hauen wird. Er ist zweieinhalb Jahre alt, ich habe also noch genug Zeit, mir passende Antworten zu überlegen. Immerhin stelle ich mir die Frage ja selbst noch oft genug: „Markus, wann bist du da?“ Wo möchte ich denn überhaupt sein? Und welches ist der Weg? Hat „der Weg ist das Ziel“ mittlerweile ausgedient? Warum sollte eigentlich „nur“ der Weg das Ziel sein? Dann wäre ich doch schon lange angekommen. Ich hab mich ja auf den Weg gemacht! Ich bin noch auf dem Weg. Aber wohin? Sollte nicht das Ziel sein, mich zu finden? Gott sei Dank bieten Wege immer viele Möglichkeiten für Entscheidungen, neue Abzweigungen und Chancen, etwas Neues zu entdecken. Und vielleicht dabei ja auch sich. Ehrlich, stell dir mal vor, du gehst jahrelang einen Weg, versuchst alles in deiner Macht stehende und nichts funktioniert. Und dann? Genau dann, wenn du nicht damit rechnest, stehst du hinter einer Kurve und triffst dich. Das wäre was! Bis dahin ist aber noch immer die Frage: Wann bin ich endlich da?!

Ich bin also auf dem Weg. Irgendwie war ich das schon länger, nicht erst seitdem ich den Blog hier schreibe. Nicht erst, seitdem ich meine erste Diagnose (rezidivierende Depression) bekommen habe. Vorher schon. Schon viel früher. Wenn ich heute meinen Lebenslauf aufmache, ist da sehr viel drin, aber nichts ist langfristig linear verlaufen. Nichts war über Jahre mein Begleiter. Alles war geprägt von Auszeiten, depressiven Episoden, suizidalen Phasen – aber nie (wirklich NIE!) eine Selbstfindungsphase. Was soll ich denn auch finden, wenn ich gar nicht gesucht habe? Nichts! Richtig. Manchmal hat es mich gefunden.

Falsche Wege

Falsche Wege ist sicher nicht der richtige Begriff. Ich habe Wege gewählt, die irgendwie gepasst haben. Meine erste Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel zum Beispiel. Wie soll ich als Teenager mit 17 Jahren denn schon vernünftig entscheiden, dass es genau das ist, was ich möchte? Kann ich gar nicht. Immerhin, eine Grundlage kann ich schaffen. Es hat mich nicht erfüllt – bis auf Rechnungswesen. Rechnungswesen! Ich liebe Zahlen, ich liebe Buchungen, ich liebe Kontierungen. Noch heute. Völlig bekloppt, oder? Aus der Not geboren, der zweite nicht ganz richtige Weg. Nochmal eine Ausbildung. Zum Kaufmann für Bürokommunikation. Die einzig große Freude daran? Zahlen! Rechnungswesen. Es war ok für mich, in einem Außendienstbüro einer Versicherung zu sein. Es war ok für mich, mit Menschen bzw. Kunden zu tun haben. Die Zeit hat mir sehr viel gebracht. Vor allem Zahlen. Zahlen beim Verkauf. Zahlen beim Berechnen von Versicherungssummen. Statistiken über meine monatlichen Aktivitäten. Zahlen eben. Aber auch das hat sich nie ganz richtig angefühlt.

Das Richtige lief nebenbei. Die Kreativität. Mit Bildern. Mit Worten. Mit Texten. Mit Gestaltung. Mit Design. Mit Inhalten. Mit Geschichten anderer Menschen, die ich zeigen darf. Ich lebe Kreativität, weil ich viele Dinge davon fühle. Aber: Ich darf diesen Weg nicht gehen. Ich kann diesen Weg nicht gehen. Ich habe schlichtweg nicht die passenden Voraussetzungen, um beruflich in diese Bereiche zu gehen. Heute? Bin ich zu alt, um nochmal irgendwie neu anzufangen. Und als Quereinsteiger? In einem vermeintlich überlaufenden Markt? Ich bin doch nicht mit dem Klammerbeutel gepudert!

Erste Ansätze

Ich werde nie diese eine Nachricht vergessen: „Markus, du kannst doch gut mit Photoshop und so umgehen. Kannst du mir vielleicht mal helfen? Unser Grafiker ist nicht da, und wir haben da einen Auftrag von einem Kunden …“ Verrückterweise habe ich nicht all zu lange danach in einem Büro gesessen und war mitverantwortlich fürs Marketing, Bildgestaltung, Texte, Werbeanzeigen, Magazine. Ja, auch für viele andere Bereiche. Ich habe einen Messestand mit geplant, entworfen und mit aufgebaut. Es war verdammt geil! Aber unsere Wege mussten sich trennen.

Freie Zeit während der Arbeitslosigkeit – weil mal wieder nichts ging – konnte ich mit einem Praktikum in einer Werbeagentur nutzen. Auch nicht immer regelmäßig, aber im Rahmen meiner Möglichkeiten. Es war ein toller Einblick. Ich hatte tolle Aufgaben. Ich habe mich wohl gefühlt. Ich habe an tollen Projekten mitgemacht. Es war genau meins. Nur zum falschen Zeitpunkt und immer noch keinen vernünftigen Zeugnissen, nachweisen oder irgendwas. Und dann lebst du eben in einer Stadt, in der eine Hochschule für Grafik und Gestaltung ist. Nein, ist gar nicht überlaufen hier.

Es blieben Ansätze. Mehr nicht. Ich wusste genau, ich würde nicht weiterkommen. Ich bin nicht weitergekommen. Ich habe eben keine Qualifizierungen, ich habe mir nicht vertraut, ich habe nicht zugelassen, dass ich Wege finden könnte, um das zu machen, was ich mag. Meine schönste Ausrede: „Wenn ich mein Hobby zum Beruf mache, dann entsteht ein Zwang, die Aufgaben machen zu müssen und es verliert seinen Reiz, eine schöne Alternative zu schlechten Arbeitstagen zu sein.“ Immerhin konnte ich mich stundenlang in solchen Aufgaben verstecken. Tagelang.

Zieh richtige Schuhe an!

Es ist egal, wie viel ich in den letzten drei Jahren mit mir selbst erreicht habe, wenn ich die alten Schuhe anlasse, werde ich nie besser laufen können. Und wenn ich sie nicht ausziehen möchte, weil sie eingelaufen und unbequem sind, können sie dennoch Schmerzen verursachen, weil sie einfach nicht passen. Und auch noch nie richtig gepasst haben. Manchmal muss auch nur der richtige (oder irgendein) Mensch kommen, der dir deine Schuhe auszieht. Vielleicht auch nur die Schnürsenkel aufmacht, damit du merkst, dass du „ollen Botten“ endlich ausziehen musst. Vielleicht genau jetzt. Manchmal ist dir dieser Mensch völlig fremd, weil du mitten in einem Vorstellungsgespräch sitzt. Eineinhalb Stunden. Kein Fachgeplänkel. Kein stupides Runterratten des Lebenslaufs. Keine kritischen Blicke. Keine Vorurteile. Ein offenes, interessiertes Gespräch über Möglichkeiten im Unternehmen, nicht vorhandenen Erfahrungen, Anforderungen und am Ende einer einzigen Frage: „Herr Bock, warum machen Sie nicht das, was Sie wirklich können?“

Die einzig richtige Antwort für mich: „Wenn ich mein Hobby zum Beruf mache, dann entsteht ein Zwang, die Aufgaben machen zu müssen und es verliert seinen Reiz, eine schöne Alternative zu schlechten Arbeitstagen zu sein.“ Trotzdem ist diese Antwort nicht die Wahrheit. Es ist nicht das, was ich wirklich denke. „Ich habe nicht die richtigen Voraussetzungen dafür. Auch heute werde ich sie nicht schaffen können. Nicht der richtige Abschluss. Viel antrainiertes Halbwissen. Das bisschen Vorerfahrung ist doch für’n Arsch. Ich sehe keine Möglichkeit, wirklich in die richtige Richtung zu kommen.“ DAS hätte ich sagen müssen. Und nur das. Stattdessen habe ich vorher darauf beharrt, die sichere Variante zu wählen. In Bereichen weiterzumachen, die ich vielleicht kann, aber mit denen ich nie richtig glücklich werden würde. Wahrscheinlich. „Gucken Sie auf die zwei interessanten Teile in Ihrem Lebenslauf. Schauen Sie auf das, was sie gerade mit sich und Ihrem Blog machen. Vielleicht können wir hier ein Profekt starten. Lassen Sie uns in einem Dialog bleiben, warten Sie nicht darauf, bis ich mich melde.“

Altbewährtes funktioniert immer.

Altbewährtes? Klar. Meine Zweifel. Meine Gedanken. Meine Ängste. Ängste, dass ich das nicht zulassen darf und kann. Ich MUSS voll arbeiten gehen. Ich MUSS voll verdienen. Ich MUSS eine dreiköpfige Familie ernähren. Ich bin 36 Jahre alt. Ich habe Verpflichtungen. Ich MUSS einfach fürs Einkommen sorgen. Muss ich das wirklich? Oder darf ich jetzt 2 Monate Schule machen und mir ein – für mich – wichtiges IHK Zertifikat zulegen? Darf ich mir jetzt wirklich erlauben, diesen Weg einzuschlagen? Den, den ich für so unerreichbar gehalten habe? Darf ich wirklich? Nein? Ja? Wie? „Schaffste doch eh nicht! Selbst wenn du es machst, musst du danach auch irgendwo unterkommen. Sei nicht so illusorisch!“ Nein, ich lasse es. Oder doch nicht?

Da sind sie, diese verfi***en Zweifel, die mich immer und immer wieder auffressen. Die mich und meinen Wert ins Bodenlose rammen. Zweifel, die alles an Kraft einfordern, um mich durchzukämpfen. Gedanken, die mir zeigen, dass ich jetzt entweder für mich einstehe und eine klare Entscheidung treffe, oder mich wieder dem Leben hingebe und es ertrage, wie es kommt. Warum vertraue ich mir nicht? Warum vertraue ich JETZT nicht auf mich? Auf das, was ich wirklich in den letzten 15 Monaten geschaffen habe? Warum ziehe ich nicht diese alten, dreckigen, ausgelatschten, kaputten, drückenden Schuhe aus? Warum nicht? Warum stehe ich jetzt nicht von diesem Stuhl auf, stelle mich aufrecht hin und sage laut: „JA! Das ist mein Wert! Ja, ich gehe jetzt diesen Weg! Ja, ich will diesen Abschluss machen! Ja, ich will das beruflich machen, was ich so verdammt gerne nebenbei mache! Ja, ich schaffe das, weil ich noch viel mehr erreicht habe.“ Ich bleibe sitzen. Ich schaffe es nicht aufzustehen. Natürlich habe ich nach dem Gespräch die Möglichkeiten ausgelotet. Ich habe telefoniert, recherchiert und mich informiert. Ich habe ein Vorgespräch. Ein Gespräch für diese eine Weiterbildung, die alles verändern könnte. Und doch sitze ich. Ich möchte diesen Weg, aber ich zweifle. Ich kann es nicht ausblenden. Wohl nie so richtig. Ich werde eine Entscheidung treffen müssen – nicht ganz allein – aber sie muss getroffen werden. Für mich. Für alle. Zieh ich die Schuhe aus? Oder nicht?

„Papa, wann sind wir da?“ Wie gerne hätte ich jetzt diese Frage, um sie rational und nach dem siebten Mal genervt zu beantworten. „Markus, wann bist du da?“ Diese Frage hämmert weiter. Immer weiter. Ich gehe weiter. Vielleicht jetzt endlich meinen Weg.