Diagnosenwirrwarr …

Wer mit psychischen Problemen zu tun hat, stellt sich sicher zwangsläufig die Frage: “Was hab ich eigentlich?” Vor Jahren war es mir eigentlich völlig egal. Da stand für mich nur fest, dass ich was habe, aber vodergründig hats mich nicht interessiert, weil ich meine Gedanken eher an Suizid und wie ich es am besten machen verschwendet habe. Heute sieht das schon ein wenig anders aus. Gestern im Therapiegespräch wurde mir einmal mehr bewusst, dass ein “Facharzt” auch nur von dem ausgehen kann, was er weiß und wie viel ich preisgebe. Im Grunde ist die Diagnose “Depression” sehr schnell und einfach gesagt, Pillen verschrieben und dann wars das erstmal. Patient glücklich, Arzt hats Geld verdient. Alles schön. Vor meinem Abschnitt in der Tagesklinik habe ich natürlich auch angefangen Bücher zu lesen, Selbsttests zu machen und zu googlen. Sinn? Keiner. Ich will auch keinesfalls meine vorherigen Therapeuten in Frage stellen und werde auch gewiss nicht nach dem Mund meines jetzigen reden, aber wenn ich mich mit den Verläufen beschäftige fällt auf: Momentan bin ich nicht in einer klassischen Depression. Es gibt da ein paar feine Unterschiede, die es aber nicht abmildern. Was ist denn nun anders?

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Helldunkelhellscheiße!

Es braucht gerade nur das eine Wort. Muss ich auch kein Blatt vor den Mund nehmen. Die letzten Tage waren genau so! Ihr habt doch nicht etwa gedacht, dass es mir schon wirklich besser geht, oder? Besser ja, ich hab mehr verstanden, aber stoppen kann ich noch lange nicht alles. Zudem kommt eine Laune meist einfach so. Ich bin niedergeschlagen, fühle mich ausgebrannt und erst dann schleichen sich noch die Grübelattacken ein. Aber wisst ihr was? Ich bin verdammt stolz darauf, dass ich meinen Freund nicht mehr an der Seite habe. Er hält endlich die Klappe! Gehen wir die paar Tage einfach mal durch …

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Niemals vergessen …

… wirst du – Robert Enke – bei mir sein. Nationaltorhüter, “unsere Nr. 1”, Persönlichkeit, Familienvater und vor allem Idol für mich. Sportlich wie auch menschlich. Es ist, als wäre es gestern gewesen, als ich die SMS mit deinem Tod gelesen habe. Fassungslos. Ungläubig. Verwirrt. Schockiert. Wütend. Ja, wütend. Weil du den Freitod gewählt hast, weil du dich einfach dazu entschieden hast. Auch wenn sich im Profisport nichts geändert hat, wenn sich bei dem Thema Depression noch nichts geändert hat, so war es sicher für viele eine Hilfe. Auch für mich. Nicht nur das ich im Sport mit dir verbunden war, nein, auch diese Krankheit konnte ich so teilen. Ich musste mich nicht mehr verstecken, habe die Chance ergriffen und offener über mich gesprochen – auch wenn ich erst heute die entscheidenden Schritte gehen kann. Du hast mit Therapie, mit starker Frau an deiner Seite und Tochter keinen Weg gefunden, der dich im Leben glücklich macht.

foto_robert_enke1Deutschland hat diskutiert – ob positiv oder negativ – aber es wurde gesprochen. Ich führe meinen Weg in der Öffentlichkeit weiter, spreche darüber, stelle mich der Diagnose und den schwarzen Stunden. Nach all den Suizidgedanken weiß ich, dass es sich zu kämpfen lohnt und es einen Weg gibt, auch wenn ich ihn nicht immer sehe oder nur mit Umwegen wieder hinkomme. “You’ll never walk alone” – eine Fußballhymne, ein Synonym für die Unterstützung deiner Frau und all derer, die diesen “Seelenkrebs” für sich besiegen wollen. Es bleibt nach wie vor ein heikles Thema, an deren Aufklärung du mit deiner Familie einen kleinen Teil beitragen konntest. Nie werde ich die Blumen am Stadion und die Gedenkfeier vergessen. Unvergessen bleibst du immer noch ein Idol.

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Die Kraft meiner Gedanken …

… darf ich wieder aktivieren. Irgendwann in den letzten Wochen bin ich wohl auf den Not-Aus-Knopf gekommen. Nach meinem Aufenthalt in der Tagesklinik hatte ich zwar das Gefühl, dass es jetzt in eine vernünftige Richtung geht und ich auch verstanden habe, wie ich “anders denken” kann und mir Gutes tue, aber es ging jetzt keinen Schritt mehr vorwärts. Ich bin fünf Schritte zurückgegangen. All das Erlernte war wie weggeblasen. Warum? Uff, ja, da gibt es sicher unterschiedliche Gründe. Mit der ambulanten Therapeutin bin ich nicht zurechtgekommen und habe mich dann einfach wieder in eine Lethargie fallen lassen. Das war sicher verkehrt und hat eine Menge Ärger mit sich gebracht, aber ich habe verstanden, dass die fünf Schritte rückwärts nur der Anlauf sind, damit ich nochmal durchstarten kann. Und wie?

Zunächst musste ein neuer Therapeut her. Oder eine andere Maßnahme, die die Zeit bis dahin überbrückt. Sicher gibt es den sozialpsychiatrischen Dienst, aber die Einrichtung ist für mich gerade eher eine Notlösung als eine Anlaufstelle in meiner jetzigen Verfassung. Da meine Anspannung gewachsen ist, ich gar nicht mehr zur Ruhe gekommen bin und fast nur noch mit dem Gefühl lebte, wie ein Tiger durch die Wohnung laufen zu müssen, habe ich mich auch mit Reiki als Entspannungsmaßnahme befasst; es klingt nicht verkehrt, wenn man sich die Bedeutung von Chakra durchliest. Letztlich war es aber glücklicher Google-Treffer, der mich zu meinem jetzigen Therapeuten geführt hat. Besonders aufgefallen ist mir der Begriff Hypnotherapie. Na klar, das kann nur eine begleitende Maßnahme für mich sein, aber ich weiß, dass mir die Entspannungszustände (Imagination und Meditation) ne ganze Menge bringen können. Hinzu kommt, dass er systemisch arbeitet – nicht nur ich werde ergründet, sondern auch die familiären Zusammenhänge und Auslöser, die Interaktion und der Einfluss auf mich. Dabei geht es nicht um Schuld, gut oder schlecht, oder ähnlichem. Gänzlich überzeugt hat mich aber, dass er blind ist. Ja, blind. Finde ich nicht nur in Ordnung, sondern super. Wenn ich also zu ihm kann, dann beobachtet er nicht meine Gesten, Körperhaltung oder Mimik. Er nimmt mich komplett anders wahr, was ein entscheidender Vorteil sein kann – es geht allein um Sprache und Inhalt. Es ist einen Anruf wert.

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Ich will meine Ruhe … nicht!

“Ich will keine Ruhe! Nein! Meine Ruhe will ich nicht!” Es ist Sonntag. Durchwachsenes Wetter. Ich bin – mal wieder – allein zu Hause. Morgens viel zu früh wach. 6 Uhr 10. Das heißt, ich habe mindestens 16 Stunden im Wachzustand vor mir. Nun, es ist halt Sonntag. Ich könnte die Zeit ja einfach so verbummeln, es steht ja nichts an. Einfach zurücklehnen und rumgammeln. Doch nach 10 Minuten macht sich Nervosität breit. “Scheiße. Was fang ich denn nun mit der Zeit an?” Was man da nicht alles machen kann. Mal raus und spazieren, Wäsche, Haushalt, Kochen … Dinge, die unter der Woche liegen bleiben. Kennt ihr? Seid ehrlich! Wenn ja … aufpassen!

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Irgendwann muss jeder gehen …

… und ich muss feststellen, dass es nun ein Jahr her ist, dass mein Oppa (ja, mit Doppel-P!) verstorben ist. Meine Trauer und der Schmerz über den Verlust haben sich in Dankbarkeit gewandelt. Dankbar, dass dieser Mensch mein Oppa war und mir so viel mit auf den Weg gegeben hat. Dankbar, dass er 31 Jahre Teil meines Lebens war. Dankbar, dass er ein herzensguter Mensch gewesen ist und mich immer – wirklich immer – unterstützt hat. Neben der Dankbarkeit bleibt aber auch ein Stück Sehnsucht. Sehnsucht nach mehr Zeit, die ich gern mit ihm und Omma verbracht hätte. Sehnsucht nach mehr offenen Gesprächen. Was mir bleibt, sind all die Erinnerungen, Erzählungen und Momente, die mir keiner nehmen kann. Heute wird es Zeit, dass ich ihm ein paar Zeilen schreibe …

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Dunkelheit …

Manchmal – wenn ich einfach nicht einschlafen kann – schleiche ich mich nochmal im Dunkel der Nacht in den Garten und setze mich ein Weilchen dorthin. Ist euch mal die Stille der Nacht aufgefallen? Es ist dunkel, der Mond scheint, ein paar Mücken, Motten und Fliegen surren um einen herum, aber sonst? Nur vereinzelt ein Motorengeräusch eines entfernten Autos. Alles schläft. Die nachtaktiven Tiere sind eh nicht bei mir im Garten unterwegs. Es ist kühl. Kein Schwitzen. Keine brennende Sonne. Kein ewiges Suchen nach Schatten und Abkühlung. Ab und zu ein seichter Windzug, der über die Haut streicht. Kein Lärm, den man am Tag ertragen muss. Es ist einfach ruhig, still und langsam. Die Geschwindigkeit des Tages findet ein Ende. Niemand, der einen zu etwas drängt, keine Verpflichtungen. Ruhe. Keiner spricht. Nicht einmal die Gedanken in meinem Kopf. Ich fühle mich frei, kann die Augen schließen und es genießen. Kein Fernsehen, keine nervigen TV Spots, gestellte Familiendramen, Castingmüllshows, hastige Nachrichten des Tages und so weiter. Die Stille wirkt beruhigend. Keine Situationen, wo man auf eine Nachricht hofft, keine Langeweile, kein Gedanke was ich machen kann, keine Verpflichtung. Die Dunkelheit und Ruhe fühlt sich wie Freiheit an. Frei von all dem Ballast.

Allen aus dem Wege gehen, die schlecht schlafen und nachts wachen.
[Friedrich Nietzsche]

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Es dauert, bis man seine …

… Eltern groß hat. Oder? Nein. Ich als Kind kann meine Eltern nicht mehr erziehen und sie werden sich auch nicht mehr richtig für meine Situation sensibilisieren lassen. Genau das hat mir das gestrige Telefonat gezeigt. Eigentlich hatte ich während der Therapiezeit ein gutes Gefühl, als ich den ersten Versuch unternommen habe und beiden unabhängig voneinander ansatzweise erklären wollte, wie der Stand der Dinge ist. Doch heute stelle ich fest, dass es ein Irrglaube ist. Und ja, wir sind dann wieder bei dem Thema “das innere Kind” angekommen. Es ist da und möchte umsorgt werden, gestern – und auch gerade jetzt – möchte es aber einfach zickig sein und am liebsten schreien, ihnen klarmachen, dass ich erwachsen bin und es nicht nur in meiner Pflicht liegt irgendwas zu tun. Wir sind heute alle erwachsen, leben in Partnerschaften und haben eigentlich eine gleichberechtigte Beziehung zueinander. Eigentlich!

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Wieder einer dieser Tage …

Bei Twitter werden Montage mit einem #mimimi versehen, wenn es nicht so schön ist. Eigentlich ist das doch ein wundervolles Ritual, der Montag ist ja eigentlich nach dem Wochenende immer ein bescheidener Tag. Naja, fast immer. Das #mimimi reicht heute aber nicht aus. Heute ist einer dieser Tage, an denen mich alles ankotzt – entschuldigt die Wortwahl, die ich hier heute benutze, aber genauso denke ich. Es kotzt mich nicht nur an, es geht mir dermaßen auf den Sack! Mir geht die Depression auf den Sack, das ständige Pillen nehmen, die schwankende Laune und das anpassen in der Gesellschaft. Ich kann ja noch so oft betonen, dass ich einfach ich bin, doch je authentischer ich werde, desto mehr fühlen sich andere dazu berufen mir ihre Meinung auf die Nase binden zu müssen. Und wenn ich mich entscheide, dass ich jetzt schlecht gelaunt bin oder es kein guter Tag ist, dann ist das verflucht nochmal auch so! Weil ICH diese Entscheidung für MICH getroffen habe.

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Ich MUSS nichts müssen …

… oder doch? Ich muss mich ändern. Ich muss abnehmen. Ich muss einen Brief verschicken. Ich muss jemanden anrufen. Ich muss das Fahrrad reparieren. Ich muss einen neuen Arbeitsplatz finden. Ich muss … Nein! Ich darf! Und ich möchte! Mir ist gerade jetzt wieder bewusst geworden, wie oft sich das Wort “muss” in den Alltag mit einschleicht und unterbewusst einen Druck aufbaut, der sogar in Stress ausarten kann. Achtet ihr manchmal darauf, wie oft ihr das Wort benutzt? Müssen gibt jeder Handlung oder jedem Vorhaben irgendwie einen konsequenten Beigeschmack, der die Handlung zu einem Zwang werden lässt. Sicher gibt es genug Situationen, wo ich das Wort bewusst nutze, um meinen inneren Schweinenhund einen gehörigen Arschtritt zu verpassen, aber andererseits muss ich (da ist es wieder) mir den Druck nicht aufbauen.

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Zurück zum Start …

… so singen es Annie’s Revier in ihrem Lied. Alles nochmal auf Anfang. Fast so ist es jetzt auch. Vor ein paar Tagen habe ich noch in “Ich (er)finde mich neu ...” darüber geschrieben, dass ich jetzt die Ruhephase nutzen werde, um mich beruflich in die Richtung zu orientieren, die mir wirklich Spaß macht. Ich realisiere also gerade, dass ein neuer Start ab und zu nur eine Mail, ein kurzer Rückruf und ein persönliches Gespräch braucht. Manchmal ist es dann auch einfach Glück und ein wenig innerer Schweinehund.

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