Ist mal gut jetze!

“Reicht jetzt auch”, habe ich gedacht. Schon öfter. Eigentlich sogar sehr oft in den letzten Wochen. Auch wenn mir noch immer wieder Menschen begegnen, die den Blog gerade entdeckt haben, hatte ich das Gefühl, dass es jetze mal gut ist. Und vielleicht gab es genau diesen Moment Anfang Juli. Während Mai und Juni sehr anstrengende Monate waren, in denen ich für mich mehr Schritte zurück gemacht habe, als das ich das Gefühl hatte, Stabilität zu haben, ist der Juli der Start in so viel Neues geworden. Trotzdem habe ich immer wieder das Gefühl gehabt, dass es jetzt reicht. Und es reicht jetzt. Ich mache jetzt Schluss. Schluss mit dem Reden.

Eine wundervolle Reise

Vor drei Jahren hatte ich jetzt noch genau fünf Tage Zeit. Fünf Tage, um mir Gedanken darüber zu machen, ob ich einen großen Schritt durch die aufgestoßene Tür mache. Einen Schritt, nicht nur durch die Tür zu gehen und vor anderen Menschen etwas zu erzählen – was ich eigentlich nie konnte – nein, sondern über “mein Thema” zu sprechen. Über mich. Über mein Leben und Erleben. Wie das ist? Stell dir vor, du lebst die ganze Zeit in deinem Schatten, schreibst nur ein paar Worte in dieses Internet, damit es etwas ruhiger in deinem Kopf wird und dann gehst du da raus und stehst vor wildfremden Menschen, denen du diese geschriebenen Worte erzählst. Genauso erzählst, wie du sie empfindest. Das hat mich fertig gemacht. Es war der Beginn von allem. Heute sind drei Jahre rum. Es stehen die restlichen Termine im Blog. Und dann wird nach 140 Vorträgen in diesen 3 Jahren Schluss sein. Ende. Ich habe keine Lust mehr weiterzumachen. Ich möchte nicht mehr stundenlang auf der Autobahn verbringen. Ich möchte nicht mehr direkt nach der Arbeit irgendwo hinhetzen, um über mich zu reden. 140 Vorträge waren auch 140 Therapiestunden. Mehr als in jeder ambulanten Betreuung. 140 Vorträge in 1095 Tagen sind alle 7,8 Tage eine Therapiestunde. Jede verdammte Woche eine Therapiestunde drei Jahre lang. Jede Woche habe ich also einmal über mich und mein Leben gesprochen. Immer wieder. Immer und immer wieder. Sicher gab es nach einer Zeit gewisse Routinen und Automatismen, aber dennoch ist das Erzählte oft abgewichen. Es hat sich verändert. Es hat sich über die Jahre angepasst. Ich habe mich immer weiter mir gestellt. Und euren Fragen. Fragen, die mich jedesmal auf der Fahrt nach Hause und Tage danach noch beschäftigt haben. Sicht- und Denkweisen von euch. Eure Erlebnisse, die ihr in unzähligen Nachrichten und Mails mit mir geteilt habt. Ich durfte lernen. Lernen, dass ich einen Wert habe. Lernen, diesen Wert für mich zu erkennen und anzunehmen. Lernen, dass viele Denkweisen einfach völlig daneben sind. Kleine und feine Einwände bei mir ausgesprochenen Sätzen haben viel bewegt. Ich habe gelernt Mut zu haben, rauszugehen, etwas zu probieren, andere von mir zu überzeugen und einen Raum zum Reden zu schaffen. Es gab anstrengende Tage. Ich habe Fehler gemacht. Ich habe nie jeden erreichen können – und wollte es auch nie. Ich habe tolle Orte gesehen, tolle und interessante Menschen getroffen. Ich durfte und konnte mit Experten sprechen. Ich habe den Weg zum Sport gefunden. Nicht nur, weil ich durchgehalten habe, nein, auch weil ihr immer ein Feedback bei dem gegeben habt, was ich geteilt habe. Über Rückschläge und Siege. Drei Jahre. Welch eine lange Zeit. Wie viele Stunden ich im Auto auf der Autobahn verbracht habe. Nach der Arbeit los, reden, nochmal sprechen und nachts wieder zurück. Aber jetzt? Möchte ich das nicht mehr. Ich brauchte diese Aufgabe, weil ich ausleben konnte.

Ich bin da raus und habe meinen ganzen Scheiß in die Welt gebrüllt. Ich habe etwas von mir gegeben und preisgegeben, während andere meinten, ich würde nicht die Wahrheit sagen. Ich habe so lange und so oft über meine Themen gesprochen, bis es nicht mehr weh getan hat. Ich habe mich dann damit auseinander gesetzt und habe jetzt das Gefühl, frei zu sein. Ich bin müde geworden vom Brüllen. Vom Reden. Von all dem. Deshalb ist jetzt Schluss. Drei Jahre Therapie. Es war eine Aufgabe die mich mit Leidenschaft erfüllt hat. Vor allem werde ich viele viele viele tolle Erlebnisse in Erinnerung behalten.

Die Entscheidung ist keine Entscheidung, die ich mal eben so treffe. Oder schon getroffen habe. Der Urlaub hat viel verändert. Diese eine Woche Rügen. Vor zwei Jahren in Dänemark habe ich noch geschrieben, dass ich meine Gedanken immer mitnehme. Letztes im Urlaub habe ich mich regelmäßig abends um Mails und Anfragen gekümmert, wenn mein Sohn geschlafen hat. Dieses Jahr? Hatte ich den Laptop mit. Er lag mal auf dem Küchentisch im Ferienhaus, aber an? War er nur ein einziges Mal, als ich die Route für unsere Fahrradtour mit dem eBike und dem Kinderanhänger über die Insel geplant habe. Benachrichtungen auf dem Handy habe ich weggewischt, später gelesen und nicht wirklich beantwortet. Ich hatte ne Abwesenheitsnotiz. ICH HATTE NE ABWESENHEITSNOTIZ. Und das sagt eigentlich schon alles aus. Der Urlaub sollte der Urlaub sein. Ich wollte abschalten, ich habe abgeschaltet. Ich habe angefangen, mein Leben zu genießen. Die Momente zusammen. Das Thema hat viele Jahre meines Lebens bestimmt. Es hat meinen Alltag bestimmt. Und ich wollte mich um dieses Thema kümmern, weil ich ein ganz großes Ziel hatte – Stabilität. Raus aus den Gefängnissen der Vergangenheit. Je mehr ich mich in den Jahren damit beschäftigt habe, aus diesen Gefängnissen zu entkommen, desto weniger habe ich gemerkt, wie frei ich eigentlich schon bin. Wie oft ich lächelnd aufstehe und nicht mehr zurückblicke. Türen mussten zugehen, damit es anders wird. Und jetzt? Liebe ich es, draußen zu sein. Ich liebe es, die Natur zu erleben – egal wo ich bin. Ob im Harz mit den Bergen, am Meer mit dem Strand oder hier vor der eigenen Haustür bei einer charmanten Radtour in den Sonnenuntergang.

Dann ist da mittlerweile ein Job. Noch erfüllt er mich nicht, aber er füllt mich aus. Ich bin Vollzeit im Büro und habe einen teilweisen stressigen, aber wirklich ausfüllenden Job. Ich gehe lächelnd hin, komme lächelnd nach Hause und habe keinen Frust, an einem Montag wieder loszumüssen. Wisst ihr noch, was ich oft unterwegs mal gerne behaupte?

Finde eine Aufgabe, die dich erfüllt oder ausfüllt. Eine erfüllende Aufgabe musst du nicht jeden Tag machen. Aber es ist eine Aufgabe, die dir eine Menge gibt. Eine Aufgabe, bei der du etwas gibst und etwas zurückbekommst. Eine ausfüllende Aufgabe machst du jeden Tag. Sie ist nicht immer toll, du bekommst nicht immer etwas, aber du hast jeden Tag damit zu tun und zwischendurch gibt es einen Lohn. Beides hilft dir zur Stabilität.

Beides ist passiert. Die erfüllende Aufgabe und die ausfüllende Aufgabe. Ein Job, bei dem ich vor einem Jahr noch abgelehnt wurde und jetzt auf Nachfrage eine Chance bekommen habe. Eine, die sich lohnt. Eine, die mich wirklich zufrieden macht. Dazu mehrere erfüllende Aufgaben. Ein Hobby. Oder zwei. Und mein Sohn. Zeit mit ihm und der Familie. Zeit für uns und zusammen. Zeit, die an den Tagen mit Vorträgen einfach nicht mehr hatte. Nein, ich habe mir keine Vorwürfe gemacht, dass ich ihm die Zeit nehmen könnte. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass ich zu wenig da bin. Ich habe jetzt eher das Gefühl, dass ich die Zeit bei ihm und mit ihm besser investieren kann. Mit dem Job bin ich eh schon weniger zu Hause. Und dann noch unterwegs sein? Und dann noch einem Hobby nachgehen, dass auch nicht in 5 Minuten erledigt ist? Nein. Es ist gut jetze. Ich möchte hier den Strich drunter machen und in das eintauchen, was gerade das Wichtigste ist. Mein Leben. Meine Familie.Zeit, die ich von ihnen bekommen habe, um all diese Fahrten machen zu können. Zeit, die ich dafür geschenkt bekommen habe. Die kann ich nicht zurückgeben. Ich kann jetzt aber auch etwas mehr von meiner Zeit schenken.

Es ist Zeit zu gehen. Von der Bühne. Der Vorhang fällt bei jeder noch anstehenden Veranstaltung immer ein Stück mehr. Und im Dezember werde ich mich noch einmal verneigen und lächelnd von dieser Bühne abtreten. Ich werde zurückblicken können auf viele Artikel in Zeitungen, auf Radiointerviews, auf youtube Videos, auf so verdammt viel. Unter dem Strich zählt aber nur eins: Ich habe meine Geschichte öffentlich gemacht. Ich habe diesen Weg gesucht, damit ich mich überprüfbar mache und nicht mehr vor mir wegrenne. Es ist meine Entscheidung gewesen, diesen Weg zu gehen. So und nicht anders. Und ich weiß heute: Ich bin mehr als meine Vergangenheit. Ich bin mehr als das, was ich gelernt habe zu sein. Ich bin viel mehr als eine Krankheit, die den Großteil meines bisherigen Lebens bestimmt hat, weil ich es nicht anders gelernt habe. Ich bin mehr als das Verhalten, das ich zu viele Jahre mit mir rumgetragen habe. Der Preis der Öffentlichkeit ist hoch. Sehr hoch. Und doch war es immer wieder ein Gewinn. Schritt für Schritt loszugehen, auch oft zu scheitern. Scheitern an Menschen, an Fehlentscheidungen, an Rückschlägen. Ach, ich kann das hier gar nicht alles aufzählen.

DANKE! <3

Eigentlich reicht das Wort nicht aus. Und doch ist es das, was ich empfinde. Dankbarkeit für das, was ich erleben und teilen durfte. Danke an euch, die mich an den Abenden besucht haben, zugehört haben, geblieben sind. Danke besonders an die, die immer an mich geglaubt haben – egal wie anstrengend und schwierig manche Situation war. Ich habe tausende Menschen gesehen. Kinder, Eltern, Paare, Einzelkämpfer, Großeltern, Fachleute, Studierende, Schüler, Interessierte – und ich kann heute nicht sagen, ob es Betroffene oder Angehörige sind, die die Mehrzahl der Besucher waren. Alleine die Resonanz hat gezeigt: Wir müssen über dieses Thema reden, damit es etwas normaler werden kann. Jeder kann im Rahmen seiner Möglichkeiten einen Teil dazu beitragen. Danke für all die Möglichkeiten, die dadurch entstanden sind. Menschen, die zu Freunden geworden sind, aber einfach zu weit weg wohnen. Danke, dass ihr mir immer wieder das Brett vor die Nase gekloppt habt, welche Leistung ich da bringe. Ich bin noch immer gewillt zu sagen: “Was mache ich denn schon? Ich stehe da und erzähle 2 Stunden etwas von mir.” Und dann gucke ich auf die Zahlen. Und Zahlen? Lügen nicht. Auf eines war ich nie aus: Bestätigung und Menschen, die mir nach der Nase reden. Ich wollte nicht bekannt sein, ich wollte bewegen. Die andere Seite der Medaille: Durch die Rückmeldungen an vielen Stellen musste ich verstehen, dass ich mich oft kleingeredet habe. Danke! Für so vieles, was ich zurückbekommen habe.

Und dann ist da ja noch das Hobby. Dieses zeitfressende, mich nicht loslassende Hobby. Dieser Traum aus der Kindheit. Ich lebe das jetzt übrigens voll aus. Bei Wind und Wetter. Auf der einen Seite habe ich keine Lust mehr stundenlang im Auto zu sitzen, auf der anderen Seite fahre ich 150 km durchs Weserbergland. Oder “mal eben” ne Runde abends. 50 bis 70 km. Aber da ist er, der Traum aus der Kindheit. Dann übst du, und schraubst, stellst ein, übst, trainierst, probierst, forderst dich heraus, genießt, lernst du Umwelt anders kennen, fährst einfach. Und gibst nicht auf. Erfüllst plötzlich die Goldanforderungen beim Sportabzeichen und machst weiter. Aber dieser Vorhang geht nicht zu. Dieser geht gerade sehr weit auf.

Alles braucht einen Runden Abschluss. Ich habe schon wieder so viel geschrieben. Und eigentlich doch zu wenig. Aber ich habe geschrieben. Immerhin. Und jetzt ist mal gut. Ich hör jetzt auf. Zumindest mit diesem Beitrag. Ich habe noch nen Wunsch. Ok? Redet bitte. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen den Mut haben zu reden. Über das, was wirklich los ist. Nicht nur anonymisiert ins Internet, sondern mit den Menschen, die sie umgeben. Gebt ihnen eine Chance, etwas mehr Einblick zu bekommen. Redet mit Gleichgesinnten, tauscht euch aus und zieht euch nicht zurück. Es hilft nicht, anderen zuzuhören, Mut zu bekommen, aber die gereichte Hand abzuweisen – auch wenn das so nah liegt und sich als Automatismus einschleicht. Wertet Menschen nicht ab, weil sie etwas nicht schaffen, wie ihr euch das vorstellt, oder wie ihr es von ihnen gewohnt seid. Seid die, die die Hand ausstrecken. Und nicht die, die die hilfesuchende Hand wegschlagen, indem ihr Ratschläge habt und alles besser wisst.

Wir lesen uns! (Oder hören uns vielleicht.)

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7 Kommentare

  1. Schade….mit etwas Traurigkeit, aber auch mit meiner Herzlichkeit umarme ich dich und danke dir für deine vielen Gedanken, die du öffentlich gemacht hast.
    Es ist gut so, höre auf, aber gebe nie auf. Bleib am Ball (oder Rad) und in Gedanken bei all den Menschen, die du erreicht hast, so wie mich.

    Liebster Markus, alles Gute für dich, deine Familie und deinen Alltag und ich bin mir sicher, wir hören wieder von dir…..irgendwann, irgendwo💪😊

    1. Liebe Jutta,
      danke für deine Worte. Die Reise ist ja nicht ganz zu Ende, auch wenn das vielleicht so klingt. Ich höre nur mit einem Teil auf beschränke mich auf den Teil, mit dem ich angefangen habe. Das Schreiben. Das werde ich sicher auch nicht aufgeben.

  2. Hey Markus…

    will gar nicht viele Worte verlieren (sonst würde dieser Kommentar ausarten… :-D)…
    Zeit etwas Altes auf die Seite zu packen, um Platz für Neues zu schaffen…ich freu mich riesig für dich…der holprige, lange Weg hat sich gelohnt… :-D

    Liebe Grüße aus dem Pott
    Petra

  3. “Ich wollte nicht bekannt sein, ich wollte bewegen …”
    Das hast du, sicher mehr als du wirklich ahnst. Schade für mich, ich hätte dich gerne moch einmal in Bad Gandersheim gesehen, aber das ist reiner Eigennutz und ich gönne dir den Start in ein anderes, ruhigeres Fahrwasser :-)

    1. Liebe Jana,

      dann nutzen wir das. Am 19.11. komme ich nochmal nach Gandersheim. Der Termin hat sich heute ergeben und steht noch nicht im Planer.

  4. Lieber Markus, es klingt wahnsinnig logisch und richtig und trotzdem bin ich total traurig, dass der Termin in München nicht wiederholt werden konnte und mir nun die Chance entgeht, dich persönlich zu treffen bzw zu hören. Das war immer mein Wunsch. Leider sind die restlichen Termine zu knapp und zu weit weg, um irgendwie anreisen zu können. Aber ich versteh wirklich, dass du damit abschließen willst. Herzliche Grüße, Tanja

    1. Liebe Tanja,
      in der Tat, das mit München ist beschissen. Können wir ja ruhig so sagen, wie es ist. Ich habe mich lange bemüht, einen Ersatz zu finden, aber der Aufwand ist immens gewesen. Ich möchte nicht ausschließen, dass es nicht doch nochmal ein “Highlight außer der Reihe” gibt, aber im Moment ist es wirklich die logische Konsequenz aus der Entwicklung und den Schritten, die ich gegangen bin. Ansonsten gibt es ja noch Links bei youtube, die das zeigen was ich erzähle. Wenn auch schon ein paar Tage älter.

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