Hast du Zeit? Ich brauche welche.

Das Jahr geht zu Ende. Ein Jahresrückblick? Nee, nicht ganz. Und irgendwie geht nicht nur das Jahr. Ich würde mich gerne mal in meinen Sessel setzen und in Ruhe auf dieses Jahr zurückblicken, aber irgendwie fehlt mir schlichtweg die Zeit. Zeit hat sich zumindest dieses Jahr als das höchste Gut herauskristallisiert. Zeit, die mir an vielen Tagen einfach gefehlt hat, obwohl so viel anderes nicht stattgefunden hat. Zeit, die ich irgendwo gelassen habe. Aber was bleibt über von diesem Jahr? Ganz so genau weiß ich es nicht. Stand jetzt habe ich einen Punkt erreicht, der das Ende meiner psychischen und physischen Grenze ist. Ich bin platt, müde, ausgelaugt, fertig – wie wahrscheinlich so viele. Es ist der 22. Dezember und ich werde dieses Jahr das erste Mal auch Heiligabend arbeiten müssen. Die Tage verfliegen. Aufstehen, arbeiten, Feierabend, Sohn bzw. Familie, müde sein, schlafen, wieder aufstehen. Und so weiter. Jeden Tag. Das ist gut. Aber auch irgendwie schlecht. Ich habe lange durchgehalten, was die Resilienz in dieser „Krise“ angeht, aber jetzt bin ich am Limit. Ich kann und will nichts mehr über Viren, Infektionen, Inzidenzen, Mundschutz, Lockdown und ähnliches hören. Ich bin gestresst und genervt, gereizt und griffig.

Mein Beruf bringt es mit sich, dass mein Wecker um 3.50 Uhr das erste Mal den freundlich penetranten Weckton von sich gibt. Um 4.20 Uhr geht es aus dem Haus. Entweder mit dem Rad zur Bahn und dann von der Bahn zur Arbeit, oder ich fahre die 25 km mit dem Rad komplett durch. Ich habe im Dezember 2019 entschieden, dass ich wieder körperliche Arbeit brauche. Kein Büro, nicht irgendwo eingesperrt, sondern raus. Jetzt bin ich also in zwei Wochen seit einem Jahr einer von denen, die hinten auf nem Lkw stehen und sich um das kümmern, was andere unter der Woche in Säcke und Tonnen stopfen. Habe ich das hier eigentlich schon mal irgendwo erwähnt? Ich weiß es nicht. Ich bin auch zu müde, um den Blog danach zu durchsuchen und hier zu verlinken. Ein paar Sachen habe ich mir gespeichert.

Das Ding ging irgendwie viral und hat einen Nerv getroffen. Letztlich zeigt mir aber das auch jeden Tag, wie sehr mich Menschen nerven. Ignorante Menschen, die sich immer irgendwo nach vorne drängen müssen, keine Zeit haben und glauben, sie wären mit ihrem Verhalten im Recht. Sei es bei der Geduld, wenn wir mit dem Fahrzeug stehen und laden, oder sei es bei der Trennung von eben Müll. Ich könnte hier eine ganze Menge erzählen, aber das ist nicht Thema meines Blogs. Thema wäre, ob es gut ist, dort zu arbeiten. Und das ist es. Das frühe Aufstehen, die körperliche Arbeit, die wechselnden Bedingungen, die oft doch freundlichen Anwohner, die körperliche Arbeit und die körperliche Arbeit. Am Anfang habe ich mich wirklich schwer getan, mich da reinzufinden. Die Belastung war ungewohnt und hart. Trotzdem habe ich nicht aufgegeben und habe es am Ende sogar geschafft, beide Strecken mit dem Fahrrad zu pendeln und ne Tour als Lader zu fahren. Bäääm. Freude. Nur kurz, ich bin müde. Gut war und ist auf jeden Fall, dass ich das große Privileg habe und hatte, dass ich damit einen „systemrelevanten“ (es ist für mich das Unwort des Jahres) Beruf habe und raus darf. Ich weiß nicht, was in diesem Jahr passiert wäre, wenn ich in Kurzarbeit hätte gehen müssen.

Dann war da ja der Sport. Ein komisches Jahr. Wirklich. Ich hatte Ziele, Wünsche und Vorstellungen. Nichts davon hat wirklich geklappt. Irgendwie wurde alles verschoben und ein paar tolle Sachen konnten doch noch entstehen. Der 3. Platz beim 24 Stunden Schwimmen in Sarstedt. Mit 15.250 Meter nicht so viel wie in den letzten Jahren von anderen Sportlern, für mich aber ne große Leistungen. 15,25 km geschwommen. 610 geschwommene Bahnen in Brust und Kraul. Völlig bekloppt. Wirklich. Auf dem Rad habe ich es – Stand heute – nicht ganz auf 6.000 Kilometer gebracht. Das sind fast 1.000 mehr als im letzten Jahr, aber nicht das, was ich mir vorgestellt habe. Auch hier kann ich nur sagen: Egal, es sind dennoch tolle Sachen entstanden. Ich bin – mal einfach so – mit dem Rennrad 201 km von Hildesheim nach Hamburg gefahren. Dann gab es da noch irgendwie die abgefahrene Idee, was wohl möglich wäre, wenn wir 24 Stunden auf dem Rennrad verbringen. Zwei Typen, zwei Räder, ein 10 km Rundkurs. Leider, wirklich leider, musste ich abends nach 210 km aufhören, weil ich mich falsch ernährt habe und der Körper bei der langen Belastung nicht mehr so wollte wie ich. Aber 210 km auf dem Rennrad. Nochmal weiter als Hamburg. Dazu kommen ein paar tolle Ausfahrten in der Gruppe oder allein, Training mit dem Verein, ne Fischbrötchensause nach Steinhude, 100 km am Bodensee in brütender Hitze entlang und unzählige Momente in der Natur. Nur das Laufen, das war irgendwie das ungewollte Kind, das keine Beachtung gefunden hat. Ich laufe ja immerhin schon auf der Arbeit genug. Am liebsten würde ich hier schreiben, wie sehr mich alles ärgert, was nicht ging. Wirklich, wirklich, wirklich gerne. Mache ich das, bekomme ich direkt wieder Ärger. Immerhin kann ich mir dessen sicher sein. Also habe ich trotz allem das wirklich gemacht. Und ganz leise rufen all die nicht erreichten Sachen im Hintergrund, dass sie auch wahrgenommen werden wollen.

Es gab auch noch viele andere schöne Sachen. Wir konnten zwei Mal wegfahren und Zeit genießen. Weg von all dem Alltagstrubel, hinein in die Ruhe mit vielen Eindrücken und Aktivitäten als Familie. Wir haben zu Hause mehr für uns getan, haben ein altes „Paar-Hobby“ zum Familienhobby gemacht. Der Sohn ist genauso wie ich ein Draußenkind und wir suchen nun Schätze. Plastikdosen und sowas. Geocacher halt. Oder Radfahrer. Oder Spazierer. Oder, oder, oder. Dennoch ist die Anspannung der äußeren Umstände zu merken. Bei uns als Eltern, bei Jonas als Leidtragenden der Kita-Schließung, weniger Kontakte zu Freunden und irgendwie auch durch uns. Die Anspannung bei uns als Paar, als Arbeitnehmer und das kostet so immens Kraft, uns um uns und alles andere zu kümmern. Wirklich. Ich habe einen heiden Respekt vor allen, die durch „die Krise“ alleine müssen. Das Jahr hat mir auch alle Vorträge genommen. Ich wollte noch ein paar besondere Vorträge machen und es ging … genau … nichts. Rein gar nichts. Ja, mir hat es gut getan, auf der Bühne über und mit anderen über Depressionen zu sprechen. Es war eine Reise und Therapie, bei der nun anderen bestimmt haben, dass sie zu Ende ist. Alles um ein Jahr verschieben? Weiß ich nicht. Alles nachholen, neu anfangen, weitermachen? Weiß ich nicht. Gerrit und ich haben dann Nägel mit Köpfen gemacht und ich habe mich auf ein neues Abenteuer eingelassen. Ein Livestream. Total verbockt – wie sollte es auch anders sein. Vernünftig vorbereitet und dann funktioniert der Ton nicht. Geile Geschichte. Aber es sollte jeder die Chance haben, es zu sehen. Nach zwei Teilen war aber Schluss. Vielleicht legen wir trotzdem nochmal einen nach.

Tja, da sitze ich nun hier mit all meinen Ideen und Wünschen, aber ich bin müde. Da ist sie nun also. Diese Grenze. Für Kopf und Körper. Was mache ich nun? Auf mich achten? Mich rausnehmen und für mich sorgen? Zurückziehen. Mich den Gedanken hingeben, was ich dieses Jahr alles nicht so gut gemacht habe? Stiller werden, da sitzen und die Tage ertragen? Es ist ein schleichender Prozess in den letzten Wochen. Es ist schwieriger, mich um was zu kümmern – aber ich mache es noch. Doch diese Woche ist es sehr sehr schwer geworden, morgens aufzustehen. Der Wecker und meine Motivation sind keine Freunde. Ich bin genervt, weil ich zur Arbeit fahren muss. Ich bin genervt, weil da auch nicht alles rund läuft. Und vor allem möchte ich einfach schlafen, weil ich müde bin. Gut. Kommen wir nochmal zu der Frage zurück, was ich jetzt an diesem Punkt der Grenze machen soll. Mache ich es wie beim Sport? Einen Schritt weitergehen, die Erschöpfung riskieren weil ich weiß, dass es danach einfacher wird? Tja, vielleicht. Beim Sport trainiere ich ja auch nicht nur die Grundlagen, sondern mache den Schritt weiter, fordere mich, bin kaputt und nach ein paar Mal wird es einfacher. Kann das mit der Psyche auch gehen? Kann das gehen, wenn ich der Körper und die Seele müde sind? Tief in mir ist der Wunsch und die dringende Mahnung, dass ich mich nicht mehr der Lethargie hingebe, auch wenn sie noch so verlockend ist. Ich weiß, was passieren kann, wenn ich mich nur einen Moment in genau dieser Ausruhe. Die Lethargie mit all ihren Gedanken ist der völlig falsche Ort. Aber … tja. Wenn ich mich nun nicht aufraffe, dann gebe ich mich hin. Dann achte ich darauf, dass es nicht zu viel wird, aber wo soll das funktionieren in einem Beruf, mit Familie, Kind und Aufgaben? Aufgeben und zurückgehen wäre so einfach, wenn … tja. Was wenn? Ich bin müde. Wirklich. Ich würde jetzt auch gerne aufhören zu schreiben, aber ich möchte hier fertig werden, damit ich meinen Sohn ins Bett bringen kann. Es ist kurz vor 20 Uhr. Es wird Zeit. Es braucht Zeit. Danach? Nur noch ein paar Minuten für mich, bis ich selbst schlafen muss. Mache ich aber nicht. Mir fallen für ein paar Minuten die Augen zu, ich werde wieder wach und liege dann rum. Zu wenig Schlaf, wieder früh raus, körperlich Arbeiten und wir drehen uns im Kreis. Und dann fehlt eben auch die Zeit. Zeit, um Artikel zu schreiben. Zeit, um wirklich den Sport zu machen, den ich machen wollte. Zeit, mir Gedanken zu machen, ob und wie es mit dem Blog weitergeht. Zeit, um zu Lesen oder einfach nur mal Musik zu hören.

Wie ich all das schaffe, obwohl es mir gerade nicht so gut geht? Ich stehe auf und mache es trotzdem. Ich mache es, weil ich es möchte. Weil sich alles andere nach Aufgeben anfühlen würde. Weil ich weiß, was ich meinem Körper zumuten kann. Weil ich weiß, dass es doch immer noch einen Schritt weitergeht. Ich mache es trotz und wegen allem. Ich mache es, weil ich den Fokus verändern kann, meinen Sohn in den Vordergrund stelle und die Zeit, die mir fehlt, mit ihm verbringe. Er braucht Abenteuer. Ich will Abenteuer. Und irgendwo drin ist der Alltag.

Und morgen? Stehe ich auf und mache weiter, weil das Leben weitergeht, weil ich einen Anspruch an mich selbst habe.

Bitte passt gerade jetzt an den Weihnachtstagen auf euch auf. Haltet Kontakt. Achtet auf Anzeichen. Fragt lieber nochmal nach. Nehmt euch raus. Nutzt Videotelefonate und helft mit, dass wir alle zusammen gut durch diese Zeit kommen. Ok? Beim nächsten Mal habe ich auch wieder mehr Zeit für Worte in diesem Blog. Versprochen.

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9 Kommentare

  1. Danke für deine Worte.
    Ich bin seit Mai krankgeschrieben wegen Depression und Burnout und die letzten 5 tage nicht aus dem Bett gekommen.
    Du gibst mir immer ma wieder <mut, den Arsch hochzukriegen und etwas dagegen (für mich !) zu tun.
    LG aus Hamburg!
    Manu

    1. Manu, das tut mir leid für dich. Und ich hoffe, dass sich die Lage demnächst wieder entspannt. <3 Ich bin mir sicher, dass du das schaffst. Kleine Schritte machen den großen Erfolg.

  2. Ich bekomme EU-Rente seit ich meine körperlichen und seelischen Grenzen erreicht hatte. Nun fühle ich mich wie ein Käfer auf dem Rücken liegend. Quälende Alpträume begleiten mich. Gerade jetzt vor den Feiertagen träume ich von meiner Familie, als diese noch „vollständig“ war. Meine Eltern leben nicht mehr, meine behinderte Schwester hatte es gerade bis zur Rente geschafft, heute vor 5 Jahren ist sie eingeschlafen. Vor drei Jahren hat mein Bruder den Kampf gegen den Krebs verloren. Und am meisten schmerzt das mein Enkel nach einem Verkehrsunfall vor 7 Jahren auf dem Friedhof liegt. Warum sind diese Seelenschmerzen an Weihnachten am stärksten? Gerade jetzt wo scheiß Corona die Familie klein hält trifft es doppelt hart.

    1. Es tut mir wirklich leid für dich und wie deine Situation ist. Ich kann es nur im Ansatz nachfühlen. Ich glaube, an Weihnachten ist es immer besonders schwer, weil wir da unseren Lieben einfach näher sind.

      Ich selbst kann mir der Zeit ganz gut umgehen. Die wichtigsten Menschen sind noch um mich. Und da es als Kind nicht immer besonders schön war, vermisse ich da auch nichts.

  3. Das sind doch ausreichend gute und viele Worte und so treffend.
    Ich hatte jetzt zwei sehr harte Wochen. Am liebsten wäre ich einfach nur im Bett geblieben (der Nebel jeden verdammten Tag tat sein übriges), aber damit erfülle ich nicht den Anspruch an mich und dann ist da noch die Familie. Irgendwie muss man und will man doch funktionieren und das ist in der Regel nicht nur schlecht
    Eigentlich wollte ich mir ärztlich Hilfe holen, aber in Corona Zeiten zum Arzt…zu der bleiernen Müdigkeit kam einfach die Sorge einer Ansteckung und die Angst, grundlos den Arzt zu nerven, der sicher Besseres zu tun hat.
    Aber es wird wieder besser.
    Ich freu mich, dass du gebloggt hast und dein live Stream war überhaupt nicht verbockt. Das war eine tolle Idee, über die ich mich sehr gefreut habe
    Dir und deiner Familie von Herzen frohe Weihnachten, viel Kraft und Zuversicht fürs neue Jahr.
    Danke für alles!

  4. Lieber Markus, Danke für die Einblicke in Dein Gefühlsleben. Der Alltag hilft mir meine Struktur, die so wichtig ist, aufrecht zu halten. Einen Tag nach dem anderen. Wenn das zu viel ist, eine Stunde nach der anderen. Denn, uns allen fehlt das sichtbare Ziel in diesem Sch…. Corona Jahr.

    Bleib gesund, mach mal Pause und lass Dir sagen, dass Du ein wunderbarer Mensch bist!

  5. Hey Markus, danke für Deinen Blog! Herzlichen Dank! Ich finde mich in so vielen Dingen wieder. Und dieses Jahr habe ich sportlich nicht annähernd das geschafft was ich wollte. Ich bin eine alleinerziehende Mutter von 5 Kindern, habe eine Vollzeitstelle im Tiefbau und kenne die Höhen und Tiefen. Gerade wenn morgens der verf*** Wecker klingelt und man die ganze Nacht kein Auge zu gemacht hat weil das Gedankenkarussell nicht stehen bleibt. Ich darf gar nicht an die Weihnachtsfeiertage denken. Meine Kinder sehe ich erst Silvester wieder. Hoffentlich. Ich wünsche Dir und der Family ein wunderbares Weihnachtsfest! Danke für Deinen Blog, es tut gut zu lesen, dass man mit dem ganzen Mist nicht allein ist.
    Herzliche Grüße, Julia

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