Was kommt denn nun „danach“?

Draußen ist der wahrscheinlich erste richtige Herbsttag. Es ist grau. Zwischendurch etwas Sprühregen. Drinnen war gestern das erste Mal die Heizung an und ich frage mich, was denn nun kommt. Der Weg hier zum Text war lang und steinig. Er war verbunden mit vielen intensiven Rückschlägen. Mit andauernden Lernphasen und dem Kennenlernen von Menschen, die mich mit allem weitergebracht haben. Es gab Fehler, die ich gemacht habe. Übereifer in Sachen, die ich unbedingt machen wollte, weil sie sich so richtig angefühlt haben. Es gab Möglichkeiten, die ich nicht genutzt habe. Es gab Chancen, die ich ergriffen habe und es gibt gerade ein Leben, dass außerhalb der Dysthemie bzw. rezidivierenden Depression verläuft. Eines, was wohl jeder andere als „normal“ bezeichnet. Dabei bin ich wohl alles, aber nicht normal. Follower, die viel von mir mitbekommen, werden jetzt wahrscheinlich lächeln und nicken: „Der Typ hat so richtig einen am Helm.“ Lustigerweise behauptet das sogar mein Sohn von mir. Und? Das ist gut so. Ich bin kein Mensch, der in eine Norm gepresst werden kann – und das auch nicht will.

Ich kann mein Verhalten oder Nichtverhalten nicht mehr auf eine psychische Erkrankung schieben. Das ist die für mich wichtigste Erkenntnis der letzten Monate, die ich mal wirklich stiller mit mir ausgemacht habe, anstatt hier Ewigkeiten etwas in den Blog zu hämmern. Beiträge in sozialen Medien sind eine Retrospektive – der Blick in das, was mal war. Nicht mehr das, was ist. Es gibt Schwingungen und Tendenzen im Alltag. Nicht nur auf kurzer Sicht an einem Tag, sondern auch auf länger Sicht. Sagen wir mal … ne Woche. Ich kann mittlerweile sehr gut einschätzen, wann ich im Ablauf mal etwas runterfahren muss. Und ja, es gibt schlechte Tage. Richtig schlechte Tage. Doch eben die sind kein Indiz mehr für eine langfristige Erkältung hinter meiner lichten Stirn, sondern eine Aufgabe. Eine von denen, die ich annehme und gucke, was da los ist. Ohne es bewusst ändern zu müssen. Ich bin nicht depressiv, nur weil mal ein Tag völlig aus dem Ruder läuft und ich sehen muss, wie ich meine Gedanken eingefangen bekomme. Es ist absolut normal, schlechte Tage zu haben. Sie stehen jedem zu. Dir und mir.

Manchmal genieße ich es auch, all das im Alltag zu sein, was andere auf die Palme bringt. Mit mir zusammenzuleben kann anstrengend sein. Ich will nicht reden. Ich antworte leise und kurz. Ich habe mal keine Lust, mich um etwas zu kümmern. Mir ist auch mal etwas zu viel. Ich möchte gerade nicht zuhören, weil ich mit etwas anderem beschäftigt bin. Ich habe Zweifel, was mich als Person angeht. Und ich hadere noch immer mit mir und meinem Aussehen. Ich lerne auch all das noch immer. Besser anzunehmen und mich anders zu sehen. Es gibt hier keinen Optimierungswahn, um ein „toller Mensch“ zu sein. Ich bin ein besserer Mensch, wenn ich Fehler mache und diese eingestehen kann. Der Zwang, irgendwelche Verhaltensmuster mit einer Therapie zu ändern? Den gibt es nicht. Ich gestehe mir viel zu, verlange mir aber auch viel ab. Ich meckere gerne mal über Dinge, die mir nicht gefallen. Aber das „Rumwettern“ entspannt auch. Das einzige, womit ich nicht mehr viel anfangen kann, ist permanente Negativität – über Monate oder Jahre oder in der täglichen Sprache. Es ist, als wenn jemand die Tür bei sich aufmacht und in seine Dunkelkammer holen will, ohne dass ich vorher den Anker auf meiner Seite festmachen konnte.

Ich bin gerne noch immer da, wenn mir jemand seine Geschichte erzählen möchte, Fragen an mich hat, mit mir einfach über was sprechen möchte. Doch ich kann und will mich nicht mehr jeden Tag damit beschäftigen müssen – ich kann das nicht mehr. Und ich habe großen Respekt vor all denen, die das können und wollen. Und noch mehr vor denen, die das täglich als Beruf machen und den nötigen Abstand dazu gewinnen. Das ist mir nicht immer gelungen. Andersrum: Ich wollte mich über Jahre damit beschäftigen, weil ich dann auch genug für mich rausziehen konnte, für mich anwenden konnte, andere Sichtweisen bekommen habe und heute einen Schritt weiter bin. Ich werde sicher nicht müde, über all die Themen der psychischen Gesundheit, Alkoholerkrankungen im Elternhaus und den Blick in eine andere Richtung zu sprechen. Meine Themen für mich selbst haben sich geändert.

Ich identifiziere mich nicht damit und ich bin kein „Depressionist“. Nicht mehr. Oder so irgendwie. Ich bin nicht geheilt oder gesund. Das wäre etwas zu weit gegriffen. Ich bin aber in einen Lebensabschnitt gefahren, in dem sehr viel sehr gut ist und ich mich nur mit alltäglichen Problemen auseinandersetzen muss. Sei es die Arbeit, Diskussionen unter Freunden, die Partnerschaft, Erziehung usw. … all das, was mich gerade nebenbei wurmt und aus der Bahn bringt, ist menschlich in einem sozialen Umfeld. Das ist gut zu wissen. Es ist okay, in diesem „danach“ zu sein. Ich weiß, dass danach auch davor werden kann. Oder mittendrin. Aber es wäre falsch, mir jetzt schon Gedanken darüber zu machen, was kommen kann, wenn ich nicht mal weiß, wie dieser Tag endet. Ich gucke auf das, was ist. Und ich brauche nicht für alle Eventualitäten einen Plan. Und dann heißt dieses danach wohl: Leben.

Glücklich zu sein, ist übrigens keine bewusste Entscheidung. Ich hasse Metaphern und Phrasen. Glücklich zu sein mit einer psychischen Erkrankung ist ein Weg. Manchmal ein richtiges Brett. Manchmal mit vielen Sackgassen. Und es braucht viele Erkenntnisse, um die richtigen Stellschrauben zu drehen. Ich kann nur eine Inspiration für andere sein, nicht aber der große Heilsbringer. Und der wollte ich auch nie sein. Ich bin ich. Mit einem Weg. Der mich nun zum Radsport gebracht hat, einem interessanten Beruf, vielen haarsträubenden Aktionen, zum liebenden Vater und eben der, der ich bin. Ich Kern habe ich ein glückliches und zufriedenstellendes Leben, was ich auch so sehen kann. (Etwas mehr Freizeit für Sport wäre toll, weil das nicht immer unter einen Hut zu kriegen ist. SAGT DAS ABER KEINEM!) Glück und glücklich sein kommen dann auf, wenn ich so lebe, wie es mir guttut. Wenn ich etwas mache, worauf ich Lust habe. Wenn ich mir selbst (sportliche) Aufgaben stelle und diese dann schaffe. Wenn mich Menschen umgeben, mit denen ich über all diese Themen wertfrei sprechen kann. Wenn es um gegenseitigen Respekt und Wertschätzung geht. Das Wichtigste im Leben sind eben doch die Menschen, die dir auf Augenhöhe begegnen.

Das große Aber.

Zwischen all der Entwicklung schwingt auch Melancholie. Ein kleines Stückchen. Der Wunsch an schlechten Tagen, mich wieder zurückzuziehen, keimt dann auf. Den Schritt zurück zu machen. Depressionen sind nicht nur schwer und anstrengend für mich und mein Umfeld gewesen, sie sind auch ein stetiger Halt an allen Tagen geblieben. An diesen Tagen, an denen nichts mehr ging. Zurückzugehen zu etwas, was mich über so so so viele Jahre bestimmt hat, ist nur legitim. Mich verstricken in Gedanken, die mich so sehr beschäftigen, dass ich gar nicht mehr mitbekomme, wie schnell ein Tag vorbeigehen kann. Oder mich solange zu hinterfragen, bis ich keinen Sinn mehr sehe und die Suizidalität der einzige Ausweg sein kann. Wie gut es mir getan hat, mich jeden Tag mit diesen Themen zu beschäftigen und mich so nicht konkret mit einer Veränderung auseinandersetzen zu müssen. Das ist ein Aber. Vielleicht brauche ich diese Konjunktive aber gar nicht, die ich auch noch viel zu oft in meiner Sprache benutze.

Und was kommt nun danach? Leben. Leben mit Entscheidungen, bewussten Wegen und Grenzen. Sicher auch mit dem Aushalten von Situationen und nicht getroffenen Entscheidungen, aber es kommt Leben. Und Freiheit. Es kommen gelegentliche Zweifel, aber das gute Gefühl, nach harter Arbeit die Belohnung einzufahren. Weg zu sein von dem, das mir das Leben so schwer gemacht hat. Hin zu dem, was ich sein möchte. Und wer. Mich nicht abhängig davon zu machen, wie mich andere sehen und gerne hätten.

Wie ist es euch nach depressiven Episoden ergangen? Was hat sich für euch geändert? Was habt ihr wahrgenommen und war es schwierig, das Gute dann zuzulassen, ohne wieder zurück zu wollen?

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2 Kommentare

  1. Ich kann das absolut nachfühlen. Die Depression ist leise, vielleicht weg. Ich habe viele sehr gute Tage und manche mäßigen, aber ich weiß, dass sie vergehen und morgen alles wieder besser sein kann. Ich weiß, dass ich gut auf mich achte, aber nicht geschützt werden muss wie ein rohes Ei. Manchmal überkommt mich dieser „Ich schaffe das alles nicht“ – Panikmoment, aber er vergeht. Manchmal, möchte ich mich fallen lassen, zurück gehen in die Zeit, in der es nur den Druck zu überleben gab. Jetzt habe ich wieder mehr Aufgaben, einen neuen Job, neue Herausforderungen und andere Kämpfe, manchmal nicht abschätzbar. Da wäre fallen lassen oder zurück gehen leichter, denn diesen Kampf kenne ich, kann ich. Aber dann atme ich tief ein, denke an die Dinge, die mich wieder lächeln lassen, endlich wieder, und ich möchte nicht mehr zurück. Die Sonne im Leben ist warm und schön. Ich muss nicht perfekt sein, ich bin was ich bin, und das ist gut so.

  2. Das alte, vertraute ist immer der erste Reflex. Aber puh. Beim drüber nachdenken dann doch nichts, zu dem ich zurück möchte. Das erste Mal in meinem Leben bin ich an einer Stelle, an der ich sagen kann „ja, ich will hier sein“. Nicht „es wäre schön, wenn ich nicht hier wäre“.

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