Kontrollverlust!

Ich sitze auf der Terrasse der Pension. Es ist dunkel draußen. Auf der Uhr steht 00:09 Uhr. Der Cappuccino zieht gemächlich mit Rauchschwaden in die Nacht. Seit einer Stunde sitze ich schon hier. Es ist still. Ich rieche das Meer. Ab und an ruft eine Lachmöwe. Ich muss diese Stille genießen. Dieser Tag war schwer. Anstrengend, intensiv, sehr lang und wirklich schwer. Schlafen kann ich eh noch nicht, mir fehlt die Fahrt mit dem Auto nach einem Leseabend, damit ich runterkommen kann. Leseabende oder Vorträge sind intensiv. Sie sind kein Programm, das ich einfach mal abspule. Doch dieser Tag? War anders als andere. Er war lang. Er hat einiges von mir gefordert. Er hat mich Kraft gekostet. Und er hat mir etwas zu verstehen gegeben. Manchnmal zwingt dich das Leben solange darauf zu gucken, bis du es endlich verstehst – oder zumindest erstmal wahrnehmen kannst. Manchmal erinnert es dich auch nochmal kurz an die Lektionen, die du vorher schon hattest.

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Der Lauf meines Lebens …

… hätte es werden können. Den (Ver)Lauf meines Lebens habe ich schon oft betrachtet. Ich hatte schon mehrere Läufe meines Lebens. Ich bin viel gelaufen. Weggelaufen. Hingelaufen. Und dann doch wieder weggelaufen. Bin freiwillig gelaufen, habe mich verlaufen und bin manchmal nicht angekommen. Ich habe am Ende beschlossen, dass Laufen “nicht mein Ding” wird. Laufen. Wollte ich nicht mehr. Deshalb habe ich aufgehört, beim Fußball in der Abwehr zu spielen und habe mich ins Tor gestellt. Warum mir niemand gesagt hat, dass die Sprints zu den 16er Linien noch anstrengender sind, weiß ich nicht. Die Lauftrainings zu schwänzen war die logische Konsequenz. Ich wollte nicht mehr laufen. Ich bin zu fett und unsportlich geworden zum Laufen. Eigentlich habe ich Fußball geliebt. Ich habe auch das Volksradfahren geliebt. 30 km am Stück durch die Weltgeschichte. Ich habe Rennradfahren geliebt – ich hatte nur nie wirklich eins. Ich habe immer die Tour de France geguckt. Ich habe auch alle anderen Radrennen geguckt, aber selbst fahren? War nur mit dem Rad möglich, was ich halt hatte. Als Kind konnte ich immerhin so tun, als wäre ich einer bei der Tour de France. Ich mochte auch Volksläufe. Natürlich mochte ich die. Ich bin zwar auch da nie so richtig gelaufen, sondern mehr schnell gegangen, aber hey, es gab einen Pokal. Oder eine Medaille. Ich war stolz darauf, am Ende noch was für mein Engagement zu bekommen. Aber Läufer? Wollte ich nicht sein .

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Sport, du Drecksau!

Da ist sie wieder, diese Demotivation. Es macht keinen Sinn, dieses “Weitermachen”. Für diesen Moment. Warum mache ich das eigentlich? Ach ja, stimmt: “Sport hilft gegen Depressionen, bla bla. Du schaffst dir neue Strukturen, bla bla. Du kannst was für deinen Selbstwert machen, bla bla. Du findest einen ganz anderen Weg zu dir, bla bla. Und die sozialen Kontakte erst, bla bla.” Niemand sagt dir vorher, wie frustrierend es sein kann, wenn an manchen Tagen einfach mal nichts funktioniert. Nichts. Niemand sagt dir, wie schwer es ist, sich selbst immer wieder zu motivieren. Warum strenge ich mich eigentlich an? Warum gebe ich stelle ich mich schon wieder den zweifelnden Gedanken? Ich könnte es doch direkt lassen. Klappt doch eh nicht. Oder?

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Sitzen reicht eben nicht!

Verloren im Zeifel. Oder Gefangen in der Welt der Selbstkritik. Es ist völlig egal, wie ich es ausdrücke, es kommt auf ein ähnliches Ergebnis. Es ist auch vollkommen Hupe, wie ich es nenne. Ich sitze hier. Mit Zweifeln. Wie so oft. Wie fast immer. Wie viel zu oft schleicht sich das Gefühl nicht zu genügen nicht ein, es ist da. Es schlägt mir wie ne Abrissbirne um die Ohren. “Du reichst einfach nicht. Egal, was und wie viel du machst.” Ein Gedanke, der ein Gefühl auslöst und mich lähmt. Der wieder alle Motivation zunichte macht und mich blockiert. Alles, wirklich alles. Also? Verbringe ich die meiste Zeit des Tages einfach damit, nicht zu genügen. Damit ich diesem verfickten Gedanken alle Ehre mache. Ich sitze hier und schaffe es nicht, mich ausreichend zu kümmern – weil ich es einfach nicht schaffe. Ich würde so gerne. Ich würde auch so gerne reichen.

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Deine Macht. Meine Macht.

Da sitze ich also wieder mit meinen Zielen, Wünschen und Vorstellungen. Alle nicht mehr greifbar. Alle sind eher demotivierend, als das ich damit was anfangen kann. Jahrelang gehst du einen Weg, jahrelang programmierst du deine Denke um, jahrelang setzt du dich all dem Scheiß aus, suchst Veränderungen, schaffst neue Rahmen, bist auf deinem Weg. Und dann? Verlaufen! Mal wieder. Wie so oft. Wie mich das ankotzt. Ein Gedanke. Eine Aussage. Eine verfluchte Erwartung an mich, die wie ein Blitz einschlägt und mich vom richtigen Weg trennt. Alles für den Arsch. Da sitze ich also wieder vor dem Haufen Mist, muss erklären was mit mir los ist – oder ich verstecke mich im Alltagskram, setze das Sonntagslächeln auf und halte es aus. Aber? Ich bin auch unaufmerksam. Wie immer. Und nun?

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Beziehungswaisen – alle allein!

“Ich werde niemals empfehlen, Tabletten oder Antidepressiva zu nehmen, aber einen Rat habe ich: Verlieben. Verlieben ist das beste Mittel gegen die grauen Tage. Das hat mir vor fünf Jahren super geholfen. Ganze zwei Wochen lang.” Wer mich schon reden gehört hat, wird diese Aussage kennen. Verlieben ist etwas ganz besonders Schönes. Die Hormone drehen durch, ich fühle mich wahnsinnig gut, alles ist blendend toll und … tja, irgendwann ist auch das vorbei. Das Gefühl bleibt nicht. Es ist ein kurzes Aufflackern von dem, was sein könnte – wenn ich denn überhaupt in der Situation bin zu fühlen. Will ich fühlen? Kann ich fühlen? Ist es wieder nur die Suche nach etwas, was mir eine Frau nicht geben darf und kann? Was suche ich überhaupt? Und warum bin ich jetzt nicht mehr gut drauf? Wieso ist eigentlich doch jeder irgendwie für sich?

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Lasst meinen Rucksack in Ruhe!

Der große Vorteil von einfühlsamen und interessierten Menschen? Sie beenden das Gespräch nicht mit: “Ja, so hat jeder sein Päckchen zu tragen.” Es liegt doch auf der Hand, dass jeder Smalltalk damit abgebrochen ist. Es geht aber auch noch anders: “Ist doch gar nicht so schlimm. Ach, das wird schon wieder.” Ich möchte noch ein bisschen beim besagten Päckchen bleiben. Ja, jeder trägt ein Päckchen. Der eine ein größeres, der andere ein kleineres, manch einer gerade gar keins. Wer urteilt denn über die Größe des Päckchens? Jeder selbst! Vielleicht trage ich gerade ein kleines – aber viel schwereres – Päckchen. Vielleicht ist deins ja groß und nicht so schwer? Das siehst du eben nicht von außen. Das erfährst du nur, wenn du vorsichtig nachfragst. Dann hast du die Möglichkeit, einen Blick in mein Paket zu werfen – wenn ich dich lasse. Erst dann hast du die Möglichkeit zu erfahren, wie schwer meine Last ist. Ich habe aber zum Glück kein Päckchen! Wieso nicht?

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5 Tipps für noch schlechtere Stimmung

In meinen depressiven Episoden ist im Regelfall alles schwarz. Nicht bunt, nicht grau, auch nicht graumelliert, schon gar nicht hellgrau, sondern schwarz. Dunkel mit Aussicht auf gar nichts. Und wenn alles so dunkel und schwarz ist, kann auch gar keine Laune entstehen – außer eben der schlechten, die mich dann manchmal auch wütend macht, weil ich es nicht akzeptieren möchte. Dabei weiß ich es doch besser. Es gibt die Tage, ich kann eine Menge dagegen tun, mache es aber nicht und harre der Dinge die da … tja … eigentlich nie kommen. Können sie auch nicht, denn ich male grundsätzlich auch alles um mich herum schwarz an. Und weil das so viel einfacher ist, als sich auf die “guten” Dinge zu konzentrieren, habe ich für mich 5 Tipps, damit es noch schlechter wird, denn der Kopf weiß seit je her: “Du schaffst es nicht. Das war schon immer so. Und wenn das jetzt schon beschissen gelaufen ist, ist der Tag eben hin.”

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Hilfst du dir eigentlich schon selbst?

Nochmal: Hilfst du dir schon selbst? Oder wartest du noch darauf, dass dir jemand hilft und dir sagt, dass du irgendwann geheilt bist? Selbsthilfe. So schwer und doch so wichtig. Natürlich kannst du jetzt wieder sagen: “Hier, ey der Bock, der ist eh schon so weit mit seinem therapeutischen Zeug, der hat leicht reden”, kannst du, dann sind wir aber nicht auf einer Wellenlänge. Selbsthilfe. Habe ich lange nicht verstanden. Wie soll ich mir selbst helfen, wenn ich gar nicht in der Lage bin, irgendwas zu tun? Und wie soll ich mir selbst helfen, wenn ich eh schon mehr dafür hasse, dass ich keine Veränderungen schaffe? Ich weiß es nicht! Natürlich kann ich mir alle Infos und Hilfen anlesen, aber …

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Spieglein, Spieglein …

… an der Wand. Nee! Spieglein, Spieglein hier in meinen Texten! Schön, dass du den Weg zu den Menschen findest, die mit diesem Spiegel nichts anfangen können. Danke an den Menschen, der hier so fleißig über 50 Seiten ausgedruckt und weitergegeben hat. Vor allem sich aber auch die Mühe gemacht hat, meinen instagram-Account zu durchforsten. Danke für den Hinweis, dass ich das Persönlichkeitsrecht am Bild verletzt habe, ich habe sofort gehandelt und es korrigiert. Das war vollkommen richtig so. Alles!

Was hier passiert ist? Einiges. Vor allem ist genau das passiert, was passieren musste. Gestern war ein Tag, der voller richtiger Entscheidungen war. Nein, es stört mich absolut nicht, wenn diese Beiträge an meine Mutter weitergereicht wurden. Ja, vieles liest sich sicher nicht gut und verletzt, aber es ist die verdammte Wahrheit meines Lebens. MEINES Lebens. Was gestern passiert ist?

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