Antriebsloser Tatendrang

Es gibt Phasen, da scheint nichts zu funktionieren. Ich bin dann einfach nur müde. Müde ist aber nicht das, was mich in depressiven Episoden begleitet hat. Müde war die Reaktion auf den Tagesablauf. Naja, auf das was am Tag funktioniert. Denken. Nochmal denken. Nochmal wiederholen. Anspannung. Mir selbst Fragen beantworten. Denkend. Manchmal mit aufkommender Angst. Allen voran aber die Antriebslosigkeit. Nichts hatte mehr Platz. Was hätte ich dafür getan, wenn es nur ein kurzer “Durchhänger” gewesen wäre, weil diese Gedankenkreisläufe mich zu viel Kraft gekostet haben. Wie gern, wäre ich dann einfach kurz für ne Stunde eingeschlafen und danach wieder fitter. War ich nicht. Eingeschlafen bin ich auch nicht. Oft erst nachts um 1 oder 2 Uhr. Dann, wenn der Körper rebelliert und von sich aus den Stecker gezogen hat. Nur, um dann um 6 Uhr wieder hellwach den gleichen Kram durchdenken zu wollen. Dazwischen?

Wollte ich immer so viel machen. Ich habe mir so viel vorgenommen. Vielleicht zu viel. Endlich mal wieder duschen. Nach 3 Tagen wäre das sicher gut. Oder endlich mal wieder … naja, irgendwie alles halt. Und wenn ich über Tage nichts schaffe, weil mir die Kraft und der Antrieb fehlt, dann wird der Berg an Aufgaben nicht kleiner. Er wird größer. Damit auch der Druck, das erledigen zu müssen. Gleichzeit aber auch das Wissen, es jetzt nicht zu schaffen. Wofür auch? Und für wen? Für mich? Ist doch egal. Ich war mir egal. Gerade zu den Zeiten war mir vieles egal. Was hätte ich dafür gegeben, wenn es das Gefühl von “keine Lust” gewesen wäre. Keine Lust ist toll. Dann möchte ich es nicht machen. Antriebslos zu sein heißt ja, ich möchte es machen, aber ich kann es gerade nicht. Nein, auch mit dem: “Du musst das nur wirklich wollen”, geht das nicht besser. Auch nicht mit dem: “Nun streng dich doch mal richtig an”, geht es nicht vorwärts. In den Phasen der Antriebslosigkeit gab es keine Kraft dafür – egal wie sehr ich wollte, musste oder sollte. Es ging nicht. Alle Sachen, für die ich mich sehr begeistert habe, gingen nicht mehr. Kein Fußballtraining. Keine Spiele mit der Hobbymannschaft. Keine Fahrten mit dem Rad. Keine Stadionbesuche. Keine Besuche von Freunden. Keine ganz und gar nichts. Nichts. Danach kommen alle anderen Gefühle wieder mit hoch. Nicht zu reichen. Nie etwas längerfristig durchzuhalten – gerade wenn diese Phasen immer wieder kommen. Keinen Sinn mehr in etwas sehen. Allein zu sein – ich weiß, das ist kein Gefühl. Aber es kam mir so vor. Nicht gewollt und übersehen zu sein.

Wenn du weißt, was du alles gerne gemacht hast und nichts mehr davon funktioniert, dann sitzt du in deinem emotionalen und gedanklichen Gefängnis.

Herr Bock // Twitter: @verbockt

Die meiste Zeit habe ich damit verbracht, mich mit irgendwas abzulenken. Oder eben zu durchdenken. Bis zum Ende. Ich wusste, was passieren wird, wenn ich es nicht schaffe, mich krank zu melden. Ich wusste auch, was dann passiert. Und ich kannte die Konsequenz, wenn ich mich nicht arbeitslos melde. Mir war klar, was passieren wird, wenn ich die Rechnungen nicht rechtzeitig bezahle oder die Miete überweisen kann. Ich musste es in Kauf nehmen, weil ich mir selbst im Weg gestanden habe und es nicht geschafft habe, es anders zu machen – auch wenn ich es wollte. Und das Wollen war manchmal sogar das Problem.

Steh mal im Weg!

Im Weg stehen konnte ich gut. Ganz besonders mir. Naja, eigentlich habe ich nur mir im Weg gestanden. Doch wie soll ich handeln, wenn ich gefangen bin? Gefangen in den negativen Gefühlen, den Gedankenspiralen und dieser verdammten Antriebslosigkeit, die mir das Gefühl gibt, völlig kraftlos zu sein? Wie soll ich aus so einem Gefängnis ausbrechen, wenn ich es nicht mal schaffe, mich bei einem Freund zu melden und um Hilfe zu bitten – was sowieso nicht machbar war, weil ich mich viel zu sehr geschämt habe, als das ich darüber hätte reden können. Wer macht das auch schon? Wer geht denn raus und sagt: “Du, ich brauche Hilfe. Ich schaffe gerade gar nichts mehr. Nicht mal Körperpflege.” In depressiven Episoden ist mir doch nur eines klar: Es kommen schlaue Sprüche, dass ich mich nicht so anstellen soll.

Das ist ein gottverdammter Teufelskreis. Alles ist ein Teufelskreis. Die durchdringenden Gedanken, die Angst, das Handeln. Und diese Antriebslosigkeit bremst mich ja beim Handeln aus. Da sitze ich dann morgens handeln wollend da und kann es nicht, weil mittlerweile der Körper diese Signale kennt und von sich aus die Arbeit verweigern will. Nach und nach lassen positive Momente nach, es gibt nichts Gutes mehr im Ablauf und irgendwann bin ich einer völligen Passivität. Beschränke mich auf das, was noch geht. Oder das, was ich irgendwie zum Überleben brauche. Und manchmal ist das eben der Gedanke, nicht mehr weiter zu wollen. Ich habe tief in meinem Leid gebadet und den Stöpsel nicht mehr gefunden. Denken ist Stress. Denken in den Kreisläufen heißt, dass der Körper auf Vollgas läuft. Permanent.

Du musst was ändern. Sofort.

Veränderungen? Puh. Ich wollte immer etwas verändern. Die alten Muster loswerden. Mich ändern. Die Muster. Und mich. Ein neuer Job. Und die Muster. Und wieder und wieder und wieder. Und dann wieder. Das erdrückt. Vor allem erdrückt die Masse an Veränderungen so sehr, dass ich mich direkt wieder zurückziehe, weil ich mir klargemacht habe, dass ich es eh nicht kann. Wofür auch? Ich glaube, ein guter Grund zeichnet sich hier schon ab.

Fangen Sie doch erstmal damit an, sich zu akzeptieren. Sie können es ja gerade eh nicht ändern. Schaffen Sie etwas Ruhe und Entspannung für sich selbst, damit die Veränderungen funktionieren können. Mit der Akzeptanz haben Sie dann schon viel erreicht.

G. Krieger // damaliger Psychiater

Ich habe das nicht verstanden. Die Aussage hat mich noch wütender gemacht. Jahre später habe ich verstanden, dass ich es nur darüber schaffe. Mich zu akzeptieren. Je mehr ich verzweifelt verändern wollte, desto größer wurde die Wut gegen mich selbst – bis ich nicht mehr weiter konnte und das Bild von mir, dass ich über Jahre gelernt und aufgebaut habe, zerstören wollte.

Mittlerweile habe ich gelernt, dass ich nicht alles können muss. Ich muss nicht alles sofort schaffen. Ich muss es nie perfekt machen. Ich darf Aufgaben an anderen Tagen erledigen. Vor allem: Ich MUSS erstmal klein anfangen und mich für geschaffte Sachen belohnen. Ich habe mir kleine Listen angelegt, bei denen ich abhaken konnte. Ich habe Pausen gemacht und ich habe versucht, Tage zuzulassen, an denen einfach nichts geht, weil der Stress im Kopf zu groß ist. Ich muss mich nicht permanent zu Höchstleistungen antreiben. Manchmal reicht es schon, dass ich es versucht habe. Oder ich habe ein Drittel der Aufgaben geschafft. Ich kann mir das verzeihen und nachsichtig mit mir sein. Der Prozess, das so zu leben, hat Jahre gedauert. Es gab die Auszeit Danach hat es besser funktioniert, mir Aufgaben für den Tag anzulegen. Es gab einen Job, bei dem ich gelernt habe, die Strukturen des Tages einzuhalten und mich darüber zu freuen, wie viel und was ich geschafft habe. Ich habe mir in Notizen bewusst gemacht, wie viel mehr ich mittlerweile schaffe.

Heute drehst du ja nur ab!

Nein. Ich drehe nicht ab. Ich schaffe so viel, weil ich eine Antwort gefunden habe. Ich kenne das Warum. Ich habe einen Sinn in den Aufgaben. Ich weiß, warum ich losziehe und darüber spreche. Es macht einen Sinn für mich, die Aufgaben im Haushalt zeitnah zu erledigen. Ich kenne den Sinn beim Sport. Ich habe dabei sogar ein Ziel. Ich kenne das Gefühl, nachdem ich es geschafft habe. Dieses Gefühl möchte ich erreichen. Ich kenne das Gefühl, was ich nach einem Vortrag habe. Es ist erfüllend und das möchte ich erreichen. Es macht einen Sinn für mich, meine Rechnungen zu bezahlen. Es macht Sinn für mich, zu einer neuen Arbeit zu gehen. Es macht Sinn, nachhaltiger zu leben, auch wenn es ein größer Aufwand oder Verzicht ist. Es macht Sinn für mich, mich um meine Körperpflege zu kümmern.

Doch manchmal, da kann der Sinn noch so groß sein, da brauche ich auch einen Tag Pause. Ich schaffe nicht alles. Ich will nicht alles schaffen und das ist ok. Ich brauche Auszeiten und Ruhephasen. Ich mache viel und gehe dabei auch mal über Grenzen. Dann brauche ich ne Pause. Dann schaffe ich es nicht, nach dem Aufstehen den Haushalt in Ordnung zu bringen. Dann brauche ich Zeit. Dann dauert es länger. Oder es bleibt eben mal liegen, weil ich dann nicht weiterkomme und an meinem Antrieb scheitere. Alternativ versuche ich etwas zu tun, was mir ein gutes Gefühl gibt. Bewegung. Ein Telefonat. Ein paar Videos. Mich wegschalten von den Aufgaben, um zu entspannen. Vor allem wird es mit einem Kind nicht einfacher. Da kann ich mich nicht einfach rausnehmen, weg sein, es ignorieren. Die Aufgaben sind da. Die müssen gemacht werden, ich muss ansprechbar sein – nur für mich mit dem Unterschied, dass ich da den Sinn sehe. Ich mache das nicht nur für mich. Mein Sohn macht das nicht, um mich zu ärgern. Ich mache das für ihn und für uns. Und manchmal fällt mir das schwer. Aber das ist ok.

Ich übe noch an dem Grat der Überforderung und der Entspannung. Das Gleichgewicht zu finden, ist manchmal die Königsaufgabe. Ich weiß aber auch, dass ich zum Handeln gezwungen bin, wenn das Gefühl über Tage anhalten will. Dann ist die Gefahr groß, diese Lässigkeit zu verlieren, mit der ich manches schaffe.

Faul, ey. Du bist nur faul. Das ist alles.

Stimmt, das könnte ich sein. Manchmal gönne ich mir genau das. Mal faul sein und nichts tun. Nur mal hier sitzen und aus dem Fenster starren. Eine Mail nicht beantworten. Oder zwei. Nen Brief aufmachen und morgen erst kümmern. Manchmal kann ich den lieben Gott nen guten Mann sein lassen – mich auch. Da bin ich wirklich faul. Menschen, die in ihren depressiven Episoden hängen sind alles andere als faul. Sie sitzen vor dem Berg, den sie nicht bewältigt bekommen. Manche wollen es nicht, weil die Verantwortung zu groß ist. Viele brauchen Hilfe und können sich nicht äußern, weil es ihnen peinlich ist. Manchen fehlt die Kraft, ja es ist wirklich die Kraft. Und andere sind schon viel zu lange in dem Strudel der Negativität gefangen, dass es lange braucht, überhaupt etwas Gutes für sich erkennen zu können, wenn sie was gemacht haben. Wie sehr ich mir gewünscht habe, einfach nur faul gewesen zu sein, anstatt diesen inneren Krieg kämpfen zu müssen.

Feiert Menschen für ihre kleinen Erfolge, anstatt es mit eurer Leistungsfähigkeit zu vergleichen. Bewertet nicht nach gut oder schlecht, sondern seht einfach nur mal, dass jemand etwas geschafft hat und freut euch mit. Mitfreuen ist so viel einfacher, als andere abzuwerten. Geht mal einen Weg zusammen und legt gemeinsam eine wertvolle Struktur an. Und verzeiht anderen, dass sie gerade nicht kommen können, nicht telefonieren können, nicht raus können. Die wollen es wirklich – sie können es nur gerade nicht.

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8 Kommentare

  1. Wahnsinnig gut geschrieben und beschrieben! Danke, das ist so treffend. Und es gibt wirklich nichts schöneres als immer wieder die kleinen Freuden am Gefühl “ich hab´s geschafft” :)

  2. Danke für diesen tollen Artikel! Ja, Tränen fließen bei den Worten, in denen auch ich mich wiedererkenne.
    “Je mehr ich verzweifelt verändern wollte, desto größer wurde die Wut gegen mich selbst.”
    Es ist ein langer Weg in kleinen Schritten, um inneren Kampf gegen Akzeptanz einzutauschen…
    Danke für neuen Mut und Motivation.

  3. Wieder mal sehr gut geschrieben.
    Die Gedanken, Gefühle, das Empfinden gut in Worte gepackt.
    Auch für Nicht-Betroffene gut verständlich geschrieben.
    Du packst es in Worte, wie ich es oft nicht auszudrücken weiss…

    Schön dass es dich gibt. :-)

    Gruss Tanja M.

  4. Danke!
    Du hast „meinen“ jetzigen Zustand, aus dem ich versuche rauszukommen (aktueller Stand: ein Schritt vor, 5 Schritte zurück), in Worten gefasst hast, dass mir noch so gut gelungen ist,
    Da Du es aber geschafft hast, ein „eigenes“ Leben wieder zu haben, gibt es mir die Hoffnung, das auch schaffen zu können.
    Danke!

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