Träume, die wie Blätter im Herbst fallen.

Herbst. Das Jahr neigt sich unaufhaltsam dem Ende zu. Laub fällt von den Bäumen und bleibt an vielen Ecken einfach so liegen. So, wie die unsortierten und nicht zu Ende gedachten Gedanken, die sich in meinem Kopf festsetzen. Die liegen da einfach rum. Und oft habe ich nichts Besseres zu tun, als diese aufzuheben und weiterzudenken, wieder fallen zu lassen und das nächste Blatt zu nehmen. Ich stapfe wahllos durch meinen Blätterhaufen und fühle mich gezwungen, eines der runtergefallenen Dinger aufheben zu müssen. Dabei wäre es doch so einfach, nur den Spaziergang durch den Herbstwald zu genießen. Mit den Füßen beim Gehen über den Boden zu schlurfen und nichts anderes zu machen, als die Blätterhaufen durch die Gegend zu treten. Oder eine ganze Hand voll Blätter zu nehmen und zu werfen. So, wie ich es als Kind gemacht habe. Eine charmante Vorstellung, so mit Gedanken umgehen zu können.

Kann ich nicht. Es ist wie mit einer Entspannungsübung, in der ich die Gedanken kommen und gehen lassen soll. Gedanken kommen, sie gehen, kommen wieder, nerven, machen mich sauer. Ich bin dann super entspannt. Nicht. Nicht ansatzweise. So ist es übrigens mit guten und schlechten Gedanken. Die kommen und wollen dir auf den Sack gehen. Wie die Blätter, die auf einem Haufen Hundescheiße liegen und sich an deine Ferse kleben, wenn du – nicht mal unaufmerksam – draufgetreten bist. Dank der Blätter konntest du die Scheiße nicht mal sehen. Manche Gedanken sind ähnlich. Die sind hinter den Blätter versteckt und zeigen sich, wenn du die anderen wieder los bist. Und dann haste die Scheiße. Stinkend und überflüssig.

Vielleicht geht es gar nicht nur darum Gedanken loszulassen? Vielleicht geht es viel mehr darum, die Gedanken richtig einzuordnen und gelegentlich wirklich den Besen in die Hand zu nehmen und durchzufegen. Nichts desto trotz kommt der Herbst jedes Jahr. Unaufhaltsam. Und vielleicht muss ich mich auch damit arrangieren, dass es mir nicht stetig gut gehen wird, sondern immer wieder durchfegen muss, die Gedanken sortieren und nicht stumpf in eine Richtung durch den Wald rennen. Aber genau das ist dieses Jahr passiert. Ein Dauerlauf durch den Laubwald mit verschiedenen Abzweigungen und dem Wissen, da ging was viel zu schnell. Ich habe vergessen, mich um das Wichtigste zu kümmern. Mich.

Wenn ich eines wirklich gut kann, dann ist es mich zu verlaufen. Eine falsche Entscheidung auf dem eigentlichen Weg und … ZACK … stehste in irgendeiner dunklen Gasse, aus der es nicht mehr so leicht hinausgeht, wie es hineinging. Anfang des Jahres gab es die Möglichkeit, eine andere Stelle intern zu besetzen. Neue Verantwortlichkeiten, neue Möglichkeiten, eine schöne Chance. Schade, dass nicht klar war, dass in den ersten 6 Monate so eingespannt werde und eingespannt sein musste, dass meine Arbeitswoche nie wirklich unter 60 Stunden war. Ständige Erreichbarkeit, ständige Problemlösungen, ständige Diskussionen über Vorgehensweisen und so weiter, und so weiter, und so weiter. Eine Leitungsposition kann funktionieren, wenn die Menge der Aufgaben auch noch delegiert werden kann und nicht an einem hängenbleibt. Selbst mit im Vorfeld kommunizierten Rahmen, in dem ich arbeiten kann, war die Arbeit nicht mach- oder schaffbar. Ich bin immer weiter von mir weggerückt. Ich war nicht mehr ich. Ich war nur noch die Arbeit. Selbst wenn ich vor dem Essen zu Hause war, musste ich direkt danach nochmal dienstlich telefonieren. Nochmal was nachgucken. Nochmal was ändern. Nochmal was planen. Um dann am nächsten Morgen um 4 Uhr aufzustehen und es doch wieder komplett über den Haufen zu werfen. Leitbilder, mit denen ich nicht identifizieren konnte und wollte, aber zur Umsetzung gezwungen war. Der ganze Schritt nach vorne hatte einen großen Wert, wurde aber wertlos, als ich gemerkt habe, dass ich keine Freizeit mehr habe und nicht mehr runterfahre. Und dann habe ich mir dir den Stecker ziehenlassen. Drei Wochen ärztlich verordnete Auszeit. Drei Wochen um zu merken, wie fatal diese 6 Monate gewirkt haben. Keinen Sport mehr gemacht, keine Zeit mehr für Freunde, keine Zeit mehr für den Sohn, keine Zeit für Gespräche, fast keine Zeit, mich um Dinge des alltäglichen Lebens zu kümmern. 6 Monate, aus denen ich heute noch versuche herauszukommen. Es scheint, als wäre die Lethargie und Melancholie der Depression wieder so fest verankert, dass ich um viele Tage kämpfen muss, damit wenigstens etwas Energie da ist. Es ist nämlich immer einfacher sitzenzubleiben, als aufzustehen. Die Entscheidung, wieder in meine alte Stelle zurückzugehen, hat viel Freiheit geschaffen. Mehr Ruhe, mehr Konstanz, mehr Planbarkeit. Aber glaubt ihr wirklich, dass ich mehr Bewegung integrieren konnte?

Es ist weg. Sie ist weg. Die Normalität, morgens aufzustehen und mit dem Rennrad zur Arbeit zu fahren. Die Normalität, mich auf den Renner zu setzen und einfach loszudüsen. Die Vorfreude auf abendliche lange Touren, die gar nicht lang genug sein können. Die 100er Runden am Wochenende. Das Genervtsein, wenn die Tour viel zu schnell vorbei ist. Das Gefühl so frei zu sein. Der Wunsch, möglichst alles mit dem Rad zu erledigen. Die kleine Tour mit dem Sohn für ein Eis. Es ist weg. Es nervt. Nicht nur, dass das alles weg ist, ich habe in der Zeit so viel Mist gegessen, dass ich auch körperlich wieder eingeschränkter mit höherem Gewicht bin. Wundervoll! Auch da ist wieder die Überwindung, den Leberwurstkörper in seinen Lycra-Darm zu zwängen, damit 125 kg plötzlich aerodynamisch aussehen. Sieht nicht toll aus, fühlt sich nicht toll an, macht … auch nichts Gutes mit mir. Wie viele Trainings und Fahrten ich deswegen abgesagt habe? Zu viele.

Die Normalität ist nicht zurück. Das Gefühl von Freiheit auf dem Rad schon. Es ist aber etwas dazugekommen. Das Wissen, das „Radsportfreunde“ nicht nur Radsportfreunde sind, sondern unter ihrem Helm und hinter der Aerobrille auch empathische und wunderbare Menschen sind – die du auf jeden Fall ohne Radkleidung nicht erkennst, wenn du sie so noch nicht gesehen hast. Ich mag die „Community“, in der ich unterwegs sein darf. Thomas, Frühaufsteher und Nie-Zeit-Haber, aber sich zum richtigen Zeitpunkt-Melder. Mel, die irgendwie immer da ist und ich mir keine Sorgen über irgendwelche Tempos (nicht die Taschentücher!) machen muss. Daniel und Jens, Bikebuddys, irgendwie alles. Die dann auch mal nen Meter mehr fahren, um mich einzusammeln. Ein legendärer Knoblauchsoßen-Männerabend und … ich könnte noch ein paar erwähnen. Die Verpflichtung, einen Termin zum Fahren festzumachen hilft mir, mit euch rauszukommen. Der Gedanke, dass wir nächstes Jahr mehr machen, trägt mich ein wenig. Ich gerate ins Schwärmen und das ist eigentlich auch gut so.

Und irgendwie ist da auch noch immer wieder Corona. Ich möchte nicht sagen, dass ich die Schnauze voll von den Virusinfektionen habe, aber meine Geduld ist am Ende. So sehr ich auch froh war, dass ich dieser Scheiße immer wieder von der Schippe gesprungen bin, so schnell hat es mich nun erwischt. Kannste nichts gegen machen, passiert halt. Im Sommerurlaub die erste Welle im familiären Zusammenleben. Ich wurde verschont. Erst bei Urlaubsbeginn der Sohn. Was eine Zeit im Wohnmobil mit räumlichem Abstand und nicht anstecken etwas schwer gestaltet. Trotzdem machbar – mit einigen Anstrengungen. Dann die Frau und die Entscheidung, sie 500 km nach Hause zu bringen. Schließlich dann alleine mit dem Sohn los zum Tankumsee. Umme Ecke. Ein Fleckchen Erde, was wir schon kennen und nicht das ist, was alle wollten. Zum ersten Mal Tage, die wir Jungs alleine verbringen müssen. Mit allem, was dazugehört. Das war neu, aufregend und spannend. Auch anstrengend. Weil kein Elternteil Zeit für sich hat, sondern … nun ja, die eine zu Hause rumcoronasiert, der andere irgendwie aufm Platz immer erreichbar sein muss. Ich kann ja so nen 7 jährigen nicht einfach zurücklassen und mein Ding machen. Trotzdem haben wir über den Tag verteilt immer spannende Sachen erlebt. Sei es graveln in den Naturschutzgebieten, suppen auf dem Tankumsee, irgendwas spielen oder schwimmen im Tankumsee. Wir haben gelesen, ne Nachtwanderung gemacht und sogar noch Besuch mit nem Camper bekommen. Wir haben gegen Wespen gekämpft und den Fuß versorgt, nachdem der Sohn reingetreten ist. Wisst ihr was? Gute Zeiten gehen zu schnell vorbei. Es war eine unbelastete Zeit. Zeit, um einfach zu sein. Es war bereichernd, mich von großen geplanten Aktivitäten zu verabschieden und mich auf die kleinen Dinge des Tages zu konzentrieren.

Es war wichtig zu sehen, wie wenig Kinder brauchen, um glücklich zu sein. Wie unbeschwert und wenig belastet sie ihre Tage leben, wenn sie die Freiheit dazu bekommen und wir sie nicht in die Alltagslasten drängen. Wie frei wir als Menschen eigentlich sein können, wenn nicht überall Laub rumliegt, durch das wir den Strand nicht entdecken können. Wie viel Freude eine Schwimmbrille, ein bisschen Wasser und Sonne bringen können. Es geht wirklich nicht darum, schneller, höher oder weiter zu kommen. Sich mit anderen zu vergleichen oder teure Dinge anzuschaffen. Das zeigt die Einfachheit des Lebens auf dem Campingplatz. Was brauche ich also wirklich, damit ich glücklich bin? Was macht mich glücklich? Und vielleicht sind das die einzigen beiden Fragen, auf die es im Moment ankommt. Vielleicht kenne ich die Antworten und darf diese einfach wieder in den Vordergrund stellen. Auch, um wieder entspannter durch meine Tage zu kommen.

Die ersten Schulferien für den Sohn sind vorbei. Eine Zeit, in der ich mich auch bewusst dafür entschieden habe, mit ihm das zu machen, auf das er Lust hat. Also … nun ja … wir beide. Alles mache ich ja nun auch nicht mit. Das Ergebnis? Jeden zweiten Tag in die Schwimmhalle und er hat nun Bronze geschafft. Einfach so. Und natürlich kommt das, was kommen muss. Am letzten offiziellen Urlaubstag sahne ich voll ab und sitze nun selbst mit Corona zu Hause. Ich möchte nicht sagen, dass ich alles hasse, aber es nervt hart. Sehr hart. Krank zu sein ist eine Einschränkung, mit der ich schwer umgehen kann. Mich isolieren zu müssen wirft das Gefühl auf, gefangen zu sein. Das ist ein schwieriges Gefühl. Ich möchte raus. Ich möchte mich bewegen. Gerade nach der frischen Zeit des Nichtkönnens, strengt das an. Drinnen sein. Langweilen. Aufs Handy glotzen. TV an. Berieseln lassen. Wenn ich dann doch was mache, bin ich schnell kaputt. So fühlt sich das also an. Dieses Coronading.

So ist es also, wenn der Herbst da ist und ich still sitze, die Blätter fallen und nicht durch das Laub laufen kann. Ich sammle wieder Blätter auf, lasse sie fallen und nehme neue. Gedanken begleiten mich durch den Tag. Wahllos. Sie sind nicht schwer, sie sind einfach da. Sie gehen, weil sie gehen wollen und Platz für neue Gedanken machen. Ich bin nicht angespannt, kann aber auch nicht loslassen. Vieles ist geprägt von: „Ach, nee.“ „Ich muss eben noch was einkaufen.“ „Ach, nee. Geht ja nicht.“ „Ich muss meine Krankmeldung holen.“ „Ach, nee. Geht ja nicht.“ „Ich gehe ne Runde spazieren.“ „Ach, nee. Geht ja nicht.“ „Heute bringe ich Jonas ins Bett.“ „Ach, nee. Geht ja nicht.“ Geht ja nicht nervt ganz schön hart.

Und so bin ich mit mir eingesperrt, mache mir Gedanken über das vergangene Jahr. Über die Entscheidungen und Menschen, die mir begegnet sind. Wie sehr wir uns alle verändern. Wie sehr mich etwas geprägt hat und inwieweit ich für mich zukünftig etwas anders haben möchte. Es ist Herbst. Draußen. Nicht in mir. Älter zu werden heißt auch, sich dem Herbst des Lebens zu nähern. Was auch heißt, dass vieles einfach infrage steht. Wo es hingeht. Wie es dorthin geht. Welche Freiheiten das eigene Leben braucht. Wie ich sie gestalten kann, dass keiner zu kurz kommt. Wie ich mich selbst in meiner Welt bewege und wo ich eigentlich sein möchte. Welche Menschen mich umgeben. Welche Gespräche ich wie führe. Und vor allem welcher Mensch ich für mich sein möchte. Was auch wiederum einschließt, wie ich auf die Reize von außen reagiere oder reagieren möchte. Vieles hat nicht so funktioniert, wie ich mir das für mein Leben gewünscht habe. Vieles lässt sich auch gar nicht mehr in die Bahnen lenken, wie sie sein sollen, weil es den Raum nicht gibt.

Gehen wir also ein Stückchen wieder zurück, oder? Wir machen die Beleuchtung für die Dunkelheit wieder dran und nutzen die Schutzbleche, wenn es mal regnet. Möge es im Herbst nicht zu stürmisch und nass werden. Und wenn doch? Liegt die richtige Kleidung und der Regenschirm bereit. Es ist Zeit, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das sind nun mal nicht immer die Dinge, wie ich sie haben will. Sondern viel mehr das zu akzeptieren, wie es ist. Ohne, dass ich dabei aus dem Blick verliere, wie ich es gerne hätte. Es hilft mir nicht, in meinem Frust zu ersticken. Es hilft mir nicht, alles jammernd zu durchleben. Ich komme nur weiter, wenn ich Stück für Stück etwas verändere. Auch wenn ich dafür schwierige Entscheidungen treffen und Gespräche führen muss. Meine Erwartungen helfen mir nicht. Erwartungen sind etwas, was ich an mich selbst haben kann. Auch an andere, aber dann müssen sie kommuniziert sein. Siehe da, da bin ich dann beim Schlüssel. Kommunikation. Wie und was. Vor allem mit wem. Auch in erster Linie mit mir. Den Frust, den ich an mir auslebe, erlebe und mitlebe, bekommen auch andere zu spüren. Unbeteiligte. Das ist weder fair, noch richtig. Doch es schleicht sich ein. Immer dann, wenn der Laubhaufen mit dem Scheiß zu groß wird.

Es ist Zeit, wieder gute Dinge zu erleben. Nicht zu erzwingen, aber zu leben und zu erleben. Es ist Zeit, diese mit Menschen zu verbringen, die das auch bereichern. Dieses Leben. Und nicht mit denen, die es sich schwer anfühlen lassen. Schwer machen wir es uns doch oft genug selbst. Und dann sind da auch wieder Träume, Wünsche und Ziele, die den Herbst und Winter überstehen, am Baum hängen bleiben und sich auf den Frühling freuen. Vielleicht schließt das auch mit ein, wieder öfter zu schreiben.

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1 Kommentar

  1. Lieber Markus,
    es ist schön von Dir zu lesen, dass da etwas raus will.

    Ich selbst habe heute mit dem Jammer-Fasten angefangen. In letzter Zeit höre ich so oft das Wort Transformation. Ist das so ein neues Modewort? Ich werde es herausfinden.

    Aber so paradox ist es gerade bei dir, früher wolltest du in deinen depressiven Phasen niemanden sehen und hören, konntest nicht vor die Tür, warst wie gelähmt. Und jetzt könntest du es, darfst es aber nicht. Das ändert sich aber wieder.

    Schön, dass wir uns kennen.

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