Leben, erinnern und spiegeln …

So lange wie jetzt, war es hier noch nicht still. Ein paar Kommentare sind reingeflattert, ein paar lose Anfragen per Mail, aber keine Worte von mir. Was soll ich auch schon berichten, wenn ich jeden Tag so voller Leben gefüllt habe, dass ich entweder gar kein Thema habe, es hier schon angerissen habe, oder mir schlichtweg die Zeit fehlt. Vielleicht ist es auch schön, ein paar Worte außerhalb von depressiven Episoden und Gedanken zu verlieren. Vielleicht habe ich zu oft gedacht, dass ich nur diese Themen hier behandeln kann / darf / möchte. Aber das ist ja gar nicht so. Ich darf hier über alles schreiben, auch über Erfolge. Über das, was ich lerne, was mir begegnet oder über was ich nachdenke.

Es ist mein letzter Urlaubstag. Ich sitze hier nach einem heißen und sonnigen Tag am Wohnmobil (großer Dank an meine Schwiegereltern, die das möglich gemacht haben) und sehe meinen Sohn, wie er – mal wieder – seit Stunden mit dem Chef über den Platz radelt, Wohnmobile an ihren Stellplatz schickt, nur kurz zum Trinken vorbeikommt und so gar keine Zeit hat. Als sich rausgestellt hat, dass er das machen möchte und dadurch fast nie bei uns ist, hat sich bei mir erst etwas schlechtes Gewissen breit gemacht. Mittlerweile? Lächle ich sehr viel, weil ich mich sehe. Als Jungen im Urlaub in Bayern, der keinen Bock auf seine Eltern hat, weil er auf dem Bauernhof helfen wollte. Wir können sicher nicht immer alles möglich machen, aber wenn du einem Menschen die Freiheit lässt etwas zu tun, worin er aufgeht, woran er Spaß hat und was er mit Leidenschaft macht, dann bekommst du einen glücklichen Menschen. Gibt es etwas Schöneres, als ekn glückliches und stolzes Kind? Spoiler: Diese Gefühle transportieren sich auch auf Eltern. Und so geht es wohl im Leben doch darum, Türen aufzumachen und Menschen dabei zu unterstützen, was sie können. Anstatt die Türen zuzuschlagen, mit Verboten und Regeln zu hantieren, sie zu beschneiden und darauf einzuprügeln, welche Fehler sie gemacht haben.

Ja, wir sind trotz und auch wegen Corona weggefahren. Der Teufel möge uns holen, aber es war nötig. Wir brauchten den Tapetenwechsel. Und auch, weil ich unbedingt mal ausspannen wollte. Ich habe mittlerweile einen körperlich sehr fordernden Beruf, ich mache ihn gerne, wirklich gerne, auch wenn andere meinen ich gehöre ins Büro oder soll meinen Traum mit Social Media weiter verfolgen. Oder ich soll etwas mit Menschen machen. Und genau da fängt das Problem an. Menschen. :) Nein, Spaß beiseite. Ich brauche Bewegung und das Leben draußen. Der Dank? Die Übernahme aus der Zeitarbeit in die Festanstellung. Hart erarbeitet, aber ich denke, es ist auch verdient. Seit 8 Monaten mache ich das, es gibt mir sehr viel Ruhe, Struktur, Motivation, körperliche und mentale Fitness und Freiheit. Es hat mich für den Sport weitergebracht und jetzt im Urlaub? Schalte ich ab. 2017 habe ich nach dem Urlaub in Dänemark geschrieben, dass man ich meine Gedanken immer mitnehme. Es ist der letzte Abend und ich versuche alle der 13 Tage hier zusammenzubekommen. Erik war gestern hier kurz zu Besuch und hat mir ne wichtige Frage gestellt: Bist du erholt?

Tja. Ja. Definitv. Alle meine Gedanken sind zwar mitgekommen, aber sie sind nicht mehr belastend. Hier nicht und zu Hause schon nicht mehr. Ich konnte komplett abschalten vom Alltag zu Hause, von Aufgaben und Stress, vom gestellten Wecker und was ich bis zum Schlafen noch machen möchte. Keine Gedanke an Post verschwendet, weil keine schlimme kommen kann. Nicht über die Arbeit nachgedacht. Bis auf diesen einen Tag, an dem ich zwei Mal wegen der Verträge gesprochen habe. Ich konnte alles loslassen, was mich sonst fesselt. Und ich glaube, das hat zu Hause schon sehr gut funktioniert.

Ich bin ein sehr zufriedener Mensch geworden. Oft sogar sehr glücklich. Ich freue mich über einen Urlaub, der für uns alle eine Menge bereitgehalten hat. Radtouren – allein oder mit der Familie. Ich habe 507 km auf dem Rad verbracht und bin sogar durch die Schweiz gefahren. Schwimmen. Rumgammeln. Das Wetter war wahnsinnig gut. Ein paar Schauer am Abend, ein paar Gewitter, ansonsten Sonne. Mich fasziniert ja, dass alles was wir brauchen in ein Wohnmobil passt. Wir hatten Klamotten für 2 Wochen mit, die wir nicht mal alle getragen haben, weil es hier ne Waschmaschine gibt. Wir hatten Lebensmittel und Getränke für eine Woche, von denen wir nicht mal alles gegessen haben, weil uns oft nicht nach großem warmen Essen war. Oder wir waren unterwegs. Oder es gab einfach Obst. Ich hatte hier noch weniger Interesse an TV oder Radio, weil ich, tja, unterwegs war, einfach mit der Petroleumlampe draußen gesessen habe. Ich dachte, ich könnte mal wieder ein Buch lesen. Schade, hat nicht geklappt. Ich dachte, ich könnte mal wieder mehr online gucken. Tja, schade, hat nicht geklappt. Und so gehen hier zwei Wochen vorbei, die einfach nur schön waren. Und wenn ich könnte … würde ich noch eine dranhängen. Ich habe das Gefühl, hier noch mehr zur Ruhe gekommen zu sein, als wenn ich am Meer wäre. Verrückt.

Ich werde euch aber nicht weiter mit meinem Urlaubskram nerven. Ich hänge hier noch ein Fazit mit dran: Kämpft für euer Leben. Kämpft, damit es anders werden kann. Gebt nicht auf und gebt euch Zeit zu verstehen, warum ihr so seid, wie ihr seid. Gebt euch ne Chance, euch kennenzulernen. Und erlaubt euch Dinge zu tun, die euch guttun. Dinge, die ihr machen wollt. Es gibt immer jemanden, der an euch glaubt, wenn ihr das gerade nicht selbst könnt.

Als ich den Job angefangen habe, gab es nicht viele, die am Anfang daran geglaubt haben, dass ich das durchhalte. Ja, da spielen Vorurteile ne Rolle. Ja, ich habe zwei Monate fast täglich Muskelkater gehabt. Aber es lohnt sich, weiterzumachen.

Und am Ende hast du es dann geschafft und wirst belohnt. This is how it works. Meistens zumindest. Habt den Mut, etwas anders im Leben zu machen. Durchbrecht Muster. Probiert euch aus. Mein Weg ist sicher kein Garant für Erfolg. Und ich gebe auch niemandem mit auf den Weg, dass er sich aufreiben soll bis zum Burn out. Im Gegenteil. Kleine Veränderungen können eine Kettenreaktion auslösen. Könnt ihr euch noch dran erinnern, dass ich vor 3 Jahren stolz auf schnelle 30 km mit dem Rad war? Der Job, Training, ein bisschen Willen und Menschen, die an mich glauben haben mich in dieser Kettenreaktion soweit gebracht, dass ich mit dem Rennrad für ein Fischbrötchen nach Hamburg fahre.

Und am Ende sitze ich hier und denke darüber nach, ob und was ich richtig und falsch mache. Bei mir. In der Familie. Bei meinem Sohn. Auch wenn es sich anfühlt, als hätte ich meine Reise beendet, weil ich (gerade) nichts über depressive Episoden, schwere Gedanken oder andere Schwierigkeiten schreiben kann, so hat meine Reise eigentlich jetzt erst begonnen. Eine Reise mit Leichtigkeit, den Guttudingen, dem Leben. Mit den kleinen Baustellen im Alltag und mit dem Blick auf viel … tja, Gutes.

Das Leben ist eine stetige Veränderungen, in der wir uns nicht weigern können, mitzumachen. Das Leben ist ein ständiges Überprüfen der Gegebenheiten und selbst etwas zu verändern. Das Leben ist keine permanente Selbstoptimierung, es ist das Akzeptieren und Korrigieren der eigenen Eigenschaften. Aber kein Optimierungswahn! Wir dürfen auch unsere schlechten Eigenschaften mögen, weil sie einen Charakter formen. Passt auf euch auf.

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2 Kommentare

  1. Als Corona losging, hatten wir uns 5 Monate vorher einen kleinen Hund angeschafft. Unser neues Familienmitglied. Ich war noch nie so dankbar über ihn wie jetzt. Er zwingt mich rauszugehen, bei Wind und Wetter und das ist gut so. Ich habe einen strukturierten Tagesablauf durch ihn und keine Zeit, mich in mich selbst zurückzuziehen oder auf meine körperliche oder mentale Befindlichkeit zu achten. Zur Zeit geht es mir sehr gut und das genieße ich.

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