Wann wird die Welt endlich wieder lauter? #crovid-19

Alles, was ich mir je in depressiven Episoden gewünscht habe, passiert gerade. Alles, wofür ich mich so oft geschämt habe, ist heute Realität und ich müsste mich nicht mehr verstecken. Kontakte zu anderen Menschen so weit es geht einschränken. Keine Menschengruppen mehr erlaubt. Ich muss nicht zu Veranstaltungen. Keine übervollen Städte, Läden oder Spielplätze. Kein Training, kein Treffen im Stadion. Die Welt ist gerade so, wie ich sie für mich wollte. Langsam und ruhiger. Menschen melden sich – wenn überhaupt – nur noch über irgendeinen Messenger, bei dem ich steuern kann, wann ich etwas lese. Oder wann ich antworten will. Alles ist gerade so, wie ich es anderen Menschen gewünscht habe: Sie sollten fühlen und erleben, wie erdrückend und erniedrigend es ist, zu Hause mit sich eingesperrt zu sein. Oder im besten Fall noch mit der eigenen Familie, die man nach ein paar Tage nicht mehr erträgt, weil man sich permanent auf dem Pelz hängt. Kurzer Spoiler: Es ist die f**king Hölle!

Ich habe gerade keine depressive Episode. Und in diesen Phasen bringt mich auch so schnell nichts aus der Ruhe. Ich verfolge seit Wochen die Entwicklungen. Ich nehme zur Kenntnis, welche Einschränkungen wir bekommen. Ich halte mich – wie vorher schon – an die kleinen Regeln, um ein Infektionsrisiko zu minimieren. Ich erlebe jeden Tag, wie immer weniger Menschen unterwegs sind. Ich bekomme am eigenen Leib zu spüren, wie weitreichend die Maßnahmen sind. Morgens fährt meine erste S-Bahn nicht mehr. Ich bin also entweder jeden Tag 20 Minuten zu spät, oder ich stehe noch eher auf und fahre immer die komplette Strecke mit dem Rad. Ich merke, wie unausgelastet der Sohn ist, weil er nicht in den Kindergarten kann. Ja, manchmal ertrage ich es nicht, wenn er nur noch unruhig durch die Wohnung rennt, trampelt oder klettern muss. Ich sehe, wie ihm der Kontakt zu seinen Freunden fehlt. Meine Frau, die die Nachrichten und den permanenten Informationsfluss über die Pandemie nicht einfach so schulterzuckend zur Kenntnis nimmt. Und doch sind wir eher die, die in der jetzigen Zeit privilegiert sind. Wir haben eine Notfallkinderbetreuung, wir “dürfen” beide noch arbeiten gehen. Oder müssen. Je nachdem, wie man das sehen möchte. Ich darf es. Weil ich froh bin, nicht eingesperrt zu sein. Und ich denke dabei an all die, die zu Hause sitzen müssen, in Kurzarbeit geraten, nicht wissen, wie sie den Alltag mit dem Homeschooling vereinbaren sollen.

Ich merke aber auch, dass sich in mir auch immer mehr ein beklemmendes Gefühl breit macht. Ich möchte diese Sperren und Einschränkungen nicht. Ich möchte rausgehen, ich möchte an Sportveranstaltungen teilnehmen, ich möchte einfach das normale Leben wieder zurück. Ich möchte meine Struktur, meine Hilfsmittel und soziale Kontakte – nicht nur per Messenger. Ich denke an all die, die jetzt mit psychischen Erkrankungen zu Hause gefangen sind und nun noch mehr in der kleinen Freiheit beschnitten werden, in der sie leben. Ich denke an die, die jetzt keine gewohnten Strukturen mehr haben und einer enormen mentalen Belastung ausgesetzt sind. Das Problem ist doch: Wir können der Informationsflut nicht entkommen. Jeder bekommt es irgendwo zu spüren.

Alles Schönrederei!

Nein, verdammt nochmal, dass sind keine Corona-Ferien. Und bitte benutzt diesen Begriff auch nicht so. Es mildert die Lage ab, die eigentlich verdammt ernst ist. Es ist auch keine Zeit zum Entschleunigen und sich auf sich besinnen. Für dich vielleicht, aber für mich und Millionen andere Menschen ist es das eben nicht. Und es ist auch keine Zeit, um damit Werbung zu machen, um sich und sein Marketing zu pushen. Hört verflucht nochmal auf, euch mit irgendwelchen Fakenews oder Falschmeldungen zu beschäftigen. Ihr werdet ja wohl in der Lage sein, auf die Quelle der Neuigkeiten zu gucken, anstatt ungefiltert irgendwelchen Humbug zu teilen, oder? “Alles nur ausgedacht!” Macht die Augen auf und guckt mal über den Tellerrand. Aber zurück: Das hier, was wir jetzt haben, ist für zu viele keine entspannte Zeit.

Depressive Episoden sind keine entspannte Zeit. Es ist Krieg. Im Kopf. Und mit dem Körper. Mit der Motivation und dem Nichtkönnen. Es ist ein täglicher Kampf gegen die immer größer werdende Antriebslosigkeit, wenn “ich eh schon nicht rausgehen darf”. Ich bin mir sicher, dass ich hier Schritt für Schritt wieder verwahrlosen würde, wenn ich nicht den Zwang hätte, rausgehen zu müssen. Weil ich sonst nicht arbeiten kann. Homeoffice ist nicht möglich. Tja, nun. Es wären täglich immer mehr Schritte zurück. Wir würden uns auf die Nerven gehen, alle werden unentspannter, ich ertrage meinen Sohn dann nicht. Und dabei ist das sogar gelogen. Ich ertrage mich dabei nicht, weil ich auf sein Handeln reagiere. Willkürlich, unwillkürlich oder nur in Gedanken. Ich springe in Gedankenschleifen hin und her. Ich würde … vielleicht mache ich es schon. Ich mache mir Gedanken, wie das alles weitergehen wird. Werden die Einschnitte noch stärker? Gibt es eventuell doch Ausgangssperren?

Bewegungsfreiheit ist unerlässlich.

Ich kenne das Gefühl, gefangen zu sein. Gefangen mit mir und meinen Gedanken in meiner Wohnung. In einem Raum. In meinem Bett. Mit einem Aktionsradius von ein paar Metern, denn raus geht es nicht. Ich kenne das Gefühl, räumlich gefangen zu sein. Ein Raum, bei dem ich nicht kontrollieren kann, wer diese Tür aufschließt – und wer nicht. Mit Öffnungszeiten, die mir vorgegeben werden. Es ist (und wird vielleicht) nicht viel anders. Ausgangsbeschränkungen. Noch kann ich raus, wann und wie ich es will. Aber nicht mehr mit wem. Und eine Ausgangssperre bei der ich einen Nachweis brauche, dass ich einem relevanten Beruf nachgehe und dorthin fahre? Ist nichts anderes als der Schein eine JVA für den Freigang. “Freigang”. Dieser kurze Moment, mal “draußen” zu sein. Ich hoffe, dass wir als Menschen verstehen, dass es wichtig ist, nicht nur auf uns zu achten, sondern auch Rücksicht auf andere zu nehmen.

Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass eines verdammt wichtig ist: Struktur. Ist diese auf der Kippe, wird Gefahr des Absturzes ungemein hoch. Wenn mein Tag nicht mit der Arbeit strukturiert ist, muss ich ihn mir selbst mit kleinen Strukturen aufbauen.

Die Deutsche Depressionshilfe hat ein paar Hinweise zusammengefasst, die ich gerne teile:

  1. Struktur: Strukturieren Sie Ihren Tag und Ihre Woche im Vorfeld. Vom morgendlichen Aufstehen, Arbeits- oder Lernzeiten, Mahlzeiten bis hin zu schönen Dingen, wie lesen, Serie schauen, Balkon bepflanzen, Yoga, Entspannungsübungen…
  2. Bleiben Sie aktiv! Eine Runde Joggen oder mit dem Fahrrad fahren wirken Wunder.
  3. Kontakte: Wenn Sie im Homeoffice sind oder gar in Quarantäne, verabreden Sie sich mit Freunden und Familie zum Telefonieren. Auch Chats oder Onlineforen helfen gegen die Einsamkeit.
  4. Schlaf: Sie fühlen sich erschöpft und neigen dazu, sich ins Bett zurück zu ziehen? Dies führt allerdings eher zu einer Zunahme des Erschöpfungsgefühls und der Depressionsschwere. Deshalb empfehlen wir, nicht früher ins Bett zu gehen oder sich tagsüber hin zu legen. Eine feste Tagesstruktur kann dabei helfen.
  5. Therapie: Auch während der bundesweiten Kontaktsperre können Sie in Ihre  Psychotherapeutische Praxis gehen. Die Besuche dort fallen unter die Regelungen zum “Arztbesuch” und Psychotherapie ist eine “notwendige medizinische Leistung”. Falls Sie z.B. aufgrund einer Quarantäne nicht zu Ihrem Psychotherapeuten gehen können, bieten viele Praxen inzwischen Video-Sprechstunden an. Fragen Sie bei Ihrem Therapeuten nach, ob das möglich ist. 
  6. Seriöse Informationen: Fakten mindern Ängste. Nutzen Sie seriöse Quellen, um sich zu informieren (Robert-Koch-InstitutBzgA) und checken Sie die Nachrichten nur so oft, wie es Ihnen gut tut.
  7. Hilfe: Sprechen Sie mit anderen über Ihre Sorgen und Ängste, z.B. mit der Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222. Hausärzte, Fachärzte und psychiatrische Kliniken sind nach wie vor geöffnet. Scheuen Sie sich nicht in Krisen, nach Hilfe zu fragen.
  8. Nutzen Sie ein Online-Programm, wie z.B. unser Programm iFightDepression.

Über allem steht: Bleibt in Kontakt! Bietet Gespräche an, schafft damit Verbindlichkeiten. Hört euch gegenseitig zu. Jammert euch die Ohren voll. Heult zusammen. Seid zusammen unleidlich, genervt und frustriert. Aber bleibt in Kontakt. Fragt einmal mehr nach, wie es dem/der anderen geht. Seid füreinander da. Bewertet nicht, wie intensiv jemand etwas erlebt. Redet die Probleme nicht klein. Und seid auch nicht permanent die starken Beschützer. Wir leben momentan in einer besonderen Situation, die von uns allen eine Menge abfordert. Keiner ist besser oder schlechter dabei. Keiner muss alles perfekt zu Hause schaffen. Niemand. Es ist toll, wie viel Zeit ihr für alles mit euren Kindern habt. Wie sehr ihr gerade zu Hause entspannt und die Ruhe einkehrt. Nehmt euch einen Moment, um die Tür für andere aufzumachen, die vielleicht auch nicht an einer psychischen Erkrankung leiden, aber einen schweren Alltag gestalten müssen.

Geht auch mal raus. Im Rahmen der Regeln. Allein mit dem Kind. Schafft Räume. Und all die Dinge, die das “zu Hause sein” erträglicher machen können. Um euch zu beruhigen: Ich bin ein schlechter zu-Hause-seier. Ich bringe ich gerade nicht so viel ein, wie es sein könnte. Ich bin beschäftigt mit mir und der Situation. Mich beschäftigen andere Dinge. Nicht nur das Virus. Und ich bin froh, noch etwas Struktur zu haben. Draußen sein zu können.

Solltet ihr selbst Probleme haben. Sprecht darüber. Mit anderen. Oder ruft an:

  • Mädchen-Telefon: 0471/86086
  • Jungen-Telefon: 0471/82000
  • Kinder- und Jugendnotdienst: 0471/3087222
  • Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 0800/116016
  • Elterntelefon „Nummer gegen Kummer“: 0800/1110550
  • Frauenhaus, Beratung und Hilfe: 0471/83001
  • Telefonseelsorge: 0800/1110111

Wenn ihr mögt, schreibt doch mal in die Kommentare, wie euer Alltag gerade aussieht. Wie übersteht ihr die Zeit? Was hilft euch? Was bräuchtet ihr gerade? Wie ist eine Ausgangssperre oder gar Quarantäne? Mit euren Antworten können andere sicher etwas anfangen. Passt auf euch auf und bleibt gesund.

Ich hoffe, dass die Welt bald wieder lauter wird. Ich wünsche mir wieder Trubel auf den Straßen. Normalität. Sie wird es werden, da bin ich mir sicher. Nur wann? Nach Ostern? Nach dem Sommer? Nächstes Jahr? Und wird uns diese “Krise” nachhaltig verändern?

Du magst vielleicht auch ...

2 Kommentare

  1. Danke für Deinen Blogbeitrag. Ich empfinde es tatsächlich zur Zeit sehr schwer und habe meine Grenzen erreicht, obwohl ich erst 10 Tage zuhause bin. Keine Ahnung wie das noch mindestens drei weitere Wochen gehen soll. Ich versuche mir Strukturen zu schaffen, dass ist gar nicht das Problem – viel mehr ist es die „fehlende“ Zeit für mich, in der ich sonst meine Möglichkeiten hatte mit der Depression umzugehen… jetzt fühlt es sich eher an wie 24/7 durchhalten und Maske tragen.

    Ich hoffe Du kommst gut durch diese Zeit

    1. Ich denke, das werde ich. Noch “funktioniert” ja irgendwie alles für mich. Auch wenn es anders ist. Ich wünsche DIR, dass du gut durch diese Zeit kommst. <3

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.