Ich hab da noch ne Frage.

Seitdem ich hier schreibe, stecke ich voller Fragen. Fragen, die ich mir gestellt habe. Fragen, die mir die Antwort bringen sollten, warum ich so bin wie ich bin. Antworten darauf, dass ich diese depressiven Phasen habe. Und auch Antworten darauf, warum ich Verhaltensweisen und Überlebensstrategien habe, die destruktiv sind und mich im Leben eher behindern. Ich habe händeringend nach Antworten gesucht, indem ich mich jeden Tag mit mir beschäftigt habe. Ich habe mich mit mir und meiner Vergangenheit auseinandergesetzt.

Wer fragt, der lernt.

Reflektieren ist eines der beliebtesten und wichtigsten Mittel, um sich und sein Verhalten besser kennenzulernen. Wer sich selbst immer wieder (hinter)fragt, kann mehr über sich lernen. Manche Fragen wiederholen sich, bis es eine vernünftige Antwort gibt. Manche Fragen müssen solange zurückgestellt werden, bis es möglich ist, eine Antwort zu finden. Grundsätzlich lerne ich bei der Reflexion in Kontakt mit mir selbst zu sein. Ich bin ja immer noch der, der am meisten Zeit mit sich verbringen muss. Nicht mein Sohn, meine Frau oder irgendwer anders. Sondern ich mit mir selbst. Ich lerne, mich selbst wahrzunehmen. Alles, was ich dafür brauche ist Zeit. Zeit und den Mut, auf mich zu schauen. Mut, mir Fragen zu stellen. Was will ich wirklich? Wie fühlt sich das gerade an? Bin ich glücklich? Was brauche ich, um zufriedener zu sein? So therapeutisch das klingt, so wichtig ist es. Für mich, weil ich mir wichtig geworden bin.

Ich bin in der glücklichen Lage, in den letzten Jahren vielen Menschen begegnet zu sein. Ich bin dadurch aber auch in die Situation gekommen, dass nicht nur ich mir Fragen stelle, nein, sondern auch andere – wildfremde – Menschen mir Fragen stellen. Gute Fragen. Teilweise so gute Fragen, dass ich die mit nach Hause genommen habe, damit sie mich etwas länger beschäftigen und ich so einen anderen Blickwinkel einnehmen kann. Die Fragen waren so gut, dass ich mich kennenlernen konnte. Je länger und öfter ich „da draußen bin“ und mich mit Menschen beschäftige – Betroffene und Angehörige, normal oder psychisch krank – desto mehr Fragen habe ich, die eher rhetorisch sind und ich keine passende Antwort habe. Ich meine auch wirklich Antworten und nicht Mutmaßungen.

Ich habe da noch ne Frage.

Warum ist uns eigentlich die Meinung anderer so oft wichtiger, als unsere eigene? Und warum vertrauen wir so wenig auf unsere eigene Meinung?

Warum sind wir oft weniger stolz auf uns und glauben, es würde arrogant wirken, wenn wir unseren Stolz laut äußern?

Warum empfinden wir so oft selbst konstruktive Kritik als einen Angriff auf unser Können und versuchen diese mit eigener Abwertung zu vermeiden?


Warum glauben wir so oft, dass wir etwas nicht schaffen oder können, obwohl wir das nie probiert haben?

Warum schaffen wir es nur schwer bis gar nicht uns von Menschen zu lösen, die uns mehr Kraft kosten als bringen?

Warum trauen wir mehr den falschen Glaubenssätzen als denen, die uns ein gutes Gefühl geben?

Warum ist Mut so viel schwerer als Angst, obwohl es nach beidem leichter wird?

Warum ist es für viele einfacher, ihren Neid und Missgunst auf andere zu übertragen, anstatt sich mit ihnen zu freuen und etwas Gutes zu verdoppeln?

Wieso ist es einfacher, in alte Muster zu verfallen, anstatt in den neuen glücklich zu sein?

Warum glauben wir, uns immer mit anderen vergleichen zu müssen, um uns dann abzuwerten, anstatt die eigene Leistung mal anzuerkennen?

Warum wollen eigentlich immer andere wissen, was das Beste für uns ist, obwohl sie nicht mal wissen, was das Beste für sie selbst ist?

Wieso glauben viele eine Antwort zu haben, obwohl sie nicht mal die Frage richtig verstehen?

Was wären wir wohl ohne Fragen? Aber es gibt keine richtig passende Antwort. Nur Mutmaßungen darüber, dass Eltern etwas kaputt gemacht haben, dass wir so aufgewachsen sind. Und sicher auch noch andere Mutmaßungen. Letztlich ist der Grund irrelevant. Es geht um das Heute. Ich habe auf die Fragen keine Antwort gesucht, aber es zeigt, dass sich mein Fragen verändert hat. Ich möchte nicht nur mich verstehen, ich möchte das Verhalten verstehen. Das, was mich und viele andere jeden Tag bewegt.

Solange ich denken kann, versuche ich hinter Themen die mich interessieren, das „Warum“ zu finden. Fragen zu stellen hat sich damit schon früh entwickelt. Ich möchte verstehen, wie etwas funktioniert. Und ich möchte auch oft verstehen, warum Menschen so handeln und denken, wie sie es tun. Nicht immer gibt es eine Antwort darauf – wie so oft, aber es hilft mir, auch mich besser zu verstehen. Und so bin ich zu jemandem geworden, der nicht nur von sich erzählt, sondern auch anderen Menschen Fragen stellt.

Ich habe keine Lust mehr, mich mit destruktiven Fragen zu stellen. Gar keine Lust! Es kostet so wahnsinnig viel Kraft, mir darüber Gedanken zu machen, was jemand über mich denkt, was er vielleicht hinter meinem Rücken reden könnte, wie ich wahrgenommen werde, ob ich mich zu oft oder wenig melde, warum wir kaum Kontakt haben und so weiter, und so weiter, und so weiter. Die Fragen haben kein Ziel, außer mir die Schuld zu geben und mich abzuwerten. Immer wieder. Es gibt Menschen, die mich nicht mögen. Punkt. Es gibt Menschen, die über mich reden. Punkt. Ich kann mich nicht immer melden. Ich will mich nicht immer melden. Und ich werde es auch nicht müssen. Punkt. Ich kann mich aber fragen, was mich aufhält, wenn ich etwas gerne machen möchte. Die Antwort ist in der Regel: Nichts.

Fragen haben sich verändert. Mein Leben lang habe ich mich und mein Handeln so hinterfragt, dass es mich nicht weitergebracht hat. Niemals. Ich habe so gefragt, dass ich am Ende nichts mehr wert war und es sich nicht lohnt, etwas zu machen. Ich habe solange gefragt, bis die Antwort nur noch lauten konnte: Du kannst nichts. Du wirst nie etwas richtig hinbekommen. Unter dem Strich stehen die Selbstzweifel. Ich habe da keine Lust mehr drauf. Mich und mein Handeln gelegentlich zu hinterfragen ist durchaus sogar fördernd, aber ich möchte nicht mehr irgendwas verpassen, nur weil ich mich mit den falschen Menschen vergleiche oder es mir selbst intensiv genug ausrede.

Wenn ich auf dem Weg eines gelernt habe, dann Mut zu haben. Und: Der Mut lohnt sich immer. Vor allem Mut, die richtigen Fragen zu stellen. Fragen, die dich weiterbringen und nicht zurückhalten. Fragen, dich dich du selbst sein lassen und nicht jemanden, den anderen so haben möchten oder so erzogen haben. Es ist nicht wichtig, wie alt du bist. Es ist nur wichtig, ob du bereit bist, die richtigen Schritte zu machen. Ich wünsche mir dabei, dass wir nicht immer auf die Meinung der anderen vertrauen. Ich wünsche mir, dass wir nicht immer in destruktiven Fragen hängen.

Vielleicht ist es an der Zeit, Antworten zu haben. Oder uns Antworten zu geben, in dem wir etwas machen. Welche Fragen beschäftigen dich? Welche Frage kannst du nicht loslassen? Worauf hättest du gerne eine Antwort?

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2 Kommentare

  1. Der Text haut mich gerade um und ich werde ihn nochmal und nochmal lesen. Mich selbst reflektieren, Fragen stellen und Antworten suchen.
    Vielen Dank und LG Tanja

  2. Dein Text ist wundervoll. Er macht mich sentimental aber zugleich macht er mir Mut. Ich bin schon sehr lange auf der Suche nach Antworten, fühle mich dabei oft einsam, getrieben und rastlos. Doch als ich deinen Text las, spürte ich plötzlich so etwas wie Ruhe in mir. Ich hatte einfach mal nicht das Bedürfnis für jede Frage eine Antwort finden oder mich erklären zu müssen.
    Großartig, vielen Dank dafür!

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