VERBOCKEN

Wortart: schwaches Verb 
Worttrennung: ver|bo|cken
Bedeutung: falsch machen, verderben, verpfuschen
Synonyme: falsch machen, ins Verderben reißen/stürzen, misslingen lassen, scheitern, verderben, vergeigen, verkorksen, vermurksen, verpatzen, verpfuschen, versieben, verhunzen, vermasseln.herrb_3_2

Ich habe mich bewusst für diesen Blogtitel entschieden, weil es ein ironisches Wortspiel mit meinem Namen und meiner Vergangenheit ist. Machen wir uns aber auch nichts weiter vor, “verbockt” ist auch ein Synonym für den Zustand, den die Krankheit “Depression” mir in den Kopf setzt.

Die Erfahrungen der letzten Jahre machten mir unmissverständlich deutlich, dass ein Teil von mir unablässig damit beschäftigt ist, meine Depression auszublenden, unsichtbar, vergessen zu machen – sowohl meiner Umwelt, aber vor allem mir selbst gegenüber. Indem ich hier für alle zugänglich und unschwer mit meiner Person verbunden öffentlich über meine Probleme blogge, will ich mich zwingen, selbst Fremden gegenüber die Krankheit eingestehen zu müssen – oder positiv formuliert: Ich nehme mir den Druck, jemandem etwas vormachen zu müssen, denn jeder ist ja nur eine Google-Suche von der Wahrheit entfernt. Gleichzeitig werde ich so immer wieder daran erinnert, über die Krankheit nachzudenken, mir meinen Zustand ins Bewusstsein zu rufen und so besser damit umzugehen.

Das ist für dich und für mich eine Win-Win-Situation. Ich kann mit meinem Schreiben alles aufarbeiten, nochmal zurückschauen und festhalten. Du – wenn du betroffen bist – hast jemanden gefunden und bist nicht allein. Und du – wenn du nicht betroffen bist – bekommst Einblick in solch ein Leben, das Denken und Fühlen und kannst so vielleicht deinen Partner/in oder Mitmenschen besser verstehen.

Ihr seid herzlich eingeladen hier zu kommentieren, diese Seite zu teilen oder zu “liken”. Erzählt anderen davon, denn nur gemeinsam kann man wirklich stark sein und sich nicht allein im Dunkel fühlen. Und am Ende kommt ein spannendes Tagebuch heraus, in das eure Erfahrungen einfließen können.

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Ich kann meinen rechten Daumen aus- und wieder einrenken. Ich bin Raucher. Ich kann zu jeder Tageszeit Kaffee trinken, ich hasse Tee. Ich habe mehrmals erfolglos Tagebuch geführt. Ich führe einen Terminkalender. Ich langweile mich manchmal sehr schnell. Ich leide seit Jahren unter Depressionen. Ich liebe mich nicht. Ich hasse mich nicht. Ich bin mir relativ egal, meistens. Ich vergesse manchmal, mir meine Zähne zu putzen und schäme mich dann den Rest des Tages dafür. Ich kann keine Vogelstimmen unterscheiden. Ich habe keinen Lieblingssong der Beatles. Ich habe noch nie im Wald wilde Himbeeren gepflückt. Ich habe mich noch nie in fremden Städten verirrt. Ich weiß nicht, wie man ein Baumhaus baut. Ich singe gern unter der Dusche und beim Autofahren, aber nur wenn ich allein bin. Ich liebe Musik.

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Ich bin perfekt in Selbstkritik und Abwertung meiner Leistung. Ich war noch nie in Ost- oder Nordeuropa. Ich war auch noch nie auf einem anderen Kontinent als Europa. Ich bin mal nachts in ein Freibad eingebrochen. Ich weiß, wie man Kühe melkt. Ich kann stundenlang schwere körperliche Arbeit verrichten, wenn ich mich konzentriere und mich nichts ablenkt, weigere mich aber oft gern. Ich bin kein Mitglied einer Partei. Ich interessiere mich für Politik. Ich nehme Antidepressiva und habe manchmal Schlafstörungen. Ich habe oft den Wunsch gehabt, mein Leben zu beenden. Ich hasse diese Gedanken nicht, ich lebe mit ihnen. Ich weiß von anderen, dass es ihnen da ähnlich geht. Ich habe Angst vor dem Tod und vor Schmerzen.

Ich hasse Grübelschleifen und Gedankenkreisläufe, aber ich habe sie und sie beeinflussen meine Laune. Ich kann sie manchmal unterbrechen. Ich hasse rhetorische Fragen, die ich sowieso immer mit „Nein“ beantworten muss. Ich vergleiche mich, dich und alles mit allem und allen anderen. Ich bin sehr ungerne nackt, wenn andere Menschen dabei sind. Ich habe ein Problem mich zu akzeptieren, wie ich bin. Ich hasse Geometrie. Ich kann gut Kopfrechnen. Ich habe in der Schule oft Physik und Biologie geschwänzt. Ich bin gern draußen in der Natur. Ich kann als Mann auch weinen. Ich kann sehr gut schlafen, wenn jemand neben mir liegt. Ich kann auch gut schlafen, wenn man neben mir schnarcht. Ich kenne alle Bücher von Stephen King. Ich habe mehr Goethe als in der Bibel gelesen. Ich wollte mich mal vor den Zug stellen, wurde dann aber angerufen. Ich kann mir mein 60jähriges Ich nicht vorstellen. Ich schreibe sehr gerne, aber viel zu selten.

Ich mag das Geräusch von Wellen, wogenden Bäumen, am Himmel vorbeiziehenden Flugzeugen, Rasenmähern. Ich kann mich nur schwer an schöne Tage aus meiner Kindheit erinnern. Ich glaube nicht an Wiedergeburt. Ich kann Fußball spielen, mache es aber nicht mehr. Ich habe mit Badminton angefangen. Ich habe viele Hobbys, kann mich aber viel zu oft nicht motivieren. Ich kann Lob nur sehr schwer annehmen und rede das sehr schnell klein.  Ich habe viele Freunde beim Dart besiegt. Wenn ich mich an eine Struktur halten will, verliere ich diese oft nach der Hälfte. Ich habe mehr Wodka als Wein getrunken. Ich mag Bier nur in geringen Mengen, danach muss ich es mischen. Ich finde mich meistens unattraktiv. Ich finde mich manchmal gutaussehend, wenn die Laune stimmt. Ich trage gerne Hemden. Ich mag es nicht, wenn Leute auf einer Rolltreppe nicht stehenbleiben, sondern weiterlaufen. Ich liebe den Frühling. Ich mag Blumen, kenne aber oft den Namen nicht. Ich mag nur mein Gesicht im Spiegel. Ich weiß, wie man eine Pistole bedient. Ich werde niemals eine Pistole benutzen. Ich stand einmal wenige Meter entfernt von einem wildlebenden Rothirsch. Ich mag meine Stimme, wenn ich erkältet bin. Ich habe oft kein Hungergefühl. Ich muss mich  zum Essen zwingen. Ich finde Englisch besser als Französisch, besser als Deutsch, besser als Russisch. Ich spiele aber gern mit der deutschen Sprache. Ich kann mir gut Namen merken, aber nicht die Telefonnummer. Ich gehe ungern ins Bett. Ich bleibe lieber länger auf als länger im Bett. Ich achte bei alten Fotos auf mehr Details als bei neuen.
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Ich benutze meinen Netbook schon so lange, dass dort, wo meine Handballen beim Tippen stets liegen, die Farbe verblichen ist. Ich habe kein Bücherregal und besitze keine Musik-CDs. Ich schäme mich meiner Familie. Ich hab Überlebensstrategien, die nicht gut sind. Ich mag meine Freunde. Ich war oft verliebt. Ich liebe mich weniger, als dass ich geliebt wurde. Ich hasse Menschen, die einem ins Wort fallen. Ich mag keinen Schnee, ich liebe Sommerregen, ich hasse Hitze. Ich fühle mich manchmal gefühlskalt, ich konnte noch nicht richtig trauern. Ich war schon mal in einem schwulen Szeneclub. Ich werde meist wertvoller beschenkt, als dass ich schenke. Ich fühle mich meist sehr unangenehm, wenn ich beschenkt werde oder selbst etwas verschenke. Ich muss beim Lied „Nova“ von VNV Nation fast automatisch weinen. Ich habe schon zwei Leichen gesehen. Ich liebe Umarmungen und Nähe. Ich habe mir noch nie zwei Kirschen an die Ohren gehängt. Ich kaufe auch gern gebrauchte Waren.

Ich habe mehrfach gekifft, doch ohne jeden Effekt. Ich hasse mittlerweile Drogen. Ich werde durch frische Luft berauschter als durch Drogen. Ich habe mir mit fünfzehn unabsichtlich den linken Ellbogen bis auf den Knochen aufgeschlagen. Ich hatte schon eine rektale Untersuchung mit Verdacht auf Blinddarm-Durchbruch. Ich hatte damals 40°C Fieber. Ich kann Familien oder alte Ehepaare im Zug nicht ausstehen. Ich ziehe mich manchmal zurück, weil ich nicht reden möchte und genieße auch das Gefühl der Niedergeschlagenheit. Ich höre manchmal im Satz auf, zu reden, wenn ich merke, dass es alle langweilt. Ich danke meinen Eltern für das Leben, aber weiß nicht, inwiefern man sich da revanchieren muss. Ich habe manchmal Angst, dass ich meinen Alltag nicht bewältigen kann. Ich glaube, es wäre einfacher, gläubig zu sein. Ich merke dann und wann erschrocken, dass ich in manchen Punkten sehr konservativ bin. Ich finde die Geschichte Deutschlands sehr interessant. Ich würde gern mit einem Fallschirm springen. Ich male mir mitunter aus, wie es wäre, über Nacht ein geniales Foto geschossen zu haben, das in einer Zeitung abgedruckt wird. Ich habe schon einen Fotowettbewerb gewonnen. Ich zeichne sehr gern, finde es aber oft nicht schön. Ich finde es unnötig, dass Interviews autorisiert werden müssen. Ich kann gut kochen. Ich genieße die Gesellschaft meiner Freunde. Ich sehe meine Freunde viel zu selten. Ich finde es sehr heilsam, mit Menschen Zeit zu verbringen, die nicht immer witzig oder interessant sein wollen. Ich wollte schon mehrfach Vegetarier werden, doch ich liebe den Geschmack von Fleisch. Ich liebe Improvisationstheater. Ich will oft alles hundertprozentig machen und kann mit dem Ergebnis doch nicht zufrieden sein. Ich komme gut mit älteren Menschen und Kindern klar.
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Ich wäre gerne ein durchschnittlicher Erwachsener, der täglich seinem Beruf nachgeht, abends mit ein paar Kumpels ein paar Biere trinkt und eine normale, langjährige Beziehung führt. Ich habe mittlerweile auch körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, Bluthochdruck, Nackenschmerzen. Ich vergesse in letzter Zeit Kleinigkeiten. Ich habe noch nie meine Träume mitbekommen, merke aber morgens, wenn ich schlecht geträumt haben muss. Ich mag es, Dinge chronisch oder alphabetisch zu ordnen. Ich werde nichts verändert haben, wenn ich mal tot bin. Ich finde das Verlangen und die Sehnsucht manchmal schöner als das Endergebnis. Ich würde gerne öfter fremde Städte besuchen. Ich habe Angst vor dem, was ich mal werden könnte. Ich liebe Sex und das Verlangen danach.

Ich bin noch nie auf einer Banane ausgerutscht. Ich schaffe es nicht, mit dem Rauchen aufzuhören. Ich habe es aber auch erst ein Mal ernsthaft versucht. Ich liebe Tierfotografie. Ich bin und war in psychologischer Behandlung wegen Depressionen. Ich schäme mich nicht dafür. Als Kind habe ich mehr Musik gehört als Bücher gelesen. Ich habe bei Boygroups laut mitgesungen. Ich habe keinen Filmgeschmack. Ich kann mir nur schlecht Filmtitel und Schauspieler in den Filmen merken. Ich mag fast jede Art von Musik. Ich habe fünf Bücher mit jeweils über 1000 Seiten gelesen. Ich kann gut Diktate schreiben, versage aber bei Aufsätzen. Ich hasse Wecker. Ich kenne endlich das Gefühl der Liebe und Zugehörigkeit. Ich würde Menschen gerne öfter „Du bist schön“ sagen, wenn ich denn wüsste, dass sie es nicht als Flirt oder Unannehmlichkeit auffassen würden. Ich bin jetzt 35 Jahre alt. Ich bin sarkastisch und ironisch. Ich habe das Gefühl, dass ihr hier auch zwischen den Zeilen lesen konntet. Ich weiß, dass der schönste Tag meines Lebens noch kommen wird.

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Und wenn du bis hier gelesen hast, glaube ich auch, dass wir uns gut verstehen würden.

Das ist ein Einblick in meine Gedanken und meine Welt. Sicher gibt es dazu noch ein Menge mehr, was ich aufschreiben kann, aber das soll für mich und euch erst einmal reichen.

2013 // Herr B. (inspiriert von einem unbekannten User)