Herr Bock fragt … sein Umfeld, enge Vertraute, Freunde, Familie und Wegbegleiter. Wie haben mich meine Mitmenschen gesehen? Wie sehen sie mich heute? Die Fragerunde ist auch wieder eine typische Win-Win-Situation. Ich hab die Chance von diesen Menschen ein paar Antworten für mich zu bekommen und ihr könnt sehen, wie Menschen auf mich bzw. meine Krankheit reagieren, was es bei ihnen auslöst und was noch alles so sein kann. Sonst schildere ich – jetzt sind sie dran.

Natürlich starte ich meine erste Fragerunde mit meiner Frau – Weggefährtin, Unterstützerin, Kritikerin und engste Vertraute.

Du hast mich kennengelernt, hast du damals das Gefühl gehabt, dass ich Depressionen oder ähnliches haben könnte?

Ich habe nicht gleich über eine Krankheit nachgedacht, aber das etwas nicht stimmte war mir sehr schnell klar. Ich kann mich an ein Gespräch auf der Treppe erinnern, bei dem du mir gesagt hast, dass du nicht gesund bist und das etwas nicht so ist, wie es eigentlich sein sollte. Um ehrlich zu sein, war ich mir dem Ausmaß nicht bewusst. Aber ich war mir sehr schnell sicher, dass da mehr hinter steckt.

Hattest du vor mir schon Kontakt zu Depressionen oder Menschen mit psychischen Problemen?

Ich bin damit aufgewachsen. In meinem näheren Umfeld und in meiner beruflichen Laufbahn gibt es das Thema schon längere Zeit. Allerdings ist es etwas anderes, wenn es der eigene Partner ist und es plötzlich 24 Stunden am Tag zum Thema wird.

Hattest du jemals das Gefühl, dass du die Beziehung aufgeben möchtest?

Ganz ehrlich? Zwischenzeitlich ja. Ich hatte das Gefühl, dass ich dem Ganzen nicht mehr gewachsen bin. Es kamen eigene Probleme, Probleme auf der Arbeit – ich war selbst völlig unzufrieden und hatte keinen Ruhepol mehr. Es war zu viel, aber irgendetwas hat mich immer wieder motiviert weiter zu machen.

Was hat dich dazu bewogen, dennoch weiter mit mir zusammen zu bleiben?

Die Liebe und die Hoffnung! Ich habe mit jedem Tag gehofft, dass es endlich besser werden würde, das wir endlich eine ganz normale Beziehung führen können, in der wir ehrlich miteinander sind und uns wertschätzen. Ich wurde oft enttäuscht, aber heute weiß ich wofür ich gekämpft habe, für die Liebe.

Die Tagesklinik war ein Schritt für mich, aber nicht der entscheidende. Wie hast du die 16 Wochen wahrgenommen? Wäre es vielleicht sinnvoller gewesen, doch einen vollstationären Aufenthalt zu machen?

Eindeutig JA! Mit dem Wissen von heute würde ich in derselben Situation anders reagieren und dich davon überzeugen eine stationäre Therapie zu machen. Der Abstand wäre in der Zeit für uns beide wichtig gewesen und ich denke, dass dieses „zurückkommen“ in den Alltag, nach Feierabend nicht hilfreich für dich und auch für mich waren.

In den 16 Wochen habe ich gehofft, dass sich etwas ändert, aber deine täglichen Fazits der Therapien haben mir schon früh gezeigt, dass auch in dieser Therapieform ein zu „lascher Ablauf“ war, du hättest mehr Gespräche gebraucht. Du brauchtest zu diesem Zeitpunkt keine Freizeit zum Kickern oder Museumsbesuche. Und auch die unterschiedlichen Diagnosen der Patienten in der Tagesklinik hat nicht dazu geführt, dass du dich wirklich mit DIR auseinander gesetzt hast, sondern eher die Probleme und Gespräche der anderen auf den Tisch kamen.

Auch deine Erzählungen an den Nachmittagen beschränkten sich lediglich darauf, mir zu erzählen, wie gut etwas gelaufen ist oder welches positive Feedback du bekommen hast. Du hattest auch in der Zeit zu viele Möglichkeiten zu denken und keine Situationen, in denen du sofort hättest handeln müssen. Man hat dich ohne weitere Hilfestellung in die weite Welt entlassen und das hat dir nach kurzer Zeit einen weiteren „Genickbruch“ beschert. Allerdings hatte diese Tagesklinik auch etwas Gutes: Wir haben tolle Menschen kennengelernt und dafür hat es sich gelohnt! Sicher ist die Tagesklinik eine Chance für viele, ein Anfang, aber du warst noch nicht 100%ig soweit, dass du mehr für dich machen konntest.

Wie sehr hat dich das Wissen mit meinen suizidalen Gedanken beeinflusst? Wie bist du für dich damit umgegangen?

Ich habe versucht sie zu hinterfragen, habe aber schnell für mich beschlossen, dass das Thema irgendwo bei mir abgelegt wird und ich mich nicht weiter damit beschäftige. Ich kann und konnte dagegen nichts tun und selbst wenn – irgendwann wärst du genervt gewesen und hättest sie mir nicht mehr erzählt, aber sie wären doch noch da gewesen.

Heute ist es ja keine Verhaltenstherapie mehr, es ist systemisch (das Umfeld wird mit beleuchtet). Ich binde dich offensiv mit ein, du kannst bei Gesprächen dabei sein. Wie ist das für dich?

Sehr sehr wichtig. Das Beste was passieren konnte!!!! Wir schaffen es, in den Gesprächen uns nicht anzuschreien und sachlich zu bleiben. Wir sagen Sachen, die wir uns zu Hause nicht sagen würden. Und noch wichtiger: Wir bekommen Lösungsstrategien mit auf den Weg, an die wir nicht gedacht haben oder sie einfach nicht erkennen konnten. Ich habe so noch jemanden, der dich mit auf den richtigen Weg lenkt (was nicht immer der von dir gern gehörte Weg wäre), der dir auch meine Sicht nochmal aufzeigt und der auch mir deine Denk- und Verhaltensweisen nochmal genauer und menschlicher (das ist nicht böse gemeint, aber manchmal denk ihr zu kompliziert) erklären kann. 

Ich bin froh, dass es diese Möglichkeit gibt und du sie auch von Anfang genutzt hast. Vor allem hast du ihn dir selbst ausgesucht. Mittlerweile redest du auch über viele relevante Themen aus der Therapie, wenn ich nicht dabei bin, das hast du auch während der ambulanten Therapie nicht gemacht, nachdem du in der Tagesklinik warst. Für dich sind teilweise Dinge nicht so relevant, wie für mich!

Wie empfindest du meinen offensiven Umgang mit der Depression bzw. Krankheit (Blog, Twitter, Facebook, Gespräche)?

Das Ganze macht den Umgang auch für mich leichter! Ich muss keine Menschen belügen, weil du vielleicht aufgrund deiner Erkrankung antriebslos bist und nicht mit zu Verabredungen kommen kannst – ich kann sagen was du hast. Unser Umfeld weiß Bescheid, bekommt viel mit und ist dadurch sensibilisiert. Durch den offenen Umgang hast du viele Menschen getroffen, die genau dieselben Probleme haben und sich noch nicht geöffnet haben. Ich persönlich finde es gut, dass du damit auch anderen die Möglichkeit gibst, sich anonym zu melden, sich mal aussprechen zu können und Verständnis erfahren. Ich sehe ja, dass du dich nicht mit den Problemen belastest, sondern die Gespräche auch für dich noch weiter als Chance siehst.

Du hast etwas gefunden, worum du dich kümmerst, was du pflegst und das auch eine regelmäßige Aufgabe für dich ist. Solange du für dich selber weiter einen STOPP machst, dir die Sorgen der anderen Menschen nicht zu Herzen nimmst, kann ich sehr gut damit leben.

Wenn ich behaupte: „Die Krankheit, die Lügen und die entstandenen Probleme waren bitter und hart, haben uns in kurzer Zeit aber gezwungen uns besser kennenzulernen und gezeigt, dass Liebe auch ‚in schlechten Zeiten‘ zueinander stehen heißt.“ Richtig, oder falsch?

Eindeutig richtig! Viele Dinge wären sicherlich nie oder zu späteren Zeitpunkten zur Sprache gekommen. So haben wir uns sehr schnell mit uns und auch mit deiner Vergangenheit auseinandersetzen müssen. Es gab Situationen, da hätte ich ohne das Hintergrundwissen auf jeden Fall „das Handtuch geworfen“. So hat es eine intensivere Auseinandersetzung mit deinem bisherigen Leben gegeben. Es hat zusammengeschweißt und gezeigt, wenn wir solche Probleme schaffen, schaffen wir auch in Zukunft die „kleineren“ zusammen. Allerdings muss ich auch ehrlich dazu sagen, wenn du dich nicht für eine Therapie entschieden hättest, ich diese Fragen hier heute nicht beantworten würde.

Was war für dich das Schwierigste in dieser Zeit?

Die ständigen Entäuschungen. Immer wieder verletzt zu werden. immer wieder hatte ich einen Funken Hoffnung, dass alles vernünftig läuft, dass ich dir trauen kann, dass ich deine Versprechen glaube. Aber immer und immer wieder kam diese Enttäuschung. Ich konnte micht über nichts mehr freuen. Ich war nur noch verletzt. Hättest du reden können, wäre das sicher einfacher gewesen.

In den letzten Wochen habe ich ja intensiver herausgefunden, was Auslöser sind, warum ich des öfteren gekränkt bin und vor allem warum ich mich in diese negativen Denkmuster fallen lassen. Hat die Therapie in deinen Augen schon Erfolge gebracht?

Eindeutig: Seit dem ersten Termin bei deinem jetzigen Therapeuten merke ich deutliche Veränderungen. An dieser Stelle ein großes DANKE an M.G.!!! Mit deiner menschlichen und etwas durchgeknallten Art (in manchen Situationen musste das sein ;) ) Hast du mir und Herrn Bock in kurzer Zeit mit großen Schritten geholfen.

Könntest du mir positive und negative Eigenschaften von mir sagen?

Ist gar nicht so einfach, weil ich du dich in der Zeit entwickelt hast.
Positiv: aufmerksam, einfühlsam, fürsorglich, sensibel, humorvoll, kreativ, guter Zuhörer

Negativ: schweigsam, (anfänglich) unehrlich, antriebsarm

Abschließend eine Behauptung: „Depressionen, Burnout, Dysthymie sind einfach nur Modeerscheinungen der heutigen, schnellebigen Welt.“ Wie siehst du das?

Ich denke nicht, dass die genannten Formen „Modeerscheinungen“ sind, vielmehr sind es Krankheiten mit neumodischen Namen in altem Gewand. Früher hat sich selten jemand ein Buch gekauft, in der die Krankheiten beschrieben waren. Heute googelt doch jeder seine Symptome und stellt die wildesten Selbstdiagnosen auf. Früher gab es auch einfach noch nicht das Wissen über die Krankheiten, wie es heute ist.

Danke meiner Ausbildung kann ich mich mit den Themen ja auch öfter mal auseinandersetzen und weiß, dass Ergotherapie hat zu Anfang als Beschäftigungstherapie begonnen hat, in der psychisch kranke Menschen wieder eine Tagesstruktur lernen sollten – das sollte die Menschen „heilen“. Die Berufe haben sich aber mittlerweile weiterentwickelt und der Stand ist doch ein ganz anderer. Keiner sollte in seinem Umfeld die Warnzeichen ignorieren. Kurz um, diese Erkrankungen sind keine Modeerscheinung sondern wurden mit Namen der heutigen Zeit benannt! Die typische Depression kannte man früher schon als „Melancholie“.

Gibt es noch etwas, was dir auf der Seele brennt?

Ja, auf jeden Fall! Ich möchte an alle Betroffene appellieren – Depressionen oder generell psychische Erkrankungen sind keine Schande! Sie können uns alle treffen und in der heutigen Zeit ist es auch aufgrund der Lebensumstände keine Seltenheit. Versucht ehrlich zu eurem engsten Umfeld –  insbesondere zu euren Partnern – zu sein, die sind eure wichtigsten Vertrauten! Es ist für euch und auch für uns „Angehörige“ wichtig. Wir können euch nur zur Seite stehen und für euch da sein, wenn wir wissen, was mit euch los ist. Auch in der Zeit ist Ehrlichkeit das A und O. Wir alle sind auch nur Menschen, können nicht hellsehen, können nur hören, sehen und fühlen. Wenn wir von euch keinen Ansatz zur Hilfe bekommen, sind uns einfach die Hände gebunden. Sagt uns, wenn es euch schlecht geht, erzählt die banalsten Gedanken, versteckt euch nicht. Viele „Depressionisten“ sind auch gute Schauspieler, was euch sicher in dem Moment, aber nicht auf lange Zeit hilft. Versucht das Gesagte nicht auf die Goldwaage zu legen – wir sind vielleicht ehrlich, aber eine verschobene Denkweise lässt auch vieles bei euch falsch ankommen. Depressionen sind eine schwierige Erkrankung, nicht nur für Betroffen, sondern auch für alle anderen im Umfeld – aber ihr könnt sie so gut wie möglich einbeziehen. Und vorallem ist es keine Schande sich Hilfe zu holen. Aus eigener Erfahrung weiß ich jetzt: Therapien sind keine roten Sofas und Therapeuten keine Menschen, die sorgen-, fehler- und problemfrei sind! 

Auch die therapeutischen Wege können Irrgänge und Sackgassen sein, aber lasst euch davon nicht entmutigen. Menschen können dir nur helfen, wenn sie auch wissen, was mit dir ist!

Puh, das war ne Menge. Oder? Danke auf jeden Fall, dass du dir Zeit genommen hast, meine Fragen zu beantworten.

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Falls euch dazu noch Fragen auf der Seele brennen, ihr etwas wissen wollt oder ähnliches, dann her damit! Mailen, Kommentieren oder über das Social Network schreiben. Im Rahmen meiner bzw. unserer Möglichkeiten werdet ihr sicher einer Antwort bekommen!