Ja, auf Wiedersehen! Tschüss! Macht es gut! Es wird Zeit, dass ihr geht! Wer? Meine emotionale Gebundenheit. Mein Wunsch nach Anerkennung. Der Gedanke an eine Versöhnung mit meinen Eltern. Die Hoffnung, dass ich etwas verändere bei ihnen. Ich verabschiede mich von all den Hoffnungen, Wünschen und Gedanken. Und warum „auf Wiedersehen“? Weil ich weiß, dass der Abschied länger dauern wird und es nach wie vor ein hartes Stück Arbeit ist. Sie sind ja noch immer Tag für Tag präsent und ein Teil meines Lebens. Doch heute, ja genau heute, der 01.01.2014 wird der Moment für die Veränderung. Ich habe den Mut, die Kraft und den Willen.

Es wird Zeit, dass ich die mir aufgezwungene Verantwortung endlich an die Menschen zurückgebe, die sie mir aufgedrängt haben. Es ist an der Zeit, dass ich die richtigen Worte finde und in mein eigenes Leben starte. Es ist an der Zeit, dass ich die Verantwortung für mein eigenes Leben übernehme und nicht mehr das meiner Eltern, sie nicht mehr schütze und schon gar nicht ein schlechtes Gewissen habe. Es ist Zeit, dass ich mit letzter Konsequenz meine Entscheidungen treffe und zu diesen stehe. Es wird Zeit für eine Konfrontation …

 

Liebe Mutter, lieber Vater,

ich habe mich entschlossen euch einen Brief zu schreiben, weil ich euch hiermit heute etwas mitteilen möchte, was ich euch in der Form noch nicht gesagt habe. Ihr könnt euch sicher erinnern, dass ich vor ein paar Jahren schon einmal den Versuch mit einem Brief und einem Gespräch unternommen habe, aber das war unausgereift und ich war einfach noch nicht so weit, dass ich es ordentlich gemacht habe. Zuerst möchte ich euch verraten, warum ich die letzten Monate nur sehr selten bei euch war: Ich hatte Angst. Angst, dass alles „wie immer“ ist. Angst, dass ich wütend über mich nach Hause fahre. Angst, dass ich wieder nur die Rolle des Sohnes spiele, der es seinen Eltern recht macht. Und ich hatte Angst, dass ich wieder emotional so abhängig bin, dass es mich aufwühlt und die Geheimniskrämereien weitergehen. Ich mache eine Therapie – von der ihr wisst – weil ich endlich mein eigenes Leben leben werde. 

Lasst es mich erklären: 
Als ich klein war, hatte ich meiner Erinnerung nach wundervolle Eltern, die sich rührend um mich gekümmert haben, die alles für ihren kleinen Sohn getan haben, ihn versorgt haben, ihn angebetet und beschützt haben. Aber das hat sich geändert. Ihr habt mir die Schuld gegeben, dass ihr dem Alkohol verfallen seid. Ich war der Sohn, der sein Leben nicht auf die Reihe bekommen hat, der geklaut hat, der gelogen hat, der die Schule schwänzt, der raucht. Aber ihr seid es gewesen, die mich in diese Situation gebracht haben. Wegen eurem Alkohol musste ich lügen. Ich musste bei Freunden lügen, weil ich niemanden mit nach Hause bringen konnte. Ich musste alle gegeneinander ausspielen. „Sag Papa nichts davon.“ „Sag Mama nichts.“ „Sag ja nichts Oma und Opa.“ Ihr habt mich aus dem Haus getrieben. Ich wollte nicht mehr zu Hause sein und das Tag für Tag erleben müssen. Sicher seid ihr bei meinem Fehlverhalten eingesprungen, aber machen das Eltern nicht immer für ihre Kinder? Ihr habt mir eine Verantwortung gegeben, die ich nicht wollte und auch in dem Alter noch nicht übernehmen konnte! Ihr habt mich gezwungen früh selbstständig zu sein. Wisst ihr eigentlich, wie hilflos ich in dem Alter noch war? Ihr habt mich Tag für Tag gezwungen, die Vorkommnisse zu Hause zu vertuschen und wegzureden. Ihr habt mir auch zu verstehen gegeben, dass ich mit schlechten Schulnoten Aufmerksamkeit bekomme. Ihr habt mich auch mit eurem Verhalten dazu gebracht, dass ich nicht mehr über mich rede, nicht mehr über meine Gedanken und Gefühle. Ist euch mal aufgefallen, wie viel Zeit wir überhaupt miteinander verbracht haben? Fast keine. Ihr wart so mit euch beschäftigt, dass meine Bedürfnisse keinen Raum mehr hatten. Ihr habt dauernd gestritten, verbal und auch anders. Wisst ihr, wie sich das anfühlt, wenn man das als Teenager erleben muss? Ihr habt eure Probleme zu meinen gemacht! 

Ich habe mich damals allein gelassen gefühlt. Mir fehlte die elterliche Liebe und Unterstützung. Ich habe mir die Bestätigung bei anderen gesucht, habe dadurch Lügen erfunden. Ich wollte mich auch mal gut fühlen und nicht allein. Ich habe mich danach gesehnt, dass ihr mich beachtet und habe deshalb all den Unfug getrieben. Da habt ihr mich ja beachtet. Ihr habt mich wahrgenommen. Ich war verletzt. Viele meiner Freunde hatten andere Eltern und ich habe immer nur ein bisschen davon abhaben wollen. Ich hatte Schuldgefühle, weil ihr mich für das Trinken verantwortlich gemacht habt. Ich habe mich gehasst, ich habe mich nicht liebenswert gefühlt und habe geglaubt, dass das normal ist. 

Das hat mich alles so sehr beeinflusst, dass ich bis heute immer wieder in eine Scheinwelt geflüchtet bin, wenn etwas nicht gut gegangen ist. Ich wirke zwar selbstbewusst, aber ich bin es nicht. Ich rede alles was ich tue klein. Ich habe nicht gelernt, dass ich auch was gut machen kann. Ich habe mich dennoch immer von euch abhängig gemacht, habe mich dem emotionalen Druck hingegeben. Mich hat es immer wieder wütend gemacht, weil ich nicht selbstbewusst genug bin, meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Ich habe es oft nicht geschafft, die Verantwortung für mein eigenes Leben zu übernehmen und mich von anderen abhängig gemacht. Irgendwann habe ich alles negative nur noch verdrängt. Ich habe keine Post mehr aufgemacht, weil ich es nicht sehen wollte. Ich wollte mich um nichts mehr kümmern. Mein negatives Gefühl ging soweit, dass ich mich umbringen wollte. Ich habe keinen Sinn mehr darin gesehen, dass es weitergeht. Ich habe durch mein Verhalten Beziehungen zerstört, ich habe mich selbst geschädigt und ich fühle mich heute noch in der Familie allein. Selbst heute stellt ihr meine Entscheidungen in beruflichen Wegen in Frage und redet mich klein. Das tut weh! Es beeinflusst mich auch noch, weil ich immer meine Probleme mit mir selbst ausgemacht habe. Es beeinflusst aber nicht nur mich, sondern auch meine Beziehung. 

Ich will, dass ihr euch für das grausame und dumme Verhalten als Eltern entschuldigt. Ich will, dass ihr diese Zeit anerkennt und auch anerkennt, dass ihr mir mit dem Alkoholismus und Co-Abhängigkeit Leid und Schmerz zugefügt habt. Ich will, dass ihr meine Entscheidungen respektiert. Ich werde mich nicht mehr der emotional manipulativen Art von euch hingeben. Ich bin damals bei Entscheidungen eingeknickt, das werde ich heute nicht mehr tun. Ich bin 32 Jahre alt, ich treffe meine eigenen Entscheidungen und es ist mein Leben. Ich will, dass ihr zugebt, dass ich euch eigentlich gar nicht kenne – nie habt ihr was von euch und eurer Vergangenheit erzählt. Mutter, ich will von dir, dass du nicht immer von mir verlangst, dass ich dieses „Ich hab dich lieb“ sage. Ich hasse es! Ihr seid meine Eltern, ich habe immer irgendwie den Kontakt gesucht, aber ich will, dass ich mich melden kann wann ich will. Ich will auch, dass ihr mit Vorwürfen aus der Vergangenheit aufhört. Und ich will auch, dass ihr mich akzeptiert, wie ich bin. Außerdem will ich, dass ihr euch einfach auch mal bewusst macht, wie viel Hilfe ihr im Leben hattet. Vergesst nicht, woher ihr kommt und wer euch unterstützt hat. Ich will, dass ihr die Verantwortung für euer Handeln in der Zeit endlich übernehmt und diese nicht wieder auf mich abschiebt. Steht dazu! 

Ich bin traurig, dass wir nicht die Eltern-Kind-Beziehung hatten, die wir hätten haben können. Ich habe eine Menge vermisst, weil ich meine Eltern nicht so lieben konnte, wie ich es gern getan hätte. Ich bin dankbar dafür, dass Vater immer Geld verdient hat um uns zu versorgen, dass wir dadurch immer einen eigentlich schönen Urlaub machen konnten, dass wir den Garten haben durften. Ich erinnere mich auch an viele schöne Dinge aus der Kindheit. Ich habe nicht gewusst, was ihr für Ängste und Sorgen hattet – wir konnten leider nie miteinander über solche Sachen reden. Vielleicht wollt ihr auch wissen, wie es mir in meinem Leben geht? Ich mache Fortschritte. Ich lerne – dank meiner Freunde und insbesondere M. – dass ich sein darf, wie ich wirklich bin. Ich lerne, dass ich mich nicht verstecken muss und Verantwortung übernehmen kann, dass es keine Lügen braucht, damit ich die Aufmerksamkeit bekomme, die ein Mensch braucht. Ich habe gelernt, dass auch negative Nachrichten nicht immer mit Ärger und Wut behaftet sein müssen. Ich schaffe es, mir meine Zukunft zu gestalten und meine guten Eigenschaften zu entdecken, zu erleben und auszuleben. Ich musste meine Wut und Trauer immer unterdrücken, dass hat mich beeinflusst und mich am Ende auch ein großes Stück in die Depression geschoben.

Ich erwarte nicht, dass ihr auf diesen Brief reagiert. Er wird Einfluss nehmen auf unsere Beziehung zueinander, dessen bin ich mir bewusst. Aber es sind Fakten, die nicht länger unausgesprochen bleiben sollten, denn ich möchte meine Angst, Wut und die Verantwortung nicht an meine Beziehung oder zukünftige Kinder weitergeben. Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber wir können sie akzeptieren. Ich setze mich jeden Tag damit auseinander, damit ich die Veränderungen in meinem Leben schaffe. Wir sind alle erwachsen und begegnen uns eigentlich auf Augenhöhe. Mit diesem Brief stehe ich euch erstmals auf Augenhöhe gegenüber. Wir können nicht neu anfangen und auch nichts retuschieren – aber wir können hierdurch vielleicht ein Stück zueinander finden und anders miteinander umgehen. 

Liebe Grüße
Herr B.

Damit startet das neue Jahr für mich.  Diesen Brief zu schreiben war nicht die leichteste Aufgabe. Es ist aber eine Aufgabe, die ich erledigen wollte. Ich lerne all das noch zu akzeptieren. Ich lerne, mich von meiner Kindheit zu verabschieden. Ich verabschiede mich von der Hoffnung auf elterliche Liebe. Ich erlaube mir zu trauern, trauern über die Verluste die ich erlitten habe. Ich werde die nächste Zeit nutzen, um all diese zu identifizieren und sie verabschieden. Es darf ein weiterer großer Schritt werden, der mir Erleichterung verschafft.