Herr Bock fragt … diesmal Menschen, die sich mit ihrer Krankheit genauso an die Öffentlichkeit getraut haben, etwas gegen das Stigma tun wollen, aufklären, helfen, bewegen und auch Angst vor der Krankheit nehmen möchten. Autor Carlos (Sascha Milk) bricht alleine schon mit dem Titel seines aktuellen Buches „Ein harter Kerl im Tal der Tränen“ ein Tabu: Echte Männer dürfen weinen, schwach und auch psychisch krank sein. Sascha, im ersten Leben „echter Kerl“, tätowiert, selbstständiger LKW Fahrer. Jetzt im zweiten Leben Buchautor, der seine Geschichte in Worte verpackt hat und dadurch Mensch geworden ist. Er hat die Chance in mehreren Therapien genutzt, sich selbst besser kennenzulernen und auf sich zu achten. Er selbst sieht sich mit seinem Buch als Sprachrohr, heute hatte ich die Ehre, ein paar Antworten zu bekommen …
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Du hast dich entschieden, offen über die Borderline-Störung und depressive Störung zu schreiben. Warum?

Mein großer „Knall“ war der Auslöser, dass ich mit dem Schreiben über Borderline und Depressionen angefangen habe, um all das Passierte zu verarbeiten, mich mit mir auseinandersetzen zu müssen und auch zu wollen. In erster Linie habe ich geschrieben, damit es eine Aufarbeitung meiner Vergangenheit wird. Ich wollte verstehen, was und warum es passiert ist und wie ich lernen kann, damit umzugehen. Zur gleichen Zeit hat sich Robert Enke das Leben genommen und als ich seine Biografie in den Händen hatte, hab ich mich entschlossen, dass die Welt auch meine Geschichte erfahren soll, sie soll daraus lernen und verstehen. Ich hab den Inhalt meines Werkes erst prüfen lassen und als die Stimmen lauter wurden, habe ich den Weg in die Öffentlichkeit gesucht. Das Feedback zeigt bis heute, dass ich eine gute Sache angestoßen habe und das Buch Ratgeber, Leitfaden oder sonstiges für andere ist. Ein anderer nicht unerheblicher Grund war, dass die Menschen die mich begleiten und begleitet haben so erfahren konnten, warum ich so bin wie ich bin, um auch so ein etwas verständnisvolleres Leben zu erfahren und nicht jedem ständig alles erklären muss.

„Ein harter Kerl im Tal der Tränen“ – Ein Titel, der auch mit Vorurteilen bricht, dass Männer nicht unbedingt ihre Gefühle äußern wollen oder können. Wie siehst du das? Sprichst du offen über deine Gefühle oder verschweigst du auch gerne mal was?

In meinen Leben habe ich immer wieder Menschen kennengelernt, die von „Harte Schale, weicher Kern“ bei Männern sprechen. Vielen wird in der Kindheit durch die Erziehungsweise das Ausleben von Gefühlen ja im Keim erstickt mit Sätzen wie: „Ein Indianer kennt kein Schmerz.“ Kinder verinnerlichen das und tragen das bis ins Erwachsenenalter weiter. Viele können so später ihre Gefühle nicht klar bezeichnen und kaum unterscheiden, nicht damit umgehen und am Ende wird es als Schwäche ausgelegt. Sie haben es nur einfach nicht gelernt.
Ich persönlich spreche mittlerweile über meine Gefühle und verheimliche nichts mehr. Ich erbete mir immer nur einen kleinen Moment, um herauszufinden welches Gefühl es gerade ist, wenn ich gefragt werden. Verheimlichen ist nicht meine Welt, denn ich habe mich irgendwann entschieden, mit aller Offenheit und vor allem Ehrlichkeit mein neuen Weg entgegenzutreten. Von daher stellt sich mir die Frage so nicht mehr, denn wenn ich weiß was mit mir los ist, teile ich das auch mit.

Wie schwer war es für dich einzugestehen, dass du eine psychische Störung hast und wann hast du das für dich gemerkt?

Gemerkt habe ich es, als sich die Ereignisse überschlugen und in kürzester Zeit mein Leben nicht mehr unter gesunder Kontrolle hatte, der sogenannte Nervenzusammenbruch. Dieser Point of no Return zeigte mir unmissverständlich und schonungslos, in welcher Situation ich in dem Moment war und zudem nicht in der Lage war, da alleine wieder rauszukommen. Gedanken an Suizid haben mich dann endgültig Hilfe suchen lassen. Es war sehr schwer für mich einzugestehen, denn ein Typ wie ich, ein vermeintlich harter Kerl, hat sein Leben aus den Augen verloren. Das ist schwach und darf keiner sehen. Im Therapieverlauf habe ich dann gemerkt, dass die einzige Chance ist mich zu outen, komplett die Hosen runter zu lassen, denn nur dann kann mir quasi keiner mehr was.

Wie waren die Reaktionen in der Familie und Freundeskreis auf dein Buch?

Buch CarlosIn meiner Familie wird darüber geschwiegen und still akzeptiert. Kurz gesagt: Ich wurde deswegen nicht zum Teufel gejagt und dennoch merkt man, dass es eine gewisse Schwere im Zusammenleben hat. Ich weiß noch nicht mal, ob es (außer meine Tochter zu Hälfte) überhaupt jemand von der Familie wirklich gelesen hat?! Mein Freundeskreis, war durch meine Berufswahl nicht wirklich groß und so waren es überwiegend mehr Berufskreise, welche gänzlich weggebrochen sind nach dem ich in den Krankenstand gegangen bin. Der kleine Freundeskreis hat sich gespalten. Einige stehen zu mir, der Rest hat sich abgewendet aus vielerlei Gründe. Du verlierst alte und gewinnst neue Menschen, welche dich für deinen Mut und die Offenheit schätzen. Der Zug des Lebens halt.

Wie war es mit Therapien? Wie viele hast du gemacht? Was hat dir nachhaltig geholfen?

Ich habe 6 Therapien gemacht und die Basis der DBT war sehr gut für mich geeignet. Geholfen haben mir die vielen Gespräche mit Mitmenschen und Therapeuten, die versucht haben meinen Wissenshunger zu befriedigen. Mal von zu Hause weg sein, eine Art Workshop machen und lernen – lernen, was ich in die Finger bekam. Dabei sind noch ganz andere Fähigkeiten zu Tage gekommen, die mich meine Welt haben anders sehen lassen. Der Spaß am Leben und die Angst vor dem Tod haben mich kämpfen lassen! Ich habe versucht, jedes vorgeschlagene Angebot zu nutzen (das waren einige) und jede brachte mich ein Stück weiter, näher zu mir und näher zu dem was passiert war, was es mit mir macht und wie ich da wieder raus kommen kann.

Mit Depressionen einen Tag sinnvoll zu gestalten ist manchmal eine der größten Hürden. Wie ist es bei dir? Kannst du deine Tage sinnvoll gestalten? Und wie war es zu den „schlimmen“ Zeiten?

Ja, das ist wirklich eine große Hürde und man darf nie außer Acht lassen, dass jeder sein Angelegenheiten individuell wahrnimmt, erlebt und Hürden unterschiedlich hoch sind. Dinge die mir leicht fallen, können für dich schwer sein und umgekehrt. Es gibt auch heute noch Tage, je nach dem was so im Alltag passiert, da fällt es mir schwer den Tag sinnvoll zu gestalten. Aber weißt du was? Dann ist das so! Ich muss es nicht immer schaffen, doch um so öfter um so besser. Zu meinen schlimmen Zeiten habe ich nichts auf die Kette bekommen, zu den Guten natürlich viel mehr. Und solche Tage gibt es heute noch, nur sind sie weniger geworden. Und es ist auch immer individuell zu sehen, denn nicht jeder kämpft mit den gleichen Problemen wie ich, schafft oder schafft nicht damit zu Leben. Ich lebe noch und gebe mir Mühe, das Leben nicht aus den Augen zu verlieren.

Hattest du während all den Jahren Suizidgedanken? (Wenn ja, wie bist du damit umgegangen?)

Ja, die hatte ich. Doch nicht den MUT dazu, den Schritt zu gehen. Das wird mich bisher geschützt haben. Denn hätte ich den Mut, wäre ich womöglich nicht mehr da. Ich habe sie auch heute noch, wenn ein Tag mal richtig scheiße ist. Aber ehrlich gesagt habe ich Angst, dass ich diesen Mut mal habe. Wenn die Gedanken da sind, versuche ich mich innerlich wachzurütteln, nicht aufzugeben und weiter zu kämpfen. Freunde und Skills sind weitere präventive Möglichkeiten, die mir helfen da rauszukommen.

Immer noch sind viele psychische Erkrankung ein Tabuthema. Du willst damit brechen. Stößt du heute noch auf Gegenwind? Wie empfindest du negative Reaktionen?

Ja, ich stoße auf Gegenwind. Verallgemeinert sind es Menschen, die keine Ahnung haben. Aber auch von denen, die im gleichen Boot sitzen wie ich. Das macht mich traurig, denn auch bei Mitbetroffenen zeigt sich schnell Neid und Missgunst. In der Öffentlichkeit gibt es auch genug Unverständnis und „Mitleidsgehabe“, das in meinen Augen nur gespielt ist. Bei den Menschen die wie ich betroffen sind, merke ich auch oft, dass jeder für sich selbst kämpfen will. Es gibt nicht viele, die ihre Gefühle so im Griff haben, dass sie sich einreihen können und gemeinsam für eine Sache einstehen und kämpfen. So entsteht bei mir das Gefühl, dass Mitleidende dir eher den Weg versperren wollen, als zusammen zu rudern. Ich bin deswegen wirklich traurig, es lässt mich gelegentlich aus der Spur geraten und ich frage mich dann auch, wozu ich das eigentlich alles mache.

Gute Tage, schlechte Tage. Kennst du sicher auch gut genug. Hast du für dich einen „Notfallkoffer“, damit es dir nicht all zu schlecht geht?

Ja, auf jeden Fall. Skills findest du ja an allen Ecken und jeder sollte sich seinen selbst mit den Dingen zusammenstellen, die ihm wirklich helfen. Ich kann dir auf jeden Fall sagen, dass meiner gut gefüllt und gespickt ist. Was genau, möchte ich aber nicht verraten Das muss jeder für sich selbst finden.

„Lebe im Hier und Jetzt“ ist eine der Formeln für ein glückliches Leben. Ich erwische mich dennoch dabei, dass ich mir Pläne mache, Wünsche schmiede und auch Erwartungen habe. Wie sieht das bei dir aus? Hast du Erwartungen? Wie gehst du mit Enttäuschungen um?

Da geht es mir genauso wie dir! So gut es geht versuche ich, keine Erwartungen zu haben. Und wenn sich doch welche einschleichen, dann bemühe ich mich sie so schnell es geht mental zu bearbeiten. Das gleiche gilt auch bei Enttäuschungen. Bei den beiden Sachen hinterfrage ich dann auch, warum das Gefühl gerade so ist, was stimmt gerade nicht, was muss ich eventuell sogar ändern? Das sind dann viele Gedanken, die fast handlungsunfähig machen können, wenn man nicht aufpasst und aussteigt, um wieder im Hier und Jetzt zu bleiben oder zurück zu kehren.

Wie wichtig ist der Begriff „Selbstheilung“ für dich? Machen wir uns zu sehr abhängig von Therapeuten und Medikamenten?

Der Begriff ist schon wichtig, denn der Körper ist nun mal in der Lage sich selbst zu heilen und das geht mir der Psyche auch. Sie gehört ja auch zu dem Körper und wenn eine Schnittwunde heilt, dann heilt auch die Psyche. Es ist eben Arbeit und nicht mal eben zack zack erledigt. Da liegen schon große Unterschiede.
Ich möchte mir nicht anmaßen zu sagen, dass wir uns von Medikamenten oder Therapeuten abhängig machen. Was mir jedoch auffällt ist: die virtuelle Welt und was dort geschrieben wird (Beispiel Facebook) scheint wichtiger und besser zu sein, was Medikamente begleitend oder Therapeuten zu sagen zu haben. Das finde ich sehr gefährlich, sich überwiegend in sozialen Netzwerken an den Aussagen der Community zu halten, anstatt seinen eigenen Weg zu gehen und Erfahrungen zu sammeln, mehr auf sich selbst vertrauen – auch wenn das als schwer erscheint. Ich würde nicht auf alles hören, bei dem Blödsinn der da manchmal gefragt oder geschrieben wird. Ein Therapeut ist nicht als Freund zu sehen und vielleicht sogar eine gewisse Reibung notwendig, um lernen zu können. Ich will von ihm lernen und nicht mit ihm Kaffee trinken. Ob der was taugt, muss jeder selber sehen. Nur ist es am leichtesten zu sagen der Therapeut oder die Kliniken und die Medikamente sind scheiße, weil man nicht selbst in der Lage ist, an sich zu arbeiten.

Abschließend: Wenn du einem Betroffen 2 Sätze mit auf den Weg dürftest, was würdest du ihm/ihr sagen wollen?

Bleibe ganz bei dir und vertraue dir. Höre nicht immer auf andere und finde deinen ganz eigenen Weg in diesem System. Entziehe dich dem kollektiven Wahnsinn und bleibe so gut es geht im Jetzt und Hier. Lerne wieder auf dich selbst zu hören und nicht nur auf andere.

Aus zwei mach vier?

Boah Markus, da reichen nicht zwei Sätze, da könnte ich einen Roman schreiben! :)

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Carlos und Herr B

Danke Sascha, dass du dir die Zeit genommen hast und mir die Fragen beantwortet hast. Mit dem Buch gibt es noch etwas mehr Einblick in dein heutiges Leben. Hut ab vor dem Mut, dich damit in der Öffentlichkeit zu stellen und immer weiter und weiter zu gehen! Am Ende hilft nur, dass wir darüber reden, damit all diese Krankheiten mehr Beachtung bekommen, respektiert und vor allem akzeptiert werden.