… vor über einer Woche schlug der Hashtag #NotJustSad in den Trends ein, wie eine Bombe und war über Tage auf Platz eins. Jenna – Bloggerin aus Berlin – twitterte im Minutentakt über die Krankheit Depression und die Gefühle. Eine Followerin schlug vor, es doch mit eben dem Hashtag zu versehen … und unzählige sprangen drauf an. „Mehr als nur traurig.“ Richtig! Eben all diese unzähligen Menschen haben munter und frei rausposaunt, welches Stigma sie umgibt, wie sie fühlen, denken, abgestempelt werden. Für viele eine Befreiung, für andere eben der Moment nochmal offen zu sprechen. Gleichgesinnte finden sich. Andere trauen sich im Deckmantel der Anonymität endlich „nach draußen“. Das wichtigste dabei: Endlich mal verstanden, angenommen, gleich fühlen. Plötzlich wimmelt es von Menschen, die eben genau das auch durchleben.

Mehr als nur traurig? Warum eigentlich? Weil depressive Menschen nicht einfach nur traurig sind! Depressive können sogar Spaß am Leben haben, lachen, sich einkleiden und alles schaffen. Nur nicht immer. Und manchmal auch einfach länger nicht. Depressionen kosten Kraft. Therapien kosten Mut und Ausdauer. Es ist Arbeit. Depressive verstehen sich oftmals ja selbst nicht. Wie auch, wenn einen plötzlich die „Melancholie“ überfällt? Und vor allem sind Depressionen viel zu vielfältig, als es nur mit einem Satz abzutun. Einige haben bestimmte Auslöser, bei anderen ist es eine Begleiterscheinung, manche überwinden die Zeit schnell, andere finden die „Stellschrauben“ nicht so gut. Und vor allem: Es gibt kein Allheilmittel – auch nicht unter all den freundlichen Tabletten.

#NotJustSad hat ungeahnte Ausmaße angenommen, wurde plötzlich wieder in den Medien präsent (N24, Focus Gesundheit, Spiegel usw.) und diskutiert. Richtig so! Verdammt richtig so! Trotzdem wird es wieder nur ein Tropfen auf dem heißen Stein bleiben. Punktuell war es gut, aber es sensibilisiert nicht – es gibt Eindrücke, lässt aufzeigen, aber am Ende ist es keine Lösung. Die Hilflosigkeit und Unwissenheit der Angehörigen steht der Wahrnehmung der Betroffenen gegenüber. Nach wie vor sind die Fronten verhärtet, die sich nur mit gegenseitigem Interesse auflösen lassen. Am Ende sollten wir einfach alle respektvoller und achtsamer miteinander umgehen, darüber reden und akzeptieren! Denn Verständnis kann ich nur erwarten, wenn mich jemand verstehen kann – und das ist das größte Problem: Angehörige können nur verstehen, was für sie nachvollziehbar und greifbar ist. Akzeptanz und Respekt sind dann ganz andere Dinge.

Die Trends bei Twitter sind wichtig, damit das Thema „Depression“ und auch andere psychische Erkrankungen nicht gänzlich unter den Tisch fallen. Aber diese Trends wie #NotJustSad und #isjairre haben eine kurze Halbwertzeit. 20min.ch Die Depression hat mich auch bestimmt. Sie wird es auch weiterhin tun. Das ist das Leben was ich habe. Sie ist ein Teil von mir wie meine Haarfarbe oder andere selbstverständliche Körperteile. Sie ist da. Sie kommt und geht, beschert mir gute und schlechte Tage – aber ich habe sie akzeptiert. Und ich kann lernen, wie ich mit ihr umgehe.

So sehr ich den Trend der „neuen“ Medien begrüße, so groß ist auch die Gefahr, einfach mal was ins Internet zu hauen, weil alle anderen es ja auch machen. Zu einfach! Das Internet vergisst nicht. Auch ich habe mir lange, wirklich lange überlegt, ob und wie ich hier schreiben will. Am Ende stehe ich mit meinem Namen dazu. In allen Situationen des Lebens. Unweigerlich werden Arbeitgeber darauf aufmerksam, wenn sie Google benutzen sollten. Und auch in anderen Bereichen könnte es mir schaden. Könnte! Die Entscheidung habe ich bis heute nicht bereut.

Die größte Hürde der Krankheit? Sie ist als Volkskrankheit bekannt, aber nicht akzeptiert. Über Grippe, Erkältungen, Krebs und andere Dinge sprechen wir täglich, aber nicht darüber. Und auch nicht über die mehr als 10.000 Menschen, die ihr Leben mit Suizid beenden, weil sie einfach keinen Ausweg aus der „Dunkelheit“ finden. Depressionen und psychische Erkrankungen sind kein Tabu, sie dürfen kein Tabu sein und auch nicht bleiben!