Manchmal zeigen mir Gespräche, wie oberflächlich wir geworden sind und es oft nur um die eigenen Bedürfnisse geht, die aber nicht offen ausgesprochen werden (können). Warum eigentlich nicht? Warum springen wir so schnell in eine Vorwurfsrolle, die keinen weiterbringt? Warum verletzen wir uns oft mehr, als das wir uns respektieren, Zeit füreinander nehmen und einfach mal zuhören? Warum haben wir ständig und für alles einen guten – ungefragten – Ratschlag parat, anstatt nur einfach mal ehrlich zu sagen: „Hey, ich fühle mit dir?“ Warum muss vieles in einer vernichtenden Diskussion enden, anstatt in einem konstruktiven Gespräch, in dem wir uns ernst nehmen? Sind uns die empathischen Fähigkeiten abhanden gekommen, oder sind wir zu egoistisch geworden? Mutiert die Gesellschaft zu einem Kreis von Hobbypsychologen, die alles kommentieren müssen – oft auch ohne großen Zusammenhang? Ist es verpönt, anderer Meinung zu sein und diese einfach mal zu akzeptieren? Ist es falsch, wenn es einfach mal keine rationale Lösung gibt? Ist es nicht mehr machbar, seine unsortierten Gedanken einfach mal aussprechen zu können, ohne dass die bewertet oder verurteilt werden? Manchmal möchte ich – sicher auch viele andere – einfach kurz sprechen und gehört werden. Ich möchte einen Moment deiner Aufmerksamkeit, weil ich dir vertraue. Ich möchte dich an meinen Gedanken teilhaben lassen, weil du mich respektierst. Bitte nimm dir diese Zeit für mich und lass mich ausreden! Frag mich, wenn du etwas nicht verstehst.

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Wenn ich dich bitte, mir zuzuhören
und du fängst an, mir Ratschläge zu geben,
dann tust du nicht, worum ich dich bitte.

Wenn ich dich bitte, mir zuzuhören,
und du fängst an mir zu erzählen,
warum ich so und nicht anders fühlen muss,
trampelst du auf meinen Gefühlen herum.

Wenn ich dich bitte, mir zuzuhören,
und du denkst, du musst etwas tun, um mein Problem zu lösen,
hast du nicht verstanden, so merkwürdig das klingen mag.

Hör zu! Alles, worum ich dich bitte,
ist zuzuhören und nicht zu sprechen
oder etwas zu tun. Nur, mir zuzuhören.

Ich kann selbst für mich sorgen. Ich bin nicht hilflos.
Vielleicht mutlos und unsicher, aber nicht hilflos.
Wenn du etwas für mich tust, was ich selber für mich tun kann,
verstärkst du meine Angst und Unzulänglichkeit.

Doch wenn du es als einfache Tatsache hinnimmst,
dass ich fühle, was ich fühle, egal wie unvernünftig es dir vorkommt,
brauche ich nicht mehr zu versuchen, dich zu überzeugen
und kann mich endlich meinem Anliegen zuwenden:
herauszufinden, was sich hinter diesem irrationalen Gefühl verbirgt.

[…]

Also, hör mir zu, hör mich einfach an,
und wenn du sprechen möchtest,
warte eine Minute, 
bist du dran bist.
Dann höre ich dir zu.

(T.Gordon: Die neue Beziehungskonferenz, 2002)

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Bitte erklär mir nicht, was ich zu tun habe. Verurteile mich nicht. Gib mir keine Ratschläge. Setz nicht noch einen oben drauf. Unterbrich und verbesser mich nicht. Bemitleide mich nicht. Und bitte ignorier mich nicht. Wenn ich dich bitte, mir zuzuhören, dann werde ich über meine Gefühle und Gedanken sprechen. Ich werde mich dir offen präsentieren, verletzlich und vielleicht traurig. Nutz das nicht aus. Sieh es als Kompliment, dass ich dich zuhören lasse. Nimm mich und mein Anliegen einfach ernst.

Hör mir zu, lass mich ausreden und frag eben kurz nach. Nicht immer ist die wahre Botschaft das, was wir ausgesprochen haben.