Herr Bock fragt … betroffene Menschen, Buchautoren, Angehörige und heute auch endlich mal eine Therapeutin. Nicht meine Therapeutin, dazu wohnt sie leider zu weit weg, aber – wie ich finde – eine interessante Form der Therapie. Unkonventionell! Für mich als Menschen, der eh gerne drau0en unterwegs ist, würde sich das wohl lohnen, mal bei Sandra anzuklingeln. In der heutigen Zeit, wo Achtsamkeit und der Blick auf sich selbst eine immer größere Rolle spielt, ist die Natur der beste Partner. Selbst in meinen Therapien wurde mir für die Achtsamkeitsübungen immer in Spaziergang und das bewusste Wahrnehmen der Umwelt empfohlen. Aber ist das wirklich alles? Gibt es da noch mehr? Muss ich Bäume umarmen? Oder mit den Blumen sprechen?

Sandra, Du bist Naturtherapeutin. Therapierst Du die Natur? Oder was kann ich mir unter deiner Arbeit vorstellen?

Nein (lacht), ich therapiere Menschen mit Hilfe der Natur. Konkret heißt das, dass ich mit Psychotherapie und Coaching in der freien Natur arbeite. Meine Praxis liegt in einem kleinen Dorf im Bergischen Land; zu Fuß bin ich mit meinen Klienten in fünf Minuten im Wald.

Was hat dich eigentlich dazu gebracht, Therapeutin zu werden?

Ich liebe es, Menschen wachsen zu sehen! Ist es nicht erstaunlich, wie anpassungs- und wandlungsfähig wir Menschen sind? Genau wie draußen die Natur sich verändert, alles wächst und vergeht, so sind wir auch innerlich in Bewegung, entwickeln uns weiter und durchlaufen verschiedene Lebensphasen. Die Begeisterung für diese natürlichen Prozesse hat mich erst mal zur Pädagogik geführt. Wenn man diesem Pfad weiter folgt, gelangt man unweigerlich zur Therapie. Für mich ist es wie ein stetiges Vertiefen, oder anders ausgedrückt: ich folge meinem roten Faden.

Warum hast du dich für diese Therapieform entschieden?

Weil sie aPortrait Baumm besten zu meinen Lebenserfahrungen und Einstellungen passt. Ich bin ein absoluter Naturmensch und habe einige meiner prägendsten Erfahrungen in der Natur gemacht. In den schweren Phasen meines Lebens bin ich immer raus gegangen und habe bei Mutter Natur Trost gefunden. Das hat mir durch manche Krise geholfen. Ich habe als Naturerlebnis-Pädagogin über 20 Jahre lang Kinder, Jugendliche und Erwachsene begleitet und auch Naturerlebnis-Pädagoginnen ausgebildet. Irgendwann war mir das zu wenig und ich wollte die heilsame Wirkung der Naturerfahrung auch therapeutisch nutzen. Also habe ich eine fünfjährige Ausbildung zur Naturtherapeutin absolviert und bin Heilpraktikerin für Psychotherapie geworden. Mit Depressionen kenne ich mich übrigens auch aus eigener Erfahrung aus. Geholfen hat mir eine mehrjährige Psychotherapie und – natürlich – viel draußen sein!

Mit welchen Problemen oder psychischen Störungen kommen die Leute heute zu dir?

Zu mir kommen Menschen mit Burnout, Depressionen, Angststörungen, Eheproblemen, in Lebenskrisen und Trauerprozessen. Häufig ist Stress und Überforderung ein großes Thema. Die meisten meiner Klienten sind gern draußen und haben das Gefühl, dass der Aufenthalt in der Natur ihrer Seele gut tut.

Was ist der Vorteil davon, das klassische Setting im Beratungszimmer gegen Wald und Wiese einzutauschen?

Ich tausche es gar nicht komplett, sondern überlasse die Wahl des Ortes immer meinen Klientinnen. Manche Themen sind im Therapieraum besser aufgehoben, weil er mehr Geborgenheit und Schutz bietet. Andererseits ermöglicht der Aufenthalt im Freien viele Erfahrungen, die man im Raum nicht machen kann. Naturtherapie ist hier vergleichbar mit anderen spezialisierten Formen der Psychotherapie, z.B. Mal- oder Tanztherapie. Auch dort gibt es ein Medium, also Malen oder Tanzen, durch das die Klienten neue Erfahrungen mit sich selbst sammeln können. In der Naturtherapie ist das bewusste Erleben der Natur das Medium. Gleichzeitig ist Natur sehr viel mehr als nur ein Medium. Sie ist auch ein konkretes Gegenüber, z.B. wenn wir einem Tier begegnen. Sie ist seit Jahrmillionen unser natürlicher Lebensraum; als Menschheit sind wir sozusagen in der Natur aufgewachsen. Und schließlich ist der Mensch selbst auch Natur, auch wenn wir das in unserer heutigen überzivilisierten Zeit zunehmend vergessen.

Wie sieht die Naturtherapie konkret aus? Gehst du mit deinen Klienten spazieren?

Ja, genau. Wenn eine Klientin zum Termin in die Praxis kommt, frage ich sie erst einmal, ob ihr heute mehr nach „indoor“ oder „outdoor“ zumute ist. Wenn sie sich für draußen entscheidet, ziehe ich meine Wanderstiefel an, schnappe meinen Rucksack und los geht`s! Vielen Menschen fällt es unterwegs leichter, über ihre Probleme zu sprechen, da sie sich beim Gehen nicht so angeschaut fühlen. Auch Schweigepausen sind beim Spazieren leichter zu ertragen, als wenn man sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber sitzt. Und nicht zuletzt sorgt die Bewegung an der frischen Luft dafür, dass auch die Gedanken und Gefühle in Bewegung kommen.

Was unterscheidet diese naturtherapeutischen Spaziergänge von einem Spaziergang, den ich mit einem guten Freund unternehme? Auch dem könnte ich ja unterwegs von meinen Sorgen und Problemen erzählen.

Der Unterschied zu Gesprächen oder Spaziergängen mit Freunden besteht u.a. darin, dass ich eine professionelle therapeutische Beziehung anbiete. Das heißt, ich versuche meinen Klienten wirklich tief zu verstehen, sozusagen die Welt durch seine Augen zu sehen. Ich beurteile ihn nicht, sondern schätze ihn als einen wertvollen Menschen, der sein Leben eigenverantwortlich gestalten kann. Trotzdem bin ich keine dieser völlig neutralen Therapeutinnen, die hauptsächlich „mmh“ sagen. Ich bin durchaus persönlich engagiert und teile auch meine Gedanken und Gefühle mit. Im Gegensatz zu einer Freundin habe ich allerdings keine privaten Erwartungen an den Klienten, gebe keine Ratschläge und meine nicht, zu wissen, was gut für ihn ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch tief in seinem Inneren selbst am besten „weiß“, was gut für ihn ist. Oftmals ist dieses Wissen verschüttet und es braucht therapeutische Unterstützung, um es wiederzufinden und noch etwas mehr, um ihm zu vertrauen und schließlich Taten folgen zu lassen. Das Potential für ein erfülltes Leben tragen wir auf jeden Fall alle in uns, denn als menschliche Wesen können wir wachsen und uns weiterentwickeln. Naturtherapie wirkt dabei wie gute Komposterde: sie wärmt die Wurzeln und gibt Kraft zum Wachsen.

Die Beziehung scheint also besonders bedeutsam zu sein. Was noch?

Natürlich schlage ich auch naturtherapeutische Methoden vor, die passgenau auf die Klienten abgestimmt sind. So kann es z.B. sein, dass ich jemandem, der sich sehr nach der Meinung anderer richtet, vorschlage, sein eigenes natürliches Schritt-Tempo herauszufinden, statt sich an meins anzupassen. Wer vor einer schwierigen Entscheidung steht, kann sie z.B. anhand einer Wegkreuzung ganz real und körperlich nachvollziehen. Wenn sich jemand in einem Lebensübergang befindet, entwickle ich für ihn ein passendes Ritual, mit dem er den alten Lebensabschnitt verabschieden und den neuen begrüßen kann. Oft gebe ich auch Aufgaben, die die Klienten bis zur nächsten Sitzung in Eigenregie durchführen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, wie das direkte Erleben das psychotherapeutische Gespräch unterstützen und ergänzen kann. Denn das möchte ich nochmal hervorheben: Psychotherapie ist ein Prozess zwischen zwei Menschen, daher gehören in der Naturtherapie die Naturerfahrung und das vertrauensvolle Gespräch untrennbar zusammen. Ziel ist es immer, sich im Spiegel der therapeutischen Beziehung selbst besser kennen- und lieben zu lernen, um ungünstige Denk- und Verhaltensweisen zu überwinden und aus seelischen Krisen gestärkt hervor gehen zu können.

Muss man bei dir auch Bäume umarmen?

Sandra Knümann (lacht): Wahnsinn, wie oft ich das gefragt werde! Scheinbar steht das Anfassen von Bäumen unter esoterischem Generalverdacht! Aber ich kann dich beruhigen: erstens muss bei mir niemand etwas machen, das er nicht will. Zweitens weiß ich um die Berührungsängste der Leute und schlage gerade das Umarmen von Bäumen daher nur äußerst selten vor. Und drittens, falls das bis hierhin noch nicht deutlich geworden sein sollte, hat Naturtherapie rein gar nichts mit Esoterik zu tun. Sie ist eine erlebensorientierte Therapieform, die sich auf die lange Tradition der humanistischen Psychotherapie beruft. Vielleicht kennst Du ihre älteren „Geschwister“, die Gesprächs- und die Gestalttherapie.

Das klingt alles sehr lebendig und nachvollziehbar. Wie kann die Naturtherapie denn konkret bei Depressionen helfen?

Wichtig ist erst einmal, dass organische Ursachen durch ärztliche Untersuchung ausgeschlossen wurden und eine Psychotherapie grundsätzlich angezeigt ist. Als Naturtherapeutin behandele ich nicht die Depression, sondern begleite einen Menschen in seiner Persönlichkeitsentwicklung, der eine Depression hat. Das ist ein großer Unterschied. Das Phänomen Depression erlebt jeder anders und auch die Ursachen sind sehr unterschiedlich. Von daher verläuft jede Therapie höchst individuell. Was ich aber allgemein sagen kann:
Die gemäßigte Bewegung beim Spazieren oder Wandern entspannt und sorgt für die Ausschüttung von Glückshormonen. Wenn dann noch blauer Himmel und eine schöne Landschaft hinzu kommen, kann das die Stimmung kurzfristig durchaus aufhellen. Natürlich ändert sich allein dadurch nicht die Persönlichkeit, aber es bereitet den Boden für gezieltere therapeutische Interventionen.
Das bewusste Erleben der Natur lenkt die Aufmerksamkeit von innen nach außen. So werden Grübelschleifen unterbrochen und es entsteht eine Distanz zu den eigenen Problemen, die eine neue Sicht auf die Dinge ermöglicht. Überhaupt hilft Naturtherapie sehr dabei, „aus dem Kopf in den Körper“ zu kommen, denn die Sinnesreize in Wald und Wiese laden geradezu dazu ein, sich beim Riechen, Hören, Sehen, Fühlen und Schmecken besser zu spüren. Wer seine seelischen und körperlichen Empfindungen spürt, hat auch besseren Zugang zu seinen Bedürfnissen und kann eher für ihre Erfüllung sorgen.
Auf viele Menschen wirkt die Beständigkeit und Stille eines Waldes ausgesprochen beruhigend und angstlösend. Im Wechsel der Jahreszeiten kann man außerdem erfahren, dass das Leben – also auch wir! – sich ständig wandelt und auch eine depressive Episode vorüber gehen wird. Angesichts der Größe der Landschaft kann unser Ego erkennen, dass es nicht alles unter Kontrolle haben kann und muss. Das kann eine große Entlastung für unser kleines Menschenherz sein!

Du sagtest vorhin, dass Du Klienten auch allein in die Natur schickst. Warum?

Das schlage ich natürlich nur denjenigen vor, die sich das zutrauen. Häufig empfehle ich, für einige Stunden allein umher zu schlendern, ohne Ziel und Absicht. Allein draußen in der Natur gibt es niemanden, auf den die Klienten reagieren oder dem sie etwas beweisen müssten. Die Natur ist ein Freiraum, der nichts vorgibt, und dadurch unzählige Möglichkeiten bietet, sich selbst zu erleben und „auszuleben“. In der spezifischen Art und Weise wie jemand die Natur und sich selbst erlebt, kann er im anschließenden Therapiegespräch einen Ausdruck seines ganz persönlichen Wesens entdecken. Er lernt sich selbst besser zu verstehen und wertzuschätzen. Auch festgefahrene, hinderliche Charakterstrukturen werden bei einer solchen „freien Naturerfahrung“ sichtbar und können im Therapiegespräch hinterfragt und gelockert werden. Ach, ich könnte noch viele weitere hilfreiche Aspekte nennen, aber ich glaube, das sprengt den Rahmen. Also: einfach ausprobieren!

Wie finde ich denn eine Naturtherapeutin, mit der ich das ausprobieren kann?

Da sprichst du einen wunden Punkt an. Obwohl einige Formen der Naturtherapie schon seit 40 Jahren existieren, gibt es nicht sehr viele Naturtherapeuten. Das liegt u.a. daran, dass Naturtherapie nicht von den Krankenkassen bezahlt wird. Vielleicht hast Du aber Glück und findest jemanden in deiner Nähe, wenn du im Internet nach „Naturtherapie“ oder „Prozessbegleitung Natur“ oder „Visionssuche“ suchst. Bitte sieh dir dann genau die Aus- und Fortbildungen der jeweiligen Therapeuten an, denn das Qualifikationsniveau ist sehr unterschiedlich und nicht alle können und dürfen heilkundlich arbeiten. Ob die Person die richtige Begleitung für dich ist, hängt auch davon ab, ob du sie sympathisch findest und ihr vertrauen kannst. Das findet man am besten im persönlichen Gespräch heraus.

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Danke Sandra, dass du dir die Zeit genommen hast, mir meine Fragen zu beantworten. Wer in Sandras Nähe wohnt und sie kontaktieren möchte, nur zu! Einen Versuch sollte das allemal wert sein!

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Über Sandra Knümann:
Jg. 1972, Dipl.-Pädagogin (Erwachsenenbildung), Heilpraktikerin für Psychotherapie, Naturtherapeutin, Naturerlebnis-Pädagogin. In ihrer Praxis bietet sie Psychotherapie, Coaching und Seminare rund um Naturerleben und Achtsamkeit an. Ihr monatlicher Newsletter „PAN-Mail“ enthält inspirierende Naturübungen, mit denen jeder selbst seine Beziehung zur Natur vertiefen kann.

Kontakt:
Praxis für Achtsamkeit und Naturtherapie
Zur Schweizer Höhe 9, 53783 Eitorf (Nähe Köln/Bonn)
Tel.: 02243-84 34 48, www.pan-praxis.de
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