… Eltern groß hat. Oder? Nein. Ich als Kind kann meine Eltern nicht mehr erziehen und sie werden sich auch nicht mehr richtig für meine Situation sensibilisieren lassen. Genau das hat mir das gestrige Telefonat gezeigt. Eigentlich hatte ich während der Therapiezeit ein gutes Gefühl, als ich den ersten Versuch unternommen habe und beiden unabhängig voneinander ansatzweise erklären wollte, wie der Stand der Dinge ist. Doch heute stelle ich fest, dass es ein Irrglaube ist. Und ja, wir sind dann wieder bei dem Thema „das innere Kind“ angekommen. Es ist da und möchte umsorgt werden, gestern – und auch gerade jetzt – möchte es aber einfach zickig sein und am liebsten schreien, ihnen klarmachen, dass ich erwachsen bin und es nicht nur in meiner Pflicht liegt irgendwas zu tun. Wir sind heute alle erwachsen, leben in Partnerschaften und haben eigentlich eine gleichberechtigte Beziehung zueinander. Eigentlich!

Aber warum macht mich so ein Telefonat so sauer? Tja! Ich bin es, der anrufen muss. Ich bin derjenige, der sich anhören muss, dass er sich nicht oft genug meldet. Und auch gestern bin ich wieder über meinen Schatten gesprungen und habe sie angerufen. Sie kennen meine Nummer genauso gut. Aber sie bezahlen ja dafür. Weil sie einfach nicht auf eine Festnetz-Flatrate umstellen. Und dann noch mit den Worten: „Lebst du auch noch?“ begrüßt zu werden ist in meinen Augen der größte Hohn. Nach dem Smalltalk wie es uns geht und das es doch nichts interessantes neues gibt, kam doch prompt noch die Frage, wann ich sie mal wieder besuchen würden. Ach? Ich? Ja, wenn ich Zeit habe, und wenn ich Lust habe, wenn ich das Auto habe und wenn es mir passt. WANN ICH SIE WIEDER BESUCHEN KOMME?! Das habe ich in den letzten Jahren NUR gemacht. ICH! Immer nur ich!

„Wann kommst du uns denn mal wieder besuchen?“
„Och. Gute Frage. Weiß ich nicht. Wenn ich das Auto habe und Zeit.“
„Kann ja so schwer nicht sein.“
„Doch. Ihr könnt mich hier ja auch besuchen.“
„Nein, das geht nicht.“
„Nicht? Warum denn nicht?“
„Weil dein Vater nach dem Hochwasser erstmal den Garten wieder in Ordnung bringen muss.“
„Ach so, ja, stimmt natürlich.“
„Ja, da wollen wir das gute Wetter nutzen. Es gibt ja dieses Jahr auch keine Kartoffeln, nur Unkraut.“
„Hm.“
„Du kannst doch auch mit dem Fahrrad in den Garten kommen. Oder hast du keins mehr?“
„Doch, habe ich. Mache ich aber nicht.“

Aus welcher Sicht soll ich das nun sehen? Erstmal zur Aufklärung: Meine Eltern sind Rentner. Nein, mein Vater ist es und meine Mutter kurz davor, aber nicht arbeitsfähig. Es sind beide quasi jeden Tag zu Hause. Und ICH soll verfluchte scheiße immer durch die Weltgeschichte gondeln, damit sie besucht werden? Ja, sicher sind beide nicht mehr so fit nach Bandscheibenvorfall und Ostheoporose, aber sie können mit dem Auto in den Garten und da rummuckeln. Da ist es nicht möglich den Sohn zu besuchen? Nein? Es ließe sich ja sogar mit einem ihrer Arztbesuche verbinden. Es macht mich wirklich wahnsinnig. Und ja, ich würde ihnen gern einfach das mal so direkt und unverblümt ins Gesicht sagen, ich möchte in der Hinsicht echt mal das Kind ausleben können und einfach ausflippen, die Wut zeigen, die Enttäuschung, den Frust. Aber: Ich bin erwachsen. Ich muss und will es kontrollieren. Warum? Weil ich den Familienfrieden – der oftmals täuscht – meiner Großmutter zuliebe nicht gefährde. Solange wie sie noch lebt, werde ich bei meinen Eltern nicht auf Gegenangriff schalten. Ob ich es danach mache, weiß ich auch noch nicht. Für mich war eigentlich das langfristige Ziel mich mit meinen Eltern auzusöhnen, ihnen zu vergeben und einen vernünftigen Kontakt zu pflegen. Wie sehr das möglich ist, merke ich ja nun. Vielleicht erwarte ich auch einfach nur zu viel. Klar, ich hätte auch normal sagen können, dass es mich verletzt und wie ich mich fühle, doch das funktioniert nicht so einfach.

Da ich mich mit dem Thema „Eltern-Kind-Beziehungen“ nun auch eingehender beschäftigt habe, weiß ich auch, dass es drei Phasen gibt:
1. Wenn wir klein sind, sind die Eltern für uns alles. Sie wissen alles, können alles und wir bewundern sie maßlos. Wir ahmen sie nach und verteidigen sie anderen gegenüber. Mit zunehmender Reife holen wir unsere Eltern dann langsam vom Podest. Wir entdecken, dass sie nicht alles wissen, Fehler machen und uns manchmal auch etwas vormachen.
2. In der Pubertät sind die Eltern für uns schließlich die letzten Versager, unsere Feinde, die uns nur Schlechtes wollen. Wir können kein Quäntchen Positives an ihnen erkennen und glauben, alles besser zu wissen.
3. Als Erwachsene gelangen wir schließlich an den Punkt, an dem wir unsere Eltern sehen, wie sie sind. Ihre Stärken und Schwächen kennen und ihre Fehler verzeihen können und sie als Menschen ansehen, die wie alle Menschen ihre Fehler haben und machen.

Die dritte Phase kann ich problemlos erreichen, aber liegt es nur an mir? Muss es so sein, wie es ist? Erwarte ich zu viel? Spreche ich zu wenig davon aus? Wie sehen meine Eltern mich? Und wie kann ich weiter sinnvoll damit umgehen? Ich merke ja, dass mich das immer und immer wieder belastet. Ich kann für mich sorgen und diesen Frust „als Kind“ schreiben oder kontrolliert ausleben, doch ist das der einzige Weg? Und auch hier sind es immer wieder Fragen, die ich kaum beantwortet bekomme. Nein, ich glaube nicht, dass ich zu viel erwarte. Ich erwarte nur einen gepflegten, vernünftigen, gleichberechtigten Umgang miteinander. Ich erwarte nicht das große Hallali und Familienleben, zumal ich das auch nicht haben will. Hm, ja mag sein, dass ich zu wenig von den Wünschen und Erwartungen ausspreche. Zumindest erwähne ich nicht, wie verletzt ich bin – auch wenn das Prinzip „Hände falten, Schnauze halten“ genauso wenig funktioniert. Bleibt die Frage, wie ich weiter damit sinnvoll umgehen kann. Ehrlich? Ich habe keine Ahnung! Momentan gehe ich davon aus, dass sich das nicht verändern wird und ich glaube auch nicht, dass ich da irgendwann lockerer mit umgehen kann. Habt ihr schon mal versucht einen Kreislauf zu durchbrechen, der sich 15 Jahre eingebürgert hat?

Die wichtigste aller Fragen ist aber:
Warum ist es mir so wichtig, mich mit meinen Eltern auseinanderzusetzen?
Die Gespräche mit meinen Eltern sind gar nicht mal so wichtig, die Wurzeln meiner Verhaltensweisen kann ich mir auch so zusammensetzen. Ich weiß, dass ich mir als Kind viel abgeschaut habe, nun entweder anders mache oder es Automatismus wieder auftaucht. Ob aus Protesthaltung ihnen gegenüber oder erlerntes Verhalten, lasse ich mal offen. Vieles ist einfach nur eine „Überlebensstrategie“ geworden. Vieles ist und war aus Angst vor Ablehnung – auch gegen meinen eigenen Willen. Manches passiert aus Angst vor schlechtem Gewissen. Anderes wieder als Rebellion oder Anpassung. Und genau diese Verhaltensweisen zu durchbrechen macht mir das Leben schwer. Angst, Zweifel, Gedanken machen mich in der Hinsicht zu einem unfreien Menschen. Immer wieder getrieben in die Gedankenflut und vermeintlich falschen Handlungsweisen.

Hat das auch Auswirkungen auf andere Lebensbereiche? Uff. Gute Frage. Aber ich stelle mir nicht die Frage, wenn ich nicht darüber nachdenken würde. Ich muss mit JA antworten. Bestes Beispiel ist dabei die Beziehung. Wenn etwas nicht nach meiner Vorstellung ist, dann reagiere ich nach außen genauso brav und angepasst, wie ich es als Kind zu Hause musste, damit es nicht zu Diskussionen und Ärger kommt. Innerlich aber rebelliere ich und widersetze mich. Einfach wäre es auch hier für mich, wenn ich direkt und offen sage, was mir nicht gefällt. Es passiert nicht oft, aber das Verhalten ist da. Zudem fühle ich mich öfter abgelehnt und falle dadurch sofort wieder in meine eigene Ablehnungsstrategie. Das kann ich zum Glück stoppen und auch darüber reden. Wobei sie hier keine Schuld trifft. Das ist allein meine eigene Denkweise. Sogar kritisiert, bevormundet und ausgeliefert sind Gefühle, die ich öfter empfinde, auch wenn das auf keinen Fall so ist. Auch hier muss ich für mich auf die Gefühle achten und kurz hinterfragen, ob es an mir liegt. Ja, in 99 % der Fälle stolper ich über das alte Verhaltensmuster und werde dann auch gerne zickig – zu unrecht. Wichtig dabei ist nur: meine Partnerin trifft hier keine Schuld, wenn ich so fühle oder denke, sie tut für uns das, was in ihrer Macht steht und wir wissen auch in schwierigen Situationen, dass wir zueinander gehören.

Ich werde in den nächsten Wochen versuchen, eine Strategie zu entwickeln und auch nochmal mit meiner Therapeutin sprechen, wie ich sinnvoll damit umgehen kann. Es wird Zeit, diese Muster zu durchbrechen und mich mit meinen Eltern auszusöhnen. Ich will frei sein. Und meine Eltern sollen es genauso sein, deswegen bleibt für mich wichtig, dass ich ihnen nicht mit Vorwürfen begegne, sondern auch als gleichwertige Menschen betrachte, die alles versucht haben, ihr Leben genauso gelebt haben, wie sie es für richtig halten und ihre Fehler hatten.