„Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr.“ (Wilhelm Busch)

Wer das Radiointerview gehört hat oder mir bei Twitter folgt, wird es unlängst wissen. Dezember 2014, kurz vor Nikolaus. Ja, wir wollen Eltern werden, aber als der positive Schwangerschaftstest vor mir lag, konnte ich das noch gar nicht richtig glauben. Der zweite war es dann auch noch. Oha! Wir sind schwanger! JA! ENDLICH!

Und im gleichen Zug springen die Gedanken in die Freude und vermitteln mir das ungute Gefühl, dass es vielleicht doch nicht richtig war. Ja, sicher, der Wunsch war da – nachdem ich lange Zeit nie Kinder haben wollte. Aus Angst, dass ich nicht aus meiner Kindheit lerne und mich ebenso verhalte, wie es meine Eltern getan haben. Doch mit der richtigen Partnerin war der Wunsch da, einfach so. Jetzt. Jetzt, nach Jahren der Therapie, Selbstfindung, Schreiberei, Stress, Wut, Enttäuschung, Lügen, Mutlosigkeit, Gedankenspiralen und Selbstzerstörung bin ich bereit, selbst ein Kind zu haben. Ein Kind, dass ich liebe und dem ich alle Freiheit lassen möchte, um seine Welt und sein Leben zu entdecken. Und die Gedanken? Sind nicht nur Gedanken. Es ist Angst. Angst, meiner Partnerin nicht die Stütze zu sein, die sie braucht. Angst, dass sich die Vererbbarkeit der Depression bestätigt. Angst, dass ich meine Episoden nicht so in den Griff bekommen habe, wie ich es gerade glaube. Angst, dass ich meine Partnerin dann mit allem allein lasse. Angst, dass es so einfach nicht reichen kann für eine Familie.

Diese Ängste mögen sicher viele Väter in ähnlicher Art kennen. Sie gehen mit den Fragen auch vermutlich anders um als ich, der mit seiner Depression und Gedankenspiralen vorbelastet ist. Doch plötzlich ist da eine Verantwortung, die nicht nur das eigene Leben betrifft. Dabei habe ich doch gerade erst gelernt, meine Verantwortung auch für mich zu übernehmen. Und nun soll ich sie für ein Kind übernehmen? Welche Rolle spiele ich dabei? Darf ich alles miterleben? Wird es mir zu viel? Kann ich das wirklich aushalten? Was ist, wenn es mir zwischendurch doch mal schlecht geht? Schaffen wir das alles zusammen? Was brauchen wir alles? Wir müssen noch umziehen? Klappt das finanziell? Behalte ich meinen Arbeitsplatz? Wie gestalten wir die Elternzeit? Was muss ich wann und wo beantragen?

Grundsätzlich kenne ich alle Antworten. Alle! Und die kann ich zu einer einzigen zusammenfassen: Ja, wir schaffen das zusammen. Wir können eine tolle Familie sein. Eine forsche, neugierige, kreative und taffe Frau. Ein humorvoller, reflektierter und vielseitig interessierter Mann, der viel Gefühl und Empathie besitzt. Die beiden mit einem Kind und Erfahrung aus dem Leben. Unser Umfeld für jegliche Unterstützung stimmt. Freunde, Familie, Mitmenschen, Therapeut für die Notfallsituation. Wir wissen, was wir tun, und können auch auf unsere Instinkte hören. Aber die Gedanken, diese unsäglichen Gedanken spielen immer wieder in die Karten. Immer und immer wieder kommen sie auf und geben keine Ruhe. Dabei wollte ich doch erstmal Stabilität für mich und die Beziehung schaffen. Eigentlich.

Nicht genug, dass die Schwangerschaft an sich schon eine riesige Veränderung für mein Leben ist und ich gerade mit meiner Verantwortung übe, nein, da erwischt meine Partnerin den vollen Hormonschub und liegt die ersten Wochen eigentlich komplett flach. Selbst der Weg zur Toilette wird zur Herausforderung. Nun bin ich dran. Meine Verantwortung und die für sie. Ich bin verantwortlich für beide. Den Alltag meistern, arbeiten gehen, Haushalt machen, Einkäufe erledigen, Formalitäten erledigen, für sie da sein. Ich habe keine Zeit mehr, selbst Schwäche bei mir zu sehen. Jetzt muss alles laufen. Und ich schaffe es. Jeden Tag. Ich bin mutig und traue es mir nicht nur zu, ich lebe es. Es macht Spaß. Ist das das Leben, was ich wollte? Bin ich jetzt endlich ich? Es fühlt sich gut an.

Bis zu dem kleinen Moment, wo der Selbstwert mit den Gedanken Karten spielt und mir einen Royal Flush präsentiert: „Wirst du eigentlich noch wahrgenommen? Ist da noch Zeit für dich? Wo ist die Wertschätzung für dich und dein Handeln?“ Herrgott ja, ich weiß es doch. Ich allein kann mir das geben, wenn ich es brauche. Das muss nicht meine Partnerin tun. Mit ihrem Dasein, dem Willen mit mir eine Familie zu gründen, brauch ich nichts in Frage zu stellen. Sie hat sich doch bewusst für mich entschieden. Das reicht als Bestätigung. Ihr geht es doch selbst schlecht genug, sie ist mit sich beschäftigt, für sie ändert sich doch auch alles und vielleicht noch viel mehr. Für den Moment sind die Gedanken besiegt, auf Wahrheit geprüft und die Gedanken als Lüge eingestuft.

Doch, je besser es ihr geht, desto präsenter werden die Gedanken bei mir. Plötzlich wird mir bewusst, wie sehr ich schon wieder in dem alten Muster hänge, nach Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu suchen. Jede Aussage erreicht mich falsch. Jeder unausgesprochene Wunsch wird vernichtend ignoriert – er ist unausgesprochen. Jede kleine Geste weggewischt und vergessen. Jede Suche nach Nähe im Keim erstickt. Es kommt mir vor, als müsste ich darum betteln, wieder gesehen zu werden. Ich mache mich vom Handeln der Außenwelt abhängig. Nein. Vom Handeln meiner Partnerin. Mit ihr stehen und fallen meine Gefühle. Es gibt kein Entrinnen. Tage werden wieder grauer, der Alltag läuft. Er muss laufen. Doch die Spiralen kreisen wie kleine Wirbelstürme um mich herum und warten nur darauf, den letzten Windzug zu bekommen, damit sie endlich wieder einen kleinen Teil in meinem Kopf einstürzen lassen können. Und jetzt? Was ist, wenn das so bleibt? Keine Nähe, das Kind irgendwann da und noch weniger Zeit für uns? Werde ich dann gar nicht mehr gesehen? Streit ist vorprogrammiert. Wir werden beide enttäuscht sein, die Kommunikation wird im Frust nicht mehr funktionieren, wir verletzen uns und … halt!

Halt, weil ich anfange zu verstehen, dass mein Leben läuft. Ich habe die richtigen Aufgaben zur richtigen Zeit bekommen! Ich muss reagieren, bevor ich wieder im Dunkel lande. Ich brauche neue Denkanstöße, ich muss wieder reflektieren, ich muss und will aus der Nummer raus und die Stabilität schaffen, die meine Familie braucht. Ich möchte Teil dieser Familie sein und zwar gefestigt. Niemand kann mir die Arbeit an mir abnehmen, das kann ich nur allein.

Nicht nur Vater sein ist schwer, auch Vater werden, wenn da eine Vorbelastung ist. Ich werde zwischendurch immer wieder Angst haben und mir Sorgen machen, aber in einem gesunden Rahmen. Es ist an der Zeit, dass mich die Depression nicht mehr in den Griff bekommt, sondern ich sie im Griff behalte. Ich will ihr zeigen, wie mutig und weit ich bin. Jetzt – nach über 15 Jahren – ist meine Zeit gekommen! Ich werde das Erlernte nicht vergessen, ich werde weiter schreiben, mich überprüfen und aufpassen, dass ich die Wahrheit denke. Es ist Arbeit und es bleibt Arbeit, aber irgendwann wird es ein Automatismus, der für Stabilität sorgt. Ja, ich möchte gerne Vater werden und sein – mit allem. Ich bin mir sicher, dass mir mein Kind noch mehr Stabilität bringen wird und ich die Stabilität für mein Kind sein kann. Wir lernen zusammen zu leben … und werden eine Familie.

Natürlich weiß ich, dass viele denken: „Na Mensch, solche Ängste sind doch normal.“ Nun, ja. Ja. In gewisser Form schon. Es wird schwierig, wenn nur das „Was wäre wenn“-Denken kommt und ich mich dadurch selbst lähme und aus dem Leben nehme, wie es Anfang des Jahres wieder der Fall war. Jetzt – mit viel Mühe, Mut und wieder einmal Rückhalt der Familie (nicht Verständnis!!!) – sind mir meine Aufgaben klar, auch wenn ich dank der Arbeitstzeiten nicht immer so unterstützend zu Hause eingreifen kann, wie ich es möchte.

… und am Ende bleibt: Ich freue mich auf meine eigenes Kind.