… um aus dem Gefängnis der verletzten Kindheit auszubrechen, und endlich frei zu sein. Frei von all den erlernten Mustern, die die Umstände hergestellt haben. Frei von all den negativen Gefühlen, die mich auch heute noch umgeben. Frei von den unausgesprochenen Erwartungen, die mich auch heute noch umgeben – ob das Telefon klingelt, oder eben auch nicht. Frei von der Wut der Vergangenheit. Frei von den selbstvernichtenden Gedanken und Ängsten.

Machen wir uns nichts vor, viele von uns haben Auslöser in der Kindheit, die ihnen Strategien mitgegeben, die sich heute Selbstzweifel, Selbstkritik, Bindungsängste, Narzissmus, soziale Phobie und anders nennen. Viele. Nicht alle. Bis ich erkannt habe, was genau das Problem meiner Gefühle ist, habe ich lange gebraucht. Doch eins ist klar: Wir sind die Kinder unserer Eltern und wir wünschen uns doch eigentlich nur diese Eltern, die uns so lieben, wie wir sind. So und nicht anders. Wir sind wie wir sind. Ich bin wie ich bin. Mit meinen Fehlern, Verhaltensweisen, Gedanken, Entscheidungen und vor allem auch guten Eigenschaften – die nur immer wieder in den Hintergrund rücken.

Auch jetzt. Gerade jetzt. Die letzten Tage sind davon sehr geprägt. Nicht von der Suche nach der Liebe meiner Eltern, aber von Selbstkritik und Wertschätzung. Dabei wird mir immer wieder klar, dass ich nicht ich bin. Nicht im Heute (ja, ich fange schon wieder davon an!). Ich bin der kleine Junge, der die Liebe und Aufmerksamkeit nicht so bekommen hat, wie er sie gebraucht hätte. Die Folge? Ich fühle mich wertlos. Ich habe das Gefühl für mich perfektioniert – egal wie gut meine Leistungen sind oder die Dinge, die ich heute mache. Dabei ist es auch einfacher, die Kritik anzunehmen, als das Lob für sich anzuerkennen.

Vergib den Menschen, die dich zu dem gemacht haben, der du nicht bist …

Ich habe vor langer Zeit mal einen Brief an meine Eltern geschrieben. Lang und intensiv. Aber auch immer noch voller Wut. Sicher war es nicht der einzige Brief, aber ich wollte mit diesem Brief aufräumen. Es war falsch. Der Brief war richtig, der Inhalt falsch. Ich kann sie nicht zwingen, die Verantwortung für etwas zu übernehmen, von dem sie sich keiner Schuld bewusst sind. Auch wenn ich da schon angefangen habe, ihnen zu vergeben, ihnen keine Schuld mehr geben zu wollen, war es nur halbherzig. Sie haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten versucht, gute Eltern zu sein – genauso wie ich bzw. wir das jetzt für unseren eigenen Sohn machen. Ich vergebe ihnen, dass sie keine besseren Möglichkeiten hatten. Und sie werden auch nichts mehr daran ändern können, wie ich heute leben muss. Es wird also Zeit für neue Post. Diesmal werde ich sie nicht abschicken, ich erspare mir dämliche Kommentare, wortlose Blicke oder Unverständnis. Es geht ja nicht mehr um sie, sondern allein um mich. Und vor allem geht es um die Aussöhnung mit den „inneren Eltern“, nicht den realen Eltern. Denn die Vergangenheit ist in mir präsent, nicht im realen Leben. Wie? Indem ich mir Zeit nehme und mir die belastenden Situationen nochmal genau anschaue, all die Gefühle nochmal erlebe und diese für mich aufschreibe. Danach? Schaue ich einfach nochmal als Erwachsener, der ich heute bin, was sich verändert hat. Einfach? Nein. Auch das ist wieder eine Menge Arbeit. Wieder mal ich. Aber es geht um mich. Ich möchte ja frei sein.

Bist du eigentlich schon erwachsen?

Ja. Und nein. Solange ich noch immer die Arbeit an meinem inneren Kind habe, solange ich immer noch Auslöser habe, solange ich immer noch nicht frei von den negativen Gedanken bin, bin ich noch nicht ganz erwachsen und handele als das verletzte, kleine Kind. Trotzig, wütend, enttäuscht. Es sind Gefühle, die gelebt werden wollen. Es sind aber auch Hilfeschreie des Kindes, das jetzt meine Liebe und Fürsorge braucht. Klingt gut, oder? Bleibt immer noch die Frage, wie ich das eben „einfach so“ anstellen kann. Immer wieder die oben genannten Übungen machen. Immer wieder reflektieren, warum ich jetzt auf eine bestimmte Situation so mit Gefühl reagiere. Es ist anstrengend, sich dem Ganzen immer wieder auszusetzen.

Was ist denn nun dein Auslöser? Die Depression oder deine Eltern?

Es sind schleichende Prozesse. Das eine schließt das andere nicht aus. Je länger ich mich nicht um mich kümmere, desto größer ist die Gefahr, wieder in die alten Denkmuster und Verhaltensweisen zu fallen – das schließt eine depressive Episode nicht aus. Eine Episode, in der ich heute wieder mehr Schauspieler bin, damit der Alltag funktionieren kann, Aufgaben erledigt werden und keiner hinter meine Fassade guckt. Das schließt aber auch nicht aus, dass die Gedankenberge wieder so groß werden, dass ich keinen einzigen erklimmen kann, weil ich viel zu nah dranstehe. Vor allem schließt es als Resultat nicht aus, wieder Phasen mit Suizidgedanken zu haben. Sie sind nicht nur ein Freund, der ab und zu mal vorbeiguckt, sie sind ein Alarmsignal, dass jetzt gerade wieder gehörig was schief läuft. Und spätestens dann verliere ich auch die Lust an allem. An Lesungen, am Schreiben, am Spielen, am Denken, am Kreativsein, am Texten, am Fotografieren, an Treffen. Es ist der Moment, in dem ich nur noch ins Bett möchte und hoffe, dass die Tage einfach vorbei sind. Und dann sind da wieder die Zweifel, der nicht zu erkennende eigene Wert, die Ängste, die Wut, die Trauer, die Enttäuschen, die Suche – die Suche nach einem Moment voller Liebe, Halt und Aufmerksamkeit.

Es ist ein Kreislauf. Ob rechts- oder linksrum. Das Ergebnis bleibt gleich: Ich stecke da drin, es geht um mich und ich muss für mich sorgen. Niemand anders. Vor allem nicht meine Eltern.