Grau. Eine depressive Episode ist irgendwie immer grau. Oder schwarz. Oder eben etwas in Graustufen unterteilt. Vielleicht ist es sogar mal weiß, aber dann auch nur schwarzweiß. Bunt? Gibt es nicht. Bunt ist der Ausdruck von Freude und Lebenslust. Bunt ist alles – nur nicht die psychische Erkrankung. „Wenn es mir schlecht geht, sehe ich die Farben der Welt nicht mehr.“ Ich weiß nicht, ob das so überhaupt stimmt. Klar, ich spüre diese unbändige Lebensfreude an diesen Tagen nicht, ich habe kein Interesse an Kommunikation, ich habe keine Lust auf Bewegung, mich interessieren viele Dinge in der Zeit einfach nicht und ich fühle mich einfach müde. Aber nicht bunt? Welche Farbe hat das Leben denn nun?

Ich weiß, welche Farben das Leben hat. Es sind nur gerade nicht meine. Im Moment suche ich mich. Vieles ist mir zu viel. Fast niemand hat mehr ernsthaftes Interesse an Verbindlichkeiten. Was sind auch schon Zusagen? Wer hält schon sein Wort? Im Moment mag ich nicht mehr. Ich mag nicht mehr ständig das Smartphone in der Hand haben und Nachrichten beantworten. Ich möchte mich gerade nicht um irgendwelche Termine kümmern. Ich hab keine Lust, Anfragen zu beantworten. Ich will keine überflüssigen Replies oder Kommentare lesen. Ich bin nicht „der Depressionist“ und ich bin auch nicht nur die psychische Erkrankung – und möchte auch nicht nur darauf reduziert werden. Ich habe absolut keine Lust mehr, mich zu rechtfertigen oder zu erklären. Ich möchte einfach gerade mal etwas leben und abschalten, mich auf meine Familie konzentrieren, vor allem aber auf mich. Ja, auf mich.

<h1>Ich will Farben entdecken</h1>
Farben entdecken. Mich auf die Welt einlassen. Ich war innerhalb von zwei Wochen an zwei Orten, die 1100 km auseinander sind. Zwei Orte, die unterschiedlicher nicht sein können. Ich habe eine Woche lang das Meer und den Strand an der Ostsee auf Rügen genossen. Kurz danach habe ich von der Schneeburg bei Freiburg in Richtung der französischen Alpen geguckt. Beides für sich traumhaft. Beides entspannend und beruhigend. Beides so wunderschön in seiner Art, dass ich es noch viel länger erleben möchte. Beides auch so wichtig, weil ich hier zu Hause all die Schönheiten vergessen habe, die mich umgeben. Ich habe vergessen, für mich zu sorgen, indem ich die Dinge mache, die mir gut tun. Vergessen auch, weil ich mir keine Zeit genommen habe, diese Dinge anzuschauen. Ja, es ist ein Privileg, ein paar Tage in fremden Städten verbringen zu können und zumindest ein paar Momente einzufangen. Es ist mein Privileg, all das für mich anzunehmen – und die Farben meines Lebens weiter zu entdecken und mich nicht ins Dunkel der Depression ziehen zu lassen.

<h1>Sei dir selbst wichtig</h1>
Ich kann durchaus verstehen, wenn sich der ein oder andere Mensch wundert, warum ich mal eben nicht zurückschreibe. Oder warum ich nur kurz und knapp was sage. Oder warum ich etwas distanzierter bin als sonst. Weil ich es kann. Und weil ich das gerade brauche. Ich kann einfach nicht täglich für alle möglichen Menschen anwesend sein. Und ich kann nicht immer Rücksicht auf andere Befindlichkeiten nehmen, wenn es mal um mich gehen muss! Wenn ich für mich sorge, mich vernünftig sortiere und bei mir bin, dann kann ich auch für andere anwesend sein. Jetzt? Kann ich es einfach nicht. Ich muss einfach vorsichtig sein, mit dem was ich tue – und wie viel ich mache.

<h1>Einen Leseabend pro Monat</h1>
„Einen Leseabend pro Monat mache ich, das schaffe ich mit Job und Familie.“ Auch heute schüttel ich noch selbst den Kopf, weil ich mich damit selbst belogen habe. Es war klar, dass es nicht dabei bleibt. Ich habe Blut geleckt, ich habe mich darauf gefreut und jetzt ist es zu viel geworden. Nein! Halt! Es ist nicht zu viel, es ist einfach viel. Die Belastungen sind extrem, kosten mich eine Menge Kraft und vor allem Zeit. Zeit, die ich von der Familie wegnehme, im Auto verbringe und auch da keine Zeit habe, mit anderen in Kontakt zu sein. Und ja, manchmal genieße ich die Autofahrten auch, weil ich da für mich bin. Nur für mich. Ich habe die Messlatte für mich sehr hoch gelegt. Und ich freue mich nach wie vor auf jeden Termin, dennoch: es macht müde. Ich freue mich auf den Dezember, da gibt es nur einen einzigen offiziellen Termin, den ich wahrnehmen muss. Ja, durch den Aufwand bleibt viel auf der Strecke -auch wenn ich tolle Menschen kennenlerne. Bei so viel Stress und Aufwand bleibt nur keine Zeit für ein buntes, interessiertes und entspanntes Leben. Ich mach es gerne – wenn auch in 2018 weniger.

<h1> Lebe bewusst!</h1>
Der Alltag hetzt uns von Stelle zu Stelle, von Aufgabe zu Aufgabe, Mails, Nachrichten und anderen Dingen. Doch: Keine Mail ist so wichtig, als dass ich sie sofort beantworten muss. Keine Nachricht ist so wichtig, dass ich sie sofort lesen und beantworten sollte. Zeit mit Menschen zu verbringen, die keine Ansprüche an mich haben, ist heilsam und wichtig. Vor allem sollte ich aber auch aufhören, diese Ansprüche an mich selbst zu haben. Warum muss ich alles machen? Warum muss ich alles erledigen? Warum muss ich immer da und anwesend sein? Fragen, auf die ich gerade selbst keine Antwort habe. In den letzten Tagen bin ich bewusster geworden. Habe Mails nicht beantwortet. Nachrichten nicht gelesen. Das Smartphone weggelassen – und doch war es noch zu viel. Mir war es zu viel. Alles wurde zu viel.

Jetzt, wo ich einen Moment für mich habe, einen Cappuccino, etwas Herbstsonne und Wind – nachdem ich dreieinhalb Stunden auf der Autobahn verbracht habe, sind die Gedanken geordnet. Ich hatte Zeit, mich auf das einzulassen, was ich sehe – weil ich fahren musste und nicht abgelenkt war. Kein Drang nach Lesen, Antworten, Telefonieren und vor allem keine Gedankenspiralen. Auf etwas einlassen und die Schönheit erkennen – das ist es!

<h1>Welche Farben sind es nun?</h1>
Ich bin vom Thema abgekommen. Ich weiß gerade nicht, in welcher Phase ich bin. Ich weiß nur, dass die letzten Wochen sehr anstrengend und müde machend waren. Ereignisse, Gedanken, Termine. Alles schien nach und nach in ein tiefes grau gehüllt zu werden. Das war es aber nicht. Die Welt ist und war bunt. Die Welt ist und bleibt bunt. Meine Welt war immer bunt. Grau. Schwarz. Farben und Ausdrücke, mit denen ich einfach nur der Schwere in meinem Kopf und Gefühl Nachdruck verleihen kann. Die Depression, der Suizidgedanke – meine Freunde halt – sind keine „schwarzen Menschen“, sie sind ebenso bunt wie das Leben. Es sind Gedanken, die mich in Tunnel ziehen. Doch auch der ist nicht grau oder schwarz. Es ist dunkler, ja, aber ein Tunnel? Ist meistens gelblich beleuchtet. Lassen wir die Farben außen vor, ist es nur noch der Faktor Zeit. Zeit, die ich mit dem Denken verschwende und nicht mit dem Wahrnehmen der Dinge um mich herum. Jetzt gerade? Habe ich Zeit. Ich nehme alles bewusst wahr. Ich sitze hier und lasse mich auf das Geschehen ein. Ich sammle alles für später. Die Kontraste. Die Abstufungen. Die Vielfalt des Lebens. Das Geheimnis? Sich dieser Dinge immer bewusst zu sein. Ist es zu dunkel, kannst du das Licht anmachen – du kannst, du musst nicht. Findest du alles grau und schwarz, kannst du es dir bunter gestalten – du kannst, du musst nicht. Erdrückt dich alles, kannst du dir Freiräume schaffen und Ballast abwerfen – du kannst, du musst nicht.

Verändere die Sicht auf die Dinge – das zählt. Nicht die Farbe. Nicht die Vielfalt. Nicht das Dunkel oder Hell. Mach dir bewusst, was du hast. In jedem Moment.

(Beitragsbild von M. Völzke // archipixel)