Herr Bock fragt … einen interessanten Menschen. Lena von „Freud Mich„. Lena ist Psychotherapeutin in Praxis und Klinik. Lena – natürlich nehme ich den Namen jetzt das 3. Mal – ist mir immer wieder über den Weg gelaufen und hat mich beeindruckt. „Psychische Probleme gehören zum Menschsein – und deswegen darf man auch darüber reden“, sagt sie und schreibt einen interessanten Blog, nutzt sehr intensiv instagram und ist bei Facebook vertreten. Sie ist alles, nur erfüllt sie eben nicht das typische Klischee und die Vorstellung einer Therapeutin. Lena hat mich in den Bann gezogen, weil sie mit ihrem „öffentlichen Auftritt“ eben genau dieses Schubladendenken völlig aufhebt, einen neuen Einblick in die Welt psychischer Erkrankungen gibt und so einen großen Hauch „Normalität“ gibt. Therapeuten, die den Austausch zwischen Klient / Patient, Interessierten und Kollegen suchen, das fehlt leider oft noch. Ich durfte ihr ein paar Fragen stellen – vielleicht nicht die letzten – ich freu mich über all die Antworten und den Kontakt.

1. Wenn du drei Begriffe nennen sollst, die dich beschreiben, welche wären das?
Oh, eine schwierige Frage gleich zu Beginn und damit sind wir direkt bei meinem Lieblingsthema gelandet. Ich bin als Therapeuten ja der Meinung, dass man Menschen mit nur drei Begriffen nicht wirklich gut beschreiben kann. In meiner Arbeit versuche ich genau das Gegenteil, nämlich Menschen aus ihren (gedanklichen) Schubladen herauszuholen, damit sie sich nicht nur auf einen kleinen Teil von sich selbst konzentrieren. Dann muss man einer jungen Frau zum Beispiel zeigen, dass sie, auch wenn es gerade schlecht auf der Arbeit läuft, noch andere Rollen hat: vielleicht ist sie eine super Schachspielerin, eine liebevolle Freundin, eine grandiose Musikerin und so weiter. Ich versuche also die anderen Seiten ans Licht zu holen, damit sich der Mensch ganzheitlich betrachtet.

2. Du bist Psychotherapeutin mit Fachrichtung Tiefenpsychologie. Was heißt das?
Die Tiefenpsychologie gehört, wie die Psychoanalyse auch, zu den sogenannten „psychodynamischen Verfahren“. Wir gehen davon aus, dass psychischen Störungen ein (unbewusster, innerer) Konflikt aus der Vergangenheit zugrunde liegt, der sich im Hier und Jetzt aktualisiert. Das ist die Kurzversion, die man sicherlich weiter ausführen müsste, aber das würde den Rahmen hier sprengen.

Im Gegensatz zur verbreiteten öffentlichen Meinung sitzen wir Therapeuten also nicht nur in unserem Sessel (ich habe nicht mal einen) und nicken bedacht ab, was der Patient uns berichtet. Im Gegenteil: wir stellen Hypothesen zur Psychodynamik unserer Patienten auf und versuchen unbewusste Prozesse ins Bewusstsein zu holen und Konflikte aufzulösen. Während einer Therapiesitzung laufen auf einer Metaebene viele Prozesse in mir ab und das erfordert höchste Konzentration. Außerdem werden alle Sitzungen ausführlich vor- und nachbereitet. Es ist also ein weiteres Vorurteil, dass Therapeuten nur gelangweilt zuhören und „aha“ und „soso“ sagen.

3. Was hat dich an der Psychotherapeutenausbildung gereizt?
Ich habe mich eigentlich schon immer für Psychologie interessiert. Ich finde Menschen und ihre Geschichten total spannend. Als Jugendliche habe ich „Veronika beschließt zu streben“ von Paolo Coelho gelesen und war davon sehr beeindruckt. Die Handlung spielt in der Psychiatrie und die Protagonistin setzt sich im Laufe des Buches mit ausgeprägten Suizidgedanken auseinander. Das war das erste Mal, das ich mit diesem Thema konfrontiert wurde und es hat mich nachhaltig bewegt. Heute bin ich sehr gerne Therapeutin. Es ist eine tolle Arbeit, man lernt so viele Menschen kennen und man lernt dankbar zu sein, für das was man selbst hat.

Das Thema muss gesellschaftsfähig werden

4. Du schreibst. „Alles, wirklich alles über Psychotherapie.“ Was hat dich dazu bewogen, als Therapeutin ein Blog zu schreiben?
Es gibt sehr viele Vorurteile rund um das Thema Psyche und auch um meinen Berufsstand. Damit wollte ich ein bisschen aufräumen. Mich nerven die gesellschaftlichen Stigmatisierungen von psychisch Kranken und außerdem ist mir aufgefallen, dass auch Freunde und Bekannte oft wenig Ahnung haben, wie ein Psychotherapeut arbeitet und wie die Psyche tickt. Dabei sind wir eigentlich alle entweder direkt oder indirekt mit psychischen Krankheiten konfrontiert. Deswegen wollte ich ein bisschen Klarheit schaffen.

Ich schätze den Austausch in den einzelnen Social Media Plattformen sehr. Unter meinen Beiträgen diskutieren wir alle zusammen: Kollegen, Betroffene und andere Interessierte. Dabei habe ich für mich privat aber auch für meine Arbeit schon viel mitgenommen. Es ist ein Austausch auf Augenhöhe, das gefällt mir besonders gut. Ich habe kein Interesse daran Patienten zu gewinnen, ich habe ja nicht mal eine eigene Praxis und ich versuche beides voneinander zu trennen. Es geht mir eher darum das Thema gesellschaftsfähig zu machen.

5. Kam es in deiner beruflichen Laufbahn auch schon mal dazu, dass du einen Patienten abgelehnt hast?
Ja und auch gar nicht mal so selten. Ich behandele nur dann ambulant, wenn ich das auch für indiziert, also zielführend und hilfreich halte. Das richtet sich nach der Symptomatik, aber auch nach der Therapiemotivation der Betroffenen. Mein Ziel ist die bestmögliche Behandlung meiner Patienten, manchmal heisst das aber auch, dass ich sie weiterschicken muss, weil meine Arbeit an Grenzen kommt.

6. Wartezeiten. Viele klagen über lange Wartezeiten für einen Therapieplatz. Hat sich in deinen Augen etwas mit dem neuen Gesetz verbessert? Wie ist das aus deiner Sicht?
Ach leider ist das ja eine große Farce, denn mehr Therapieplätze gibt es durch die neue Reglung natürlich nicht. Unser Hauptproblem, die katastrophalen Wartezeiten für eine ambulante oder stationäre Therapie, wird damit überhaupt nicht gelöst. Das ist auch für uns Behandler ein großes Ärgernis, denn wir haben durch diese Unterversorgung ziemlich viel Mehrarbeit, zum Beispiel durch Notfälle. Eine psychische Erkrankung wird durch Nichtbehandlung ja nicht einfach so besser – ganz im Gegenteil. Persönlich aber auch beruflich finde ich es schwierig auszuhalten, dass so viele Menschen schlecht versorgt sind. Dann würde ich gerne helfen, kann aber nicht, weil in meinem Terminplaner keine freien Lücken sind.

Gut finde ich immerhin, dass Patienten durch die neue gesetzliche Reglung schneller einen Ersttermin zur Einschätzung der Symptomatik und des weiteren Vorgehens bekommen. Das ist ein Anfang.

7. Nach der Therapie. Oft genug klagen Betroffene, dass es ihnen nicht geholfen hat. Stationär oder auch ambulant. Was meinst du, warum es so oft „scheitert“?
Die wichtigste Frage ist, was das Ziel einer Therapie sein kann. Einem Angstpatienten zum Beispiel, der sich wünscht keine Ängste mehr zu haben, muss man gleich zu Beginn den Zahn ziehen, denn seine Ängste werden natürlich nie ganz weggehen, weil jeder normale Mensch nunmal Ängste hat. Vielleicht geht es dann eher darum, diese zu integrieren.

Aber es gibt natürlich auch Fälle, in denen das Verfahren nicht passt, in denen die Chemie zwischen Patient und Therapeut nicht stimmt, in denen der Zeitpunkt nicht der Richtige ist oder der Patient wenig Therapiemotivation zeigt.

Ich glaube aber auch, dass die Erwartungshaltung an eine Therapie sehr groß ist. Viele Menschen denken, dass sie bereits im ersten Termin eine konkrete Handlungsanweisung bekommen und dass sich das Problem in den nächsten Tagen wie von alleine erledigt. Dabei vergessen sie, dass Therapie ein Prozess ist, der oft Monate und Jahre dauert und dass man manches vielleicht erst zu einem späten Zeitpunkt begreift. Die Löwenanteil der Arbeit findet nicht in der Therapiestunde statt, sondern im Alltag des Patienten.

Zum Glück kann ich sagen, dass ich das Gefühl habe, dass meine Patienten von den gemeinsamen Terminen profitieren. Wenn auch manchmal nur im Kleinen.

8. Selbsthilfe ist in meinen Augen eine wichtige Stütze geworden, die immer präsenter wird. Mir selbst ist es passiert, dass ich abgewunken wurde. Siehst du Selbsthilfegruppen oder generell Selbsthilfe als Gefahr, wenn jemand in einer Therapie ist? Sollte ich danach zu einer Gruppe gehen?
Ich finde immer gut, wenn Menschen an sich arbeiten. Vom Austausch mit Anderen kann man viel profitieren. Psychoedukative Angebote finde ich super und auch Angehörigengruppen sind eine gute Sache. Ich hatte aber auch Patienten, die durch Schilderungen in der Gruppe runtergezogen wurden. Da gibt es wahrscheinlich Unterschiede und es ist schwer hier eine pauschale Antwort zu geben. So aus meiner Erfahrung heraus würde ich denken, dass man, wenn man regelmäßig, wöchentlich Termine bei einem Therapeuten wahrnimmt und diese Anregungen auch im Alltag umsetzt wahrscheinlich schon ausreichend zu tun hat.

9. Die „Schulmedizin“ stützt sehr viel auf die Freud’sche Lehre. Ich persönlich bin mit einer systemischen Therapie noch ein Stück weiter gekommen. Was hälst du von Heilpraktikern und Alternativen zur Schulmedizin?
Da gilt es zu differenzieren. Die „Systemische Therapie“ ist ein Verfahren, dass vom wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie als wirksam eingestuft wird. Deswegen halte ich es für eine solide Alternative, wenngleich man die Stunden leider aus eigener Tasche zahlen muss.

Die Heilpraktiker Sache finde ich etwas schwieriger. Es gibt für den Heilpraktiker in Psychotherapie keine verbindliche Berufsordnung und auch die Zugangsvorraussetzungen zur Ausbildung sind in Deutschland sehr niedrigschwellig. Andersherum gesagt: ich persönlich habe sehr von meiner umfangreichen und jahrelangen Therapeutenausbildung profitiert: Selbsterfahrung, Supervision und die vorgeschriebene Praxiserfahrung im ambulanten und stationären Setting empfand ich wichtig, um heute professionell arbeiten zu können.

Jeder Mensch ist anders

10. Wenn ich behaupten würde, dass es keine „reine Depression“ gibt, weil ich glaube, dass immer noch andere Faktoren mit reinspielen, hättest du ein Argument dagegen?
Überhaupt nicht, da stimme ich dir voll zu. Jeder Mensch ist anders, deswegen ist jede Krankheit auch anders. Ich persönlich brauche die „Diagnoseschubladen“ auch gar nicht. Ich will von meinen Patienten in erster Linie wissen, wie ich ihnen weiterhelfen kann und was sich ändern soll. Eine Diagnose muss ich deswegen stellen, weil meine Leistung ansonsten nicht mit der Krankenkasse abgerechnet werden können.

11. Habe ich irgendwas vergessen, was du von dir aus noch sagen möchtest?
Ich finde toll, dass du und auch viele andere Menschen in Blogs, auf Facebook oder Instagram so offen mit ihren psychischen Erkrankungen umgehen. Viele Blogger schreiben in ihrer Freizeit stundenlang an Texten, die sie der Öffentlichkeit gratis zur Verfügung stellen. Das bringt uns einen großen Schritt weiter, ist sehr mutig und ist bestimmt nicht immer einfach. In diesem Zusammenhang bedauere ich, dass es neben all den positiven Rückmeldungen auch teilweise richtig miese Haterkommentare gibt. Viele Menschen vergessen bei all der Anonymität im Internet, dass hinter jedem Text immer ein richtig echter Mensch steckt, den sie damit vielleicht sehr verletzen. Diskussionen finde ich gut, wenn sie auf einem konstruktiven Niveau bleiben. Beleidigungen dagegen führen am Ende nur dazu, dass Menschen wieder aufhören darüber zu schreiben, darüber zu reden.

Danke Lena! Deine Antworten sind sehr wertvoll und offen. Vor allem bringt es uns alle ein Stück näher zusammen. Und ja, ich denke auch, dass so die Scheu vor einer Therapie etwas kleiner wird. Am Ende? Sind wir eben Menschen, die einen Weg zu sich finden möchten – mit einer Begleitung, nicht mit einer Behandlung. Danke für deine Offenheit in all deinen Kanälen.

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