Da ist er wieder. Der zweite Sonntag im Mai. Muttertag. Der Tag, an dem wir unsere Mutter ehren sollen. Wieder ist es der Tag, an dem ich mich morgens schon unwohl fühle. Ich soll jemanden ehren und besonders schätzen, den ich nicht mehr liebe. Jemanden, zu dem es nur eine Verbindung gibt, weil es der innige Wunsch meiner Großmutter ist. Jemanden, der mir emotional so entfernt ist, dass ich mich kaum für deren Alltag und gesundheitliches Befinden interessiere. Jemand, der nicht erkennt, dass ihr Sohn Bedürfnisse und Wünsche hat. Jemand, der nicht die Regeln für ein vernünftiges Miteinander einhält. Warum muss ich wuterfüllt und voller Gedanken daran sein? Es wühlt mich auf. Wieder ist die Erwartung an mich, dass ich mich zu melden habe oder möglichst direkt mit Blumen vorbeikomme.

Und dann? Tun wir so, als sei alles gut? Ja? Das ist zu einfach! Es ist mir zu scheinheilig. Nein, ich kann und ich will das nicht. Ich will es heute nicht und auch nicht in den nächsten Jahren. Ich will die Erwartung nicht, ich will mich nicht melden müssen. Ich will diese Gefühle nicht mehr! Und warum soll ich mich jemandem verbunden fühlen, die mich nicht mehr kennt? Die sich selbst nicht anstrengt, damit wieder ein Kontakt entsteht? Warum muss ICH diesen Weg suchen? Warum muss ich hintenrum hören, welche Erwartungen an mich gestellt werden? Warum gibt es diese überhaupt?

Liebe Mutter, du hast in all den Gesprächen nichts – rein gar nichts – verstanden. Du weißt nicht mehr wer ich bin, wie ich fühle, was ich brauche. Wusstest du das jemals? Hat dich das jemals wirklich interessiert, oder warst du eher unablässig damit beschäftigt, deine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und dein eigenes, selbst erlebtes Leid zu stillen? Zu kompensieren, was dir in der Kindheit fehlte und was dir die Beziehung nicht gegeben hat? Es geht nicht mehr um Schuld oder Unschuld. Es geht nicht mehr um Vorwürfe. Es geht um eine zerstörte Verbindung zwischen Mutter und Sohn, deren Verbindung du aber mutwillig mit Erwartungen aufrecht erhalten möchtest, die ich niemals erfüllen werde. Ich habe dich nicht mehr lieb, ich liebe dich nicht mehr. Eben, nicht mehr.

Erwarte nicht immer, sondern gib etwas. Interessiere dich ernsthaft, nimm dir Zeit, sei du selbst. Akzeptiere endlich, dass ich erwachsen bin, dass ich meine eigene Familie haben werde, dass ich andere Vorstellungen habe und selbst versuche zu leben. Und erwarte einfach nichts, was du nicht selbst erfüllen kannst.

Wut. Ja, ich habe Wut. Ich hasse die Gefühle, die ich an solchen Tagen habe. Ich bin sauer, dass ich das alles so empfinden muss, dass es mich belastet, dass ich davon nicht frei sein kann. Du hast mich immer noch im Griff, auch wenn du nicht da bist. Du kontrollierst mein Verhalten, auch wenn du es mir nicht direkt sagst. Ich möchte das nicht mehr fühlen müssen. Ich möchte frei davon sein. Ich möchte frei von dir sein, solange wir uns nicht vernünftig begegnen können. Ich bin neidisch auf andere, die eine tolle Familie haben, sich jederzeit an sie wenden können und die Unterstützung als Kind bekommen, die es braucht. Ich bin traurig, dass ich diese Anlaufstelle nicht habe und auch nicht haben werde. Kannst du dir ansatzweise vorstellen wie es ist, sich innig eine Mutter oder einen Vater zu wünschen, die einen einfach in den Arm nehmen, die einfach da sind? Ich erwarte nichts mehr. Ich wünsche mir nur, dass wir gemeinsam leben können. Mit Respekt. Mit Akzeptanz. Nicht mehr, nicht weniger.

Ich möchte einfach leben können und frei sein! Nimm mich ernst!