Der Tod ist ein Ende. Ein Ende, das ich nicht mehr umkehren kann. Oft habe ich mir genau dieses Ende gewünscht. Oft habe ich daran gedacht, wie es sich wohl anfühlt, die ganze Schwere der Tage nicht mehr ertragen zu müssen. Gelegentlich hat mich der Schlaf gerettet, manchmal habe ich die ganze Nacht darüber sinniert, welches wohl der beste Weg ist. Die Gedanken an den Tod haben mich abgelenkt. Sie haben mir die Last genommen, ich hatte eine sinnvolle Aufgabe: Ich war mit der Planung beschäftigt. Gedanken sind Gedanken, aber sie waren nicht so schlimm wie die selbstzerstörenden, selbstkritischen, angstmachenden, erdrückenden und lähmenden Gedanken des Tages. Und heute? Habe ich Gedanken. Ich nutze sie. Für mich und andere, um darüber zu reden, die Scheu zu nehmen und ein bisschen Mut zu geben, damit der Tod nicht das Ende ist.

Oft? Es war plötzlich täglich.

Die Gedanken haben sich anfangs immer mal eingeschlichen. Immer dann, wenn das Gefühl zu stark wurde, war der Wunsch nach dem Lebensende sehr präsent. Ich habe das als völlig normal empfunden. „Jeder hat doch solche Gedanken“, habe ich immer geglaubt. Nein, hatte nicht jeder. Ich war erschüttert. Ab da war klar, ich habe noch mehr Probleme, als ich vorher schon hatte. „Welchen Sinn macht es denn nun noch?“ Keinen. Das war mir zu dem Zeitpunkt klar. So klar, dass ich nur noch wütend auf mich war, weil ich meine Lebenslügen und falschen Überlebensstrategien nicht verändert bekommen habe. Jeden Tag habe ich nicht nur die Menschen in meinem Umfeld angelogen, sondern auch mich. Ja, ich habe gelogen. Jeden Tag. Immer wieder. Seitdem ich denken kann. Ich wollte nicht zulassen, dass jemand merkt, dass ich mich um nichts kümmern kann. Die Lügen haben meinen Gedankenkreislauf nur befeuert. Irgendwann war klar, dass ich mich nur noch selbst zerstören möchte. Ich möchte eigentlich gar nicht sterben, aber es gab keinen anderen Weg, als mich so zu zerstören. Ich habe mich sogar dafür gehasst, dass ich es nicht schaffe. Jeden Tag.

Die Gedanken an den Tod haben mich bestimmt. Sie haben meinen Tagesablauf bestimmt. Es war der erste Gedanken nach dem Aufstehen. Es war der letzte Gedanken am Abend – wenn ich denn überhaupt schlafen konnte. Wie sollte ich eigentlich schlafen? Ich war ja nur damit beschäftigt, meinen Suizid zu durchdenken, mich selbst niederzumachen, in unausgesprochenen Erwartungen zu hängen und darauf zu warten, dass irgendwer erkennt, was wirklich mit mir los ist. Hat aber niemand. Wie soll ich mich denn mögen, wenn niemand anderes es macht? Oder wenigstens wahrnimmt? Selbst bei der Arbeit – wenn ich es denn mal vernünftig konnte – hat niemand die Wahrheit gesehen, außer meinen Fehlern. Ich war so unkonzentriert, weil ich selbst da weitergedacht und geplant habe. Immer und immer wieder. Es gab keine freie Minute mehr für mich. In jedem Teil des Tages habe ich daran gedacht. Beim Essen, beim Arbeiten, beim Duschen, beim Kinobesuch, beim Radfahren, beim Spazieren, beim Reden mit anderen Menschen, beim Telefonieren, beim Saubermachen – wenn ich denn das überhaupt alles mal geschafft habe.

Wie sich das anfühlt? Es ist erdrückend. Es ist, als wenn du nicht nur deinen Rucksack tragen musst, sondern noch viele andere, die randvoll mit Steinen sind. Die Gedanken drücken dich zu Boden und da liegst du dann. Hilflos. Kraftlos. Müde. Nur noch die Kraft sparen bis zum Ausweg. Alles läuft schleppend. Fast nichts funktioniert – weil es Kraft kostet. Es ist zermürbend. Es ist, als wäre ich in einer Blase, in die keiner hineinkommt. Sie platzt nur nicht. Es ist meine Blase, in der alles grau, dunkel und ausweglos erscheint.

Liebe hätte alles verändert

Liebe. Das stärkste Band. Ich hatte Beziehungen. Ich hatte Frauen. Liebe hätte nichts verändert. Liebe hat nichts verändert. Es war nicht die Liebe, nach der ich ewig gesucht habe. Ich wurde sicher geliebt, aber ich konnte nicht so lieben, wie es sich gehört. Ich habe Zuneigung gesucht, die mir zu der Zeit niemand geben konnte – außer den mir engsten Menschen. Ich habe vergeblich versucht, meine Partnerinnen zu idealisieren und die Wertschätzungen zu bekommen, die ich gebraucht hätte. Als Kind. Ihre Liebe hätte mich nicht halten können. Teilweise war ich völlig gefühllos. Ich war mit einem Menschen zusammen und habe nichts empfunden. Weder Wut, noch Freude oder eben Liebe. Verändert hätten nur zwei Menschen etwas. Zwei Menschen, die es mir nicht geben konnten oder wollten. Ja, wir können über die Hintergründe reden. Nicht jetzt. Liebe hätte nichts geändert. Liebe hätte mich nicht aus der Suche gerissen. Die Suche nach dem Ende meines Leidens.

Wer redet denn schon drüber?

„Markus, wie geht es dir?“ Am liebsten hätte ich jedem die Wahrheit ins Gesicht gebrüllt. Ja, gebrüllt! „ICH KANN NICHT MEHR! ICH HALTE ES NICHT MEHR AUS! ICH KANN MICH NICHT MEHR IM SPIEGEL SEHEN! ICH WILL MEIN ICH ZERSTÖREN! ICH ERTRAGE DIE BESCHISSENEN GEDANKEN NICHT MEHR!“ Es wäre wahrscheinlich einfach gewesen, aber wem sagt man so offen, dass es gerade keinen Ausweg mehr gibt? Nur den Tod. „Gut. Gut geht es mir“, die Standardantwort für alle Menschen, die mich umgeben haben. Ich habe es immer noch etwas ausgeschmückt und erzählt, was ich alles so Tolles gemacht habe. Nichts habe ich gemacht. Rein gar nichts – außer meine Zeit mit Rumliegen und Denken zu verbringen. Ich war müde. Müde vom Denken und Durchhalten. Alles war zu viel. Mein Kopf hat nur noch gearbeitet und es war überhaupt keine Zeit für irgendwelche anderen Sachen. Alles was ich wollte? Mich zerstören. „Und auch das schaffst du einfach nicht“, hallte es immer wieder durch den Kopf.

Der Egoismus

Na klar ist der Suizid egoistisch. Es geht ja um mich. ICH ertrage MEIN Leid nicht mehr. ICH ertrage MICH nicht mehr. Warum soll ich FÜR ANDERE leben, wenn sie mich nicht mögen und ICH mich schon gar nicht leiden kann? Warum soll ICH es ANDEREN Recht machen, wenn doch nichts von dem zurückkommt, was ich bräuchte? Ja, ich spreche das vielleicht nicht aus, aber irgendwer wird sich doch mal um mich kümmern können, denn ICH kann es nicht mehr! ICH will das NICHT mehr ertragen müssen. Deshalb ist es meine Entscheidung. Es bleibt auch immer meine Entscheidung. Der Gedanke an Freunde, Partner, Kind, Eltern oder sonstwem? Ja, der ist am Anfang da. Sie zu verletzen und zu verlassen steigert nur noch die Wut und die Hilflosigkeit. Und wenn ich es schaffe mein Leben zu beenden, dann habe ich wenigstens etwas geschafft. Wenigsten EIN EINZIGES MAL im Leben habe ich etwas geschafft! Ja, das ist egoistisch. Zumindest irgendwie.

Nein ein Suizid ist nicht egoistisch. Ich konnte einfach nicht mehr. Ich habe zu der Zeit nie einen anderen Weg als diesen gesehen. Ich hätte gerne mit anderen geredet, damit mir jemand helfen kann. Aber wer sagt denn seiner Partnerin auf die Frage, wie es einem geht: „Ach Schatz, ich möchte mich gerne umbringen.“ Sagt das jemand so? Ich hatte viel zu viel Angst, dass sie noch mehr Angst bekommt. Ich hatte Angst, dass sie mich in meinem Leben einschränkt. Ich hatte Angst vor neuen Therapien. Ich hatte Angst vor mir und dem Gedanken. Ich war mir selbst fremd. Schweigen war die einzige Option, um sie nicht noch mehr zu belasten. Ein toller Kreislauf. Es hat sich immer alles gedreht. Alles. Nur, weil ich es nicht mehr schaffe, ist der Weg nicht egoistisch. Es ist ein Hilferuf, den wir oft einfach nicht hören können.

Jain, der Suizid ist beides. So irgendwie. Auch wenn ich – wie ich es doch bitte immer machen soll – an die Angehörigen oder involvierten Menschen denken soll. Es tut mir für jeden aufrichtig Leid, der das miterleben muss oder involviert ist. Ich habe mir in den Phasen der Suizidalität keine Gedanken darüber gemacht, ob ich irgendwem schaden könnte. Für den Gedanken war kein Raum. Ich war nur damit beschäftigt mein Leid zu beenden. Das Leid, was ich nicht mehr ertragen kann. Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, wie es dem Lokführer geht, wie es Rettungskräften geht, wie viele Autos ich auf Autobahn eventuell auch noch treffe. Dafür war kein Platz. Ja, das ist in einem bestimmten Rahmen egoistisch, aber es ging nicht anders. Ich konnte nicht anders. Letztlich würde ich damit auch nicht den Menschen schaden wollen – es wäre alles nur das Mittel zum Zweck, mich selbst zu zerstören. Mit dem Mittel, das mir möglich ist.

Heute ist alles anders

Denkste! Auch heute begleiten mich die Gedanken manchmal. Nur nicht mehr erdrückend. Sie nehmen mir etwas Luft zum Atmen, aber sie sind ein Freund geworden, der für mich sorgt. Er nimmt mir die Luft, damit ich ihn auch wirklich wahrnehme und mich nicht verstecken kann. Er zeigt mir genau dann, dass ich nicht so viel machen soll, mir Auszeiten gönnen, meine Gedanken überprüfe, auf mich achte und Zeit mit mir verbringe. Mit mir! Auch da ist etwas Egoismus. Er sagt mir genau, wann ich den falschen Fokus habe und kurz reflektieren sollte. Er ist eine Warnung an vergangene Jahre, jetzt selbst auf mich aufzupassen. Er macht das sehr nachdrücklich. Ich werde unkonzentriert, wenn ich beim Autofahren plötzlich darüber nachdenke, ob und wann ich das Lenkrad zur Seite ziehe. Es fühlt sich an, nicht mehr selbst am Steuer zu sein. Manchmal halte ich an, atme durch und finde wieder zu mir. Irgendwann werde ich die Gedanken los sein. Er tut mir nicht weh, ich weiß wie ich auf mich zu achten habe, das ist der Unterschied zu den „schlimmen“ Jahren. Ich habe Angst vor dem Tod. Und ich genieße mein Leben gerade – auch wenn es schlechte Tage gibt. Am Tagesende? Versuche ich mich darauf zu besinnen, dass es eben doch gut war. Und wenn nicht? Dann ist der Tag halt nicht gut gewesen.

Heute ist eben doch alles anders. Ich hatte die Chance, mich durch diese Erlebnisse zu finden, mehr auf mich zu hören, etwas „Gutes“ zu tun und lebe. Ich bin Teil toller Projekte geworden, habe eine Familie und kenne wunderbare Menschen. Auch wenn die Gedanken anstrengend sind, sind die Gedanken alleine nicht tödlich – es ist der viel zu große Berg an Problemen und die Hilflosigkeit gewesen, die mich dorthin getrieben haben Heute? Habe ich die passenden Ansprechpartner, Mut und keine Angst.

Am Ende …

Ist der Suizid kein Ausweg. Er ist vermeintlich der letzte Weg, weil der Berg und der Druck zu groß geworden sind. Er ist ein Weg, weil wir nicht die richtigen Ansprechpartner finden, weil wir Angst haben. Er ist kein richtiger Weg, er ist ein Ende. Ein unumkehrbares Ende. Soweit muss es nicht kommen, wenn wir offen und vernünftig darüber reden. Ja, offen. Auch mit der Frage: „Hast du Suizidgedanken? Möchtest du dich umbringen?“ Die Antwort ist dann wahrscheinlich noch ehrlicher als alles andere, was ich je sagen würde. Und bitte: Nur weil man die Frage stellt oder eine Person direkt darauf anspricht, ist das kein Ansporn, es jetzt endlich zu tun.

Am Ende können wir nur versuchen, den Menschen die Hand zu reichen, sie ein Stück zu begleiten, sie zu unterstützen und in die richtigen Wege zu bringen – mit Hilfe von außen, den richtigen Stellen und Fachkräften, mit uns als Freunden. Am Ende sind wir es – Fachkräfte und Experten in eigener Sache – die präventiv und aufklärend rausgehen, um diese Hand zu reichen. Jeder Suizid ist ein Suizid zu viel.

Nimm dir Zeit, sprich an, hör zu – gib Hoffnung!

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Dieser Beitrag ist im Rahmen des Welttages der Suizidprävention am 10. September entstanden. Ich möchte nicht mehr schweigen. Ich möchte diese Ängste und Bedürfnisse aussprechen, damit andere merken, dass die Gedanken nicht schlimm sind. Ich werde weiter damit aufklären und meinen Anteil zur Entstigmatisierung leisten. Hab keine Angst, rede darüber!

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