Manchmal bin ich dankbar, dass wir uns nach all den Jahren kennengelernt haben. Weißt du, wie lange du mich schon begleitest? Zu lange. Im Dezember 2013 habe ich mich schon gefragt, ob das alles Sinn macht. Macht es das nun eigentlich? Sind wir nun Freunde fürs Leben oder gehst du auch wieder deinen eigenen Weg? Damals hast du mich immer besucht, wenn ich fest der Meinung war, dass ich auf dem Weg der Besserung bin. Alles andere wäre auch falsch gewesen. Damals war ich nicht auf dem Weg der Besserung – im Gegenteil! In den guten Phasen war ich in meiner Lügenwelt. Ich hab mir sogar selbst geglaubt, dass es mir gut geht. Du hast mich immer wieder zurückgeholt, mich auf den Boden geworfen und unter die Aufsicht eines anderen Freundes gestellt. Dass ich keine Chance habe gegen euch zwei, wusstest du. Konnte ich euch nicht hören? Wollte ich euch nicht hören? Ihr wart so laut und ich hab es nicht verstanden. So oft haben mich Menschen darauf hingewiesen, ich hab am Ende auch die belogen – damit ich euch nicht mehr höre. Warum habt ihr mich nicht einfach in Ruhe gelassen?

Heute habe ich euch kennengelernt. Gut kennengelernt. Jetzt weiß ich, dass ihr nur das Beste für mich wollt. Ja, ich musste mich mit all den schweren Themen auseinandersetzen, ich musste mich kennenlernen, mich lieben lernen, achtsamer werden, verzeihen und akzeptieren lernen – um am Ende mit dem Selbstzerstörungsmodus aufzuhören. Das systematische Zerstören meiner finanziellen Situation, Arbeitsplatzsuche, Freundschaften und Beziehungen war nur die Konsequenz, weil ich mich aus allem abhängig gemacht habe. Nie habe ich gesehen, dass ich selbst der Auslöser für mein Verhalten bin. Ja, es ist einfacher alle Schuld von sich zu weisen, den Fokus auf andere zu lenken. Ja, manchmal tut es noch weh, die Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Ich will nicht immer die Zügel in der Hand haben, möchte mich manchmal auch einfach fallen lassen können. Und wisst ihr was? Ich gestehe mir diese Zeit einfach zu und mache es. Ihr habt mich in die Tagesklinik gebracht. Tja, Tagesklinik. Ihr habt leise gelacht und wusstet vorher, dass es nur ein Anfang war, oder? Ihr wusstet ganz genau, dass ich nicht richtig auf die Beine komme und da noch was nachkommt, oder? Natürlich musste noch ne längere Auszeit dazukommen, damit ich vernünftig lerne, wie es laufen kann und endlich mich sehe. Endlich auf mich achten und in der Ich-Form reden. Nein, gesund bin ich noch nicht, aber ich nenne es stabil.

Du – Depression – besuchst mich ja immer noch. Nicht mehr so wie früher, aber du bist da. In unregelmäßigen Abständen setzt du mir Flausen in Kopf. Warum? Willst du sehen, ob ich es jetzt wirklich drauf habe? Ob ich wirklich so lebe, wie ich es hier schreibe? Oder willst du mir noch was zeigen, was ich bis heute übersehen habe? Rede mit mir! Ich bin offener denn je für einen Dialog mit dir! Du hast mir wertvolle Menschen gezeigt, mit denen der Austausch wichtig, interessant, reflektierend, anstrengend, tiefgründig und immer wieder ein Gewinn für mich ist. Warum kommst du dann immer noch? Manchmal fühle ich mich auch so stabil, dass es mir einfach zu viel wird, mich damit zu beschäftigen. Nur genau dann kommt wieder irgendwas von dir, mit dem ich mich auseinandersetzen muss. Warum?

Sicher bin ich dir dankbar für all das Psychogequatsche, die Lesestunden, die Tränen und vielen (verdammt vielen) Übungen. Ich weiß endlich, wer ich wirklich bin. Ich weiß, wie ich mich aus Situationen nehmen kann. Ich kann oft mit meinen Gefühlen umgehen und dazu stehen. Ich liebe die Wahrheit und kann sie auch leben. Ich bin einfühlsamer und wachsamer geworden. Die Bewertung (sofern ich es mache) ist nicht mehr so vernichtend kritisch. Ich kann genießen. Ich kann leben und will dieses Leben leben. Ich trage die Verantwortung für mein Leben. Was zur Hölle willst du noch? Irgendwas siehst du doch noch, was ich nicht sehe! Ich werde nicht danach suchen, das kann ich versprechen, ich werde aber auch nicht stillstehen und warten. Heute nicht und auch nicht in Zukunft! Ich habe genug Antrieb mich noch immer weiter zu belesen, das bleibt auch so. Du wirst ein Thema bleiben, immer. Du passt auf, ja, aber du kannst jetzt auch Urlaub bei mir machen. Bitte.

Gib anderen den Mut, ehrlich mit sich umzugehen und zeig ihnen, welchen Weg sie gehen können. Gib ihnen die Kraft, die Gedanken in die richtige Richtung zu lenken. Nimm sie an die Hand und öffne ihnen die Augen, dass nicht alles wahr ist, was sie denken. Gib ihnen den Glauben an sich, damit sie sich nicht grundlos ihrem inneren Kritiker aussetzen. Gib ihnen die Stärke, Situationen und Gespräche differenzierter zu betrachten. Gib ihnen den Willen zur eigenen Veränderungen, zu einem gesunden Egoismus und zur Selbstliebe. Gib ihnen ein paar Werkzeuge, die sie ohne Therapeuten und Kliniken nutzen können. Gib ihnen einfach ihr „ICH“. Und ab und zu ein „Nein!“. Und ein paar „Stopp“s. Zeig ihnen Menschen, auf die sie hören können, deren Geschichten ihr eigener Antrieb werden kann. Lass sie frei aus deiner dunklen Gefangenschaft. Gib ihnen etwas Freiraum für Entscheidungen ohne Angst! Lass sie dich richtig kennenlernen, damit sie sehen, wie viel Leben du geben kannst, wenn man sich auf dich einlässt. Zeig ihnen den Sinn, warum du da bist! Lass sie den wahren Wert ihrer Partner erkennen. Gib ihnen die Sicht von Angehörigen. Erklär ihnen den Perspektivenwechsel. Gib ihnen Auszeiten, damit sie erkennen, dass nur sie selbst eine Veränderung schaffen – die zwar extrem weh tut, aber eben genauso nötig ist. Das Leben braucht diese Menschen – die Menschen brauchen das Leben.

Hat(te) dein Dasein nun eine Berechtigung? Hat es Sinn gemacht? Ja. Wie in allen guten Freundschaften darf es Phasen des Schweigens geben. Meinst du nicht, dass es jetzt Zeit dafür ist? Lass uns ein Stück getrennte Wege gehen und schauen, wie es klappt. Ok? Hab ein Auge auf mich, aber mach Urlaub, wir haben uns das beide verdient. Für den Moment komme ich gut klar. Die kleinen Gedankenstolperer bekomme ich allein hin. Wenn ich deine Hilfe brauche, schreibe ich dir. Nur jetzt, jetzt muss ich eben mal kurz mein Leben mit all den klitzekleinen Kleinigkeiten genießen, die du mir zurückgegeben hast.

Danke, dass du mir „meine“ Menschen gegeben hast. Danke, dass ich so eine starke Partnerin habe, die mich in der Zeit nicht fallen lassen hat und für die ich jetzt auch dasein kann. Danke, dass du mir neue Menschen gegeben hast. Danke, dass ich meine Gedanken in Worte fassen kann. Danke, dass ich endlich mein Leben habe und auch schwere Momente aushalten und meistern kann.

„Alles hat einen Sinn und passiert, wenn es passieren soll.“ Der Satz wird mich nach wie vor begleiten. Es musste alles so kommen, damit es gut werden konnte. Und am Ende bleibt bestehen: „Niemals allein …“ (Danke, liebstes Frollein!)