Sich verlassen, um zu leben …

… darum trennen sich Kinder von ihren Eltern. Oder Eltern von ihren Kindern. Egal, wie rum es am Ende gedreht wird, bei dem Ganzen ist im Vorfeld immer etwas passiert. Was genau? Darüber reden die wenigsten. Ich habe hier Teile meiner Lebensgeschichte offen gelegt, weil sie ein großer Faktor für mein Verhalten, die destruktiven Denkmuster, den depressiven Episoden und den Suizidgedanken ist. Ich habe immer versucht, den Kontakt abzubrechen, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe, mich den emotionalen Erpressungen meiner Eltern hinzugeben. Geschafft habe ich es nur bedingt. Zu groß war mein Wunsch, doch wenigstens ein einziges Mal die Bestätigung zu bekommen, dass ich irgendwas gut gemacht habe. Habe ich nie – egal, was es war. Meine Mutter hat die Tür zugemacht. Aus gutem Grund. Sie hat sich ja auch allem widersetzt, was ich je von mir preisgegeben habe. In meinem Leben ging es nie um meine Bedürfnisse und Wünsche. Die waren nicht materiell. Das, was ich immer gebraucht habe, wurde mir verwehrt.

Als ich gestern bei Twitter aus Spieglein, Spieglein etwas zitiert habe, habe ich nicht mit den immensen Interaktionen gerechnet. Wie viele “Kinder” von euch da draußen haben eigentlich ähnliches erlebt? Wie viele von euch müssen mit den Folgen (über)leben?

Der Tweet zeigt nur eine Aussage. Es war eine der letzten, bevor sie entschieden hat, dass es keinen Kontakt mehr gibt. Sie hat mir die Entscheidung abgenommen. Gott sei Dank. Wenigstens dieses eine Mal hat sie für mich mitgesorgt. Seitdem? Ist es still. Und das ist nach wie vor gut so. Ich würde lügen, wenn ich nicht ab und zu mal an sie denke. Zumindest flüchtig. All die Verletzungen heilen jetzt. Ich bin nicht mehr abhängig und auf der Suche. Ich hab den Schritt geschafft, erwachsen zu werden.

Selbst diese Erinnerung tut mir nicht mehr weh. Es kommt keine Wut auf. Es ist keine Trauer da. Mein Kindheit ist eine von vielen, in den Eltern Fehler gemacht haben. Es ist eine von denen, wo nicht alles gut gelaufen ist. Es ist auch eine von den Kindheiten, wo die Umstände nicht brilliant waren. Sie haben sich gekümmert, aber wir alle waren Opfer einer Sucht. Das ist Fakt. Das entschuldigt nichts. Das erklärt nur. Meine Verantwortung ist es, mich als Erwachsener darum zu kümmern, diese Wunden zu versorgen und mein Leben selbstständig zu gestalten, damit das Erlebte keinen Platz mehr hat. Sicher sind solche Aussagen erschreckend und schlimm, aber hier kann ich sagen: Es gibt viele, die ganz andere und schlimmere Sachen erlebt haben. Es war für mich schlimm genug. Es hat mich geprägt. Ich hab die Scheiße mit ins Leben genommen. Ich habe ums Überleben gekämpft, mich sogar zwei Mal für den Suizid entschieden. Ich habe mich überlebt. Ich lebe noch immer mit mir. Mit meinen Gedanken. Mit vielen Teilen dieses Bildes, das andere für mich geschaffen haben. Ich habe die Therapien gemacht. Ich musste das aushalten. Ich bin kein wertvoller Mensch, ich werde nie etwas richtig hinbekommen und immer fehlerhaft sein. Wenn ich es zulasse, finde ich an jedem Tag etwas, dass dieses Gefühl bestätigt. JEDEN TAG! Mit dieser Peinigung meines Selbst muss ich im Moment leben, bis ich besser damit umgehen kann, dass ich einen Wert habe. Das ist ja nicht das einzige. Leider. Oder gut? Ich weiß es nicht. Es ist zumindest meine Aufgabe, für mich zu sorgen. Niemand anders kann das übernehmen. Keine Partnerin, keine Therapeuten, keine Freunde oder Fremde mit ähnlichen Erlebnissen. Ich muss diesen Weg gehen, um mehr ich selbst zu sein.

Und doch möchte an der Stelle etwas klarstellen. Selbst wenn Missbrauch stattgefunden hat – psychisch oder physisch – gibt es immer zwei Seiten der Medaille. Ich finde es wichtig, dass ich das heute so sehen kann. Es gibt jemanden, der verlassen wird. Und es gibt jemanden, der verlässt.

Noch wichtiger finde ich, dass wir Menschen in den Situationen nicht verurteilen. Ich möchte weder Mitleid für meine Erlebnisse, noch möchte ich, dass jemand – unwissend über alle Ereignisse – Urteile ausspricht. Jeder von uns hat eine Geschichte in seinem Leben, der ihn zu dem gemacht hat, der er ist. Auch meine Eltern. Und wenn dann noch Krankheiten oder Süchte reinspielen, sind die Umstände auch einfach nur noch schwierig. Ich relativiere nicht, ich reflektiere und kann versuchen die Sichtweise von ihnen einzunehmen. Reichen wir doch anderen Menschen einfach die Hand und gehen ein Stück zusammen. Unterstützen wir uns. Egal, auf welcher Seite wir stehen. Vor allem: Wir sollten bei einem Kontaktabbruch über die Gründe reden, damit die Gegenseite das verstehen kann – auch wenn das Zeit braucht und diese das nicht immer verstehen will. Egal welche Seite wen verlässt, ob Eltern ihre Kinder, ob Kinder ihre Eltern, es bleiben Menschen zurück, die automatisch nach dem Warum fragen. Ich habe das Warum im Streitgespräch bekommen. Ich habe mein Warum auch ausgesprochen. Meine Mutter hat die Tür zugemacht, ich habe einfach abgeschlossen.

Paula Deme hat sich dem Thema gewidmet, ob Kinder den Kontakt zu den Eltern abbrechen dürfen. Manchmal muss man! Viel zu oft erwarten Eltern, dass Kinder ihrer Lebensplanung nacheifern und die Dinge tun, die sie für sie als richtig erachten. Druck bei den Schulnoten. Die richtige Ausbildung. Die Wahl der Freunde. Kinder haben den Vorstellungen zu entsprechen, weil Eltern verurteilen, bewerten und kritisieren. Und diese Eltern lassen ihre Kinder auch spüren, dass sie dem Bild nicht entsprechen. Entweder mit klaren Aussagen, oder mit Liebesentzug. Oder sie reden schlecht in der Familie über das Kind. Welchen Schaden sie damit anrichten, ist ihnen oft nicht bewusst. Der Schaden ist oft nicht reparabel und wir Kinder (ich kann hier nur von mir reden) müssen lange damit leben. Wir ertragen über Jahre oder Jahrzehnte eine mentale Peinigung, weil noch immer hoffen. Hoffen, dass dieser Funken Liebe, den wir so in uns spüren, doch mal überspringen muss. Als Erwachsener wird das Bedürfnis danach nicht kleiner! Und auch jetzt entsprechen wir nicht dem Bild, was sie für uns schaffen, um ihre Misserfolge zu kompensieren.

Mein Kind soll es mal besser haben.

Fängt da die auferlegte Bürde nicht schon an? Sicher ist dieser Wunsch auch in mir. Mein Sohn soll nicht den Weg gehen, den ich gehen musste. Ich werde ihm aber keine Richtungen vorgeben. Ich werde ihn dabei unterstützen, seiner Berufung und seinen Wünschen nachzugehen. Mehr kann ich nicht machen. Ich werde auch nicht vorschreiben, was er zu lernen hat und was nicht. Das wird er irgendwann entscheiden. Ich bin sein Begleiter, nicht sein Bestimmer. Ich gebe jetzt Grenzen vor, die Kinder brauchen. Ich versuche, ihn zu beschützen und lasse ihn trotzdem entdecken. Am Ende ist es die Liebe, die ich ihm entgegenbringe. Und wenn er doch mal nicht die vernünftigen Wege einhält? Werde ich trotzdem da sein und ihn begleiten. Ich kann für ihn ein wertvoller Partner sein, wenn es schwierig wird, eben weil ich anders aufgewachsen bin. Meine erlebte Geschichte ist auch nach wie vor meine Chance, es anders zu machen.

Am Ende? Muss jeder mit seiner Lebensgeschichte zurechtkommen. Aber wir haben eine große Chance: Miteinander umzugehen, klare Grenzen zu setzen und füreinander zu sorgen. Noch wichtiger: Sorgt für eure Kinder. Sagt ihnen nicht, dass sie ungewollt sind. Sagt ihnen auch nicht, dass sie ein Mädchen oder Junge werden sollten. Sagt ihnen nicht immer, was sie alles falsch machen, sondern lobt sie, unterstützt sie, fördert sie. Liebt sie einfach so, wie sie sind – mit ihren Fehlern und Macken. Meckert, setzt Grenzen, aber liebt sie. Zeigt ihnen das. Ein paar Minuten Liebe am Tag, mehr braucht es manchmal nicht. Alles, was ein Kind möchte, ist geliebt und wahrgenommen werden. Denn Kinder lieben bedingungslos. Ihre Eltern. Und sie verstehen oft den Zusammenhang nicht, wer an etwas schuldig sein kann, oder ob ihr Verhalten falsch war. Gebt nicht die Freunde, Ausbildung, Studium oder ähnliches vor, fördert ihre Interessen und Wünsche. Antwortet auf ihre Fragen. Wertet sie nicht, sagt ihnen nicht, dass etwas nicht so schlimm ist, wenn sie weinen. In dem Moment ist es für ein Kind schlimm. Würde es sonst weinen? Einfach nur mal in den Arm nehmen und wahrnehmen. Bestraft sie nicht mit Liebesentzug, erklärt ihnen die Fehler und zeigt es richtig. Schämt euch nicht, selbst Fehler zu machen – aber erklärt sie, entschuldigt euch, seid aufrichtig. Kinder verzeihen Fehler. Und Fehler sind wichtig, damit sie selbst lernen, mit Fehlern umzugehen. Spielt die Festplatte in ihren Köpfen nicht falsch auf. Und liebt! Einfach so. Je mehr wir das leben können, desto stärker wird die Bindung. Manchmal ist es wirklich hilfreich, sein Verhalten und seine unbedarften Aussagen zu reflektieren. Kinder spiegeln da sehr viel.

5 Kommentare

  1. Das Wissen darum, dass auch die Eltern ihr Schicksal hatten und letztendlich auch nur so handeln konnten, wie ihre eigenen Erfahrungen sie lehrten, macht ein Stück weit versöhnlicher. Nichtsdestotrotz sind auch wir unschuldige Kinder gewesen. Wir haben uns nicht ausgesucht geboren zu werden. Und nun sind wir da und haben auch ein Leben verdient.
    Die Wut, Enttäuschung, Lieblosigkeit und vieles mehr, kommen immer wieder mal hoch. Als Kind waren wir dem hilflos ausgeliefert. Heute können wir uns selbst trösten und beruhigen. Wir sind nicht mehr abhängig. Wir sind erwachsen. Wir haben unser Leben in der Hand.
    Im Gegensatz zu unseren Eltern können wir das reflektieren und daraus lernen. Das ist verdammt schwer, aber es lohnt…für die kleinen Momente in denen man das Kind in sich lieben kann …so wie es ist
    Das ist es, was ich mir immer mal wieder selbst erzähle…

  2. Schuld und die Frage danach, wer nun bei wem oder wegen was Schuld hat ist immer eine Frage nach der Verantwortung.

    Ich kann das war Herr B. da geschrieben hat vollkommen unterschreiben, denn auch meine Kindheit war ähnlich geprägt. Dennoch kann ich nicht einfach daher gehen und sagen, das mein Vater oder Mutter jetzt diese und jene Schuld haben sowie im speziellen benennen was genau schief gelaufen ist. Denn wenn ich das tun würde, dann müsste auch die Frage gestellt werden nach dem wieso meine Eltern das so gemacht haben und von wem selbige das so wiederum gelernt hatten.

    Dann würde der „Schwarze Peter“ von meinen Eltern zu deren Eltern weiter gereicht werden und von dort wahrscheinlich auf die vorherige Generation und so weiter, am Ende wäre dann eventuell der Xte Vorfahre gefunden was jedoch niemanden hilft außer eine Person gefunden zu haben auf die jene Schuld im Sinne von Verantwortung abzuladen ist. Denn das ist so schön einfach, vor allen bei Menschen die sich dagegen nicht (mehr) wehren können.

    Für mich sieht das mittlerweile so aus, dass die Erziehung zwar Scheisse mitunter verlaufen ist und der Kontakt zu meiner Mutter ebenfalls wie bei Herrn B. beendet wurde durch meine Mutter, das jedoch gut so ist wie es ist. Denn wenn du eine Sache verlierst, gewinnst du auch immer wieder eine neue dazu

    Nur das herausfinden was diese neue dazu gewonnene Sache nun ist, kann etwas Zeit benötigen, da nicht immer zu direkt offensichtlich. 😉

  3. Endlich mal ein guter Text, wo es nicht nur um die armen Eltern geht, die von den bösen Kindern verlassen werden. Das Kind wurde emotional schon längst von den Eltern verlassen. Wenn es sich dann für diesen Schritt der Trennung entscheidet, ist es einfach schon so schmerzhaft, dass es nicht mehr um die Liebe kämpfen kann, ohne daran zu Grunde zu gehen. Diese Trennung ist seine Rettung und wäre auch die Rettung für die Eltern, sofern sie sich dann auch mit der Thematik und ihren eigenen Gefühlen auseinandersetzen.

    Auch für das Kind ist die Trennung sehr schmerzhaft, und kann ein langer Prozess des Loslassens werden, da auch das Kind nochmals mit all diesen Gefühlen von Verlust konfrontiert wird.

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